Innovationen Partner gesucht
In der Medizinforschung gibt es viele gute Ideen. Allein, es fehlen die Wirtschaftspartner und eine bessere Vernetzung der Disziplinen, wie zum Beispiel zwischen Medizintechnikern und Biotechnologen.
Andreas Maurer hat eine Vision: mit Hilfe der Stammzellenforschung eine Lunge zu entwerfen, die dem Patienten implantiert werden und dauerhaft als Ersatz dienen kann.
Lungenversagen ist weltweit die Todesursache Nummer drei. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich fast zehn Millionen Menschen daran. Sie warten vergeblich auf ein Spender-Organ, können nicht lange genug künstlich beatmet werden oder erliegen einer akuten Verletzung. Trotzdem hat die Medizintechnik-Industrie bislang nicht ausreichend in neue Behandlungsmöglichkeiten investiert – im Gegensatz zu Herzkrankheiten und Krebs, den beiden häufigsten Todesursachen.
Für Innovationen sorgen und Leben retten könnte hier die Biotechnologie, genauer das sogenannte Tissue Engineering. Dabei geht es um die Erzeugung artifiziellen Gewebes zur Heilung von Organdefekten.
Andreas Maurer forscht in diesem Bereich. Der 29-Jährige hat Biotechnologie an der Hochschule Mannheim studiert und am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut an der Universität Tübingen promoviert. Jetzt arbeitet er für Novalung, ein Unternehmen, das sich auf künstliche Lungen spezialisiert hat.
Bis seine Vision Wirklichkeit wird, bedarf es noch mehrerer Jahre Forschungsarbeit. Und nicht nur das: Es braucht auch finanzkräftige Partner aus der Industrie. Eine schwierige Aufgabe für junge Forscher, denn »die akademische Ausbildung erfolgt zumeist rein wissenschaftlich, ohne Schnittstellen zur Verfahrenstechnik, Betriebswirtschaft oder Industrie«, sagt Ralf Kindervater, Biotechexperte und Geschäftsführer der Biopro Baden-Württemberg, einer Landesgesellschaft für Service und Marketing in der Biotechnologie-Branche. »Das gilt für Physiker, Chemiker und Biologen, die sich auf Biotech spezialisiert haben, genauso wie für echte Biotechnologen.«
Die Studenten lernen mögliche Berufsfelder frühestens nach Abschluss des Studiums oder der Promotion kennen, haben oft keine ausreichenden Netzwerke und sind mit den industriellen Abläufen nur wenig vertraut. Allein bei den neuen Masterstudiengängen gibt es Möglichkeiten, sich früher branchenspezifischer Problematiken anzunehmen. »Verschenkt«, findet Kindervater das, »denn deutsche Biotechnologen haben ein schier unerschöpfliches Potenzial an Forschungsleistungen.
Biotech wird als die Querschnittsdisziplin der Zukunft gehandelt.« Sie kann klassische Branchen wie den Maschinenbau, die Pharma- oder Textilindustrie mit Ideen versorgen und die Innovationskraft der Medizintechnik-Branche erhöhen.
Größtes Hindernis dabei: der mangelnde Informationsaustausch zwischen den beiden Disziplinen. »In der Medizintechnik wird hauptsächlich auf kurze Entwicklungszeiten und solide Ergebnisse gesetzt«, sagt Kindervater. »In den meisten Fällen ahnen sie gar nicht, was sie alles entwickeln, produzieren und verkaufen könnten, würden sie mit jungen Biotechwissenschaftlern aus benachbarten Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen kooperieren.
Die Biopro hat deswegen Ende 2005 das branchenverbindende Wirtschaftsförderprogramm Synpro ins Leben gerufen. Es will innovative Forschungsergebnisse aus baden-württembergischen Hochschulen transparent machen und passgenaue Projekte mit Unternehmen ermöglichen. »Motivation zur Innovation nennen wir das«, sagt Ralf Kindervater.
Das übergeordnete Ziel ist es, die regionale Forschungskraft Baden-Württembergs zu bündeln und ihr zu internationaler Strahlkraft zu verhelfen. Im Kleinen bedeutet das zum Beispiel, den mehr als 570 Medizintechnik-Unternehmen des Bundeslandes zu beweisen, welche Potenziale in einer interdisziplinären Zusammenarbeit mit Biotechnologen stecken.
60 Projekte hat das Synpro-Team bereits angebahnt. Darunter auch eine vielversprechende Zusammenarbeit zwischen dem Forscher Andreas Maurer und dem Unternehmen Novalung. Als weltweit erste Firma begann Novalung 2002 mit der Vermarktung einer künstlichen Lunge, die auf natürliche Weise vom menschlichen Herzen mit Blut versorgt wird. Ein sogenannter Membranventilator atmet außerhalb des Körpers, sodass die mechanische Beatmung reduziert oder ganz vermieden werden kann. Die Lunge des Patienten bekommt dadurch Zeit, sich zu regenieren.
Eine fortschrittliche Angelegenheit – nach spätestens einem Monat allerdings muss der Membranventilator gewechselt werden; eine Langzeitlösung für die Zeit danach hat der Firma bislang gefehlt. Aufgrund der Bedarfsanalyse des Synpro-Teams und der Kontaktherstellung zu Andreas Maurer »haben sich für uns vollkommen neue Horizonte eröffnet«, sagt Geschäftsführer Georg Matheis. Binnen zwei Wochen wurde ein unbefristeter Vertrag aufgesetzt, sechs Wochen später fing Andreas Maurer als Projektleiter Biotechnologie mit einem eigenen Forschungslabor bei Novalung an.
Wenige Monate danach sind mehrere Patentanmeldungen vorbereitet und mehrere Leitprojekte angeschoben. »In den nächsten zwei bis fünf Jahren werden wir die Haltbarkeit der künstlichen Lunge verbessern, indem ich eine blutverträglichere Beschichtung aus Proteinen entwickle«, sagt Maurer.
Dafür darf er in der nächsten Zeit drei bis vier weitere ambitionierte Forscher einstellen. Daneben wurden Kooperationen mit dem Imperial College London, der University of Toronto, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität Tübingen geschlossen. »Schritte, die in den kommenden Jahren hoffentlich immer mehr Firmen gehen und dadurch sehr lukrative Arbeitsplätze für junge Naturwissenschaftler schaffen«, sagt Kindervater.
Auch Maurer hat Grund, optimistisch zu sein: »In fünf bis zehn Jahren werden wir dank der interdisziplinären Zusammenarbeit so weit sein, Lungengewebe zu imitieren und Membranventilatoren zu entwickeln, die sich im Körper mit patienteneigenen Zellen besiedeln, so dass sie für das Immunsystem unsichtbar werden.«
Seinem Ziel, einen biologischen Lungenersatz zu entwickeln, kommt der Wissenschaftler damit ein großes Stück näher – und katapultiert seinen Arbeitgeber nebenbei in einen riesigen Markt mit internationalen Interessenten.
- Datum 19.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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