Klassiker der Moderne (87) Famas Haus
Im Jahr 2005 konstruierte der schweizer Komponist Beat Furrer ein Gebäude als Instrument. Stimmen und Töne hallten durch den Raum, wie im Heim der Göttin des Gerüchts.
An einem Ort in der Mitte des Erdkreises, so berichtet Ovid in seinen Metamorphosen, zwischen Erde, Meer und Himmel, befinde sich das erzene Haus der Fama mit seinen zahllosen Zugängen und Luken, in dem alles, was irgendwo geschieht, nachtöne und widerhalle als leises Gemurmel. Von dort aus könne die Göttin des Gerüchts jede Stimme vernehmen, und sei sie noch so weit entfernt. – »Jeder Laut dringt an das lauschende Ohr.«
Vor zwei Jahren ließ der Schweizer Komponist Beat Furrer (geb. 1954) dieses Haus der Gerüchte nachbauen. Für die Donaueschinger Musiktage erdachte er ein Hörtheater im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem er das utopische Götterheim, den Umschlagplatz der Geschichte und der Geschichten, zum Klingen brachte. Fama heißt das Stück »für Klanggebäude, großes Ensemble, acht Stimmen und eine Schauspielerin«, und es greift Ovids Idee des tönenden Raums aus Erz auf: Der Raum selbst wird zum Instrument, zu einer riesigen Hörschachtel mit variabel regulierbaren Paneelen und Reflexionstafeln an Dutzenden von Öffnungen in Wänden und Decke.
In der Schachtel sitzt das Publikum, drum herum die Musiker und Sänger. Der Clou der Konstruktion: Ganz ohne elektroakustische Hilfsmittel, gesteuert nur durch das Öffnen und Schließen der Klappen, dringen Furrers energiegeladene Klänge gefiltert in den Innenraum, spielen mit den akustischen Phänomenen von Hall, Projektion und Brechung. In der Box trägt eine Sprecherin eine virtuose Sprecharie nach Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else vor – als inneren Monolog einer bedrängten jungen Frau, deren Gedankenwelt sich in Famas Haus verdichtet.
Man kann Fama getrost als Opus summum des Komponisten betrachten. So wie die Arte povera ihre Materialien, lässt er die Klänge für sich sprechen, dabei stets auf größtmögliche Durchhörbarkeit bedacht, skrupulös jeder Form von Eloquenz misstrauend. Furrers Musik spielt in schier unendlich differenzierbaren Grauzonen, thematisiert die Zustände zwischen den Zuständen, Transformationen von einem Extrem ins andere, den Moment zwischen nicht mehr und noch nicht.
Viele von Furrers Arbeiten balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Ton und Geräusch (Gaspra, 1988). Oder sie konzentrieren sich auf den kaum merklichen Übergang zwischen Laut und Sprache, Sprache und Gesang (Aria, 1999), pendeln zwischen größter Zurückhaltung und emphatischem Ausdruck (still, 1998); Nuun für zwei Klaviere und Ensemble (1996) hält gar jenen Augenblick fest, in dem die Zeit zum Stillstand kommt.
Mit Fama hat Beat Furrer ein Zentrum der Stille gefunden, in dem seine Klänge auf ebenso ideale wie neuartige Weise in die lauschenden Ohren der Hörer dringen können. Von Donaueschingen aus ist er damit zu Festivals in ganz Europa gereist. Ende November wird noch einmal Station gemacht, in Moskau, dann soll die Kulisse, das Haus der Fama, eingestampft werden. Immerhin: So gut es technisch möglich ist, wurde auf einer SACD im 5.1-Surroundklang festgehalten, was in ihm erklang.
Beat Furrer: Fama (Kairos 12562/Edel)
- Datum 21.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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