Kindergeld Armutszeugnis für ein reiches LandDie Chancen

Zehn Euro mehr Kindergeld ändern nichts daran: 2,5 Millionen Kinder leben in miserablen Verhältnissen.

Kinder sind der Inbegriff des Optimismus. Ihre Lebensfreude steckt Erwachsene an. Gleichzeitig zeugt ihre Existenz vom Vertrauen der Eltern in die Zukunft. Weil das verloren ging, halbierte sich in Ostdeutschland die Zahl der Geburten, als die DDR zusammenbrach. Denn Kinder muss man sich leisten können – langfristig. Und das fällt immer schwerer. Jetzt schlug das Deutsche Kinderhilfswerk Alarm: 2,5 Millionen Kinder lebten in Armut, annähernd jedes vierte unter 15 Jahren. Das ist eine Blamage für das reiche Deutschland, das sich angeblich so sehr um seinen Nachwuchs sorgt. Eine Blamage mit verheerenden Folgen.

Dass sich zu wenige Menschen in Deutschland für Kinder entscheiden, ist schon schlimm genug. Dass viele der Kinder, die gegen alle Bedenken doch geboren werden, in miserablen Verhältnissen aufwachsen, wiegt noch schwerer. Indem die deutsche Gesellschaft Millionen von Kindern in Armut belässt, mindert sie nachweislich deren Bildungschancen. So vererbt sich die Armut von einer Generation zur nächsten. Deutschland schreibt einen Teil seiner Bevölkerung indirekt ab und vergeudet das große Potenzial, das in seinem Nachwuchs steckt. Eine Erhöhung des Kindergeldes um zehn Euro, wie sie derzeit diskutiert wird, ändert daran – nichts.

Der Kampf gegen die Kinderarmut ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Politik und die Gesellschaft. Man sollte glauben, dass dieser Kampf zunehmend leichter fällt, weil die Zahl der Kinder insgesamt bereits kräftig schrumpft: Heute gibt es in Deutschland rund 650000 Kinder unter 15 Jahren weniger als noch vor drei Jahren. Der Staat, könnte man also meinen, verfügt entsprechend über mehr Mittel, um die verbleibenden Kleinen zu fördern. Umso erschreckender ist es, dass im selben Zeitraum die Zahl der Kinder, die in Hartz-IV-Familien leben, um rund 350000 angestiegen ist. Durch die Gesellschaft geht ein Riss. Zu leiden haben die Jüngsten.

2,5 Millionen arme Kinder: Die Zahl ist alarmierend – und doch in doppelter Hinsicht untertrieben. Zwar umfasst sie die rund 1,9 Millionen Kinder von Eltern, die ArbeitslosengeldII empfangen. Sie beinhaltet auch zwei Gruppen, die noch ärmer dran sind: den Nachwuchs von Asylbewerbern und eine Dunkelziffer von Kindern, deren Eltern weniger als HartzIV verdienen, aber ihren Anspruch auf zusätzliche Unterstützung nicht wahrnehmen. Die Zahlen des Kinderhilfswerks berücksichtigen indes nur Kinder unter 15 Jahren, so wie es den Statistiken der Sozialbehörden entspricht. Der Kinderschutzbund hingegen zählt in seinen Berechnungen alle jungen Menschen bis 18 Jahre mit. Entsprechend kommt er auf drei Millionen Kinder, die in Armut leben.

Sehr niedrig angesetzt sind die Zahlen auch deshalb, weil sie das Hartz-IV-Niveau als Armutsgrenze annehmen. Dabei ist gerade in jüngster Zeit klar geworden, dass der Nachwuchs mit den 208 Euro, die jedem Kind im Monat zustehen, nicht gesund genug ernährt und schon gar nicht angemessen gefördert werden kann.

So gravierend die neuen Zahlen sind: Sie setzen nur den traurigen Trend fort. Noch 1965 war nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen. Seitdem hat sich die Zahl dramatisch erhöht – und das nicht, weil sich etwa die Sozialhilfe so stark erhöht hätte. Der Anstieg beruht, abgesehen von der gewachsenen Arbeitslosigkeit, insbesondere auf zwei Entwicklungen. Zum einen werden mehr Kinder außerhalb der Ehe geboren, in Ostdeutschland bereits nahezu jedes zweite, und viele von ihnen wachsen in der Obhut Alleinerziehender auf. Die haben in Deutschlands familienfeindlicher Arbeitswelt nur geringe Chancen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und für ihre Kinder zu sorgen, zumal es deutlich an Betreuungsplätzen mangelt. Und so bleibt die Kinderarmut selbst jetzt auf hohem Niveau, da die Wirtschaft wächst und die Arbeitslosigkeit sinkt. Die Kinder von Alleinerziehenden stellen die größte Gruppe unter den kleinen Sozialgeldempfängern.

Der zweite wichtige Grund liegt im politisch gewollten Ausbau des Niedriglohnsektors. Einen Alleinstehenden hebt ein Stundenlohn von 7,50 Euro über das Sozialhilfeniveau, nicht aber Eltern von Kindern. Rund 1,1 Millionen Menschen bekommen inzwischen zusätzlich zum Arbeitslohn HartzIV, unter ihnen mehrheitlich Eltern. Für sie wurden ihre Kinder zum Armutsrisiko.

Wie lässt sich die Misere beheben? Die Regierung will jetzt 200 Millionen Euro mehr in den sogenannten Kinderzuschlag investieren. Der soll verhindern, dass Geringverdiener allein wegen ihrer Kinder in Hartz IV rutschen. Derzeit erhalten allenfalls 150000 Eltern den Zuschlag, eher weniger. Er beträgt maximal 140 Euro pro Kind und ist ein bürokratisches Monster: Seine Höhe wird kompliziert berechnet. Man darf nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig verdienen. Die Eltern sollen mit seiner Hilfe gerade eben die Sozialhilfegrenze überschreiten. Rund 80 Prozent der Anträge werden derzeit abgelehnt. Nun will die Regierung die Zahl der Empfänger verdoppeln. Den Höchstbetrag anheben will sie nicht – dabei ließe sich nur so der Kreis derer erweitern, die von Hartz IV verschont bleiben. Die Pläne sind unausgegoren und daher kaum geeignet, die Kinderarmut tatsächlich zu senken. Dafür müsste der Kinderzuschlag höher ausfallen und klarer strukturiert sein.

Wenig hilfreich wäre eine Erhöhung des Kindergeldes, denn das wird Hartz-IV-Empfängern sofort von der Unterstützung abgezogen. Zudem würden schon zehn Euro pro Kind mehr den Staat zwei Milliarden Euro im Jahr kosten, weil alle Eltern dieses Geld bekommen – egal wie dringend sie es brauchen. Den Kindern, die in Armut leben, käme diese große Summe nur zu geringen Teilen zugute. Weit besser angelegt wären die Milliarden in kostenlosem Kita- und Schulessen, damit kein Kind mehr aus finanziellen Gründen unter- oder fehlernährt wird. Bitter nötig sind auch mehr Kita-Plätze in guter Qualität, damit alleinerziehende Mütter arbeiten können und arme Kinder besser gefördert werden. Noch erfreulicher wäre es, wenn diese Kita-Plätze für die Eltern kostenlos blieben.

Zehn Euro mehr für alle sind nicht das Gebot der Stunde. Geholfen werden muss ganz gezielt armen Familien. Außerdem muss man das deutsche System der Familienförderung grundsätzlich überdenken und im ersten Schritt das Ehegatten- durch ein Familiensplitting ersetzen. Denn vor allem sollte es um das Schicksal der Kinder gehen – und nebenbei um die wirtschaftliche Zukunft des Landes.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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    • Schlagworte Familienpolitik | Kindergeld
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