Kino Der Mann kennt seine Grenzen
Eine Begegnung mit Robert Redford in Berlin anlässlich seines neuen Films »Von Löwen und Lämmern«
Wer in einer Hotellobby auf einen Termin mit Robert Redford wartet, stellt sich zwei Fragen: Wie sieht er wirklich aus? Und: Wie sehr wird er sich verspäten? Seit vierzig Jahren verzweifeln Regisseure und Kollegen an Redfords großzügigem Zeitgefühl. Paul Newman schenkte ihm nach den Dreharbeiten zu dem Western Butch Cassidy und Sundance Kid 1969 ein Kissen mit der Aufschrift: »Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.« Nach dem nächsten gemeinsamen Film Der Clou sagte Newman, inzwischen Redfords bester Freund: »Robert denkt, Pünktlichkeit sei nur etwas für Huren, Kriminelle und Politiker.«
Zum Interview im Regent Hotel am Berliner Gendarmenmarkt kommt Robert Redford nur ein lächerliches halbes Stündchen zu spät. Entspannten Schrittes geht er den Flur entlang. Er trägt Jeans, Hemd und eine Strickmütze, die ihn etwas bemüht jugendlich aussehen lässt. Aber sobald er sie abgenommen und im Hotelzimmer auf dem hässlichen Samtsofa Platz genommen hat, ist er auf angenehm vertraute Weise mit sich eins. Robert Redford war immer Robert Redford. Quer durch die Jahrzehnte und Hollywoodmoden bewahrte er sich eine »unkorrumpierbare Männlichkeit« (Newman), die sich nicht beweisen muss. Wie er dasitzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen, verströmt er eine schöne Lässigkeit. Sofort kann man sich vorstellen, mit ihm in einem kleinen römischen Restaurant zu essen oder in Kenia vor einem Lagerfeuer zu kauern. Heute mag diese Mischung aus Sanftheit und Virilität altmodisch wirken. Aber sie macht Robert Redford zu einem Schauspieler, der sich auf ganz uneitle Weise an seine Figuren ausleihen kann. Ob er als Der große Gatsby im pinkfarbenen Anzug vor den Herrenhäusern der Ostküste steht, sich in Jenseits von Afrika mit Jägerschlapphut an Löwen heranpirscht oder in Die Unbestechlichen mit hochgekrempelten Hemdsärmeln seine Enthüllungsartikel in die Schreibmaschine hackt – alle Redford-Figuren sind zunächst einmal Inkarnationen seiner selbst. Und schon die Art, wie der inzwischen 71-Jährige während der ersten Interviewminuten in seinem Kaffee rührt und rührt, zeigt, dass er sein inneres Zen gefunden haben muss.
Am Vorabend diskutierte Robert Redford nach der deutschen Premiere seines neuen Films Von Löwen und Lämmern mit Joschka Fischer und Journalisten im Berliner Kino International. Er ist sich aber nicht sicher, ob er zwischen den »political guys« wirklich etwas zu sagen hatte. »Ich bin ein Regisseur und Schauspieler und weiß um meine Grenzen«, sagt er und klingt dabei gar nicht kokett.
Von Löwen und Lämmern ist ein typischer Redford-Film, also ein wenig wie er selbst: Aufrecht und aufklärerisch will er den Amerikanern zeigen, was aus Amerika geworden ist. In drei Handlungssträngen beleuchtet Redford eine Gesellschaft, die sich seit sechs Jahren im Krieg befindet: Ein ehrgeiziger Senator (Tom Cruise) wirbt bei einer linksliberalen Journalistin (Meryl Streep) um Unterstützung für eine neue Militärstrategie in Afghanistan. Ein Hochschulprofessor (Redford) versucht bei einem lethargischen Studenten politisches Bewusstsein zu wecken. Zwei verletzte US-Soldaten kämpfen auf einem Berggipfel in Afghanistan gegen die Taliban und um ihr Leben.
Kritik steckt er uneingebildet und höflich einfach ein
Von einer Politik, die sich in ihrem Machtanspruch verselbstständigt hat, über das Versagen der US-Medien bis zum politischen Desinteresse riesiger amerikanischer Bevölkerungsteile schneidet der Film die richtigen Themen an. Doch behäbig und didaktisch kreisen seine Frage stets um das Naheliegende. Ein wenig selbstverliebt gibt Redford den altlinken Professor, der sich um Amerikas verlorene Studentenseelen bemüht. Wenn er bedeutsam die Hände ineinanderlegt und dramaturgische Kunstpausen macht, wenn er von Jugend und Engagement, von Privilegien und Verantwortung schwadroniert, dann hat man für einen Augenblick das Gefühl, das Schicksal des Landes und der Welt könnte sich tatsächlich in den Büros der gebildeten Mittelschicht entscheiden.
Es ist nahezu unmöglich, sich mit Redford über seinen Film zu streiten. Kritik nimmt er so höflich und uneingebildet entgegen, als ginge es um die Temperatur des Kaffees oder die Farbe einer Pferdedecke. »Der Professor, den ich spiele«, sagt er, »mag Ihnen idealisiert vorkommen. Ich hatte aber wirklich solche Lehrer, die mich während einer selbstzerstörerischen Phase zu mir selbst und meinem Interesse an der Kunst führten.« Die beiden Soldaten seines Films werden in den schneebedeckten afghanischen Bergen einen Heldentod sterben. Aufrecht stehend lassen sie sich vom anonymen Feind erschießen, während Geigenklänge in patriotische Höhen steigen. Wäre es nicht mutiger gewesen, zu zeigen, dass der Tod in diesem wie in allen Kriegen eine einsame, dreckige, abstoßende Angelegenheit ist? »Nun, es ist eine amerikanische Perspektive«, sagt Redford. »Die beiden Jungen kommen aus dem Ghetto. Ihr Patriotismus ist alles, was sie haben, und ihnen wurde eingetrichtert, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen. Vielleicht würde man diese Geschichte in anderen Ländern anders erzählen.« Während der Antwort hat Redford gedankenverloren das Mikrofon zurechtgerückt und blickt entschuldigend auf. Seine Höflichkeit ist keine Attitüde, eher eine Geisteshaltung. Für einen winzigen Moment schießen einem seltsame Sachen durch den Kopf, die man anstellen könnte, um ihn aus der Reserve zu locken.
Immer versucht er, gegen sein perfektes Äußeres anzuspielen
Von Löwen und Lämmern habe er gedreht , sagt Redford, weil die Grundwerte, an die er in seiner Kindheit und Jugend glauben lernte, von der gegenwärtigen US-Regierung verraten worden seien. Überhaupt redet er gerne von Werten, moralischen und politischen, freiheitlichen und demokratischen. Er ist ein Patriot, und Amerika liegt ihm am Herzen. Aber er hält es keineswegs für unpatriotisch, sein Land als Regisseur zu kritisieren. In der Sozialkomödie Milagro – Der Krieg im Bohnenfeld schilderte er 1988, wie ein mexikanischer Bohnenfarmer heroisch um Wasser und gegen einen skrupellosen Baukonzern kämpft. In Quiz Show führte er 1994 das amerikanische Fernsehen als Hort von Korruption und Lügen vor. In Aus der Mitte entspringt ein Fluss und im Pferdeflüsterer wurde die schwelgerisch gefilmte Natur, wurden die saftigen Weiden und idyllischen Flussläufe von Montana zum Inbegriff eines anderen, unverdorbenen Amerika.
Als Schauspieler wurde Robert Redford in den siebziger Jahren sogar zum politischen Gewissen seines Landes. Der Superstar und Kassenmagnet, der Mann, der selbst aussieht wie der Gestalt gewordene Amerikanische Traum, wirkte konsequent in Filmen mit, die diesen Traum sezierten. 1975 spielte er in Sydney Pollacks Die drei Tage des Kondor einen CIA-Agenten, der selbst ins Fadenkreuz des Geheimdienstes gerät. Instinktsicher gelang es Pollack, das ewige Redfordsein des Robert Redford ins Existenzielle zu wenden. Plötzlich war auf der Leinwand ein Mann zu sehen, der nur noch sich selbst hat. Hart und unendlich einsam kämpft er gegen ein kafkaesk verselbstständigtes System. Pollack machte aus Redford auch den Elektrischen Reiter, einen einstigen Rodeostar, der versoffen als Werbeikone für Cornflakes durch die Provinz tingelt. Wiederum wird die amerikanische Landschaft zum Refugium vor einer gerade in den massenmedialen Wahn startenden Gesellschaft. Aber es bleibt eine große Ratlosigkeit angesichts eines Landes, das zugleich unfassbar schön und unfassbar kaputt ist.
Es waren die Jahre, in denen Redford selbst anfing, Filme zu produzieren. Und es spricht für ihn, dass er die provozierend geheimnisfreie Schönheit des Schauspielers Robert Redford gnadenlos zum Thema machte. In Michael Ritchies Der Kandidat spielt Redford 1972 einen Anwalt, der allein wegen seines guten Aussehens zum Senator gewählt wird. Mehr als ein paar Sätzchen zu Gewässerschutz und Waldbrandvorsorge hat Bill McKay nicht zu bieten, aber er ist jung, dynamisch, erdbeerblond und sexy. Der Kandidat handelt von einem Mann, der von seiner Ausstrahlung und der Sucht nach dem Sieg korrumpiert wird. »Es war auch eine Teufelsaustreibung in eigener Sache«, sagt Redford. »Wenn man immer nur wegen seiner Schönheit besetzt wird, wenn Agenten, Berater und Regisseure versuchen, dich auf dein Aussehen festzulegen, dann glaubt man irgendwann selbst, dass innen und außen eins sind.« Auch der hübsche Bill McKay erliegt irgendwann der Verführungskraft der eigenen Aufputschreden. Aber in der letzten Szene des Films, wenn seine Anhänger den Wahlsieg bejubeln, wird er plötzlich unsicher. Mit einem Mal ist Redfords Gesicht nichts als bodenlose Leere und Angst. Unter dem Gekreische der Menge formen seine Lippen stumm die Worte: »Was machen wir jetzt?«
Es gab immer die Sehnsucht, das eigene Äußere zu überwinden oder zu konterkarieren. Man kann sie in Der Kandidat erahnen, wenn Redford auf dem Rücksitz eines Wahlkampfautos mit Babygebrabbel seine debilen Politslogans wiederholt. Wenn er im Interview von seinem großen unerfüllten Traum spricht, einmal das entstellte Phantom der Oper zu spielen. Oder wenn er zugibt, dass er an seinem alten Freund Paul Newman dessen »fröhliche, unverstellte Perversion« bewundere. Einmal, 1962, ganz am Anfang seiner Karriere, trat Redford in einer Folge der Mysteryserie The Twilight Zone in der Rolle des Todes auf. Er war der schönste, properste, blondeste Tod, der je auf einem Bildschirm zu sehen war. Es sah aus, als hätte sich Barbies Ehemann Ken in ein Böcklin-Bild verirrt. Also spielte er sie immer wieder, die verführerischen Großwildjäger und melancholischen Liebhaber, die Skichampions, Baseballstars und attraktiven Geschäftsmänner mit den unmoralischen Angeboten. Er spielte sie ja auch gut. »Im Grunde«, sagt Redford, »ist es wie bei Goethes Faust. Oder wie bei Bill McKay im Wahlkampf. Oder wie bei allen Rollen, die man eigentlich nicht spielen will.« Er lacht. »Man muss genau bedenken, für welchen Preis man seine Seele verkaufen will.«
Als Paul Newman kürzlich im amerikanischen Fernsehen gefragt wurde, ob er in Ein unmoralisches Angebot, Teil 2 für eine Million Dollar mit Robert Redford ins Bett gehen würde, sagte er: »Aber ja! Wie eine Rakete!« Zu seiner eigenen Antwort dazu befragt, kriegt Robert Redford einen Lachanfall. Er verschluckt sich an seinem Kaffee und bekommt einen roten Kopf. Als er sich beruhigt hat, ist unser Gespräch auch schon fast vorbei. Beim Abschied scheint er immer noch über die Eine-Million-Dollar-Frage nachzudenken, jedenfalls lächelt er versonnen in sich hinein. Schließlich ruft er durch den Flur der Suite hinterher, so freundlich, wie nur ein Robert Redford rufen kann: »Nicht genug!«
- Datum 07.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.11.2007 Nr. 46
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Sind schon zwei coole Hunde, der Redford und der Newman. Ich mag sie sehr...
von Robbi R.Gäähn.
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