Kunst Marketinggenie C. D. Friedrich
Wie Hamburg die Kunst dem wirtschaftlichen Kalkül opfert.
Gerade wird Caspar David Friedrich zum obersten Meister der Wertschöpfung erkoren. Gepriesen sei er, der Held der Umwegrentabilität! In den höchsten Tönen lobt ihn eine Broschüre, die derzeit von der Hamburger Kunsthalle verteilt wird. Am Beispiel ihrer Friedrich-Ausstellung, die bis zum Januar dieses Jahres zu sehen war, weist sie nach, wie wunderbar sich »Kultur als Wirtschafts- und Imagefaktor« eignet. Der romantische Maler als Avantgardist von Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing. Kein Manager könnte umhin, ihn gleich in sein Herz zu schließen
Die Broschüre ist bunt und peppig – doch für die Kunsthalle in Wahrheit ein Zeugnis der Selbstaufgabe. Denn wofür brauchen wir Museen überhaupt? Sind sie ohne Sinn und Nutzen, wenn sie nichts als Geld verschlingen und keine Rendite abwerfen? Das ist die traurige Logik der Broschüre, in der es lang und breit nur darum geht, der Kunst und den Museen doch noch einen ökonomischen Nutzen nachzuweisen. »Lohnt es sich für alle Beteiligten, in Kultur – speziell: in große Ausstellungen – zu investieren?« – Um diese Frage geht es.
Der CEO der Kunsthalle, Hubertus Gaßner (einst Direktor genannt), hat auch gleich eine Antwort parat. Großausstellungen schaffen Anziehungspunkte für die »creative class«, so formuliert er das. Außerdem wurden allein durch die Friedrich-Schau »8,4 Millionen € an zusätzlichen Einnahmen für den Stadtstaat generiert«.
Die Zahlen verdanken sich der Erhebung eines Bremer Instituts, das vorrechnet, wie dank C. D. Friedrich »das Regionaleinkommen durch fiskalische Einnahmen gesteigert« wurde, die Übernachtungszahlen in die Höhe schossen und überhaupt der Imageeffekt für Hamburg nicht schöner hätte ausfallen können. Unabdingbar sei dafür allerdings, dass Ausstellungen möglichst »erlebnisorientiert« ausgerichtet würden.
Man könnte das als Verirrung eines Direktors abtun, der mehr an die Macht der Werbung als an die Macht der Bilder glaubt – wären da nicht die Kunst und die Kunsterfahrung, die in dem grotesken Rentabilitätsgetöse unterzugehen drohen. Besonders bizarr ist es, ausgerechnet Friedrich zum Marktmaskottchen zu erklären. Denn namentlich die Maler und Schriftsteller der Romantik waren entschiedene Feinde einer Welt, die den Profit zum Götzen machte. Sie arbeiteten an einer Kunst, die aus sich heraus wertvoll sein wollte und höchstens auf eine nutzlose Weise nutzbringend. Wenn irgendein romantisches Erbe bis heute gilt, dann ist es dieses: Kunst darf jede Image- und Verwertungslogik verraten, und oft macht sogar der Verrat ihren eigentlichen Wert aus.
Gerade unsere Gegenwart, die dazu neigt, alles dem wirtschaftlichen Kalkül zu opfern, müsste diesen Verrat als humane Ressource schätzen – und nicht ihrerseits wieder an die Ökonomie verraten.
- Datum 19.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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Die Akteure des voreilenden Marketing-Gehorsams werden kein Problem haben, ihr Tun zu rechtfertigen. Der kapitalistische Materialismus gebirt noch einmal jene Form des Mitläufertums, die sich schon im 20. Jahrhundert mit der stereotypischen Ausrede rechtfertigte, Schlimmeres verhindert zu haben. Sie werden uns noch nerven mit ihrem Anspruch, dabei doch ganz anständig geblieben zu sein.
Wenn wirs von der heiteren Seite nehmen: Wetten daß....
Sammy Senkbley
Michael Schirner, einst ein erfolgreicher Kommunikationsfachmann, erklärte in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Werbung zur Kunst. Man kann dem folgen, wenn man bedenkt, dass sich Produkte und Unternehmen immer mehr angleichen und dem Auftritt ungewöhnlicher Werbung große Bedeutung zukommt. Man kann dem aber ebenso heftig widersprechen: Werbung dürfe nur der Steigbügelhalter einer Botschaft oder einer Marke sein, sie dürfe aber keinesfalls - wenn sie kongenial gemacht ist - das beworbene Produkt zurückdrängen.Wie in vielerlei Hinsicht, könnte die Wahrheit in der Mitte liegen. Eine gute Ausstellung kommt ohne effektive und effiziente Kommunikation kaum noch aus. Da Kunsthallen und Kunstvereine dem Besucher keine "röhrenden Hirsche" anbieten wollen, müssen diese uns erklären, warum es sich lohnt, in eine Gerhard Richter-Retrospektive zu gehen. Oder eine Blinky Palermo-Schau anzusehen. Oder das OEuvre von Saul Steinberg zu betrachten. Als Beispiele seien noch Damien Hirst oder gar Jeff Koons aufgeführt.Die Klassiker - eben auch C. D. Friedrich - vermarkten sich von allein. Bei anderen Künstlern muss schon ein wenig getrommelt werden. Und wenn mit einer gut inszenierten Ausstellung Geld verdient wird, ist das m.E. nicht verwerflich. Rote Zahlen sind kein Indiz für hehre Kunst!
...in Hamburg scheint die Kultur vom Senat in der Tat besonders nach ihrem wirtschaftlichen Wert beurteilt zu werden. In der Tat werden kulturelle Einrichtungen immer nur als Anziehungspunkt und Wahrzeichen beworben. Die neue Elbphilharmonie wird auch nicht gebaut, weil wir in Hamburg der klassischen Musik zeitgemäße Einrichtungen schenken wollen. Nein, primär geht es darum mehr Touristen nach Hamburg zu holen. Das ist im Grunde auch ok, wir brauchen und wollen Touristen in Hamburg. Aber traurig ist es schon. Ich mag die Kunsthalle, Staatsoper, Deichtorhallen usw. auch wenn sie keine "zusätzlichen Einnahmen für die Stadt generieren". Die Broschüre des "CEO" der Kunsthalle passt da natürlich sehr gut ins Konzept. Fraglich bleibt, ob sich der CEO dem Senat angepasst hat oder die Kunst wirklich wirtschaftlich kühl bewertet...
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