Medien 10 Prozent Genie, 100 Prozent Glück
Der Streik der Drehbuchautoren in Hollywood könnte die gesamte amerikanische Fernsehlandschaft umkrempeln.
Was als Weltuntergang begann, ist inzwischen zu einer Familienangelegenheit geworden. Apocalypse Now betitelte das Branchenblatt Daily Variety seine Bilanz, nachdem Hollywoods Drehbuchautoren eine Woche gestreikt hatten. Das war am vergangenen Freitag. Am Montag rief die Writers Guild of America (WGA), in der mehr als 12000 Autoren organisiert sind, ihren Mitgliedern zu: Bring your kids! Die Kinder sollten die Reihen der Streikenden vor den Studios auffüllen und den Forderungen sozialen Nachdruck verleihen: Seht her, wir haben Familien zu ernähren!
Die Drehbuchautoren kämpfen um ihren Anteil an den Einnahmen, die die Fernsehsender im Internet und beim Verkauf von DVDs erzielen. Vier bis fünf Cent bekommt ein Autor pro DVD, die Gewerkschaft verlangt nun acht. An den Downloads sind die Schreiber meist gar nicht beteiligt, dabei stehen viele Serien inzwischen auf den Websites der Sender und bringen auch dort Geld. Aber die Studios sagen, für Tantiemenstreitereien sei es zu früh. » Erst müssen wir die Herausforderung des Internets bewältigen«, schrieb Nick Counter, der Präsident der Alliance of Motion Picture and Television Producers, in der Los Angeles Times.
Der Ausstand kann die Produzenten eine Milliarde Dollar kosten
So viel Zeit werden die Produzenten nicht haben. Nach den Late-Night-Talkshows, deren Witze und Abläufe tagesaktuell geschrieben werden, liegen inzwischen schon die ersten TV-Comedys auf Eis - auch hier wird das Buch oft noch kurz vor Drehbeginn umgeschrieben. Für die preisgekrönte Sitcom The Office wurden bereits Anfang November die Dreharbeiten eingestellt, NBC hat nun nur noch drei Folgen auf Halde.
Sechs weitere Sitcoms machten in der ersten Novemberwoche vorläufig dicht, der ABC-Hit Desperate Housewives wird es gerade mal in den Dezember schaffen, dann werden dort die Drehbücher ausgehen. » In den nächsten zwei bis drei Wochen werden noch Dutzende Serien die Arbeit an neuen Folgen einstellen«, sagt der Schöpfer der Housewives, Marc Cherry.
Der Streik zeigt noch einmal, wie die gigantische US-Fernsehmaschinerie funktioniert, warum ihre Produkte weltweit so erfolgreich sind und wie anfällig dieses System ist. Zunächst einmal ist sehr viel Geld im Spiel. » Die großen Sender haben in dieser Saison Werbung für neun Milliarden Dollar verkauft«, sagt Brian Lowry, der TV-Kritiker des Fachblatts Daily Variety. » Dies ist auch die Summe, die alle Primetime-Serien der Saison zusammen kosten.« Eine halbe Stunde Comedy kostet bis zu einer Million, eine Stunde Drama sogar bis drei Millionen Dollar. Von solchen Budgets sind deutsche Serien weit entfernt, weshalb sich niemand wundern sollte, dass ein Krimi aus Köln billiger aussieht als einer aus Las Vegas. Eine Folge der RTL-Serie Post Mortem etwa kostet nach Auskunft des Senders knapp 700000 Euro, beim amerikanischen Vorbild CSI (dessen drei Varianten aus Las Vegas, New York und Miami sehr erfolgreich im deutschen Fernsehen laufen) kostet eine Folge mehr als das Vierfache.
Derart hohe Kosten spielen die US-Studios erst wieder in der syndication ein, der Wiederholung der Sendungen im Nachtprogramm oder im Kabel-TV. Und erst wenn die Serie oder ihre Idee ins Ausland verkauft wird, machen die Studios Gewinne. In Zukunft werden auch die neuen Vertriebswege via Internet eine Rolle spielen. Deshalb wird nun so erbittert gestritten - der Streik kann bis 2008 dauern.
Den Sendern könnte das Verluste bis zu einer Milliarde Dollar bescheren. Denn schon ohne Streik ist eine erfolgreiche Produktion ein Langstreckenlauf. Zunächst muss das Produktionsstudio dem Sender einen sogenannten Piloten, eine erste Folge, verkaufen. Wie schafft man das?
»Zehn Prozent Anstrengung, zehn Prozent Genie und hundert Prozent Glück«, sagt ein Produzent, der gerade in Hollywood um eine neue Show verhandelt und nicht genannt werden will. » Man muss eine Idee haben, die fünf Sekunden in der Zukunft ist.« Üblich sei es, einen Probedreh von zehn Minuten zu machen. » Dazu müssen Sie rund 10000 Dollar investieren, und wenn Sie ein großer Produzent sind, dann geben Sie auch mal 50000 Dollar aus«, sagt er. Mit dem Probedreh wendet sich der Agent des Studios an einen oder mehrere Sender.
Einige Dutzend pitches, Ideen, bekommen die Networks pro Tag. » Nach diesen werden ein paar Hundert Drehbücher in Auftrag gegeben, und daraus werden ein paar Dutzend Piloten«, sagt der Fernsehkritiker Lowry. » Davon schaffen es vielleicht fünf oder sechs in die Herbstsaison, und zur Halbzeit im Frühjahr werden noch zwei oder drei nachgeschoben. In das nächste Jahr gelangen vielleicht drei, maximal vier Serien.« Und noch weniger schaffen die magische Fünfjahresgrenze, wenn die Serie reif ist für die syndication. Die Formate, die den Sprung nach Deutschland schaffen, haben also ein gnadenloses Auswahlverfahren überstanden, in dem sich in den meisten Fällen teure Qualitätsarbeit durchsetzt.
Den Rekord halten derzeit die Simpsons, die in Amerika seit 18 Jahren gesendet werden, während Nashville, eine Doku-Soap, die im Herbst auf Fox anlief, schon nach zwei Wochen wieder abgesetzt wurde. Früher hielten die Sender länger durch. Cheers zum Beispiel hatte am Anfang schlechte Quoten, aber NBC hielt an der Comedy um eine Bar in Boston fest. Schließlich lief sie elf Jahre lang und gilt heute als Klassiker. Inzwischen ist die Konkurrenz härter, oft bestellen die Sender nur noch 13 Folgen statt 26 und warten auf die Quoten.
Der Sender ABC hat derweil eine andere Idee entwickelt: Er schmeichelt den Werbekunden. In den Zeiten von digitalem TV, wo der Zuschauer vor- und zurückzappen kann, wird die Werbung gerne übersprungen. Was wäre da besser als eine Serie, die vollständig auf Werbung basiert? Nun gibt es sie, Cavemen, eine Sitcom über drei Höhlenmenschen, die im Kalifornien von heute leben. Cavemen geht auf die Werbung einer Autoversicherung zurück, die voller Komik mit der Political Correctness spielt. Die ersten abgedrehten Folgen waren allerdings zu inkorrekt die Höhlenmenschen benahmen sich wie schwarze Gangmitglieder. Die Pilotfolge fiel auch bei einem Testpublikum durch, hastig wurde die Serie umgekrempelt offenbar zu hastig: Die Cavemen sind nun flach und einfallslos, Brian Lowry spricht von der »niedrigsten Stufe der Evolutionsleiter«. Aber Männer zwischen 18 und 34 Jahren mögen die Serie. Und die sind für die Werbung eine wichtige Zielgruppe.
Geld für die teuren Produktionen kommt inzwischen auch vom Staat
Cavemen ist eine traditionelle Sitcom und im Studio mit drei Standkameras relativ billig herzustellen. Trotzdem ist das Format mit dem Lachen vom Band wohl eine aussterbende Art weil es sich außerhalb der USA schwer absetzen lässt. » Am besten verkauft sich Drama«, sagt Lowry also Krimis oder Science-Fiction. Aber gerade diese Formate hängen auf Gedeih und Verderb an guten Autoren, von denen viele nun den Not a word-Aufruf der WGA unterzeichnet haben: Sie wollen selbst über bestehende Drehbücher nicht mal mehr reden, bis es einen »fairen« Vertrag zwischen Produzenten und Autoren gibt.
Aber nicht nur wegen des Streiks sind erfolgreiche Dramen ein schwer kalkulierbares Genre. Sie sind teuer, weshalb die Studios nach alternativen Geldquellen suchen. Die Serie K-Ville, mit der Fox in diesem Herbst startet, ist dafür ein Beispiel. Der Krimi spielt im New Orleans nach Katrina (daher das K im Namen). Zwei Polizisten, der eine weiß (Cole Hauser), der andere schwarz (Anthony Anderson) patrouillieren durch die vom Hurrikan zerstörte Stadt und prügeln sich mit Drogendealern, korrupten Politikern, Mördern, Bankräubern, Prostituierten und Voodoo-Queens kein Klischee wird ausgelassen.
Der Staat Louisiana bezuschusst den Dreh, weil die Serie vor Ort mit lokalen Arbeitskräften hergestellt wird. Das Studio bekommt 25 Prozent der Produktionskosten als tax credits, Steuerboni, erstattet, die an lokale Unternehmen weiterverkauft werden können. Das macht bei Drehkosten von 300000 Dollar am Tag und rund 100 Drehtagen vor Ort mehrere Millionen Dollar aus. Den Piloten von KVille sahen neun Millionen Zuschauer. Bleibt die Quote so, reicht es vielleicht sogar zur syndication.
Wenn nicht der Streik die gesamte Fernsehlandschaft umkrempelt. Der letzte große WGA-Streik 1988 dauerte fünf Monate - in ihrer Not erfanden die Studios ein neues Genre: Reality-TV. Auch dafür braucht man zwar Drehbuchautoren, aber weil diese Autoren nicht gewerkschaftlich organisiert sind, streiken sie nicht. Der Sender Fox prahlt deshalb bereits, dass er dank seines Reality-Quotenbringers American Idol (eine Art Amerika sucht den Superstar) kaum Verluste machen wird. Zudem ist Reality-TV preiswert: CBS zahlt in seiner umstrittenen Show Kid Nation, wo eine Gruppe Kinder ohne Hilfe Erwachsener das Leben in der Wüste meistern muss, jedem »Schauspieler« nur 5000 Dollar pro Saison. Aber so etwas lasse sich nicht in die syndication verkaufen, sagt Lowry. Und die Werbekunden halten sich auch zurück.
Deswegen kann Reality-TV rund um die Uhr keine Lösung für die Studios sein. Daily Variety erwog eine andere Idee, dem Drehbuchmangel zu begegnen: Warum, schlug ein Autor vor, könnten die Studios nicht einfach fertige Fernsehserien in Großbritannien kaufen, statt sie wie The Office in den USA nachzudrehen? Das wäre eine wirklich revolutionäre Neuerung. Und viel billiger.
- Datum 12.02.2008 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.47 vom 15.11.2007, S.51
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