DIE ZEIT: Herr Korn, Sie wurden vom Bundestag kürzlich als Experte zum Gedenkstättenkonzept gehört, das unseren weiteren Umgang mit NS- und DDR-Zeit regelt. Weil das Thema DDR einen so großen Raum einnimmt, befürchten vor allem NSGedenkstättenleiter eine Verharmlosung des »Dritten Reiches«. Kulturstaatsminister Bernd Neumann versuchte diese Furcht zu zerstreuen, indem er sagte: Wir dürften weder die nationalsozialistischen Verbrechen relativieren noch die DDR bagatellisieren. Sie selbst bezeichneten das als fromme Präambel. Was verbirgt sich dahinter?

Salomon Korn: Hier werden Nationalsozialismus und SED-Diktatur gleichrangig behandelt. Von »doppelter Diktatur« ist da die Rede, von den »beiden deutschen Diktaturen«, den »beiden totalitären Systemen«. Warum spricht man nicht von »zweierlei Diktaturen« oder »zwei Diktaturen auf deutschem Boden«? Wenn man nur will, lassen sich die Begriffe scharf voneinander abgrenzen. Die Tatsache, dass das nicht geschieht, scheint mir doch entlarvend: Man setzt das eine mit dem anderen gleich. Zudem heißt es, nun sei das eine hinreichend behandelt und wir müssten uns auf das andere konzentrieren. Tatsache ist aber, dass nie in der Geschichte eine Diktatur so umfassend, so schnell, mit solch hohem personellen und finanziellen Aufwand aufgearbeitet wurde wie die in der DDR.

ZEIT: Das kann doch kein Grund zur Klage sein! Offenbar haben wir aus der schleppenden Aufarbeitung nach 1945 gelernt.

Korn: Und dennoch ist es eine Legende, dass das meiste über den Nationalsozialismus bekannt sei. Da gibt es noch unübersehbares Material für die nächsten Historikergenerationen. Zurzeit wird DDR-Unrecht in die eine Waagschale gelegt und der Nationalsozialismus in die andere, um beides gegeneinander aufzuwiegen. Das Bedürfnis wächst, sich auf SED-Unrecht zu konzentrieren, um das nationalsozialistische zu kompensieren. Salomon Korn ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main © Ralph Orlowski/Getty Images BILD

ZEIT: Manche Historiker beklagen genau das Gegenteil. Haben Sie Verständnis für Kollegen, die eine Verharmlosung der DDR durch die Fokussierung auf den Faschismus fürchten?

Korn: Ich habe auch mit der Formel von der Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen Probleme. Der Holocaust muss mit anderen Ereignissen verglichen werden, sonst kann man seine Einzigartigkeit nicht feststellen. Dann wird deutlich: Die nationalsozialistischen Verbrechen sind von europäischer Dimension, das Unrecht in der DDR ist von teilstaatlich deutscher Dimension. Wenn man vergleicht, was von Hitlerdeutschland und was von der DDR ausging, dann stellt man einerseits ein nie da gewesenes Inferno und andererseits ein großes Unrecht fest, aber eines ohne Vernichtungswillen gegenüber bestimmten Minderheiten oder anderen Völkern.

ZEIT: Sehen Sie noch andere Gründe, die eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte als kompensatorischen Akt erscheinen lassen?