Lehrpläne Die Medizin-Erklärerin
Geschichte und Ethik: Eine Historikerin bringt in Greifswald angehenden Ärzten unbekannte Seiten ihres Berufs nahe.
Wenn er eine Nasenoperation vornahm, trennte der Chirurg Tagliacozzi aus Bologna seinen Patienten einen Hautlappen zu drei Vierteln aus dem Oberarm. Er presste ihren Nasenstumpf darauf, wozu er ihren Arm mit einer Schlinge über den Kopf band. Die mussten sie so lange tragen, bis das Fleisch angewachsen war und vom Arm abgetrennt werden konnte. Ihre ursprüngliche Nase fanden Tagliacozzis Patienten allerdings weder zu groß noch zu krumm – sie fehlte ihnen vielmehr zur Gänze, meist nach einem unglücklichen Duell.
Tagliacozzis Schönheitsoperationen, die trotz ihrer eigenwilligen Technik nicht der Aktualität entbehren, fanden im 16. Jahrhundert statt. »In der Medizin gab es immer Idealvorstellungen vom normalen, gesunden bis zum schönen Menschen, die auch durch einen ärztlichen Eingriff erreicht werden konnten«, sagt Mariacarla Gadebusch Bondio, aus deren Buch Medizinische Ästhetik die Anekdote stammt. »Die Diskussion darum, wann eine physische Verunstaltung vorliegt, die von Medizinern repariert werden soll, geht auf die Antike zurück und wurde aufgrund Tagliacozzis Technik intensiver.« Viele Phänomene, die von Laien für modern gehalten werden, hätten eine längere Tradition, als man zunächst annehmen würde.
Gadebusch Bondio, 45, leitet als Privatdozentin das Medizinhistorische Institut der Universität Greifswald – ein mit nur zwei Mitarbeitern sehr kleines Institut, denn obwohl die Medizingeschichte sich mit den Ursprüngen der ärztlichen Berufstechniken beschäftigt, fristet sie, anders als Anatomie oder Pharmakologie, an deutschen Universitäten ein eher bescheidenes Dasein.
Bis vor Kurzem war das mit rund 100 Jahren vergleichsweise junge Fach auch nur freiwilliger Bestandteil des Studiums. Erst 2002 setzte ein Umdenken ein: Die Geschichte wurde durch Ethik und Theorie der Medizin erweitert und gelangte als Pflichtfach auf den Stundenplan. Die einzige Möglichkeit, die die Universität angehenden Ärzten bietet, sich neben dem Sezieren und Pauken mit ihrem Beruf auseinanderzusetzen. »Bei uns geht es weniger um kognitives Wissen«, sagt Heinz Schott, der den Fachverband Medizingeschichte leitet. Vielmehr sollten die Studenten die Fähigkeit zur Kritik und Selbstkritik lernen.
Eigentlich wollte Mariacarla Gadebusch Bondio Ärztin werden. Sie wollte Medizin studieren wie ihr Bruder und dann in der Psychiatrie arbeiten. Doch als sie als 17-Jährige ihm gegenüber diesen Wunsch erwähnte, redete er ihn ihr aus. Der anstrengende Arbeitsalltag und die Konfrontation mit den »Wahnsinnigen« seien zu hart für die kleine, zarte Schwester.
»Ich war damals wohl ein bisschen zu jung, um mich durchzusetzen«, sagt Gadebusch Bondio heute. »Aber ich habe mich durchgesetzt – auf Umwegen.« Diese Umwege führten die gebürtige Norditalienerin über die Alpen bis nach Greifswald.
Die Medizingeschichte entdeckte sie für sich, noch bevor sie wusste, dass es das Fach überhaupt gab. Die Abschlussarbeit ihres Philosophiestudiums in Mailand schrieb sie über Lombroso, den ersten Kriminalanthropologen des 19. Jahrhunderts, nach dessen Theorien man den geborenen Verbrecher bereits an seinen Gesichtszügen erkennen kann.
Ein passendes Thema für die kleine, zarte Schwester? Wer sie sieht, stellt sich diese Frage nicht. Die grazile Frau mit den dunklen Locken strahlt eine solche Spannung aus, dass man sich vorstellen kann, wie sie 1988 die Koffer packte und nach Deutschland ging, mit wenig mehr als ein paar Sprachbrocken aus dem Goethe-Institut im Gepäck – der Liebe wegen. An der Freien Universität Berlin fand Gadebusch Bondio ihren »Dämon«, wie sie sagt, Doktorvater Gerhard Baader, den sie mit ihrer Tüchtigkeit beeindruckte und der sie in ihren heutigen Fachbereich holte. 2003 wurde ihr in Greifswald die Institutsleitung übertragen.
Wie schlägt man am besten den Bogen zwischen Medizingeschichte und Ethik? Gadebusch Bondio besuchte zuallererst einen Präparierkurs. »Ich wollte diese Rites de Passage kennenlernen, die jeder Medizinstudent absolvieren muss.« Mit historischem Wissen im Hinterkopf.
»Die Zelebrierung der Sektion an deutschen Universitäten ist ein Überbleibsel aus der Zeit Humboldts«, erzählt Gadebusch Bondio. Damals habe es eine große Debatte gegeben zwischen Medizinern, die diese haptische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper für das A und O hielten, und anderen, die der Meinung gewesen seien, dass man an Wachsnachbildungen genauso gut lernen könne wie an einer Leiche.
Eine Debatte, die, wie vieles in der Medizingeschichte, durchaus Aktualität hat. Inzwischen wäre Sezieren nicht mehr in dieser Ausschließlichkeit nötig, sagen einige; der menschliche Körper könne ergänzend auch virtuell am Computer erkundet werden. Dieses Thema diskutiert Gadebusch Bondio mit ihren Studenten: in einem Seminar, das sie aus der Erfahrung heraus entwickelt hat, dass die Anatomiekurse ein Gesprächsbedürfnis erzeugen, das unbeantwortet bleibt.
Eine solche Verbindung zwischen Medizingeschichte und Ethik wäre an jedem der Institute in Deutschland ideal, sagt Heinz Schott, der den Fachverband Medizingeschichte leitet. »Gerade die Geschichte bietet einen besonderen Zugang zur Ethik, da sich viele Probleme aus ihrem historischen Kontext besser verstehen lassen.« Durch diesen Ansatz unterscheidet sich das Fach methodisch vom restlichen Medizinstudium – »dafür lässt sich leicht eine Brücke zu den Geisteswissenschaften schlagen«.
Darauf setzt auch Gadebusch Bondio, die inzwischen nicht nur interdisziplinäre Vorlesungen, sondern auch Kongresse organisiert, mit denen sie Teilnehmer aus ganz Europa nach Greifswald holt. »Themen wie das Blut haben ja nicht nur Ärzte beschäftigt«, sagt die Medizinhistorikerin, »obwohl diese lange mit dem Problem gekämpft haben, dass es ihnen beim Sezieren immer entgegenspritzte.« Genauso finde es sich aber in der Literaturwissenschaft, beispielsweise in Dantes blutrünstiger Commedia oder in religiösen Riten.
Noch ein weiterer Bestandteil der Ärzteausbildung lässt sich durch die geschichtliche Annäherung besser verstehen: die Fachsprache. Gadebusch Bondio hat dazu gerade das Lehrbuch
Lingua Medica
veröffentlicht, mit dem ihre Studenten nicht nur die Grammatik der griechischen und lateinischen Fachausdrücke lernen können, sondern auch deren Entwicklung.
So wurden bis ins 17. Jahrhundert hinein Anleihen aus der Welt des Greifbaren genommen, um das Innenleben des Körpers zu beschreiben; erst danach begann man, die Begriffe zu abstrahieren. Die Hirnhaut wurde ihrer beschützenden Funktion wegen beispielsweise lange als »harte Mutter des Gehirns« (Dura Mater) bezeichnet, bevor sie ihren heutigen Namen (Dura Membrana) erhielt. Dass die Fachsprache gleichzeitig dazu dienen soll, die Patienten nach ihren Leiden zu befragen wie auch sich wissenschaftlich auszutauschen, geht auf die Zeit des Hippokrates zurück.
Entdeckungen aus der neuesten Geschichte schließlich können sich politisch auf die Gegenwart auswirken. Auf Bitten des Dekans hin betreute Gadebusch Bondio eine Doktorarbeit über den Pharmakologen Peter Holtz, einen berühmten Sohn der Universität Greifswald, nach dem das Center of Pharmacology benannt worden war. Im Dunkeln lag seine Tätigkeit während des Nationalsozialismus und in der DDR – bis die Archivsuche ergab, dass er seine Arbeit deswegen ungehindert ausüben konnte, weil er mit dem jeweiligen Regime bereitwillig kooperierte. Diese Entdeckung hatte die Umbenennung des Zentrums zur Folge.
- Datum 19.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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