Globale Familien Heimweh für immer

Vor mehr als hundert Jahren wanderten die Schütts nach Bolivien aus. Der Großvater machte gute Geschäfte, ein Sohn kämpfte mit Che Guevara. Doch bis heute kommt die Familie von Deutschland nicht los

Das große Reisen der Familie Schütt, das mehr als ein Jahrhundert währen sollte, begann mit drei Streichhölzern. Großvater Nicolas Jürgen Schütt hatte eine Zeitungsanzeige gelesen und sprach im Büro der Hamburger Handelsfirma Morales und Bertram vor. Drei Bewerber gab es: alle jung, männlich und ledig. Einer von ihnen sollte nach Südamerika, nach Bolivien. Nicolas Jürgen Schütt zog das kurze Streichholz. So gelangte er 1895 aus Wilster in Schleswig-Holstein nach Potosí, 4000 Meter hoch, die Luft zum Atmen knapp, dafür war die Stadt mit dem Reichtum von Silber- und Zinnminen gesegnet. Und Nicolas Jürgen Schütt blieb, heiratete eine Bolivianerin, gründete ein paar Jahre später sein eigenes Handelshaus, nannte es „Casa Schütt“ und brachte vom Champagner bis zum Automobil vor allem Luxuswaren aus Europa in die Berge. Der Großvater wurde reich, sehr reich.

Ein Streichholz, ein kurzer Augenblick, prägte sein Leben und das der folgenden drei Generationen. Ohne den Großvater hätte die Familie Deutschland nicht verlassen, ohne ihn hätte sie ihren Wohlstand nicht erreicht. Bis zum Tod behielt er die deutsche Staatsbürgerschaft, hinterließ sie seinen Nachkommen, seinem Sohn Nicolas jr., seinen Enkeln Jürgen, Willy und Klaus und den vielen anderen. Er hat ihnen so die Möglichkeit zur Rückkehr bewahrt, sie dadurch später manches Mal gerettet. Er machte sie zu Wanderern zwischen den Kontinenten.

Als sein Sohn Nicolas jr. neun Jahre alt war, schickte ihn der Großvater nach Hannover, weil dort das reinste Hochdeutsch gesprochen wurde und er die deutsche Erziehung genießen sollte. Vielleicht hatte der Großvater Angst, dass sein Sohn sonst den Kontakt zur alten Heimat verlieren würde. Vielleicht wollte er im Leben des Sohnes seine eigene Biografie wiederholen, sich so ein Stück Unsterblichkeit sichern. Da muss es geschehen sein, dass die Familie Schütt rastlos wurde, sich nie mehr ganz an einen Ort binden mochte, weil die Abschiede sonst zu sehr schmerzten. Sodass die Kinder, Enkel und Urenkel des alten Schütt noch heute lieber weiterziehen, bevor Freundschaften zu eng oder zu nah werden.

Die Deutschlandreise von Nicolas jr. ist der Beginn einer Familientradition. Obwohl er bei seiner Heimkehr neun Jahre später den Vater kaum wiedererkennt, wird er selbst alle seine neun Kinder mit spätestens 17 zum Studium in die alte Heimat des Großvaters schicken, und diese werden das Gleiche mit fast allen ihrer 27 Kinder tun. Einige werden später nach Bolivien zurückkehren, andere werden bleiben, und für manche wird es nur der erste von unzähligen Umzügen in weitere Länder sein.

Warum schickt eine Familie immer wieder ihre Kinder fort? Die Reise nach Deutschland – das ist der Familienauftrag, eine Aufgabe, die jeder Schütt bewältigen sollte. Und die Nachkommen erfüllen sie folgsam wie eine Art Wehrpflicht, einen „Dienst am Vater“. Ein patriarchalisches Prinzip: Bei den Schütts bestimmen immer die Väter für ihre Kinder, was gut für deren Zukunft ist. Und die Zukunft war in Bolivien stets ungewiss, bis heute gilt es als das ärmste und instabilste Land Lateinamerikas. Die Schütt-Kinder mussten nach Deutschland, weil es ihnen einmal Sicherheit, Schutz und Zukunft bieten könnte, eine letzte Fluchtmöglichkeit in der Not. Die Väter sollten recht behalten.

So wurden die Schütts zu einer globalen Familie, in einer Zeit, in der es die Globalisierung noch gar nicht gab. Ihr Leben bestand immer aus einer Abfolge von Abschieden und Ankünften. Auf gewisse Weise ist Deutschland auch die verordnete Ablösung von den Eltern. Alle Schütts eint die Erfahrung des Weggangs, dieses Gefühl des Verlustes im Augenblick, in dem sie die Familie verlassen müssen. Je ferner die Familie rückt, desto enger scheint sie. Zwei Generationen nach Großvater Nicolas Jürgen Schütt hat das Streichholz seinen Enkeln Jürgen, Willy und Klaus ein diffuses Gefühl der Sehnsucht hinterlassen, Sehnsucht nach Heimat und Familie.

Sie wohnen heute in drei verschiedenen Ländern auf zwei Kontinenten. Jürgen, das älteste der neun Kinder von Nicolas jr., kämpfte im Untergrund gegen die bolivianischen Diktatoren, saß im Gefängnis und streitet noch immer für eine gerechtere Gesellschaft, inzwischen in Venezuela. Willy, der seinen Teil des Familienunternehmens verlor, trägt schwer an seinem Scheitern und lebt jetzt in Deutschland, wo er nicht leben mag. Und Klaus, der Jüngste der drei, ist nach langem Reisen an den Ort seiner Geburt heimgekehrt, zum alten Familiensitz in Sucre, Bolivien, den der Vater 1941 erwarb.

Als Klaus im Jahr 1972 mit 19 Sucre verließ und nach Deutschland ging, wusste er, dass es hart werden würde. Oft wenn sich die Familie in den Jahren zuvor um den alten Eichentisch im Wintergarten versammelt hatte, erzählte Jürgen, der Älteste, den Jüngeren Klaus und Willy und den sechs anderen Geschwistern von Deutschland. Er erzählte von schlechtem Wetter und schlechtem Essen. Sein Lieblingsspruch hieß: „Wartet nur, bis ihr in Deutschland seid!“

Klaus beobachtete, wie erst Jürgen, dann Willy abreiste. Das Fortgehen hat unterschiedlich auf die Brüder gewirkt: Jürgen, der Älteste, schwor, seine Kinder später nie fortzuschicken, hielt sich aber nicht daran. Willy nahm es mit scheinbarer Leichtigkeit. Klaus weigerte sich zunächst, deshalb ging er auch erst mit 19. Da wurde die Universität in Sucre wegen eines Militärputsches geschlossen, und der Vater ließ ihm keine Wahl.

Klaus musste nach Hamburg, ans Studienkolleg, an dem die Schütts bis heute Deutsch lernen. Schon am ersten Tag verstand er, was sein Bruder gemeint hatte. In der Bahn stellte sich Klaus einem Mitreisenden vor: „Mein Name ist Schütt.“ – „Meiner nicht“, war die Antwort. Fortan besuchte Klaus bis 15 Uhr das Kolleg, danach war er allein. Am Hamburger Kolleg hatten die Schütt-Kinder ihre erste Begegnung mit der Einsamkeit. Jahrzehnte später schickte Klaus trotzdem seine vier Töchter auf dieselbe Schule. „Die Bildung in Bolivien ist katastrophal“, sagt er heute, auf dem Sofa im Sucrer Wintergarten sitzend, mit Blick auf den großen Eichentisch.

Klaus ist 55, die langen Beine hat er ausgestreckt. Seine dichten grauen Brauen verdecken beinahe seine Augen, die Arme sind mit Sommersprossen bedeckt, wenn er vors Haus tritt, trägt er einen Hut. Er sieht dann aus wie ein englischer Adliger. Klaus betreibt eine Reiseagentur, organisiert Ausflüge zum Dinosaurierpark nahe Sucre. In einem Steinbruch haben an einer steilen Felswand verschiedene Saurierarten 6000 Spuren hinterlassen. Ein paläontologischer Monsterfund. Klaus arbeitet in der alten Bibliothek, umgeben von den Büchern seines Vaters und seines Großvaters, der die Sammlung einst begonnen hat. Der Großvater hat sich die Fremde herbeigesehnt, davon erzählen die Romane, die er las. Sie tragen Titel wie Krokodilfieber, Kämpfe mit Riesenfischen, Shanghai im Zwielicht. Blassbraune und grünliche Buchrücken, innen haben sich die Seiten gelb gefärbt. Sie erinnern den Enkel immerzu daran, dass es für einen Schütt keine Heimat gibt, solange er die Welt sehen kann. Die Bücher haben unzählige Militärputsche überdauert. Sie sind das Gedächtnis der Familie.

Von der Bibliothek aus herrscht Klaus über das Erbe der Familie. Bei jeder Veränderung am Haus reagieren seine Geschwister mit Schmerz. Es ist der Ort, an dem die meisten von ihnen geboren wurden, der Ort, an dem der Großvater starb. Das Haus hat Klaus’ Vater Nicolas jr. gekauft, der erste Deutschlandreisende der Schütts. Er ist es, mehr noch als der Großvater mit dem Streichholz, auf den sich die Schütt-Geschwister beziehen. Klaus und seine Brüder Willy und Jürgen beschreiben ihn als witzig, fleißig und weltgewandt; er war der Star der Familie. Seine Kinder verehrten ihn, wollten ihm gleichen, um seine Liebe wetteiferten sie. Der Vater war es auch, der die Casa Schütt des Großvaters zu einem bedeutenden Großhandelsunternehmen mit Filialen in mehreren Städten ausbaute. Nicolas jr. lebte und arbeitete global. Er sprach vier Sprachen und heiratete Klaus’ Mutter Elisabeth Hodgekinson. Betty, wie sie genannt wird, ist englischer Abstammung. Sie vererbte der Familie die Sommersprossen, die helle Haut und die Vorliebe für den Fünf-Uhr-Tee.

Unten im ersten Stock des Hauses, an einer der Hauptstraßen von Sucre gelegen, war früher die Firmenzentrale des Vaters. Im Salon, wo der Vater legendäre Feste feierte, stehen noch immer die alten mit rosa Samt bezogenen Chaiselongues. Heute ist es das Schlafzimmer von Klaus und seiner Frau. Die Schallplatten des Vaters, Beethoven und Händel, ruhen in den Regalen. An den Wänden stehen die dunklen Holzmöbel, die er anfertigen ließ. Es ist, als lebe Klaus in der Kulisse seiner Kindheit, im Museum seines Vaters. Näher kann man ihm nicht rücken. Und das scheint es zu sein, was sich die Kinder, die einst fortgeschickt wurden, wünschen, selbst neun Jahre nach dem Tod des Vaters: Nähe zu ihm.

Klaus, sagen die Geschwister, sei der Lieblingssohn des Vaters gewesen, weil er so niedlich war als Kind und so intelligent. Er hat ein lexikalisches Gedächtnis, es gibt kaum ein Thema, zu dem er nicht einen klugen halbstündigen Vortrag halten könnte. Klaus hat Filmregie studiert in Berlin, lange in Deutschland und Ecuador gelebt, an der Universität unterrichtet.

Klaus hat sich all die Jahre hindurch, in denen er fort war, immer nach Bolivien gesehnt. Er empfindet eine besondere Verantwortung für die neue Heimat der Schütts: „Wir sind die Privilegierten. Es ist unsere Pflicht, etwas zurückzugeben.“ Zusammen mit seinem Bruder Jürgen hat er von der Revolution, von Marxismus geträumt, davon, die ständig wechselnden Diktatoren Boliviens zu stürzen. Vor Klaus auf dem Tisch im Wintergarten liegt ein Buch. Darin ist ein Foto von Jürgen, dem älteren Bruder. Er kämpfte einst wie Che Guevara in der Guerillagruppe ELN, der bolivianischen Nationalen Befreiungsarmee. Klaus betrachtet das verschwommene Schwarz-Weiß-Bild, er hat Jürgen seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Im Gegensatz zu Jürgen bewahrte Klaus immer eine innere Distanz zur Ideologie, sodass sie sich seiner nie ganz bemächtigen konnte.

Trotzdem wurde Klaus 1980 wegen seiner Ideen verhaftet; das Militär hatte einmal mehr geputscht. Klaus leitete damals den Universitätssender und hatte mit einem Kamerateam in der Nähe des Regierungspalastes gefilmt. Im Gefängnis musste er durch ein Spalier von prügelnden Militärs laufen und wurde scheinexekutiert. Es ist das einzige Mal, dass Klaus während seiner Erzählung verstummt. Es dauerte sechs Tage, dann rettete ihn seine deutsche Staatsbürgerschaft, er wurde freigelassen und floh kurz darauf nach Deutschland. Das Prinzip der Väter ging auf.

17 Jahre später, als Klaus schon wieder in Sucre lebte, wählte das bolivianische Volk den ehemaligen Diktator Hugo Banzer aufs Neue an die Macht. „Das fand ich schockierend“, sagt Klaus. Was bleibt, ist Ironie: „In Bolivien werden die Sachen eben ein bisschen anders gemacht.“ Klaus’ Träume von der Revolution sind vorbei, am Menschen gescheitert.

Manchmal dringen während des Gesprächs von der Straße schrille Sprechchöre ins Haus: „Evo, du Hurensohn!“ Sie gelten Evo Morales, dem ersten indianischen Präsidenten Boliviens, der seit zwei Jahren regiert. Seit Tagen herrscht in Sucre revolutionäre Stimmung. Die Politik Boliviens ist ähnlich unbeständig wie die Lebensläufe der Schütts, diese politischen Wirren haben dazu beigetragen, dass die neun Geschwister heute über drei Kontinente verteilt leben.

Am Abend tritt Klaus auf die Straße, er will zu einer Buchpräsentation im Obersten Gericht. Vor dem Theater haben sich Hunderte Demonstranten versammelt. Sie sind wütend, weil die verfassunggebende Versammlung, die drinnen tagt und wieder einmal versucht, dem Land eine neue Ordnung zu geben, es abgelehnt hat, über einen Regierungsumzug von La Paz nach Sucre zu diskutieren. Autoreifen brennen. Klaus durchquert mit großen Schritten die Menge und läuft auf das Gerichtsgebäude zu, vor dem Soldaten mit Pumpguns im Arm aufmarschiert sind. Drinnen stellt ein spanischer Autor ein Buch über Urteile aus der Kolonialzeit vor. Nach der Lesung gibt es Häppchen. Klaus begrüßt zwei Cousins. Die Schütts gehören zu den alten weißen Familien der Stadt, zur Oberschicht. Viele im Saal kennen sich schon aus dem Kindergarten, haben zusammen auf den Fincas gespielt.

Wenn Klaus die Anwesenden betrachtet, kommt ihm ein Film von Luis Buñuel in den Sinn, Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Es liegt ein Gefühl von Abschied im Saal, als sei dies ein letztes Aufbäumen einer in die Jahre gekommenen Gesellschaft kurz vor ihrem Untergang. Klaus ist davon überzeugt, dass niemals mehr ein Weißer Bolivien regieren wird. Die alten mächtigen Familien treten ab.

Als Klaus’ Bruder Willy mit 17 Sucre verließ und nach Deutschland ging, im Winter 1964, fiel ihm als Erstes auf, dass er den Himmel nicht sehen konnte, da waren zu viele Wolken. Der Vater hatte eine Handelsschule in Münster für ihn ausgesucht. Willy erwartete ein Jahr der Ablenkung, für ihn war klar, dass er nach Bolivien zurückkehren würde. Tatsächlich erinnert er sich nur an Schönes, an Partys, schicke Frauen. Er hatte kein übermäßiges Heimweh. Nicht wie bei seinem jetzigen Deutschlandbesuch, der nun schon 13 Jahre dauert.

Vor mehr als einem Jahrzehnt war es nicht Klaus, sondern Willy, der im Haus des Vaters lebte und bei gesellschaftlichen Anlässen wie dem im Obersten Gericht von Sucre auftrat, wie zuvor der Vater und davor der Großvater. Willy liebte das Feiern. Nun wohnt er mit seiner Frau Grisel in Brockhagen, einem Dorf nicht weit von Bielefeld. Er ist an den Anfang dieser Geschichte zurückgekehrt, ins Land des Großvaters, ins Land des Streichholzes. Als Einziger der neun Enkel.

Willy sieht Klaus ähnlich, die Größe, die helle Haut, die Sommersprossen, nur dass er im Gegensatz zu seinem fast asketisch wirkenden Bruder die Körperform eines Mannes hat, der gern genießt. Seit ein paar Tagen beobachtet Willy den Regen durchs Fenster. Wenn es einen Superlativ von grau gäbe, beschriebe er die Farbe des Himmels. Willys Blick geht zum aufblasbaren Schwimmbecken im Garten, das sie dieses Jahr nur zweimal benutzt haben. „Wir leben im schwarzen Loch“, sagt er und versucht ein Lächeln.

Willy Schütt wird bald 60, und wenn er sich in seinem Wohnzimmer umschaut, ist da fast nichts, was ihm gehört: Die Einrichtung stammt vom Vermieter des Zweifamilienhauses. Nur der Esstisch und die Fotos auf dem Sekretär sind von ihm – Bilder von Willy, damals mit schwarzem Haar und Bart, neben Richard von Weizsäcker und dem spanischen König. Sie wirken wie Denkmäler besserer Tage, als Willy noch deutscher Konsul in Sucre war wie vor ihm sein Vater und sein Großvater. Und sie erinnern ihn an sein Scheitern, auch vor der Familie, vor dem Vater.

Willy versinkt in Erinnerungen, erzählt, wie Nicolas jr. – Willy nennt ihn „pan de dios“ , Brot Gottes, ein Inbegriff der Liebenswürdigkeit – seine neun Kinder mit Zaubertricks unterhielt. Willy schwärmt von den legendären Geburtstagsfesten des Vaters im Sommerhaus der Schütts in San Joaquín, nahe Sucre, mit Champagnerfrühstück und reichlich Kaviar.

Auch Willy muss eine Erscheinung gewesen sein in Sucre. Er war der erste Hippie der Stadt, und als er seine langen Haare abschneiden musste, weil die Diktatur sie nicht duldete, fuhr er mit seinem Auto durch den Ort und warf die Strähnen aus dem Fenster. Danach sollte er ein Bußgeld zahlen, die Polizei entließ ihn aber mit den Worten: „Es hat dem Volk so viel Spaß gemacht, das kann man nicht bestrafen.“ Willys Lachen füllt den Raum.

Vielleicht begann das Unglück, als Willys Vater das Geschäft unter seinen Söhnen aufteilte. Vielleicht hatten sie nicht den Willen des Großvaters und nicht das Talent des Vaters. Willy übernahm Sucre, seine Brüder Klaus und Jürgen lehnten ab. Wahrscheinlich war das ihr Glück. Zu Beginn lief es nicht schlecht. Dann wurden immer mehr Waren aus den USA nach Bolivien geschmuggelt. Eine Stereoanlage oder ein Kühlschrank kosteten auf der Straße ein Drittel des Preises der Casa Schütt. „Da gehste kaputt“, sagt Willy.

Zudem gab es mehr Konkurrenz als zu Zeiten des Vaters und Großvaters, die Welt war zugänglicher geworden, nicht nur ihre Familie handelte nun mit importierten Waren. Die Schütts konnten nicht mithalten. Vielleicht war Willy auch nicht der beste Geschäftsmann. Nur ein winziger Teil des einst großen Handelshauses Casa Schütt existiert heute fort. Einst wäre die Firma ohne den globalen Markt nicht möglich gewesen, nun hat er sie mit zerstört.

Willy sagt: „Ich habe in Bolivien ein Superleben gehabt, aber hier bin ich auch sehr glücklich.“ Er wiederholt das immer wieder an diesem Tag, und am Ende lächelt er jedes Mal. Vor dem Fenster in Brockhagen hat der Regen die Wiese im Vorgarten in eine schlammige Pfütze verwandelt.

Willy redet nicht darüber, was passiert ist in Bolivien. Er sagt nur, die Geschäfte seien schlecht gelaufen, der Schmuggel, er habe den Falschen vertraut. Alles habe keinen Sinn mehr gehabt, deshalb habe er sich entschlossen zu gehen. Bei diesem Thema werden alle in der Familie sehr still. Von einem Tag auf den anderen musste Willy 1994 die Firma des Vaters, das Haus in Sucre, seinen Posten als deutscher Konsul, die Heimat, die Eltern verlassen. Das Prinzip der Väter: Deutschland als Zufluchtsort für ihre Kinder – es funktionierte auch bei Willy. Er hatte sein Geld in einer katastrophalen Fehlinvestition verspielt. „Ich habe im Leben viel mit dem Herz entschieden und wenig mit dem Kopf. Sonst wäre ich vielleicht nicht hier“, sagt er.

Vor seiner Abreise fuhr Willy noch einmal zum Vater, um sich zu verabschieden. „Es war nicht angenehm für mich.“ Der Vater ist gestorben, ohne dass Willy ihn noch einmal gesehen hätte. Ohne dass Willy noch einmal vor ihm hätte bestehen können.

Willys Geheimnis, das Familiengeheimnis lässt sich aus vielen Andeutungen zusammensetzen: Anfang der Neunziger bekam Willy Briefe aus Nigeria, wie viele Unternehmer zu der Zeit; später wurde eine millionenfach verbreitete Spam-E-Mail daraus. In den Briefen schrieben nette Herren, sie hätten ein großes Vermögen auf einem Schweizer Konto geparkt, hätten darauf aber momentan keinen Zugriff, weil sie bei Nigerias Mächtigen in Ungnade gefallen seien. Sie schlugen Willy ein kompliziertes, aber gut klingendes Geschäft vor: Sie wollten unter seinem Namen auftreten, im Gegenzug versprachen sie ihm 20 Millionen Dollar. Erst einmal aber musste Willy investieren, einmal, noch einmal … und so ging es weiter. Er glaubte so sehr daran, dass auch seine Brüder ihn nicht aufzuhalten vermochten. Am Ende verschwanden die Nigerianer, und Willy hatte alles verloren, die Firma des Vaters war in Gefahr. Seine Geschwister konnten Willy trotzdem nicht wirklich böse sein. Er hatte ihnen zuvor mit seiner ganzen Liebenswürdigkeit eine Million versprochen.

Eine Zeit lang muss es dennoch schwierig gewesen sein zwischen den Familienmitgliedern, vor allem zwischen Willy und Klaus. Das Scheitern des einen bedeutete auch die Heimkehr des anderen. Ihre Mutter hatte Klaus 1991 das Haus des Vaters, in dem Willy damals wohnte, zum Kauf angeboten, da liefen Willys Geschäfte schon nicht mehr gut. Willy sagt dazu nichts. In jeder Familie gibt es Themen, bei denen das Schweigen lauter ist als das Reden.

Anfangs, als Willy nach Deutschland kam, arbeitete er in einer Gärtnerei, später lange in einem Lebensmittelbetrieb. Vergangenes Jahr wurde er entlassen, zu alt. Im Augenblick ist er arbeitslos. Für Willy, der früher in Sucre legendäre Feste feierte, Dienstmädchen regierte, große Wagen fuhr und dessen Frau Pelze trug, scheint in Deutschland alles ein wenig zu klein: das Sofa zu schmal, die Decken zu niedrig, das Zimmer zu winzig. Es ist, als wäre das Leben an sich eingelaufen. „Was aus uns wird, wissen wir nicht“, sagt er. Seine Frau Grisel und er können nicht fort, sie können es sich nicht leisten. In einer Familie, in der alle ständig in Bewegung sind, sind sie zum Stillstand verurteilt.

Als Jürgen, der ältere Bruder von Klaus und Willy, Sucre mit 17 verließ und das Schiff nach Deutschland bestieg, hatte er nur die Schwarz-Weiß-Bilder aus der Wochenschau im Kopf. Als er 1954 in Hamburg ankam, sah es tatsächlich aus wie in den Filmen; Deutschland in Farbe war noch vom Krieg zerstört. In Stuttgart studierte Jürgen Maschinenbau und lernte seine Frau Marianne kennen. Er trat in den SDS ein, las begeistert Marx, Lenin und Adorno.

„Ich war schon immer links“, sagt er. Bei ihrem Sommerhaus in San Joaquín, wo er als Kind seine Ferien verbrachte, lebten auch vier Indianerfamilien, Leibeigene der Schütts. Einmal wurde einer von ihnen von Weißen ausgepeitscht, nur eine der Ungerechtigkeiten, die sich in Jürgens Gedächtnis brannten. Er war 13, als er die erste Revolution in Bolivien erlebte; daraufhin folgte ein Militärputsch dem nächsten.

Jürgen sitzt zehn Flugstunden von Willy und vier von Klaus entfernt auf der Terrasse seines Hauses in El Hatillo, einem Dorf in der Nähe von Caracas, Venezuela. Seine Haare sind fast weiß, er trägt Turnschuhe und Jeans. Die Geschwister nennen seinen Namen immer mit Hochachtung. Sie bewundern Jürgen, vielleicht weil er am meisten für seinen Traum von der besseren Gesellschaft geopfert hat, am Ende auch seine Heimat und seine Familie.

Jürgens Haus ist karg eingerichtet, es gibt keine Andenken und kaum Fotos von den Schütts. Es sieht aus, als habe sich jemand bemüht, jegliche Erinnerungen auszulöschen. Um den Tisch im Wohnzimmer herum stehen sechs Stühle, nur auf zweien liegen Kissen. Jürgens deutsche Frau Marianne verträgt Besuch nicht gut, seitdem Jürgen im Gefängnis war. Sie ist danach nie mehr in seine Heimat Bolivien gefahren. Die Familie Schütt hat sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Auch an diesem Tag ist sie nicht zu Hause.

1967 wurde Che Guevara in Bolivien erschossen. Jürgen wollte zurück, mitkämpfen, etwas tun. Über Prag reiste er unter dem Namen „Javier“ mit einem kubanischen Pass nach Kuba. Zwei Monate übte er dort für den Guerillakrieg. Am Ende konnte er mit geschlossenen Augen ein Maschinengewehr zusammen- und auseinanderbauen. Danach kehrte er heim nach Bolivien. Es war eine gefährliche Zeit, Freunde wurden verhaftet und umgebracht. Manchmal treten ihm Tränen in die Augen, wenn er davon erzählt.

Jürgen erinnert sich noch genau an den Tag seiner Verhaftung, den 20. Juli 1969. In der Nacht erlebten er und seine Frau Marianne am Radio die Mondlandung mit. Um Mitternacht stürmte die Polizei die Wohnung in La Paz. Das erste Verhör führten der bolivianische Innenminister und der Chef der Geheimpolizei, Roberto Quintanilla, gemeinsam. Als Jürgen verächtliche Antworten gab, setzte ihm der Innenminister eine Pistole an den Kopf und drückte ab. Zum Schein, es war keine Kugel darin.

Seine Mutter und alle Geschwister, auch Klaus und Willy, besuchten ihn im Gefängnis. Die Familie hielt stets zu ihm, auch wenn die meisten seine politischen Ansichten nicht teilen. Nur der Vater kam nicht. Ein Mann wie er gehöre dort nicht hin, sagt Jürgen.

Nach einem Jahr Haft wurde Jürgen 1970 nach Deutschland abgeschoben. Wieder bewährte sich das Prinzip der Väter, Deutschland bot Schutz. Aber es war noch nicht vorbei. Am 1. April 1971 betrat eine Frau das Hamburger Generalkonsulat Boliviens und tötete Jürgens ehemaligen Verhörer, den gerade eingesetzten Konsul Roberto Quintanilla. Jürgens Frau Marianne wurde in den Zeitungen als Verdächtige genannt. Tatsächlich soll eine alte Schulfreundin von Jürgen aus Sucre und ELN-Genossin Quintanilla umgebracht haben. Zwei Jahre später wurde sie in Bolivien erschossen. Viele von Jürgens Freunden leben heute nicht mehr. Ab und zu klingen seine Geschichten so unglaublich, dass sie ihm selbst unwirklich erscheinen und er verstummt.

Nach Bolivien durfte Jürgen in den siebziger Jahren nicht zurück, also ging er mit Marianne und den Kindern 1976 nach Venezuela. Jürgen ist ein Chávista, ein Hugo-Chávez-Anhänger. Er redet vom Aufbau des „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, von Selbstverwaltung, neuer Verfassung und den „fünf Motoren des Sozialismus“. Er klingt wie ein ostdeutscher Bürgerrechtler kurz nach dem Mauerfall – enthusiastisch, zuversichtlich, auch ein wenig naiv. Jürgen unterstützt Projekte in den Armenvierteln und wurde gerade in den Gemeinderat seiner Nachbarschaft gewählt. An diesem Abend soll er vereidigt werden.

Als es dunkel wird, fährt Jürgen durch den Regen zu einer Grundschule, wo sich der neue Gemeinderat trifft. Er blickt sich um: „Ich bin stolz. Das hier ist wirklich nicht die Bourgeoisie.“ Er ist der einzige der Neugewählten, der studiert hat. Die anderen sind Buchhalter, Verkäuferinnen, Keramiker. Bei schwierigen Fragen schauen sie ihn an, als suchten sie seinen Rat. Jürgen würde gern ganz zu ihnen gehören, aber für die anderen bleibt er immer auch ein Fremder, einer aus der Oberschicht.

Wenn Jürgen nachher nach Hause fährt, wartet dort seine Frau Marianne. Sie ist gegen Hugo Chávez. Zu Treffen mit seinen neuen Freunden begleitet sie Jürgen nie. Das Paar hat aufgehört, über Politik zu reden. Es müssen stille Abende sein im Wohnzimmer in El Hatillo.

Jürgen ist jetzt fast 70, zuckerkrank, beim Autofahren vergisst er manchmal, das Licht einzuschalten. Er hat sein Leben lang dafür gekämpft, dass es anderen besser geht, auch um seinen Vater zu erreichen. An dessen sozialem Gewissen misst er sich. Der Vater überließ den Indianern in San Joaquín Land zum Bewirtschaften und kümmerte sich stets um die Bettler auf Sucres Straßen. Wenn Jürgen von ihm spricht, nimmt der Vater, ähnlich wie in den Erzählungen seiner Brüder, fast mythische Züge an. „Ich konnte ihn nie übertreffen an Familiengefühl und Liebenswürdigkeit“, sagt Jürgen. Diese venezolanische Revolution ist die letzte Hoffnung des Jürgen Schütt. Dass nicht alles umsonst gewesen ist.

Ein paar Wochen später auf der Hochzeit einer Nichte von Jürgen, Willy und Klaus in Hamburg. Willy steht allein auf der Tanzfläche. Er hatte darauf gehofft, seine Brüder wiederzusehen, aber Jürgen und Klaus sind nicht gekommen. Willy hat seit 13 Jahren nicht mehr getanzt, seit seiner Abreise aus Sucre. Zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit trägt er wieder einen Anzug, seine Frau hat ihre Füße in Stilettos gezwängt. In zwei Tagen müssen sie zurück ins „schwarze Loch“. Er muss diese Gelegenheit nutzen. Willys mächtiger Körper beginnt zu beben, er reißt die Arme in die Luft, zieht seinen Kopf ein wenig ein, lässt die Hüfte kreisen und dreht sich, schneller und immer schneller, bis die Gesichter seiner Familie vor seinen Augen verschwimmen.

Die neun Geschwister leben nun in vier verschiedenen Ländern, ihre 27 Nichten und Neffen in acht. Oder waren es neun oder zehn? Willy und seine Brüder sind sich nicht sicher. Die Schütts wechseln Orte und Kontinente so schnell, dass die Familienmitglieder es aufgegeben haben, sich jede ihrer Bewegungen zu merken.

Deutschland ist für die Geschwister das Land des Großvaters geblieben, eine Durchgangsstation – die Schütts sprechen gut Deutsch, untereinander aber immer Spanisch. Auch wenn es nicht alle glücklich gemacht hat: In den wichtigen Augenblicken ihres Lebens hat das Prinzip der Väter, auf Deutschland als Bezugspunkt zu bestehen, den Brüdern Willy, Klaus und Jürgen geholfen, sie vermutlich sogar gerettet. Vielleicht haben sie deshalb das Prinzip bei ihren Kindern fortgeführt. Nur eines der neun Kinder von Nicolas jr. hat sich widersetzt und seine Söhne und Töchter nicht nach Deutschland geschickt. Sie werden von den anderen Schütts nun ein wenig bedauert: Sie scheinen in Bolivien den Anschluss an die globale Welt, an die Zukunft zu verpassen.

Nach der Hochzeit in Hamburg werden sich die Schütts wieder über die Welt verteilen. Willys Schwester, die Mutter der Braut, wird nach Bolivien heimkehren und eine Rundmail mit Hochzeitsbildern an alle schicken. Die Fotos werden bei Willy in Brockhagen, bei Klaus in Sucre und bei Jürgen in El Hatillo auf dem Bildschirm erscheinen und ihnen das Gefühl geben, zusammen zu sein. Sie werden an die Geburtstage in San Joaquín denken, an ihren Vater, den Unerreichbaren, und an die Braut, die jetzt 30 ist. Auch sie ist einmal mit 17, der Tradition folgend, nach Hamburg gezogen. Sehr wahrscheinlich wird sie nicht auf ewig in Deutschland bleiben. Sehr wahrscheinlich wird sie später ihren Kindern die Geschichte von den drei Streichhölzern erzählen und sie ins Land ihres Urgroßvaters schicken. Das Prinzip der Väter hat gesiegt.

 
Leser-Kommentare
    • lef
    • 17.11.2007 um 14:06 Uhr

    zum Reichwerden nach Bolivien, aber wenn es schief geht, zurück nach Deutschland, da gibt es diplomatischen Schutz für den Revoluzzer Jürgen und Sozialhilfe für  den abgestürzten Spekulanten Willy.Und natürlich: Gratisstudium für Alle (das hilft in Bolivien enorm beim Reichbleiben).Zum Glück  regnet es immer nur in Deutschland und die Leute sind böse,das hilft dann wiederum beim Zurückgehen - wer lebt schon freiwillig in Deutschland, wenn es doch viel schöner ist, in Bolivien reich zu sein.....

  1. um es dort zu etwas zu bringen.Aber in dieser Familie sehe ich die Zerissenheit ,die durch das Leben in verschiedenen Laendern kommt.
    Trotzdem scheinen sie sich einen Mittelpunkt behalten zu haben...finde ich gut.

    • Anonym
    • 17.11.2007 um 14:48 Uhr

    interessanter Artikel.
    Und an Lef; besser Abzocker sein, als von den Politikern abgezockt zu werden, hehehe

  2. @lefHaben Sie sich mal selbst gefragt, woher diese Aggression gegen "abzockende Kosmopoliten"? Unsere nationale Geschichte sollte uns doch über Unsinnigkeit wie Bösartigkeit gerade dieser Behauptung eingehend belehrt haben.Wenn Sie sich das so angenehm vorstellen - wohlan, ziehen Sie das Streichholz und gehn zum Reichwerden nach Sonstwohin. Viel Erfolg!Kopfschüttelndstellasirius

    • lef
    • 18.11.2007 um 15:07 Uhr

    was wollen sie?Abzocken ist doch prima - das ist von mir durchaus positiv gemeint.wer das nicht macht, ist selber schuld - wie die anderen Kommentare und auch Ihrer ja zeigen.Absahnen und Abhauen - das ist für Deutsche besonders einfach und wird sogar vom Staat massiv gefördert.(Ich bin übrigens auch schon weg - ich zahle diesem Pleiteunternehmen BRD doch keine Steuern auf meinen hier erworbenen Reichtum - bin ja nicht blöd!).

    • lef
    • 18.11.2007 um 15:11 Uhr

    mein Sohn muss leider noch bleiben - der studiert noch.Aber wenn er fertig ist, kommt er natürlich nach. dann kriegt er noch einige Semester einer wirklich guten Uni hier(nicht so eine deutsche  Gratisuni, das ist ja höchstens Grundstudium, zum Gratismitnehmen man gerade ausreichend) .

    • Anonym
    • 18.11.2007 um 15:52 Uhr

    zum Reichwerden.Man ist der Prinz in Saudi Arabien.
    Deshalb verstehe ich nicht, dass die emanzipierten Frauen niemanden von dieser Männersorte heiraten. Später können sich scheiden lassen und Millionen als Abfindung abkassieren...Ich weiss, moralisch ist dies etwas problematisch, aber immer besser als Schwarzfahren.

  3. 8. @lef

    Das Schauspielern üben wir aber nochmal, ja?Das Provozieren ebenso.
    @crusaderDu verwechselst da eine Kleinigkeit. Scheidung auf saudisch heißt auch Verstoßung, und an Villa und Abfindung ist dabei weniger gedacht.

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 15.11.2007 Nr. 47
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