Finanzkrise Maß der Dinge
Noch ist der Dollar nicht am Ende: Meistern die Amerikaner ihre Krise, kann das den Status des Greenback als globale Leitwährung sogar festigen.
Als die Bombe am Mittwoch vergangener Woche platzte, schliefen die Amerikaner noch. In New York war es kurz nach zwei Uhr morgens, als die ersten Meldungen aus Peking durchdrangen. Auf einer Finanzkonferenz hatte Xu Jian, Vizedirektor der chinesischen Zentralbank, soeben die Rolle des Dollar als globale Leitwährung infrage gestellt. In Tokyo waren die Handelsräume der Banken noch geöffnet, und die Devisenjongleure wussten, was sie zu tun hatten: Sie verkauften Dollars. So viele, dass eine Stunde später schon 1,47 Dollar für einen Euro zu haben waren – der höchste Wert aller Zeiten.
Die Zweifel an der Stärke des Greenback wachsen; und die an seiner Vormachtstellung in der Welt. Großinvestor Warren Buffett hat angekündigt, wegen der Währungsrisiken künftig vor allem in Unternehmen zu investieren, »die ihr Geld außerhalb des Dollar-Raums verdienen«. Supermodel Gisele Bündchen will nur noch in Euro bezahlt werden. Aber vor allem beunruhigen Signale aus China die Investoren. Das Land hat Devisenreserven in der schier unvorstellbaren Höhe von 1400 Milliarden Dollar – und sie sind vor allem in amerikanischen Staatsanleihen angelegt. »Wenn die Chinesen ihre Vorräte umschichten, bedeutet das für die US-Währung den freien Fall«, sagt ein Londoner Währungshändler.
Dass die Chinesen nervös geworden sind, hat viel mit dem Wesen einer Leitwährung zu tun. Ob eine Valuta international verbreitet ist, hängt davon ab, ob sie für Investoren und Händler attraktiv ist. Auf dem eigenen Hoheitsgebiet kann ein Staat ja den Gebrauch eines bestimmten Zahlungsmittels per Dekret verordnen, aber bei seinem Gebrauch im Ausland ist das nicht der Fall. Dort ist eine Währung dann attraktiv, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind: Die Finanzmärkte des ausgebenden Landes oder Wirtschaftsraumes müssen groß und leistungsfähig genug sein, um den Ansturm auf die Devise zu verkraften. Anleger müssen sich darauf verlassen können, dass die Währung stabil ist und nicht zu stark abgewertet wird. Und schließlich vertrauen die Investoren einer Währung in der Regel nur, wenn sie durch eine ökonomische Vormachtstellung abgesichert ist.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es der Dollar, der die Welt überzeugte. Als sich die USA in der westlichen Welt als Führungsmacht etablierten, trat er an die Stelle des britischen Pfunds.
»Die Wirtschaft bewegt sich auf eine neues Gleichgewicht zu«
Bis heute ist der Dollar das wichtigste Zahlungsmittel im globalen Handel. Gütergruppen wie Rohöl und Metalle werden in der US-Währung abgerechnet. Zentralbanken und Währungsbehörden greifen zum Dollar, wenn sie Devisenvorräte anlegen. 65 Prozent der weltweiten Reserven lauten nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds auf Dollar. Denn nicht nur Chinesen, auch Japaner und die Golfstaaten mit ihren enormen Erdöleinkommen nutzen die US-Devise, wenn sie ihr Vermögen anlegen. Der Euro hat zwar in den vergangenen Jahren mächtig zugelegt, kommt aber bislang nur auf 26 Prozent aller Reserven. Staats- und Unternehmensanleihen werden überwiegend in Dollar begeben, und Länder wie Saudi-Arabien oder China haben ihre Währung gleich ganz an den Greenback gekoppelt.
Glaubt man Dollar-Pessimisten wie Jeffrey Frankel, einem Wirtschaftsprofessor an der Harvard-Universität, dann ist das nicht mehr allzu lange der Fall. »Nach unseren Berechnungen könnte der Euro den Dollar etwa um das Jahr 2020 als Leitwährung abgelöst haben«, sagt er. Tatsächlich ist ein neues Rennen um die Führungsrolle im internationalen Handelssystem eröffnet. Wenn auch lange nicht entschieden.
Auf den ersten Blick sieht es nicht gut aus für den Dollar: Immer mehr ausländische Unternehmen ziehen sich wegen neuer strenger Bilanzgesetze von der New Yorker Börse zurück. Die Zweifel an der ökonomischen Leistungskraft der Vereinigten Staaten wachsen. In den vergangenen Jahren haben die Amerikaner ihre Ökonomie hauptsächlich durch den Konsum am Laufen gehalten – und sich das Geld dafür im Ausland geliehen. Ansonsten herrschte Flaute. Amerikanische Unternehmen haben international Marktanteile verloren, einst mächtige Branchen wie die Autoindustrie liegen danieder.
Jetzt bremst auch noch die Krise am Immobilienmarkt den privaten Verbrauch, die Existenzgrundlage. Als Notenbankchef Ben Bernanke vergangene Woche in Washington vor den Kongress trat, hatte er keine guten Nachrichten zu verkünden. Die Wirtschaft werde sich »merklich abschwächen«, sagte der oberste Währungshüter – und deutete damit an, dass er die Zinsen noch weiter senken könnte.
All dies setzt den Greenback weiter unter Druck. Zum Euro hat er seit seinem Höchststand schon 43 Prozent an Wert verloren, auch gegenüber anderen Währungen gab der Dollar nach.
Für frustrierte Dollarinvestoren gibt es erstmals eine Alternative. Mit der Einführung des Euro ist ein Wirtschaftsraum entstanden, der ein ähnliches ökonomisches Gewicht auf die Waage bringt wie die USA. Die einst zersplitterten Finanzmärkte Europas wachsen zusammen. Und die Europäische Zentralbank, die über die Währung wacht, hat ihre erste Belastungsprobe überstanden. Schnell und entschieden hat sie auf die jüngste Krise an den Finanzmärkten reagiert. Währenddessen werden erste Wetten abgeschlossen, wann die Chinesen die Führungsrolle am Devisenmarkt übernehmen. Das stark wachsende Land wird nach Berechnungen der Investmentbank Goldman Sachs schon 2040 die USA als weltgrößte Volkswirtschaft abgelöst haben.
Im amerikanischen Finanzministerium jedoch gibt man sich gelassen. Die Stellung des Dollar sei nicht in Gefahr. Auf längere Sicht werde die wirtschaftliche Stärke der USA die Investoren überzeugen, sagte Ressortchef Henry Paulson am Wochenende. Tatsächlich beweisen die Vereinigten Staaten vielleicht gerade in diesen Wochen jene Anpassungsfähigkeit, die ein Land benötigt, dessen Währung eine Führungsrolle spielen soll.
»Wir beobachten, dass die Wirtschaft sich allmählich auf ein neues Gleichgewicht zubewegt«, sagt Ted Truman, Währungsexperte am Peterson Institute for International Economics in Washington. Dafür sorgten gerade die Immobilienkrise und der schwache Dollar. Das Argument läuft ungefähr so: Die Amerikaner sparen mehr, weil sie sich nicht mehr auf einen stetigen Wertzuwachs ihrer Häuser verlassen können. Das bremst zwar den Konsum, weil aber zugleich die Währung abgewertet wird, werden Exporte lukrativer. Dadurch kann der Nachfrageausfall im Inland ausgeglichen werden. Der Kursverlust des Greenback, der Europas Exporteuren das Leben schwer macht, kommt also den US-Behörden überaus gelegen – und es ist unwahrscheinlich, dass sie etwas dagegen tun werden. John Connally, Finanzminister unter Richard Nixon, hat in einer ähnlichen Situation einmal gesagt: »Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.«
Eine kurzfristige Abwertung zulassen, um langfristig die Wirtschaft und letztlich die Währung zu stabilisieren, beschreibt ein US-Ministerialer das Kalkül. Das jedoch ist riskant. Ein regelrechter Absturz des Dollar könnte zu schwerwiegenden Verwerfungen in der Weltwirtschaft führen, die auch die Amerikaner treffen. Die Rechnung kann nur aufgehen, wenn jene Länder, die bislang davon profitiert haben, dass sie ihre Waren in die USA verkaufen konnten, jetzt eine Aufwertung ihrer Währungen zulassen und mehr Exporte der Amerikaner aufnehmen. Bislang wehren sich dagegen insbesondere die Schwellenländer. China verhindert mit Eingriffen am Devisenmarkt, dass der Dollar gegenüber dem Renminbi an Wert verliert. Indien stemmt sich mit Kapitalverkehrskontrollen gegen den Aufwärtstrend der Landeswährung. Aber auch in Europa wächst der Widerstand. Die französische Zeitung Le Monde warnt bereits vor einem »monetären Weltkrieg«.
Doch ob sich Europäer und Asiaten dauerhaft gegen den Dollarverfall wehren können, gilt unter Experten als fraglich. Die Amerikaner haben gute Chancen, die Transformation ihrer Volkswirtschaft zu meistern, sagt Sebastian Dullien, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der FHTW Berlin. Die Wirtschaft sei flexibel und könne sich schnell auf neue Rahmenbedingungen einstellen. »Das könnte so aussehen, dass in der Exportwirtschaft jene Jobs entstehen, die beim Bau oder im Finanzsektor wegfallen.« Die Investmentbank Goldman Sachs geht davon aus, dass die Ausfuhren im kommenden Jahr um satte acht Prozent steigen. Der Fehlbetrag in der Handelsbilanz ist zuletzt bereits gesunken.
Täglich strömen bis zu vier Milliarden Dollar in die USA
Die USA werden gerade daran erinnert, dass eine Leitwährung nicht nur Vorteile mit sich bringt. Weil der Dollar als Anlagewährung so beliebt war, flossen im Schnitt in den vergangenen Jahren jeden Arbeitstag drei bis vier Milliarden Dollar aus dem Ausland in die USA. Kapitalzuflüsse können eine Wirtschaft zwar prinzipiell stärken, doch in den Vereinigten Staaten wirkten sie wie ein süßes Gift. Sie trugen dazu bei, dass die Zinsen für Verbraucherkredite und Immobiliendarlehen dramatisch sanken – und sie sorgten für eine kräftige Aufwertung des Dollar vor seinem aktuellen Kurssturz. Die »Abhängigkeit von den ausländischen Kapitalzuflüssen« habe »die Wettbewerbsfähigkeit zerstört«, heißt es in einer Studie des Peterson-Instituts für den US-Senat.
Wenn es den Amerikanern jetzt gelingt, die Krise zu meistern, könnte dies den Status des Dollar als führende Währung sogar festigen. Denn Widerstandsfähigkeit ist eine Eigenschaft, die an den Devisenmärkten gefragt ist. »Die USA haben bewiesen, dass sie mit schwierigen Situationen umgehen können. Wie dagegen China reagiert, wenn sich die Wirtschaft einmal abschwächt, ist noch völlig offen«, sagt ein hochrangiger deutscher Währungsdiplomat. Das gelte auch für die Euro-Zone. »Die Währungsunion hat eine Zentralbank, die gezeigt hat, dass sie für eine Krise gerüstet ist. Ob die politischen Institutionen es auch sind, muss sich erst noch zeigen.« In regelmäßigen Abständen wird an den Finanzmärkten sogar über die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Währungsunion spekuliert.
Währungsexperte Truman hat den Dollar jedenfalls noch nicht aufgegeben: »Der Dollar bewegt sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Wellen. Immer wenn es bergab geht, haben wir die Leitwährungsdiskussion. Aber es ist bislang immer auch wieder aufwärtsgegangen«, sagt er. Otmar Issing, langjähriger Chefvolkswirt der EZB und zuvor der Bundesbank, glaubt, dass sich die Welt auf ein »bipolares« Währungssystem aus Euro und Dollar zubewegt.
Es bleibt also abzuwarten, ob die Chinesen tatsächlich den Dollar aufgeben. Kurzfristig sind ihnen ohnehin die Hände gebunden. Am Devisenmarkt herrscht eine Art Gleichgewicht des Schreckens. Die Reserven der Volksrepublik sind so groß, dass der Kurs des Dollar regelrecht einbrechen dürfte, wenn das Land die Vorräte auf den Markt würfe. Damit würde sie genau das herbeiführen, was Zentralbankdirektor Xu fürchtet: Einen drastischen Wertverlust der Dollarbestände.
- Datum 20.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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der dollar ist am ende. und zwar aus dem einfachen grunde, weil es die amerikanischen wirtschaftslenker so wollen, die noch nicht mal einen hehl aus ihrem interesse an einem schwachen dollar machen. pessimistische aeusserungen wie jene von harvard-professor jeffrey frankel zielen eindeutig auf eine weitere und progressive schwaechung des dollars (harvard-professoren koennten niemals der US-wirtschaft schadende theorien propagieren!). so erhoeht die amerikanische notenbank stets und staendig die geldmenge in den USA um so viel wie moeglich dollars in den aktienmarkt zu pumpen. dass dieser kuenstlich ueberbewertet ist und die US-wirtschaft sich entgegen aller beschoenigungen im sinkflug befindet, bestaetigen saemtliche finanzindikatoren. ziel ist es nach meinung vieler experten, einen grossen crash zu forcieren, der die amerikaner um ihr hab und gut bringt. als rettung boete sich dann eine neue, staerkere waehrung an, die vom establishment lanciert wuerde. diese staerke gruendete auf neu geschaffenen wirtschaftlichen rahmenbedingungen, denn sie waere gueltig fuer einen groesseren wirtschaftsraum, naemlich in ganz nordamerika, einschliesslich kanada, den USA und mexiko. wer jetzt an die freihandelszone NAFTA denkt, dem sei gesagt, dass die vorbereitungen eines nordamerikanischen bundes schon sehr viel weiter fortgeschritten sind. bereits 2005 haben US-praesident bush, der mexikanische praesident fox und der kanadische ministerpraesident martin ein abkommen unterzeichnet, das innerhalb des naechsten jahrzehnts die schaffung einer Nordamerikanischen Union nach dem modell der EU vorsieht. die gemeinsame waehrung waere der AMERO, und diese ist nicht nur eine abstrakte idee, nein, der AMERO wird bereits gedruckt und gepraegt. wer all das nicht glauben kann oder als phantasterei abtut, dem sei eine kleine reise durch das internet empfohlen mit den stichwoertern: 'nordamerikanische union/north american union' oder 'AMERO'.
Zitat"Auf den ersten Blick sieht es nicht gut aus für den Dollar: Immer mehr ausländische Unternehmen ziehen sich wegen neuer strenger Bilanzgesetze von der New Yorker Börse zurück."Selten so etwas hirnrissiges gelesen.Strenge Bilanzgesetze staerken den US Kapitalmarkt, da dadurch mehr Anleger ihr Geld den USA anvertrauen als z.B. Laendern, die laxe Bilanzvorschriften haben ( China, Nigeria..).Ausserdem fordern dadurch Investoren geringere Risikopraemien.
Ein Delisting hat ueberhaupt keinen materiellen Einfluss auf die Kapitalstroeme.
Wie gesagt, eine ganz arme Argumentation.......
Abgesehen davon, dass Herr von Heusinger gerade an anderer Stelle in diesem Blatt zum Ankauf von Dollar rät, wäre ein Ausstieg aus dem Dollar wohl leichter gesagt als getan. Falls die beiden weltgrößten Besitzer von Dollardevisen (China und Saudiarabien) nämlich anfangen sollten, Dollar zu verkaufen, würde der Dollar auf der Stelle fallen und damit ihre riesigen Dollarhorden entwerten. Dass das sofortige steile Ansteigen des Euro dann den Zusammenbruch der europäischen Wirtschaft auslöst, sei nur am Rande bemerkt. Glücklicherweise scheren sich die Zentralbanken nicht um den Rat von Leuten wie Ahmadinadsched.
Ich muß als Teilnehmer der Diskussionen eingestehen, kein Wirtschaftler, sondern ein Techniker zu sein. Deshalb blicke ich mehr vom Rand her in den aktúellen brodelnden Finanzkessel.
Von den Experten wird der starke Euro bzw. schwächer werdende Dollar immer so interpretiert, dass sich eine neue Gleichgewichtssituation schon wieder einstellen werde, weil sich im Gegenzug die US-Exporte erhöhen und die Exporte aus dem Euro-Gebiet abschwächen würden.
Auch auf die Gefahr hin, dass ich wie das Mägdelein in Andersens Märchen von des "Kaisers neuen Kleidern" wirke, frage ich ganz simpel:
Was haben denn die USA der übrigen Welt noch im Export zu bieten, nachdem sie jahrelang ihre industrielle Basis demontiert haben? Rüstungsindustrie, bestimmte Segmente der Softwareindustrie, ziviler Flugzeugbau mit Boeing(gerade der könnte mit auftauchenden Problemen beim Boeing 787-Programm ein Kern größter Übel werden- abwarten?), Landwirtschaft: In Brasilien und Argentinien geht mehr los.
Deshalb meine Zweifel, ob der der "vielfach bewährte" Mechanismus der Währungsangleichen überhaupt noch so wie in alten Zeiten funktionieren kann. Eines ist klar: Die starke und übermächtige Finanzindustrie der USA selbst eignet sich nicht als Exportschlager. Sie hat sich ausreichend diskreditiert. Bitte also um fachliche Unterstützung in dieser Frage!
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