Maartje Kuipers* sitzt am Schreibtisch vor ihrem Laptop. Daneben türmen sich Unterlagen für die Uni, an der Wand hängen wild durcheinander Fotos von Freunden. Die 23-jährige Studentin scrollt mit der Maus die Bildschirmansicht nach unten. »Ah, hier ist sie«, sagt sie schließlich, »die Anweisung für die erste Therapiestunde.«

Die liegt fünf Monate zurück. Maartje saß damals auf demselben Drehstuhl wie heute, loggte sich auf derselben Seite im Netz ein, auf der nun ihr Therapieverlauf archiviert ist, und begann mit ihrer Behandlung. Damals sei sie nervlich am Ende gewesen, erinnert sich die junge Frau mit den braunen Locken. Sie zündet sich eine Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug. Von einem Bekannten war sie nach einer Party vergewaltigt worden. Monatelang hatte sie daraufhin unter Schlafstörungen und Angstzuständen gelitten und es einfach nicht geschafft, die Erinnerung an das Erlebnis aus ihrem Kopf zu verjagen.

Heute kann die Amsterdamerin relativ ruhig über die Vergewaltigung sprechen. »Das verdanke ich meiner Therapeutin«, sagt sie. Die Psychologin hat sie bisher allerdings weder gesehen noch ihre Stimme gehört, denn das ist einer der Grundsätze von »Interapy«. So heißt eine reine Internetbehandlung, bei der die Patienten zu Hause vor dem Bildschirm sitzen – und nicht etwa auf einer Couch im Sprechzimmer. Entwickelt wurde sie in den Niederlanden für traumatisierte Patienten wie Maartje. Online behandelt werden aber auch Menschen mit Depressionen, Panikstörungen, dem Burn-out-Syndrom oder Bulimie.

»Liebe Maartje«, hatte die Therapeutin damals in der ersten Stunde geschrieben, »bitte schildere, was passiert ist, ganz genau, zusammen mit Deinen Gedanken und Gefühlen. Schreibe im Präsens und in der Ich-Form, insgesamt 45 Minuten lang.«

Die Krankenkassen schätzen die virtuelle Therapie – sie ist billig

So saß sie während ihrer Therapiestunden zu Hause in ihrer kleinen Studentenbude vor dem Rechner und bearbeitete die Aufgaben. Jeweils am nächsten Tag schickte die Therapeutin eine detaillierte Rückmeldung, beantwortete Fragen und stellte neue Aufgaben. In der dritten Woche ihrer Therapie beispielsweise musste Maartje einen Brief an eine fiktive Freundin schreiben, der das Gleiche widerfahren sei, und ihr Mut machen.

Die virtuelle Couch ist kein Zukunftsszenario. Auch andernorts, in Schweden, Australien, den USA und der Schweiz, feilen Wissenschaftler an internetbasierten Therapieansätzen. Doch bisher war niemand so erfolgreich wie die Niederländer um Alfred Lange von der Universität Amsterdam. Der hatte vor über zehn Jahren begonnen, Interapy zu entwickeln. Langes Idee hat das Stadium der Entwicklung und Erfolgskontrolle längst hinter sich gelassen und ist zu einem Bestandteil des Versorgungsangebots für seelisch Kranke geworden. Interapy umfasst alle Leiden, für die der Psychologe und seine Kollegen Behandlungskonzepte entwickelt und evaluiert haben, und steht allen Patienten als Alternative zu einer klassischen Therapie offen. Als Maartje sich entschloss, Hilfe zu suchen, konnte ihr Hausarzt sie einfach an Interapy überweisen. Die Kosten trug ihre Krankenkasse.