Kunst Guter Luxus
Wer wissen will, wie die internationale Kunstszene tickt, muss ins Grill Royal. Das Berliner Restaurant ist das neue Hauptquartier erfolgreicher Galeristen, Künstler und Sammler. Ein Sittengemälde
Maria Baibakova trägt ein buntes Strickkleid von Missoni und am Ohr Diamanten in Golfballgröße. Gestern habe sie ein bedeutendes Gemälde von Baselitz gekauft, erzählt sie. Baibakova ist 22 Jahre alt und mit ihrer Mutter eigens für ein Abendessen nach Berlin geflogen, ein Abendessen im Grill Royal, dem neuen Zentrum des deutschen Kunstbetriebs.
Wer in dieses Zentrum will, muss ein paar Treppen hinuntersteigen. Von der Berliner Friedrichstraße führen die Stufen hinab zum Ufer der trüben, mehr stehenden als fließenden Spree. Hier, im untersten Geschoss eines der letzten DDR-Bauten in Berlin-Mitte, sieht man hinter einer langen Fensterfront Menschen in einem niedrigen, großen Raum an Tischen sitzen, die Atmosphäre ist bernsteinfarben. Rote Lampen aus den fünfziger Jahren spenden warmes Licht, das von getönten Spiegelsäulen im Raum verteilt wird, das Holzparkett ist dunkel, die Bänke und Sessel sind bequem gepolstert.
Hier sitzt Maria Baibakova nun. Vor Kurzem erst ist sie nach London gezogen, davor wohnte sie mit ihren Eltern am Columbus Circle in New York, im 74. Stock. Jetzt will sie noch einen Master in Kunstgeschichte machen. Nebenbei baue sie eine Sammlung auf, mit dem Geld ihres Vaters, der früher im Vorstand einer russischen Minengesellschaft saß. »Eines Tages wird das eine sehr große Kunstsammlung sein«, sagt Baibakova. »Natürlich mit einem Schwerpunkt auf russischer Kunst.« Die Mutter lächelt stolz. An ihrem Handgelenk trägt sie eine goldene Uhr von der Größe einer kleinen Untertasse. Schon von dem Schmuck, den Mutter und Tochter heute Abend tragen, könnte man eine recht bedeutende Sammlung russischer Kunst zusammenkaufen.
Die beiden fühlen sich sichtlich wohl im Grill Royal. Auch hier schmückt man sich mit viel Kunst, mit einem lebensgroßen Haikopf aus Plastik etwa, der von einer Performance übrig geblieben ist, oder einer über und über mit Kerzenwachs betropften alten Vespa von dem in Miami lebenden Künstler Mark Handforth. Betrieben wird das Restaurant von Boris Radczun, der bisher vor allem das Nachtleben der Stadt bereicherte, etwa mit dem Pogo-Club. Teilhaber und Finanziers sind der Rahmenbauer und Sammler Stephan Landwehr und der Galerist Thilo Wermke. Dieses Trio hat es geschafft, das Grill Royal innerhalb kurzer Zeit als Treffpunkt einer ganz bestimmten Kunstszene zu etablieren. Wohl nirgendwo sonst lässt sich derzeit so viel über den gegenwärtigen Zustand des globalen Kunstbetriebs erfahren wie hier.
Im Grill treffen sich nicht alle Galeristen und Kunstschaffenden der Stadt, sondern vor allem diejenigen, die vom Kunstboom der letzten Jahre profitiert haben, die international tätig sind und sich nicht mehr als Alternativ- oder Offszene verstanden wissen wollen. Nach der Wende waren viele von ihnen als junge und unbekannte Künstler, Studenten oder einfach nur Abenteuerlustige nach Berlin gekommen, der niedrigen Mieten und des Freiraums wegen. Freunde eröffneten Ausstellungsräume in den Ruinen alter Kaufhäuser, andere Freunde betrieben illegale Clubs, in denen man bis in den Morgen feiern und sich günstig betrinken konnte. Nun aber scheint die Zeit der Abenteuer vorüber, die Freude am Vorläufigen verrauscht. Nun trifft man sich im Grill Royal.
Es ist ein Restaurant für Erwachsene und Reiche, die sich Steaks von frei laufenden Pamparindern leisten können und danach einen Vogelbeerenbrand. Und von diesen Erwachsenen gibt es in Berlin heute mehr, als selbst die angestrengtesten Hauptstadtförderer noch vor wenigen Jahren gehofft hätten.
Stets ist der Grill auf Tage hin ausgebucht, junge Geschäftsleute mit teurem, aber nicht ganz sicherem Geschmack fläzen auf den Sitzbänken, natürlich auch der Haarschneider Udo Walz und zwei, drei Darstellerinnen aus den Vorabendserien des Privatfernsehens. Der Filmemacher Helmut Dietl beobachtet das Treiben meist von einem Fenstertisch aus. Er, der große Münchenversteher, arbeitet hier an einem Drehbuch, ganz so, als sei plötzlich Berlin das neue München. Es soll, so wird gemunkelt, eine Fortsetzung der Fernsehserie Kir Royal werden oder vielleicht des Films Rossini . Jedenfalls eine Geschichte, die vom Glück erzählt, von Erfolg und Macht, von einem Berlin also, das man bislang so nicht kannte.
Der Geldstrom auf dem internationalen Kunstmarkt, auf dem dieses Jahr wahrscheinlich weit mehr als zehn Milliarden Euro umgesetzt werden, hat auch etwas Reichtum in die arme Hauptstadt gespült. Der Speisesaal des Grills ist immerhin 650 Quadratmeter groß, die muss man erst mal mit Gästen füllen können, die sich einen Vogelbeerenschnaps leisten können, das kleine Glas zu 24 Euro. Ein solcher Ort, an dem es Champagner aus Magnumflaschen und Tsarskaya-Austern gibt und die Steaks nicht nur aus der Pampa, sondern auch von italienischen Fiorentina- und handmassierten japanischen Kobe-Rindern kommen, scheint in Berlin bisher gefehlt zu haben. Eine Lounge mit Reminiszenzen an den International Style, in der man sich wie in London, Tokyo oder New York fühlen kann. Ein Ort, der sich als soziale Bühne eignet, an dem man die Exklusivität, den eigenen – oft kürzlich erst erlangten – Wohlstand feiern kann. Und an dem sich ein wenig Schickeria-Ekstase ausleben lässt. In Kleingruppen schwärmen manche Besucher des Grills von Zeit zu Zeit auf die Toiletten.
Guter Luxus, so einer der Restaurantbesitzer, sei nicht nur glatt und teuer, sondern entstehe auch »aus einer gewissen Beknacktheit«. Dieser ehrliche Zynismus spiegelt sich in der Wahl der Inneneinrichtung: keine exquisiten Antiquitäten, kein einfach nur schönes Design, sondern Trouvaillen, Skurrilitäten, Absurditäten. Etwa die kleine, aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammende Skulptur von zwei versehrten, sich gegenseitig stützenden russischen Soldaten. Oder jenes im Internet ersteigerte Porträt eines leicht degenerierten Knaben in Öl, das über einem neoklassizistischen, mit grünem Samt bezogenen Sofa am Eingang hängt. Ein wenig erinnern diese Gegenstände noch an die Berliner Clubs aus den neunziger Jahren, die mit dem Kitsch vom Flohmarkt ausstaffiert wurden, Relikte aus der Zeit vor dem großen Geld.
Lange war die Paris-Bar mit Gemälden von befreundeten Künstlern in Petersburger Hängung der Berliner Künstler- und Kunsthändlertreff – aber auf dem Niveau des alten Berlins. Die liebenswert bohemistische Paris-Bar liegt viel weiter im Westen, sie ist sehr viel kleiner, und die Preise sind dort weit günstiger als im Grill Royal. Auch das ist ein Handicap. Und so ging es dem Restaurant in den letzten Jahren wirtschaftlich schlecht. Auf Auktionen wurden vor Kurzem einige Gemälde angeboten, die früher den Speisesaal der Paris-Bar schmückten. Inzwischen fahren sogar die Charlottenburger nach Mitte, um im Grill Royal zu essen. Und um dort gesehen zu werden.
Der vergangene Freitagabend war dafür wieder ein guter Anlass. Aus Frankfurt waren Museumsdirektoren angereist, aus München Kuratoren und Kritiker, aus dem gesamten Bundesgebiet wichtige oder einfach nur reiche Sammler und Kulturpolitiker. Für die geladenen Gäste wurde im Grill ein großes Fest gegeben, weil die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts (CFA) in ein neues Haus umgezogen ist. Nicht in irgendein Haus, sondern in einen Bau des neuen Berlins, den sich Heiner Bastian, der reich gewordene Kunsthändler und Sammler, zwischen Museumsinsel und Deutsches Historisches Museum hat bauen lassen, und zwar nach einem Entwurf des Architekten David Chipperfield, der wiederum für die Sanierung des Neuen Museums auf der Museumsinsel verantwortlich ist. Es kamen also die Freunde von Heiner Bastian, die des Architekten und die der Galerie.
Und die Galerie Contemporary Fine Arts ist nicht irgendeine, sondern die derzeit wohl erfolgreichste in Berlin. Bruno Brunnet, einer der drei Inhaber von CFA, trägt gerne gestreifte Fischerhemden und sieht darin aus wie ein kleiner Bruder des Modedesigners Gaultier. Zu seinem Job kam er, so erzählt man sich, als er vor vielen Jahren in einer anderen, längst verblichenen Künstlerkneipe Berlins, dem Exil, kellnerte. Heute verkauft er mit seiner Frau Nicole Hackert die Kunst von Jörg Immendorff und Georg Baselitz, Peter Doig und Raymond Pettibon, Jonathan Meese und Daniel Richter. Das Geschäft mit diesen Künstlern lief in den vergangenen Jahren so gut, dass man sich jetzt zwei Stockwerke in einem sehr selbstbewussten, quasimusealen Bau gönnt. Zur Eröffnung zeigt man dort keine Ausstellung mit junger Kunst aus Berlin, sondern – programmatisch passend zum neuen, arrivierten Standort – eine quasimuseale Ausstellung des 71-jährigen Wiener Künstlers Walter Pichler. In dem Stockwerk über der Galerie präsentiert Heiner Bastian einige seiner Werke von Damien Hirst, und ganz oben im Haus zeigt die Finanzmanagerin Christiane zu Salm Stücke aus ihrer Sammlung, unter anderem eine Skulptur von Jonathan Meese, der als Künstler wiederum von der Galerie CFA vertreten wird. Und so hängen alle mit allen zusammen, und jeder kennt jeden, und dieser Umstand ließe sich nirgends besser feiern als im Grill Royal mit Champagner, Thunfischtatar, Wachteln und Rinderfilet.
Die Künstler, die im prominenten Steakhaus mitfeiern – am Freitag waren Eberhard Havekost, Neo Rauch, Jonathan Meese und Daniel Richter gekommen –, haben kommerziellen Erfolg und kein Problem damit. Sie gehören nicht zu jenen politisch engagierten Künstlern, die sich, ebenfalls am vergangenen Freitag, im Roten Salon der Berliner Volksbühne trafen und dort mit Kuratoren und Kunsthistorikern noch einmal sehr ernsthaft und sehr ausführlich über die Migration der Formen auf der diesjährigen Documenta diskutierten. Die Künstler im Grill Royal umarmen ihre reichen Sammler überschwänglich – und reiben danach feixend Zeigefinger und Daumen, um klarzumachen, worum es hier geht. Und dass man das alles ja nicht zu ernst nehmen soll.
Und wieso sollten diese Künstler auch nicht anständig feiern? Was soll daran falsch sein? Warum sollen sie nicht ihre Chance ergreifen – solange es diese Chance noch gibt? Dass es schon bald vorbei sein könnte mit dem Kunstrausch und den Rekordpreisen, daran mag zwar niemand glauben. Aber in den letzten Monaten ist die Kauflust auf dem internationalen Kunstmarkt doch deutlich abgekühlt. Im Oktober mussten Galeristen auf den Londoner Auktionen die Werke ihrer eigenen Künstler erwerben, damit deren Preisniveau nicht allzu drastisch sank. Vergangene Woche konnten Dutzende von Losen auf den großen Herbstauktionen für Kunst des Impressionismus und der klassischen Moderne in New York nicht zu den von Experten geschätzten Preisen versteigert werden. Bei Sotheby’s blieb ein Viertel der Kunst – darunter ein bedeutender van Gogh – wegen zu hoch angesetzter Preise liegen, man machte etwa ein Drittel weniger Umsatz als erwartet. Die Sotheby’s-Aktie verlor darauf an einem Tag fast 30 Prozent an Wert – ein neuer Rekord, ein Rekordverlust.
Im Grill Royal ist das alles weit weg. Hier darf man sich ausruhen in flauschiger Selbstgewissheit, darf daran glauben, dass der Mythos Berlin auch weiterhin die Kunstmenschen aus aller Welt anziehen wird. Jenen amerikanischen Sammler etwa, der schräg gegenüber von Maria Baibakova sitzt. Er hat sehr viel Geld geerbt, seine Mutter war beliebt in der New Yorker Gesellschaft, und er, der Sohn, sitzt jetzt hier, grinst verlegen und weiß nicht, worüber er sprechen soll. Sein Art-Adviser, ein Einflüsterer in Sachen Kunst, hat ihn nach Berlin geschleppt, aber ihn erst mal sitzen gelassen, um sich den beiden reichen Russinnen zu widmen. Die Namen der Künstler, deren Werk er heute gekauft hat, sind dem Sammler leider entfallen. Aber das ist auch egal, Hauptsache, er ist hier, im Grill Royal, wo der Erfolg zu sich selbst kommt. Und die Atmosphäre so wunderbar bernsteinfarben leuchtet.
- Datum 16.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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