Stasi Der Mann, der alle liebte

Er war seit Jugendtagen ein treuer Diener der SED. 1957 stieg Erich Mielke zum heimlichen Herrn der DDR auf: Er wurde Chef der Staatssicherheit.

Anfang November 1957 erhielt Johannes Dieckmann, der Präsident der DDR-Volkskammer, einen Brief von Ministerpräsident Otto Grotewohl. Darin teilte Grotewohl ihm mit, dass er »den bisherigen ersten Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, Herrn Erich Mielke, mit Wirkung vom 1. November 1957« zum Minister für Staatssicherheit berufen habe. »Ich bitte, in der nächsten Sitzung der Volkskammer eine Vertrauensentschließung gemäß Artikel 94 der Verfassung für Herrn Minister Erich Mielke herbeizuführen…«

Das betont gesetzestreue Prozedere konnte natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) um den institutionalisierten Verfassungsbruch handelte. Grundrechte galten nicht mehr, sofern das MfS die Sicherheit des Staats für gefährdet hielt, und selbstverständlich besaß das Parlament keine Kontrollbefugnis. Nur die Führung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) unter Walter Ulbricht konnte 1957 noch eine Art Oberaufsicht ausüben. Gegen Ende der DDR wurde auch dies weitgehend zu einer Formalität.

Mielke war 50 Jahre alt, als er zum obersten Terrorchef der DDR avancierte. Unter anderen Umständen hätte aus ihm durchaus ein ehrbarer Kaufmann werden können. Jedenfalls hatte ihm 1927, also 30 Jahre zuvor, die Internationale Spedition Adolf Koch in Berlin beim Abschluss seiner Lehrzeit gute fachliche Kenntnisse bescheinigt, dazu eine rasche Auffassungsgabe, Fleiß und einwandfreie Führung. Gleich am nächsten Tag hatte er eine Anstellung als kaufmännischer Angestellter gefunden. Doch bereits im Januar 1931 war er arbeitslos geworden.

Schon im Spanischen Bürgerkrieg »säubert« er die eigenen Reihen

Aufgewachsen in einer kommunistischen Arbeiterfamilie im Berliner Wedding, hatte sich Mielke mit 13 Jahren dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) angeschlossen, wahrscheinlich 1925 auch der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). »An allen Aktionen des KJVD, der Partei, des RFB [Roten Frontkämpferbundes], legal oder illegal – Demonstrationen, Versammlungen, Wahlkampagnen, Volksentscheiden, internationalen Jugendtagen […] –, nahm ich aktiv teil«, heißt es in einem SED-Fragebogen, den er 1951 ausgefüllt hat.

Dann wurde Mielke für den »Parteiselbstschutz« rekrutiert, eine der diversen bewaffneten Gruppen, welche die KPD-Führung heimlich aufbaute. Mielke selbst schrieb einige Jahre später in Moskau: »Wir erledigten hier alle möglichen Arbeiten, Terrorakte, Schutz illegaler Demonstrationen und Versammlungen, Waffentransport und reinigung usw. Als letzte Arbeit erledigten ein Genosse und ich die Bülowplatzsache.« Bei Mielkes Genossen handelte es sich um den Techniker Erich Ziemer.

Am Berliner Bülowplatz, nahe der KPD-Zentrale im Karl-Liebknecht-Haus, war am 8. August 1931 der Klempner und KPD-Sympathisant Fritz Auge nach einem tätlichen Angriff von einem Polizisten erschossen worden. Es hatte etliche solcher Willkürakte gegeben, die Polizei war in weiten Teilen der Arbeiterschaft gründlich verhasst. Einige Parteifunktionäre befanden, Auges Tod müsse gerächt werden.

Als am Abend des 9. Augusts die Polizeioffiziere Paul Anlauf, im Volksmund »Schweinebacke« geheißen, August Willig (»Husar«) und der revierfremde Franz Lenck auf Streife gingen, hörte Willig plötzlich hinter sich eine Kommandostimme: »Du – Husar, du – Schweinebacke …« Salvenartig fielen mehrere Schüsse. Willig überlebte schwer verletzt, seine Kollegen Anlauf und Lenck starben.

Kurz nach der Machtübergabe an die Nazis gingen dann in der Nacht zum 28. Februar 1933 Polizisten zusammen mit SA-Männern auf systematische Kommunistenjagd. Schon im September rapportierte die Kripo: »Das schwere Verbrechen ist restlos geklärt.« Mehrere Aussagen, augenscheinlich nicht durch Folter erzwungen, belasteten übereinstimmend Mielke und Ziemer als die Schützen.

Am 19. Juni 1934 verkündete das Landgericht Berlin in Moabit die Urteile, darunter drei Todesstrafen und siebenmal lange Freiheitsstrafen. Mielke und Ziemer waren allerdings unmittelbar nach der Tat in die Sowjetunion geschleust worden.

In Moskau absolvierten sie einen zweijährigen Funktionärs-Grundkursus sowie einen einjährigen Lehrgang in Militärpolitik. Das Wissen konnten die beiden bald praktisch anwenden. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges wurden sie zu den Internationalen Brigaden geschickt.

Ziemer fiel 1937 an der Aragón-Front, Mielke stieg zum Hauptmann auf. Er scheint den Bürgerkrieg in Stäben und Verwaltungen verbracht zu haben. In einer 1940 in Moskau verfassten Beurteilung heißt es: »Leisner [auch Leistner, einer von Mielkes Decknamen] besaß ausgezeichnete theoretische Kenntnisse, praktisch konnte er sie weniger in Anwendung bringen, da er meistens Dienst als Adjutant machte. […] Politisch qualifiziert, nahm er an allen politischen Arbeiten teil und wurde viel als Referent in den Parteizellen verwandt.« Dieser Quelle zufolge war der »qualifizierte und zuverlässige Genosse« nach Dienst in den Stäben der 14. und der 11. Brigade »Kaderoffizier für sämtliche Internationalen in der 27. Division«.

Den »Kaderoffizieren« oblag es unter anderem, Trotzkisten und andere »Abweichler« aufzuspüren. In dieser Rolle erlebte ihn Anfang 1937 Walter Janka, Schriftsetzer und Freiwilliger in der 11. Brigade. Eines Tages, so berichtet er 1991 in seinem autobiografischen Buch Spuren eines Lebens, wurde er in den Stab gerufen und dort von einem »etwa dreißigjährigen Mann in schön dekorierter Uniform« verhört. Wer denn veranlasst habe, dass Janka hierher, nach Spanien gekommen sei? Janka, langjähriges KPD-Mitglied, war aus dem Prager Exil auf eigene Faust aufgebrochen. Höchst suspekt. Mielke wollte ihn nach Valencia schicken. Wie Janka später erfuhr, befand sich dort ein Gefängnis, in dem verdächtige Interbrigadisten verschwanden. Bedingt durch die Kriegsereignisse, kam es nicht zu dieser »Versetzung«. Aber das war wohl eine Ausnahme. Jedenfalls berichtete Bruno Haid, 1935 bis 1938 für die Nachrichtenstelle der KPD-Auslandsleitung zuständig, dass Mielke »in Albacete und Alicante Verhöre von Trotzkisten und Anarchisten [durchführte], die dann vom NKWD verhaftet wurden«. Also vom sowjetischen Geheimdienst, der Stalins Säuberungen auf das republikanische Spanien ausweitete.

Als der Bürgerkrieg zuende war, ging Mielke nach Belgien, dann nach Frankreich. 1940 gelang es ihm, aus einem Internierungslager zu entkommen. Er lebte von Gelegenheitsarbeiten und verschaffte sich unter falschem Namen einen legalen Status. Wie er 1951 schrieb, wurde er kurzzeitig verhaftet und im Januar 1944 der Organisation Todt, Albert Speers Rüstungsimperium, als Arbeiter »zur Verfügung gestellt«. Mit ihr trat er den Rückmarsch aus Frankreich an.

Ein Dokument belegt, dass er im Herbst 1942 von Willi Kreikemeyer 1000 Franc erhalten hatte. Kreikemeyer, wie Mielke Interbrigadist in Spanien, verwaltete einen »Gefährdeten-Fonds« und verteilte bis Oktober 1944 insgesamt 200000 Franc an bedürftige Emigranten. Das Geld kam aus einem Hilfswerk, das der Amerikaner Noel Field, Mitarbeiter des kirchlichen Unitarian Service Committee, aufgebaut hatte.

Im Juni 1945 kehrte Mielke nach Berlin zurück. Zu dieser Zeit war eine Gruppe unter der Leitung Walter Ulbrichts gerade dabei, den sowjetischen Militärs bei der Besetzung der neuen Verwaltungen zu assistieren. Da kam der »qualifizierte und zuverlässige Genosse« Mielke gerade recht. Am 15. Juli 1945 wurde er Leiter der Polizeiinspektion des Bezirks Berlin-Lichtenberg – der Karrieresprung vom Polizistenmörder zum Polizeichef.

Im Juli 1946 rückte er dann zum Zweiten Vizepräsidenten der Deutschen Verwaltung des Inneren auf. »Mielke = Zuverlässigkeit«, notierte Wilhelm Pieck, einer der damals zwei SED-Vorsitzenden, im Mai 1948. Ein Jahr später übernahm Mielke die Leitung einer »Verwaltung zum Schutz der Volkswirtschaft«. Diese wurde im Februar 1950 zum Ministerium für Staatssicherheit aufgewertet.

Dem Westemigranten Mielke, seit 1948 mit der Genossin Gertrud Müller verheiratet, traute man allerdings auf sowjetischer Seite nicht so ganz. Immerhin wurde er Staatssekretär. Zum Minister ernannte man Wilhelm Zeisser, einen Mann mit langjähriger Erfahrung in den militärischen Apparaten von KPD und Komintern. In Albacete war er als »General Gomez« Mielkes direkter Vorgesetzter gewesen. Nach dem Spanienkrieg hatte er erneut in der Sowjetunion gelebt und war 1947 zurückgekehrt.

Zu Mielkes erster großen Aufgabe im MfS wurde die Vorbereitung eines Schauprozesses. Als Opfer war Kurt Müller ausersehen, der stellvertretende Vorsitzende der westdeutschen KPD, den man im März 1950 unter einem Vorwand nach Ost-Berlin gelotst und dort verhaftet hatte. Mielke leitete selbst die ersten Verhöre. »Schon bei einer der ersten ›Vernehmungen‹«, schrieb Müller darüber später, »erklärte er mir, daß er in höherem Moskauer Auftrage und mit Billigung der SED-Führung handele. Er brüstete sich, daß er ein alter Tschekist und Schüler Berijas sei, früher in der Ljubjanka gearbeitet habe und ich nicht der erste sei, den er fertigmachen würde.«

Das bescheidene Ministerium wird mit den Jahren zum babylonischen Bau

»Sie sind doch ein politischer Mensch«, erklärte Mielke den Zweck der Vernehmungen, »und müssen begreifen, daß wir in Deutschland einen großen Prozeß zur Erziehung der Partei und der Massen brauchen. In diesem Prozeß werden Sie der Hauptangeklagte sein […]. Wir brauchen einen Prozeß wie den Rajk-Prozeß in Budapest.« Der ungarische Außenminister László Rajk war 1949 zusammen mit anderen führenden Kommunisten gehenkt worden.

Mielke hatte Gründe, sich gerade in dieser Sache als besonders zuverlässig zu erweisen. Schließlich waren Rajk und seine Mitangeklagten als Spione »enttarnt« worden, die mit dem »US-Agenten« Noel Field unter einer Decke gesteckt hätten. Auch Mielke hatte ja 1942 Geld von Field erhalten – über Willi Kreikemeyer. Dieser, nach dem Krieg Chef der Reichsbahn, wurde im August 1950 verhaftet. Das MfS beschuldigte ihn, »zu dem Agenten des amerikanischen Spionagedienstes Noel H. Field […] verbrecherische, parteifeindliche Verbindungen« unterhalten zu haben. Völlig demoralisiert, beging Kreikemeyer in seiner Zelle Selbstmord. Kurt Müller wurde von einem sowjetischen Gericht verurteilt und in die Sowjetunion verschleppt; erst 1955 kam er frei und kehrte in die Bundesrepublik zurück. Mielke passierte nichts.

Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 geriet die Stasi in die Kritik. »Unsere Organe des Ministeriums für Staatssicherheit«, formulierte es Grotewohl unverblümt, »haben versagt.« In der Folge verlor Zeisser sein Amt. Das MfS wurde zeitweise zu einem Staatssekretariat im Ministerium des Inneren degradiert. Mielke erhielt wahrscheinlich einen Parteirüffel, blieb aber unter dem neuen Staatssekretär Ernst Wollweber die Nummer zwei der Behörde, als Generalleutnant zuständig für »Spionage-Abwehr«. Darunter konnte praktisch alles fallen.

Der Spanienfreiwillige Walter Janka war indessen Leiter des Aufbau-Verlages geworden. 1956 beging er die Unvorsichtigkeit, mit Wolfgang Harich und anderen über Reformen und einen »Dritten Weg« nachzudenken. Am 6. Dezember 1956 wurde Janka verhaftet. Zur Vernehmung geführt, erblickte er vier rauchende Männer um einen Schreibtisch. »Neben dem Schreibtisch«, berichtet er 1989 in seinem Buch Schwierigkeiten mit der Wahrheit (in dem er von sich selbst in der dritten Person spricht), »stand ein pausbäckiger Mann, der eine Strickjacke trug. Die Daumen in die Achselhöhlen bohrend. Er rauchte nicht. Ihn erkannte Janka sofort.« Es war der Mann, der ihn schon in Spanien verhört hatte.

Janka zeigte sich wenig kooperativ, was Mielke offenbar provozierte: »Unbeherrscht schrie er Janka die fürchterlichsten Behauptungen ins Gesicht. Vom Rias-Agenten bis zum Spion des Ostbüros der SPD, vom Organisator der Konterrevolution bis zum Ehrgeizling, der Ulbricht aus dem Sattel stoßen wollte, um selbst darauf Platz zu nehmen. […] Mit der Linken packte er Jankas Kragen und ballte die Rechte zur Faust. […] Aber ganz plötzlich machte er einen ratlosen Eindruck. Wütend stieß er Janka in die Ecke und verließ das Zimmer.«

Im Juli 1957 wurde Janka zu fünf Jahren Haft verurteilt, in der ungeheizten Zelle in Bautzen erkrankte er schwer. Erika und Katja Mann, der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, Lion Feuchtwanger und andere Schriftsteller verfassten Protestschreiben. Im Dezember 1960 verfügte Ulbricht schließlich Jankas Entlassung.

Zwischenzeitlich war auch Wollweber gestürzt, zusammen mit dem Ostberliner Parteichef Karl Schirdewan. Nun hatten die sowjetischen Stellen nichts mehr gegen Mielke; im November 1957 konnte er die Leitung der seit 1955 wieder als Ministerium organisierten Behörde übernehmen.

Noch war das MfS relativ bescheiden im ehemaligen Finanzamt Berlin-Lichtenberg, Normannenstraße 22, untergebracht. Doch Mielke sorgte bald für den großzügigen Ausbau, aus dem Ministerium wurde ein geradezu babylonischer Komplex. Im Sommer 1961 konnte der Minister sein riesiges Dienstzimmer im neuen Hauptgebäude beziehen. Das Ministerium breitete sich derweil auch in die umliegenden Wohnhäuser aus, es wurde fast ein eigenes Stadtviertel. Standen 1957 »nur« rund 14000 hauptamtliche Mitarbeiter auf den Gehaltslisten des MfS, waren es 1971 schon 46000. Davon arbeiteten allein 16000 an der Normannenstraße, abgesichert von den 8000 Soldaten des MfS-eigenen Wachregiments Feliks Edmundowitsch Dzierzynski, benannt nach dem polnischstämmigen, 1926 gestorbenen ersten Chef der sowjetischen Geheimpolizei.

Einer Richtlinie Mielkes aus dem Jahre 1958 zufolge gehörten zu den Aufgaben seines Ministeriums die »Unschädlichmachung« feindlicher Agenturen sowie »einzelner Personen, […] die auch ohne Verbindung und Auftrag auf Grund ihrer feindlichen Einstellung zum Arbeiter-und-Bauern-Staat tätig sind«. Zudem sei die Partei über »auftretende und bestehende Mängel und Fehler auf allen Gebieten unseres gesellschaftlichen Lebens«, welche der Feind für seine »verbrecherischen Ziele« ausnützen könne, umfassend zu informieren – im Prinzip eine Ermächtigung, sich in alles einzumischen.

Unter Ulbrichts Regiment musste sich Mielke noch gelegentlich über die Schulter gucken lassen. Beispielsweise rügte 1962 ein Bericht der Parteispitze Kompetenzüberschreitungen des MfS und »Gesetzesverletzungen bei der Durchführung der Ermittlungs- und Untersuchungsarbeit«. Aber nachdem 1971 Erich Honecker an die Spitze der SED gelangt war, kam dergleichen offenbar nicht mehr vor. Dem Parteiideologen Kurt Hager zufolge wurde die Arbeit des MfS nicht im Politbüro oder ZK behandelt, »sondern zwischen Erich Honecker und Erich Mielke nach Schluss der Sitzungen, unter vier Augen«. Und schon frühzeitig konnte Mielke intern durchsetzen, dass ohne sein Einverständnis keine Informationen aus dem Ministerium mehr herausgehen durften.

Die Zahl »feindlicher Elemente« und »gegnerischer Strömungen« nahm nicht ab, ganz im Gegenteil. Das Netz der Stasi wurde immer dichter. 1989, im letzten Jahr der DDR, war die Zahl der hauptamtlichen Mitarbeiter auf 91000 angeschwollen. Ihnen arbeiteten rund 173000 sogenannte Informelle Mitarbeiter zu – Spitzel allüberall. Mit einem gewissen Recht konnte Mielke 1992 erklären: »Ich glaube nicht, daß uns etwas entgangen ist. Wir wußten um die dramatische Lage der Wirtschaft und von der wachsenden Unzufriedenheit über die beschränkten Reisemöglichkeiten.«

Ein letzter Gruß am Grab: »Erich, Rotfront!«

Auch war man vorbereitet auf »Spannungsperioden«. Wie Mielke im Februar 1988 in einer MfS-Besprechung erläuterte, könne eine solche eintreten »durch sich verschärfende innere Lagebedingungen eines sozialistischen Landes«, die dann vielleicht »durch innere wie auch äußere Feinde […] mißbraucht werden«. Für diesen Fall waren Verhaftungslisten und Internierungslager vorzubereiten. Die Sache sei so zu organisieren, »daß subversive Kräfte des Gegners schnell erkannt, ihre Handlungen unterbunden werden und die Liquidierung in kürzester Zeit erfolgen kann«. Das Wort »Liquidierung« findet sich in mehreren MfS-Dokumenten.

Dazu kam es nicht. Der sowjetische Parteichef Michail Gorbatschow stellte klar, dass Moskaus Panzer nicht noch einmal das SED-Regime retten würden. Außerdem war die DDR 1989 schlichtweg pleite. Als dann Ungarn die Grenzsperren abbaute und die Tschechoslowakei die Durchreise ermöglichte, war die Mauer zwecklos geworden. Die SED-Führung gab auf, auch Mielke trat zurück.

Am 13. November 1989 stand ein spürbar verunsicherter Ex-Sicherheitsminister vor den Abgeordneten der Volkskammer im Palast der Republik. »Ich liebe doch alle Menschen!«, rief er in das Gelächter der Delegierten hinein. »Ich setze mich doch dafür ein. Also ich bitte um Verständnis.«

Am 7. Dezember wurde er verhaftet. Zum Prozess kam es dann aber nicht wegen seiner Tätigkeit als Stasi-Chef, sondern wegen der »Bülowplatzsache«. Die Akten von 1934 existierten noch, von ihm selbst verwahrt. Außerdem gab es als neue Beweisstücke drei Lebensläufe Mielkes mit Selbstbezichtigungen. 1993 verurteilte das Landgericht Berlin ihn zu sechs Jahren Haft. Das Gericht erkannte auf relative Milde, denn die Tat lag inzwischen 62 Jahre zurück, und der Angeklagte war 86 Jahre alt.

Im August 1995 wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Er starb im Mai 2000 in einem Berliner Pflegeheim. Bei seiner Beerdigung salutierte sein früherer Stellvertreter Gerhard Neiber am Grab, eine rote Fahne deckte den Urnentisch. Ein Genosse reckte die Faust und rief: »Erich, Rotfront!« Willi Opitz, einst Leiter der MfS-Hochschule, hielt die Trauerrede. Um Grabschändungen zu vermeiden, wurde Erich Mielkes Asche in ein anonymes Urnengrab versenkt. Das war gewiss eine kluge Entscheidung.

 
Leser-Kommentare
  1. Grosse Strecken des Artikels erinnern doch heftig an aktuelle Vorgehensweisen, die auch Schily und Schäuble an den Tag legen. Man könnte meinen, dem großen Vorbild muß nachgeeifert und dieses gar übertroffen werden (Stasi 2.0) - sonst geht der Westen unter - aber wahrscheinlich geht es nur um die Aufrechterhaltung des neoliberalen Weltbildes dieser Eliten, deren Handlanger auch ein Herr Schäuble ist.

    • Anonym
    • 17.11.2007 um 20:36 Uhr

    "Dein Staat, dein Freund, dein HelferNur wer Informationen nutzt, kann Sicherheit garantieren und die Freiheit der Bürger schützen. Ein Plädoyer von..." Das ist der Trailor des heutigen Schäuble-Artikels. Ein bißchen weiter, bei den Kommentaren, lautet der Trailor allerdings schon " Nur wer die Sicherheit der Bürger garantiert, kann ihre Freiheit schützen."Häh? Da stutze ich doch: Schäuble garantiert meine sicherheit und kann also meine freiheit schützen? Da spricht unser Schräuble doch Versicherungsdeutsch: niemand kann sicherheit garantieren (!), ergo bleibt unsere freiheit auch ungeschützt.  Mir wäre wohler, wollte unser SCHREIBERling eher meine freiheit garantieren und meine sicherheit schützen. Anstatt sich sprachlich so zu verheddern hätte wieder mal ein einfaches "Ich liebe Euch alle" gereicht. Erich Mielke, vermaledeit wie er war, er war aktiv gegen die nazis, riskierte sein leben und seine freiheit.Schäuble, mit dem geplanten flugzeugabschuss riskiert MEIN leben und MEINE freiheit mit seine computerspielen. auch ganz schön vermaledeit.

  2. ... immerhin scheint man Mielke eines nicht vorwerfen zu koennen - im Gegensatz zu den Genossen Markus Wolf und Primakow (Ex-KGB Chef) hat er den naechsten Karriereschritt zur US Homeland Security nicht mehr mitgemacht . (Gnade der zu fruehen Geburt?)

  3. aber die Gleichstellung von Mielke und Schäuble ist absurd.

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  • Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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