Waffenbau Mit Holzspeeren auf Pferdejagd

400.000 Jahre alte Speere verraten: Der Homo erectus war nicht nur ein exzellenter Handwerker, er konnte sich auch bereits komplexe Jagdstrategien ausdenken

Fast hätten die Bagger sie zerstört: 1994 stießen der Archäologe Hartmut Thieme und Kollegen im niedersächsischen Braunkohlerevier bei Schöningen (Landkreis Helmstedt) unter einer zehn Meter dicken Erdschicht auf mehrere Holzspeere. Die Analyse ergab: Die Schöpfer der Wurfgeschosse müssen Meister der Handwerkskunst gewesen sein. Die Speere waren nicht nur perfekt geschnitzt, sie besaßen auch – wie Versuche mit Nachbauten ergaben – annähernd die Flugeigenschaften heutiger Wettkampfspeere. Umso erstaunlicher ist das Alter der Waffen: Vor 400.000 Jahren hatten Vertreter der Hominidenart Homo erectus sie geschaffen. Die übrigen Relikte im Boden – Feuersteinartefakte und Pferdeknochen – verrieten auch, bei welcher Gelegenheit die Urmenschen die Waffen eingesetzt hatten: Eine ganze Herde von Wildpferden war von den Hominiden niedergemacht worden. Danach hatten sich die Jäger dort niedergelassen, Feuerstellen errichtet und sich monatelang von der üppigen Beute ernährt.

Diese ältesten erhaltenen Holzartefakte belegen, dass es sich beim Homo erectus nicht etwa, wie lange von vielen Wissenschaftlern vermutet, um einen dumpfen, geistig bescheidenen Vorzeitler gehandelt haben kann, der – unfähig zur Jagd – höchstens als Aasfresser in den Genuss tierischer Proteine gelangte. Im Gegenteil, die Jagdgeräte zeichnen ihn als talentierten Handwerker aus. Die Art zu jagen lässt auf eine ausgeklügelte Strategie schließen, die nur im Truppenverband umzusetzen war und wohl bedingte, dass sich die steinzeitlichen Weidmänner in relativ komplexer Form unterhalten haben müssen.

Vom 24. November 2007 bis 24. Februar 2008 sind die Speere im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen und danach (vom 28. März bis 27. Juli 2008) im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Dazu erscheint das Begleitbuch »Die Schöninger Speere«, in dem der Grabungsleiter Thieme ausführlich die Fundgeschichte nacherzählt und die unzähligen Funde wissenschaftlich einsortiert (Konrad Theiss Verlag, 24,90 €).

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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    • Schlagworte Wissenschaft | Archäologie | Anthropologie
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