Linguistik Auf den kratzigen Spuren der Sprache
Die ältesten deutschen Wörter verbergen sich in mittelalterlichen Büchern, eingeritzt ins Pergament
Andreas Nievergelt zieht weiße Handschuhe an und zückt die Taschenlampe. Langsam lässt er den Lichtkegel über die Buchseiten wandern. Er starrt gebannt auf die lateinische Handschrift. In bestechender Gleichmäßigkeit füllt sie das Pergament. Vorsichtig blättert er die Seite um. »Da ist etwas«, flüstert er. Wo? Beim besten Willen ist nichts zu sehen. »Hier«, zeigt der Germanist. Feine Linien sind schattenhaft zwischen den Zeilen zu erkennen, ganz ungelenk. Sind das nicht bloß Kratzer? Oder die Falten des alten Schafs, das seine Haut für das Pergament lassen musste? Andreas Nievergelt schüttelt den Kopf und beginnt, die seltsamen Zeichen zu entziffern. »Da ist ein R. Und das könnte ein N sein – oder ein M.«
Mehr als 1200 Jahre ist der mittelalterliche Codex alt. Geschrieben wurde er einst hier im Kloster St. Gallen. Generationen von Wissenschaftlern haben ihn studiert. Doch das, was Nievergelt jetzt im Lesesaal der Stiftsbibliothek entdeckt, hat kaum jemand zuvor gesehen: Buchstaben, Wörter, die mittelalterliche Mönche mit einem Griffel aus Holz oder Knochen ins Pergament ritzten. Sie verbergen sich nahezu unsichtbar zwischen den Zeilen des lateinischen Textes.
Nievergelt notiert Buchstabe um Buchstabe. Was wurde denn in die kostbare Handschrift gekritzelt? »Die Mönche machten das, was wir heute noch tun, wenn wir ein fremdes Wort nicht kennen«, erklärt der Germanist. »Sie schrieben die Übersetzung daneben.« Manchmal haben sie sich auch eine Notiz gemacht, in einigen Fällen sogar in Geheimschrift.
Was kümmern uns solche Krakeleien? Da kann man doch gleich heutige Bibliotheksbücher nach Studentenschmierereien durchsuchen. »Wir finden hier die ersten deutschen Wörter«, sagt Nievergelt. »Mit ihrer Niederschrift fängt das Deutsche im 8. Jahrhundert an, eine Schriftsprache zu werden.« Ohne diese unbeholfenen Kritzeleien der mittelalterlichen Mönche müssten wir heute womöglich immer noch in Latein schreiben.
»Griffelglossen lautet der Fachbegriff«, sagt Elvira Glaser. Die Professorin an der Universität Zürich leitet ein Forschungsprojekt, das die Verschriftung des Deutschen untersucht und zum Nationalen Forschungsschwerpunkt »Medienwandel« gehört. Zwar gibt es auch Glossen, also Worterklärungen oder Kommentare, die mit der Feder ausgeführt wurden. Doch Tinte war wertvoll, einen Griffel hingegen besaß jeder Mönch, um auf seiner Wachstafel die alltäglichen Schreibarbeiten zu erledigen. Ins Pergament ließen sich damit ganz diskret Buchstaben ritzen. Auch heute nimmt man schließlich eher den Bleistift als einen Kugelschreiber, um sich etwas in einem Buch zu notieren.
Mönche kritzelten mit dem Griffel das erste Schriftbild des Deutschen
Das Eindrückliche daran: Die Mönche kritzelten in einer Sprache, in der noch nicht geschrieben wurde. Deutsch – genauer gesagt jene Gruppe westgermanischer Dialekte, die wir heute als Althochdeutsch bezeichnen – war die gesprochene Alltagssprache des Volkes. »Dass das Deutsche überhaupt eine Kultur- und Wissenschaftssprache wurde, das fängt hier an«, sagt Elvira Glaser. Deshalb sucht sie gemeinsam mit Andreas Nievergelt in der St. Galler Stiftsbibliothek nach jenen Randbemerkungen, anhand deren sich das Anfangsbild der deutschen Sprache rekonstruieren lässt.
Aber wie schreibt man in einer Sprache, in der noch nie geschrieben wurde? »Man hat die lateinischen Buchstaben in ihren Lautwerten genommen und damit notdürftig versucht, althochdeutsche Wörter wiederzugeben«, sagt Elvira Glaser. Je nach Person und Dialekt verfielen die Schreiber auf unterschiedliche Lösungen. Die gesprochene Vorsilbe »ge« wurde mal als »ca«, mal als »ke« oder »gi« niedergeschrieben. Mitunter ist das Ringen um den richtigen Ausdruck noch sichtbar. Elvira Glaser zeigt eine Griffelglosse: »chelactrot« (»getadelt«). Der Schreiber notierte das gesprochene »ge« erst als »ce«, hatte dann das Gefühl, es nicht recht getroffen zu haben, und schrieb noch ein »h« darüber.
So viel Improvisation erschwert das Entziffern. Nievergelt hat inzwischen zur Lupe gegriffen und lässt das Taschenlampenlicht mal von hier, mal von dort übers Pergament gleiten. Der Schattenwurf des Streiflichts zeichnet die Furchen nach. MOR-, so fängt das Wort an; da ist sich Nievergelt sicher. »Mitunter rätselt man endlos an einem Wort und kriegt es doch nicht raus.« Die Glosse ist zu verdreckt, platt gedrückt oder schlicht zu krakelig. »Man braucht eine hohe Frustrationstoleranz«, gesteht Nievergelt. Aber jetzt hat er alle Buchstaben beisammen: MORKAN. Klingt nach einem Zauberwort.
Nievergelt sucht den lateinischen Text rund um den Eintrag ab. Ein Lächeln spielt um seine Lippen, mit der Lupe ist er fündig geworden: Er zeigt auf das lateinische Wort cras. Nievergelt guckt prüfend – gibt dann aber selbst die Antwort: » Cras heißt morgen – ›morkan‹ eben.«
Bisher schenkte die Wissenschaft den Glossen so gut wie keine Aufmerksamkeit: Was soll man mit einzelnen Wörtern? »Man kümmerte sich lieber um die althochdeutschen Texte, die eine gewisse literarische Qualität besaßen«, erklärt Elvira Glaser. Das war ein Fehler: Die ersten Griffelglossen datieren aus der Zeit um 750 nach Christus und sind damit ein halbes Jahrhundert älter als die frühesten althochdeutschen Texte, die auch nur sehr kurz waren.
Wer die Anfänge des Deutschen rekonstruieren will, der kommt also an den Griffelglossen nicht vorbei. Ohne diese ersten Formen des Schriftdeutschen hätte vermutlich weder Luther die Bibel übersetzt noch Schiller den Wilhelm Tell geschrieben. Glaser zeigt auf die Handschriften, die auf dem Tisch des Lesesaals liegen: ein Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert und die Cura Pastoralis, in der Papst Gregor der Große schreibt, wie man ein guter Priester wird. »Die Ausbreitung des Christentums gibt den Rahmen für die Anfänge der deutschen Schriftsprache«, sagt die Professorin. Unter den Karolingern wurden zahlreiche Klöster gegründet, die Schreibstuben unterhielten. Mönche kopierten dort Bibeln und liturgische Bücher, aber auch Werke antiker Autoren. An den Klosterschulen wurden die Grundlagen für die Missionstätigkeit gelehrt. Schreiben konnte damals sonst niemand.
Nievergelt hat die Lupe beiseitegelegt und reckt sich. »Oft gehe ich abends mit roten Augen und krummem Rücken nach Hause.« Aber die Faszination seiner Detektivarbeit macht die Mühen wett. »Manchmal glaube ich, den Mönch in seiner Klause vor mir zu sehen. Seine Spuren sind auch nach über 1.200 Jahren noch sichtbar.«
Und damals waren die Griffelglossen vermutlich sogar recht gut zu lesen. Die Mönche schrieben in Stuben mit nur einem kleinen Fenster oder einer Kerze. Anders als im Deckenlicht des Lesesaals traten da die eingedrückten Buchstaben deutlicher hervor. Nievergelt löscht das Licht und trägt die Handschrift ans Fenster. Behutsam legt er eine Bleikette über die Seiten, um sie niederzuhalten. Tatsächlich: Das schräg einfallende Tageslicht zaubert die eingedrückte Schrift hervor.
Blümchen und Genitalien – manche Krakelei war nur Zeitvertreib
Warum aber griffelte man denn überhaupt auf Althochdeutsch? Die Mönche schrieben doch Tag für Tag lateinisch. »Es gab keine Wörterbücher«, erklärt Elvira Glaser. »Latein lernte man aus Latein.« Wusste man ein Wort nicht, fragte man einen Kollegen und schrieb die Umschreibung auf Latein ins Buch. Das ging aber nicht immer: In einem Horaz-Text heißt es »Teque nec laevus vetet ire picus nec vaga cornix« (»Und möge dir weder ein Specht zur Linken den Weg verwehren noch eine umherschweifende Krähe«). Wer da picus und cornix übersetzen wollte, der konnte auf Latein nur »Vögel« schreiben oder musste weitschweifige Erklärungen machen. »Da lag es auf der Hand, so gut man konnte, die deutschen Wörter – ›spet‹ und ›kre‹ – zu notieren«, sagt die Germanistin.
So finden sich viele Glossen gerade als Übersetzungen von Tier- und Pflanzennamen. »In einer Vergil-Handschrift hat ein Mönch das ihm unbekannte lateinische Wort cithisum auf Althochdeutsch mit ›pinesuge‹ glossiert«, erzählt Glaser und lacht. »Binisûga meint wörtlich das, was die Bienen saugen, und bezeichnet in diesem Fall den Klee.«
»Hier ist auch etwas«, sagt Andreas Nievergelt, der sich wieder über eine Handschrift gebeugt hat. Aber was? »Das sieht aus wie ein Blatt.« Er zeigt auf eine geschwungene Form. »Hier ist noch eins: ein Blümchen!« Tatsächlich rankt da eine Pflanze den Seitenrand hinauf.
Viele Handschriften wurden im Unterricht der Klosterschule benutzt – und so sind zwischen den Buchdeckeln die seltsamsten Dinge zu entdecken. Germanische Runenalphabete etwa: »So etwas kann eine gelehrte Spielerei gewesen sein«, vermutet Elvira Glaser. Oder geheimschriftliche Einträge: »Da hat vielleicht ein Lehrer eine Lösung vermerkt, die die Schüler nicht gleich verstehen sollten.« Die Verschlüsselung war simpel, aber effektiv: Die Vokale eines Wortes werden durch die nachfolgenden Konsonanten ersetzt.
Manches ist einfach ein Werk der Langeweile. Da finden sich Skizzen und Krakeleien, wie sie in öden Sitzungen heute noch fabriziert werden. Mitunter stößt man sogar auf obszöne Zeichnungen: Genitalien beiderlei Geschlechts gleich neben erbaulichen Bibelpassagen. »Der Mensch war wohl schon immer ein kritzelndes Wesen«, lacht Nievergelt und zieht die weißen Handschuhe aus. »Lange vor der Erfindung langweiliger Konferenzen.«
- Datum 15.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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