Die Kapuze hat er weit ins Gesicht gezogen. Seine dunklen Augen funkeln zornig. Das rechte Bein hat der Junge angewinkelt bis zum Brustkorb – im nächsten Moment wird er voller Wucht gegen das parkende Auto treten.

Ein Foto hält diese Szene fest. Es zeigt den 16-jährigen Isa, einen Hamburger Gesamtschüler und gebürtigen Makedonier. Ein Freund von ihm hat das Bild geschossen – nicht um seinen Kumpel anzuschwärzen, sondern weil Isa ihm die Anweisung dazu gegeben hat. Zu der Fotoreihe gehören auch andere Aufnahmen, auf denen der dunkelhaarige Teenager über Mauern und Zäune klettert, sich bedrohlich vor einem kleineren Jungen aufbäumt oder einer dunklen Gestalt im Park einen Geldschein zusteckt. Neben den Bildern klebt ein Post-it: »Sachen kaputt machen, damit der Stress weggeht.«

Drei Monate bevor diese Bilder im Rahmen des etwas sperrig klingenden Projektes »Kompetenznachweis Kultur«, entstanden, hatte Isa ordentlich Mist gebaut – eine Mitschülerin mit mehreren Leuten in die Enge getrieben und ihr mit Worten und Handgreiflichkeiten Angst eingejagt. Die Polizei wurde eingeschaltet, ein Schulverweis angedroht und eine vorläufige Beurlaubung ausgesprochen. Bei den meisten Lehrern war Isa fortan unten durch. Statt den Schulstoff nachzuholen, ging er mit seinen Freunden »chillen«. Seine Mutter bekam Angst, dass ihr Sohn auf die schiefe Bahn geraten könnte, hatte aber kaum Möglichkeiten, mit drei Billiglohn-Jobs, geringen Deutschkenntnissen und einem arbeitslosen Mann, etwas auszurichten.

Von einer ganz anderen Seite lernte Petra Wollny den Jungen kennen – allerdings kurz bevor Isa in Misskredit geriet. Wollny führte in Isas Schulklasse ein Breakdance-Projekt durch. Mit ihrem Kulturverein Genety arbeitet sie daran, Kindern aus schwierigen Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund Perspektiven aufzuzeigen. Genety schickt Künstler, Tänzer, Choreografen und Musiker an Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen und eröffnet Kindern einen Zugang zu Kunst und Kultur, der ihnen sonst verschlossen bliebe. »Obwohl Isa kein geborener Tänzer ist, war er engagiert dabei, hat seine Mitschüler motiviert und den Kurs zusammengehalten«, sagt Petra Wollny.

Aber kurze Zeit später erfuhr sie, dass Isa aufgrund seines Verhaltens der Schule verwiesen werden sollte. Wollny bot dem Jungen an, einen Fotografie-Kurs bei ihr zu belegen, um der Schulleitung so zu beweisen, dass er noch eine Chance verdiente. »Ich war total überrascht, dass ein Erwachsener mir helfen wollte«, erinnert sich Isa. Der Gedanke gefiel ihm, dass er am Ende des Projektes einen Bildungspass erhalten sollte, den »Kompetenznachweis Kultur«. Aber Isa ahnte nicht, wie viel Arbeit in den nächsten Wochen auf ihn zukommen würde. »Ich hatte mich noch nie mit Fotografie beschäftigt und dachte, ich knipse einfach ein paar Gebäude oder so.«

Petra Wollny wurde seine Mentorin, erklärte dem Jungen die Funktionsweise einer Kamera, ließ ihn mit Freunden experimentieren und schickte ihn anschließend ins Fotolabor. Zum Kern ihrer Zusammenarbeit aber wurden die vielen Gespräche, in denen Isa zunehmend auftaute und der Trainerin seine Probleme anvertraute. Dass es ihm wehtat, seine Mutter und die zwei Schwestern bedrückt zu sehen, als es in der Schule Ärger gab. Dass er befürchtete, seine Freunde könnten es uncool finden, wenn er mit seiner Kamera loszog. Und dass er eigentlich so viel vorhatte, bevor er in all den Schlamassel geraten war. »Seine offene Art und die Fähigkeit zuzuhören haben mir immer wieder bestätigt, was für ein pfiffiger und kommunikativer Junge Isa eigentlich ist«, sagt Petra Wollny. »Er war nur gefangen in seiner Vorstellung, immer und überall den King mimen zu müssen.«

Durch Fotografie, Tanz oder Musik den Kindern ein neues Selbstbild zu vermitteln – das ist die Intention des Kompetenznachweises Kultur. Die Mentoren der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BJK) wollen Jugendlichen mit diesem Bildungspass beweisen, dass sie Stärken und Talente haben – und wie sie sie einsetzen können, um ihr Leben eigenständig zu meistern. Zukünftigen Arbeitgebern soll der Bildungspass als eine Art Zeugnis für Sozialkompetenz dienen. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts und der Bildungs- und Managementgesellschaft Langer (BMG) fällt Personalverantwortlichen die Entscheidung für einen Bewerber leichter, wenn dieser den Kompetenznachweis vorlegen kann.