SPD Wärme kann er auch
Aus persönlichen Gründen trete er zurück, sagt Franz Müntefering. Aus Liebe - das würde er nie sagen. Doch gerade seine spröde Art hat ihm einen fast schon liebevollen Respekt eingetragen
Was für eine Verwandlung: Funktionär, Politiker, Staatsmann, all das ist Franz Müntefering gewesen in den 15 Jahren, in denen ihn die Deutschen kennengelernt haben. Gegangen ist er am vergangenen Dienstag als Mensch. Ausgerechnet er, der Spröde, Distanzierte, dem Kumpelei stets zuwider und Lob peinlicher als Kritik war, legt seine Ämter als Arbeitsminister und Vizekanzler nieder aus »persönlichen Gründen«. Man könnte auch sagen: aus Liebe.
Er selbst sagt das natürlich nicht so, das wäre ihm wohl zu persönlich. In den letzten sechs Jahren musste sich seine Frau Ankepetra nach einer Krebserkrankung fünf Operationen unterziehen, die letzte war vor etwa einer Woche. Seitdem ist klar: Es geht ihr nicht gut, sie wird ihn brauchen. Zehn Tage lang hat Franz Müntefering im Krankenhaus in Bonn am Bett seiner Frau verbracht, zehn Tage, in denen ihm klar geworden ist, dass beides nicht geht: ein Ministerium leiten und »eng dabei sein«, wie er sagt. Er, der in seinem Leben oft Distanz gehalten hat, möchte dabei sein, so eng wie möglich. Also hat er erst seine Parteifreunde informiert und dann die Öffentlichkeit, dass er sich der Aufgabe zuwenden werde, die »jetzt für mich die wichtigste ist«.
Die Hände unter dem Tisch vergraben, sitzt er da vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz und verkündet »keinen Abschied«, schließlich bleibe er ja Bundestagsabgeordneter, und überhaupt wisse man nie, welche Aufgaben noch auf einen zukommen könnten, schließlich sei er in drei Jahren ja gerade mal siebzig. Bevor ihm das alles zu nahe gehen könnte, flüchtet er sich in Empörung über das Verhalten der CDU und gibt »den Münte« mit kurzen Sätzen und sauerländischem Understatement (»Meine Frau fands gut, Frau Merkel nicht«). Nur einmal huscht ein bitteres Lächeln über Münteferings Gesicht, als ein Journalist wissen will, warum er »erst jetzt« seine Entscheidung kundtue. Für sein Gefühl, sagt Müntefering, sei es doch eher eine »dichte Folge« gewesen von der Hiobsbotschaft bis zur Erkenntnis, was das bedeutet. Und einen Moment lang ahnt man, welche Katastrophe über sein Leben hereingebrochen ist.
Er habe mal einen Freund gehabt, aber der sei vor vielen Jahren gestorben, hat Müntefering einmal gesagt. Seine Frau Ankepetra dürfte neben seinen Kindern einer der wenigen Menschen sein, die sich für Müntefering in Freundesnähe bewegen. Eine sehr besondere, runde, ruhige, innige Beziehung hätten die beiden, man könne das schon eine große Liebe nennen, sagt sein Trauzeuge, auch heute noch. Als die beiden heirateten, hatten sie je eine Ehe hinter sich. Müntefering war 55 Jahre alt und außerhalb von Nordrhein-Westfalen unbekannt. Hätte damals jemand gesagt, der wohnungsbaupolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion würde einmal in seinen Sechzigern zu den wenigen charismatischen Politikern Deutschlands gehören, er wäre ausgelacht worden. Heute fällt es schwer, ihn sich aus der Bundespolitik wegzudenken, so selbstverständlich ist er da, als sei er immer dabei gewesen. » Jetzt weiß ich immer noch nicht, wer Sie als Vizekanzler und Garant der Regierungsfähigkeit der SPD ersetzen soll«, hakt ein Journalist bei Münteferings Nicht-Abschied am Dienstag nach.
»Ich auch nicht«, sagt Müntefering.
15 Jahre lang kennt die Öffentlichkeit den wortkargen Sauerländer, den kleinsten Teil seines Lebens. Aber was heißt schon kennen bei einem, der nach eigener Aussage »das Blatt immer eng am Mann hält«, bei einem, der uns in diesen 15 Jahren häufiger überrascht hat als andere in 50 Jahren? 1995, im Jahr seiner Heirat, begann der bundespolitische Aufstieg von Franz Müntefering, katholischer Arbeitersohn aus Neheim-Hüsten. 1995 wurde der gelernte Industriekaufmann Bundesgeschäftsführer, dann Generalsekretär der SPD. Vor der Bundestagswahl 1998 baute er, der die längste Zeit seines politischen Wirkens als Betonkopf, Traditionssozi und Partei-Apparatschik galt, mit der Kampa die modernste Wahlkampfzentrale auf, die die Republik bis dahin erlebt hatte, zweimal gewann die SPD die Bundestagswahlen mit Gerhard Schröder. Für das Ehepaar Müntefering wurde Zeit bald zum knappsten Gut. 2002 brach die Krankheit seiner Frau aus, Müntefering pendelte zwischen Wahlkampfzentrale und Klinik. Er wurde Parteichef und trat zurück, als seine Partei ihm vorenthalten wollte, was er für nötig hielt: seinen engen Vertrauten Kajo Wasserhövel als Generalsekretär an seiner Seite. 2005 brach er selbst im Wahlkampf zusammen und stand nach kurzer Zeit wieder auf den Marktplätzen. Den Schwächen anderer kann er weich begegnen, den eigenen nicht.
Im vergangenen Jahr erlitt seine Frau einen Rückfall, das Paar gab die Berliner Wohnung auf und zog nach Bonn, um den Kindern näher zu sein.
Öffentlich sprach Müntefering kaum über all das, Anflüge von Privatheit gestattet er sich selten und ungern. Er sei ein »Alleiner«, sagt Müntefering über sich. Als Sandra Maischberger ihm einmal in ihrer Talkshow nahe kam, zog er den Arm zurück. Dabei kann er auch Wärme, von sich aus, vereinnahmen lässt er sich ungern.
So hat sich ausgerechnet gegenüber diesem sperrigen Exemplar eines Politikers im Lauf der Zeit bei vielen eine Form von liebevollem Respekt entwickelt, der an Zuneigung grenzte gerade weil er es nie absichtsvoll menscheln ließ. Und weil Müntefering sich durchaus belustigt zugeschaut hat bei seiner eigenen Verkarstung.
Vor ziemlich genau fünf Jahren hielt Schröder seine berühmte Agenda-Rede, und aus Müntefering wurde ein verspäteter, notgeborener, aber umso heftigerer Reformer. Der Typus des »Amtsinhabers«, heißt es in einer Typologie der Politologen Guy Kirsch und Klaus Mackscheidt, sei »Exponent der jeweils dominierenden Neurosen einer Gesellschaft«, er ernährt sich von ihnen, er lebt davon, sie zu zementieren. Dem »Staatsmann« hingegen seien Ängste und Phobien der Wähler ebenfalls nicht fremd, er habe sie aber überwunden und verhelfe den Wählern zur Herrschaft über ihre Ängste und damit zu mehr Freiheit. In diesem Sinne ist aus dem Parteipolitiker Müntefering ein Staatsmann geworden, auch wenn er nie die außenpolitische Bühne betreten hat, ein staatsmännischer Parteivorsitzender und schließlich ein überparteilicher Vizekanzler.
Vom Betonsozi zum Staatsmann und Reformer, wie passt das zusammen? Hat Müntefering sich geändert oder nur unser Bild von ihm? Kein Stück habe sich der Mann verändert, sagt einer, der ihn lange kennt. Ein Apparatschik sei er nie gewesen, ebenso wenig wie jetzt ein Liberaler.
Ein Mann der Gremien, das schon, aber nur in dem Sinne, dass er sie sich nutzbar machen konnte. Müntefering habe sich immer seiner jeweiligen Rolle verpflichtet gesehen.
Die Agenda 2010 war für ihn zuletzt mehr als ein Reformprogramm, sie war eine Chiffre für die Regierungsfähigkeit der SPD. Opposition ist Mist, findet Müntefering, vor allem für die SPD, die er für besonders anfällig hält, sich eher an der gefühlten Wunschwelt als der Wirklichkeit zu orientieren. Die SPD nicht in zwei Teile fallen zu lassen, einen regierenden und einen sich selbst genügenden Parteiteil, auch darum ging es im Streit mit Parteichef Kurt Beck um die Agenda 2010, der sich zuletzt am Arbeitslosengeld II zugespitzt hatte.
Tatsächlich verabschiedete sich am Dienstag ein waschechter Sozialdemokrat, dessen Ehrgeiz sich stärker auf den Erhalt von Sozialleistungen als auf deren Abbau, stärker auf das Durchsetzen von Gewerkschaftsinteressen als auf deren Bekämpfung richtete. Die Rente ab 67 lag zwischen dem früheren SPD-Chef und seiner Partei. Und der Widerstand gegen die Verlängerung des Arbeitslosengeldes I bescherte ihm eine Niederlage gegen seinen Nach-Nachfolger Beck, von dem er nicht allzu viel hält. Viel länger ist allerdings die Liste der Themen, bei denen Müntefering nah bei den Gewerkschaften stand. Er war es, der nach der Bundestagswahl das Festhalten am Kündigungsschutz zur Conditio sine qua non machte. Seinem Einfluss war es geschuldet, dass die Große Koalition zu Beginn ihrer Amtszeit ein 25 Milliarden schweres Konjunkturprogramm verabschiedete und damit eher keynesianische als neoliberale Politik machte. Er beharrte auf branchenbezogenen Mindestlöhnen. Dass er all das tun konnte und trotzdem als letzter agendatreuer Aufrechter durchgehen konnte, das wird dem Spieler Müntefering gefallen haben. Und es war auch nicht falsch. Er war eben beides, Sozi und Reformer.
Gute Politik in der Großen Koalition machen und dann im Wahlkampf kräftig draufhauen auf den Gegner, das war Münteferings Empfehlung für seine Partei. Schade, dass wir die Verwandlung vom Staatsmann in den Wahlkämpfer nun nicht mehr erleben werden. Er hat uns oft überrascht und manchmal in die Irre geführt, aber er hat auch nie etwas anderes behauptet.
Ende gut, aber traurig. Glück auf, Münte!
Mitarbeit: Elisabeth Niejahr
- Datum 16.01.2008 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.47 vom 15.11.2007, S.2
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