DIE ZEIT: Nach Jahren der Diskussion über die Nanotechnologie herrscht in der Öffentlichkeit immer noch eine sehr diffuse Vorstellung davon, was Nanotechnologie ist. Woran liegt das?

Alfred Nordmann: Das liegt vor allem daran, dass der Begriff der Nanotechnologie zu amorph ist. Mit einzelnen konkreten Anwendungen kann man schon eher etwas anfangen. Für die Nanotechnologie ist aber wichtig, dass über sie als ein großes, einheitliches Programm geredet wird. Den Gefallen tut ihr die Philosophie und vor allem die Ethik. Ich halte es für keinen Zufall, dass sowohl der exzentrische Nanovisionär Eric Drexler als auch der Architekt der amerikanischen Nanoinitiative, Mike Roco, als Allererstes Beratungen über die gesellschaftlichen Wirkungen gestartet haben. Nach dem Motto: Wenn es eine gesellschaftliche Wirkung hat, muss es auch ein reales Phänomen, eine reale Technikentwicklung sein. Insofern wurden die Philosophen und Ethiker von vornherein rekrutiert, um der Sache eine gewisse Ernsthaftigkeit zu verleihen. Sie sind auch heute noch die Einzigen, die das Wort Nanotechnologie im Singular mit voller Inbrunst sagen können. Das ist aber genau das Problem: Der Begriff ist vollkommen abstrakt. Deshalb wundert es mich nicht, dass er vage und diffus bleibt.

ZEIT: Wie würden Sie das Feld denn beschreiben?

Nordmann: Nanotechnologie ist eher eine Art und Weise, die Forschung zu organisieren. Man hat sich einen ganz kleinen gemeinsamen Nenner gegeben, also dass es irgendetwas mit dieser Größenordnung zu tun hat. Insofern ist Nanotechnologie ein gesellschaftliches Konstrukt, was ja für Physik und Chemie nicht so offensichtlich ist. Die Frage ist: Wie kann sich dieses Konstrukt langfristig halten? Es ist jetzt eingeführt, die Finanzierung ist ziemlich gut. Noch wird ja auch die ethisch-philosophische Diskussion unter dem Vorzeichen geführt, dieses »zarte Pflänzchen« müsse geschützt und erhalten werden. Ich halte es aber nicht für so schutzbedürftig. Es wird viel Geld dafür ausgegeben, die öffentliche Beurteilung ist vage, aber positiv. Jetzt kann man doch konkreter nachfragen: Wofür ist das eigentlich gut?

ZEIT: Und wofür ist sie gut?

Nordmann: Es geht nicht um einen Krieg gegen den Krebs, einen Flug zum Mond, ein Wettrüsten. Stattdessen wird mit den Nanotechnologien die Erwartung verbunden, dass mit ihnen alles anders werden könnte, aber nichts Bestimmtes. Diese Erwartung wird durch die Rhetorik und die Bildsprache der Nanotechnologie stark geschürt: Der Nanoraum ist ja zunächst einmal ein »innerer Weltraum«, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er unbegrenzte Möglichkeiten birgt. Dieser Raum wird nun erst einmal exploriert.

ZEIT: Knüpft das an frühere Ambitionen der Eroberung und Erschließung an? Aus technikkritischen Kreisen wird der Vorwurf laut, Nanotechnologie sei nur eine neue, gesteigerte Variante der Inwertsetzung von Materie, jetzt, da wir um uns herum, in der Makrowelt, überall an Grenzen stoßen.