Film Armer, braver Muslim
Die deutsch-türkische Koproduktion »Takva – Gottesfurcht« beleuchtet einen Gewissenskonflikt und verschenkt ihr Thema.
Schon wenn man die Geschichte hört, ist man bereit, diesen Muharrem ins Herz zu schließen: Er ist ein Antiheld, ein Gutmütiger. Einer, der wenig Bildung und noch weniger feine Hemden besitzt, der aber bereit ist, alles in seinen Kräften Stehende so zu tun, wie Gott es ihm aufgetragen hat. Und was interessiert derzeit mehr als die Figur eines guten, braven Muslims, den die strenge religiöse Umgebung in Konflikt mit seinen ethischen Werten bringt?
Der etwa vierzigjährige unverheiratete Muharrem, den wir in der türkisch-deutschen Koproduktion Takva (»Gottesfurcht«) kennenlernen, ist Mitglied eines Istanbuler Derwischordens. Als er von dessen weißbärtigem Oberhaupt zum Verwalter bestimmt wird, laufen das Eintreiben der Mieten und ähnliche geschäftliche Aufgaben zunehmend seiner moralischen Einstellung zuwider.
So weit besitzt die Geschichte ein schönes melancholisches Potenzial, von Glauben und Irren, von guten Vorsätzen und schleichender Korruption zu erzählen. Mit dem (fiktiven) Istanbuler Derwischorden zeigt Özer Kiziltans Film zudem eine im Ausland wenig bekannte und in der Türkei weitverbreitete Form muslimischer Volksfrömmigkeit. Die ekstatischen Gebetsrituale solcher Orden und die Verehrung ihrer Scheichs weichen mit verblüffender Selbstverständlichkeit von der offiziellen sunnitischen Dogmatik ab. Heiligenkult, strenge Orthodoxie und Mystizismus: ein typisch anatolisches Produkt, in dem sich diverse vorderasiatische Traditionen vereinen.
Doch verhält sich der Film wie ein Antikenverkäufer, der die anatolische Statuette auf den Ladentisch stellt und sich dann hurtig ins Hinterzimmer verdrückt, ohne dem Interessenten die Vorzüge der Figur zu preisen, noch ihre Abschürfungen zu erläutern. Von Muharrem wissen wir zwar, dass er ein lieber Kerl ist, doch schenkt ihm der Film nicht eine Sekunde voller Wärme. Der Scheich des Derwischordens tritt als rigoroser Patriarch auf, doch wagt niemand zu rebellieren. Was ist schließlich von einem Film zu halten, der die Prüderie der Strenggläubigen zeigen will, sich dann aber kein einziges Mal traut, nach Muharrems feuchten Träumen auch den Fleck auf dessen Schlafanzughose zu zeigen? Und was von einer Filmmusik, die mit ihrer gewollten Dramatik jeden armen kleinen Konflikt übertönt, sobald der mit der Power eines rostigen R4 vom Goldenen Horn den Hügel zur Fatih-Moschee hochgekrochen kommt?
Zugegeben, Soykut Turans Kamera fasst das spärliche Geschehen in wunderbare, gleichermaßen transparente wie realistische Bilder; ohne diese Kamera wäre der Film gar nicht auszuhalten. Aber sie allein vermag ihn eben auch nicht zu retten. Nicht auszudenken, wie viel Unentschiedenheit und Nichtentwicklung der Film in seiner dreistündigen Fassung einst bereithielt! Diese Länge nämlich hatte das Werk noch in seiner ersten, der türkischen Fassung, bevor es für die deutsche Produktionsfirma corazón auf seine jetzigen 96 Minuten gestutzt wurde.
Fünf Jahre lang habe er sich auf seine Rolle vorbereitet, gab der Hauptdarsteller Erkan Can auf der deutschen Premiere zur Auskunft, ohne allerdings zu erklären, warum es bis zum Drehbeginn so viel Zeit brauchte. Beide Angaben geben zu denken bei Takva, der zunächst in der Türkei produziert werden sollte und dessen Fertigstellung dann irgendwann Fatih Akins Produktionsfirma übernahm. In Istanbul gezeugt, in Hamburg zur Welt gebracht. Dass sich von der ersten Idee bis zum fertigen Schnitt so viele Paten in die Entstehung dieses Films eingemischt haben, könnte eventuell dessen blasse Persönlichkeit erklären. Man hat sich ein starkes Thema gewählt, doch will man erzählerisch wenig riskieren. Trotzdem wird Takva von der Türkei als Bewerber um den Oscar für den besten ausländischen Film nach Hollywood geschickt.
Ob sich die fünf Jahre Vorbereitungszeit für die Darstellung Muharrems ausgezahlt haben, darüber kann man geteilter Meinung sein. Ja, es stimmt, dass arme, einfache türkische Männer oft so gebückt gehen wie er und dabei in ausgetretenen Latschen schlurfen. Doch Rücken und Füße der Hauptfigur können nicht kompensieren, woran es dem Film im Herzen mangelt: gemischte Gefühle, Ambivalenz! Auch in der schlichtesten Brust können zwei Seelen wohnen. Die Autoritätsgläubigkeit Muharrems und seiner Umgebung ist abstoßend, man darf es ruhig aussprechen. Doch täte man dem kleinen Derwisch unrecht, erklärte man seine Frömmigkeit allein mit seiner Einfältigkeit.
- Datum 21.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.11.2007 Nr. 47
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