Wiener Tonfall
Es ist die Umkehrung des oft bestätigten Klischees, wonach ein österreichischer Künstler nur zwei Wege hat, um im eigenen Land zu reüssieren: über das Ausland oder durch den Tod. Der Komponist Friedrich Cerha, 1926 in Wien geboren und bis heute dort tätig, wird schon lange als Doyen der Neuen Musik verehrt in Österreich.
Die Vermutung liegt nahe, für den internationalen Durchbruch sei Cerha stets zu sehr dem Wiener Tonfall verhaftet geblieben. Auch sein größter Erfolg, die Vervollständigung des dritten Akts der Lulu in perfekter Anverwandlung des Alban Bergschen Idioms, widerspricht dieser These nicht. Tatsächlich führt Cerha, einer der wichtigsten Vermittler Schönbergs nach dem Krieg, manche österreichische Tradition fort: den expressiven Gestus der Melodik, die Üppigkeit und Farbigkeit der Orchesterbehandlung, den Beziehungsreichtum der motivischen Arbeit. Und doch kann man seine Musik nicht aufs Lokale reduzieren.
Dafür liefern Peter Eötvös, das Niederländische Radiokammerorchester und der Cellist Heinrich Schiff einen schönen Beleg auf CD: Cerhas Konzert für Violoncello und Orchester, 1996 entstanden unter zentraler Verwendung des Phantasiestücks in Cs Manier (1989), das der Komponist im Nachhinein um zwei Ecksätze ergänzte. Wie der alte Maître Graveur seine Charakterköpfe, so deutet Cerha seine musikalischen Gestalten oft nur durch ein paar kühne Striche an, setzt kleine, aber prägnante Motivabwandlungen in ein statisch wirkendes Gesamtgefüge.
Dabei tritt der vielgestaltige Solopart des Cellos nur selten konzertant in den Vordergrund, agiert vielmehr eingebunden in das dichte Gewebe des Orchesters, das sich auch aus außereuropäischen Elementen speist: Cerha integriert afrikanische Trommeln und Metrik, polynesische Rhythmen und arabische Heterofonie der Stimmen zu einem Gesamteindruck, der dann nicht als Exotismus, sondern doch wieder als wienerisch gelten kann.
Da bildet Franz Schrekers Kammersinfonie eine passende Ergänzung: Eötvös modelliert die schwirrende Klangschwarte aus dem untergehenden Habsburgerreich plastisch und transparent und nimmt dem Stück dabei kein bisschen seines paradoxen Wiener Untergangs- und Aufbruchcharmes.
Friedrich Cerha: Cellokonzert
(ECM New Series 1887)
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.46 vom 08.11.2007, S.54
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