Bis vor Kurzem noch galt China bloß als Werkstatt der Welt, weil das Land alle nur erdenklichen Billigprodukte herstellte und exportierte. Von China als Weltfinanzmacht war keine Rede. Jetzt aber geht es Schlag auf Schlag. Erst war es der KP-Konzern PetroChina, vor wenigen Jahren noch ein marodes Staatsunternehmen. Nach seiner Erstnotierung an der Shanghaier Börse, stieg er – gemessen am Wert – zum teuersten Unternehmen der Welt auf. Noch vor dem amerikanischen Ölkonzern Exxon.

Dann kam der chinesische Zentralbanker Xu Jian und sagte: »Der Status des Dollar als Leitwährung wankt und die Kreditwürdigkeit von Vermögenswerten in Dollar fällt.« Es war der Tag, an dem der Dollar gegenüber dem Euro auf ein neues Rekordtief fiel.

Unvorstellbar war nicht die Kursentwicklung, sondern die Tatsache, dass erstmals die Chinesen bei solchen Dingen mitredeten. Die Männer der Kommunistischen Partei schickten den Dollar mit ihren Wortmeldungen auf Talfahrt.

»Wir können unser eigenes Geld nicht ausgeben«

Damit könnten sie sich durchaus selbst schaden, denn sie stehen vor einem ebenfalls unvorstellbaren Problem. Nämlich dem, zu viel Dollars zu haben. »Wir können unser eigenes Geld nicht ausgeben«, klagt Zuo Dapei, Ökonom am Wirtschaftsinstitut der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Peking. Schuld sei die chinesische Zentralbank. »Sie hat die Devisenreserven zu schnell wachsen lassen«, sagt Zuo.

Die chinesische Zentralbank kauft seit Jahren Dollar in rauen Mengen auf, um den Wechselkurs des Renminbi künstlich niedrig zu halten. Renminbi bezeichnet im Chinesischen die Währung, Yuan nur deren Einheit – in der internationalen Finanzszene wird das allerdings meist gleichgesetzt. Ein niedriger Yuan-Kurs hilft der chinesischen Exportwirtschaft, weil die Waren für Ausländer so billiger sind. China hat auf diese Weise den größten Devisenberg der Welt angehäuft. Die Reserven betragen mittlerweile mehr als 1400 Milliarden Dollar.

Vor zwei Jahren hatte Peking die Bindung an den Dollar das erste Mal etwas gelockert. Der Yuan darf mittlerweile in einem Korridor von 0,5 Prozent pro Tag auf- und – theoretisch – auch abwerten. In den vergangenen zwei Jahren hat das dazu geführt, dass die chinesische Währung jeweils knapp fünf Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet hat. Das klingt undramatisch. Wäre der Yuan frei konvertibel, würde er vermutlich um 30 oder 40 Prozent gegenüber dem Dollar zulegen. Aber für die Zentralbanker in Peking dürften auch fünf Prozent nicht unerheblich sein: Bei geschätzten Dollar-Anlagen von 1.000 Milliarden bedeutet das einen Verlust von 50 Milliarden Dollar. Selbst korrupten KP-Kadern mögen da Skrupel gekommen sein: Schade um das viele Staatsvermögen in einem Land, in dem noch Millionen unter der Armutsgrenze leben.

Um das Staatsvermögen zu verringern, reicht es allerdings auch schon, öffentlich die Devisenpolitik zu überdenken. Unter anderem bereicherte Cheng Siwei die Debatte um den indirekten Vorschlag, doch mehr Euro statt Dollar einzukaufen. »Wir sollten starke Währungen gegenüber den schwächeren bevorzugen«, sagte der Vizevorsitzende vom ständigen Ausschuss des Volkskongresses in Peking. Cheng galt bisher als konservativer KP-Finanzpolitiker, der sich um Kleinanleger, nicht aber um globale Währungsfragen kümmerte. Seine Worte trugen vergangene Woche prompt zum Fall des Dollar bei. Gerade deshalb aber erschienen sie im Rückblick wenig durchdacht. »Die Kommentare waren in erster Linie selbstzerstörerisch, sie haben der Anlage geschadet, die sie eigentlich schützen sollen«, bewertet Stephen Green von der Standard Chartered Bank in Shanghai Chengs Aussage. Bei Standard Chartered geht man deshalb nicht davon aus, dass Peking sich dazu entschlossen hat, Dollarreserven zu verkaufen: »Es ist unklar, was für ein Mandat Mister Cheng überhaupt hat, so etwas zu verkünden.«

China steht vor einem Dilemma. »Theoretisch hat Cheng recht, und wir sollten die Devisenreservenstruktur optimieren«, sagt Zhou Dunren, Ökonomieprofessor am Finanzforschungsinstitut der Fudan-Universität in Schanghai. »Aber in der Praxis ist das sehr schwer zu handhaben.« Die Kursreaktionen gaben dem Professor recht. Jeder weitere Versuch, weniger in Dollar zu investieren, liefert ein Signal und zieht den Dollar-Kurs weiter in den Keller. Das bringt der Pekinger Zentralbank Milliardenverluste. Noch mehr in den Dollar zu stecken, wo der Kurs der US-Währung auch aufgrund der hausgemachten Gründe in den Vereinigten Staaten sinkt, führt ebenfalls zu Milliardenverlusten.