Im Land des Fortschritts, in der Stadt der Vergangenheit, auf der Wiese der Alternativlosigkeit steht ein kleiner gelber Bagger und schaufelt ein Loch. Die Sonne scheint, die Elbkähne tuten. Der Bagger, wie er nah am Wasser die Wiese aufreißt und die schwarze Erde zutage fördert, wirkt ein bisschen verloren. Wie ein zorniges Tier aus Metall, das sich in eine friedliche Landschaft verbeißt. Wie das letzte Schlachtross des Technikzeitalters im aussichtslosen Kampf gegen Natur und Kultur. Unbeeindruckt von der Attacke thront die Frauenkirche, wohlbehalten grüßt der Waldschlösschenpavillon über den Fluss. Es ist Montagmorgen in Dresden, der Tag X des Brückenstreits, der tausendmal verschobene und nun gerichtlich ertrotzte Baubeginn. Sieht er nicht viel weniger schlimm aus als befürchtet?

Doch das harmlose Bild trügt. Denn die Sachwalter des autogerechten Bauens, die seit Jahrzehnten unsere Verkehrsprobleme zu lösen vorgeben, indem sie immer mehr Verkehr erzeugen, haben einen großen Triumph errungen. Ausgerechnet in Dresden, der Hochburg des Denkmalschutzes, haben sie ein Monument der rücksichtslosen Modernisierung durchgesetzt. Vergangene Woche lehnte das Sächsische Oberverwaltungsgericht Bautzen die Anträge dreier Naturschutzverbände auf vorläufigen Baustopp ab. Die Waldschlösschenbrücke darf gebaut werden, obwohl sie das Weltkulturerbe Elbtal zerstört. Denn es bleibt eine Zerstörung, auch wenn die winzige Fledermaus, um die es zuletzt ging, sich durch die vierspurige Autotrasse nicht behelligt fühlen sollte. Es wäre auch eine Zerstörung, wenn sie nicht mit der Aberkennung des Unesco-Titels bestraft würde. Ausgerechnet an einer Stelle, wo die Verschmelzung von urbaner und natürlicher Landschaft gelungen schien, obsiegt die Innovationslobby.

Dresden ist nach der Wende zum gesamtdeutschen Symbol der schönen, geschichtsbewussten, menschenfreundlichen Stadt aufgestiegen. Sie symbolisiert unseren kulturellen Bewahrungswillen, vielleicht auch unsere sandsteinselige Sehnsucht nach fürstlicheren Epochen, aber vor allem unseren Bürgersinn, also ein Engagement für längerfristige Ziele als Wohlstand und Rendite. Im Gegensatz zur effizienten City fordert Dresden auch zum Müßiggang heraus. Hier darf man auf dem Elbhang sitzen und sich am Stadtpanorama erfreuen. Hier gibt es noch den Mut zum Innehalten und zum Überlegen, was das Wesentliche sei, das künftige Anstrengungen lohnt.

Die Brücke aber ist das Gegenteil solch praktischer Vernunft. Wenn landauf, landab die Dresdenbewunderer entsetzt fragen, warum man partout eine Flussquerung durchs Welterbegebiet trümmern will, obwohl ihre Notwendigkeit nie nachgewiesen wurde, obwohl der Verkehr von ihr nicht wird abfließen können, obwohl sie den drei Kilometer entfernten Feierabendstau am flussaufwärts gelegenen Blauen Wunder sicher nicht absaugen kann und obwohl der Dresdner Innenstadtverkehr schneller rollt als in fast allen anderen Großstädten der Bundesrepublik – dann gibt es darauf eine schlichte Antwort. Weil auch die Brücke ein Symbol ist. Sie steht für Beschleunigung, Zweckoptimismus und Wachstumswahn im schrumpfenden Ostdeutschland. Sie ist eine Chiffre der trügerischen Hoffnung, dass man die real existierende Stagnation durch einen utopischen Kapitalismus beheben könne. Wo der Euro nicht mehr richtig rollt, wird künstlich Bewegung erzeugt. Denn das sind die großen Ängste der Brückeneuphoriker: vom Fortschritt abgehängt zu werden. Im Grünen Gewölbe hocken zu bleiben.

Der einsame Bagger am Fluss demonstriert beides: politische Verzagtheit und Gestaltungswut. Eigentlich sollte letzten Montag gar nicht auf der Elbwiese losgeackert werden, sondern weiter oben bei den Brückenanschlussstellen. Geplant waren Baumfällungen, archäologische Grabungen, Leitungsverlegungen und Vermessungsarbeiten. Doch die Bauherren, die einen symbolischen Spatenstich nicht wagten, haben einen symbolischen Bagger an die Stelle geschickt, wo irgendwann einmal der Brückenfuß eingepflockt wird. Dort zäunte man ein kleines Areal ein, den Zaun aber zog man ohne Not bis direkt ans Wasser, über den alten gepflasterten Treidelpfad hinweg, den die Elbspaziergänger benutzen. Nun müssen sie durchs feuchte Gras, um den Bagger herum. Wer das für einen weiteren Streich in einer Lokalposse hält, hat die überregionale Bedeutung des Dresdner Brückenstreits nicht begriffen.

Hier wird nämlich der kritische Bürger im Namen seiner selbst gemaßregelt. Hier herrscht die Willkür eines sächsischen Regierungspräsidiums und einer CDU/FDP-Minderheit des Stadtrats, die sich beide hinter einem Bürgerentscheid verstecken, nachdem sie ihn erst herbeigeführt und nach Kräften manipuliert haben. Es ist ja noch nicht annähernd publik geworden, wie Politiker in der Causa Waldschlösschenbrücke die öffentliche Meinung beeinflussten, Informationen zurückhielten, Alternativen unterschlugen und den Eindruck erweckten, Dresden brauche unbedingt eine neunte Brücke.