Online Medien Was ist Grundversorgung?

ARD und ZDF dürfen die privaten Medien nicht aus dem Internet verdrängen. Sonst leidet das ganze Land.

Mit der Digitalisierung erleben wir eine Schwellenzeit, die in ihrer Auswirkung mit der Erfindung des Buchdrucks, der Kartografie und den großen Entdeckungen im 15. Jahrhundert vergleichbar ist. Das Internet, das durch den Mobilfunk bald überall und immer zugänglich ist, formiert eine neue Medienlandschaft, welche die Dreiteilung Fernsehen, Print und Radio ablöst. Denn alle Inhalte und Formate sind zukünftig im Netz dar- und zustellbar. Und hier nehmen die aus dem Internet kommenden Anbieter wie Google eine starke Position ein. Das alles verändert auch die Wettbewerbssituation und das Verhältnis zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Medien.

In dieser Schwellenzeit gewinnen die Medien an sich an Bedeutung als Innovationsmotoren und als kulturelles Kapital eines Landes, einer Region oder Stadt. Beispiele sind Städte wie New York, London, Berlin oder die Boomländer in Asien. Der amerikanische Forscher Richard Florida spricht von der creative class, die für Wertschöpfung, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand einer Region wichtiger wird. Medien sind mit ihrer Vernetzung zu Kultur, Marken und digitaler Technologie ein elementarer Bestandteil dieser kreativen Klasse. Und die deutschen Verleger haben sich mit ihren Häusern, ob Publikums- oder Fachmedien, in vielen Jahren eine international führende Position erarbeitet.

Eine Grundlage für die Entwicklung neuer Medien und deren Nutzung ist die Verbreitung des Breitband-Internets. Hier liegt Deutschland noch zurück, und der schnelle Ausbau hat nicht nur für Medien, sondern auch Handel und Dienstleister eine hohe Priorität; das hat diese Woche erst die EU-Kommissarin für Telekommunikation und Medien, Viviane Reding, bestätigt. Daraus entstehen Innovationschancen für private Medien und Verlage, die Frequenzen sind kein Erbhof der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Brüssel will eine Liberalisierung der Märkte, will mehr Wettbewerb. Und sofort wird von interessierter Seite ein Katastrophenszenario inszeniert, es stünde die Kulturinstitution Rundfunk auf dem Spiel.

Die uferlose Expansion der gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Medien in digitale Plattformen, allen voran das Internet, ist ein zentrales Problem für private Medien. Dabei hören wir Verleger der Position von ARD und ZDF zu und unterstellen auch keine schlechte Absicht. Wir wollen indes eine konstruktive Auseinandersetzung führen.

Und die muss auf Fakten basieren . Die Öffentlich-Rechtlichen stoßen mit ihren Internetaktivitäten in Felder vor, die ihren Funktionsauftrag und den Raum für Randaktivitäten weit überschreiten. Es stellt sich die Frage, worin die Legitimation solch weit reichender und konkurrierender Angebote auf Grundlage der Gebührenfinanzierung besteht.

Mit Themen im TV haben die Öffentlich-Rechtlichen die Verleger nicht gestört. Aber im Internet kommen wir uns in die Quere. Mit Bereichen wie Haus und Garten, Computer und Technik, Auto und Verkehr, Stars und Promis, Reise und Freizeit, die in voller digitaler Breite ausgebaut werden, verschieben sich die Gleichgewichte. Wenn das Material, das im heutigen Rahmen für Sendungen anfällt, professionell auf digitale Plattformen wie das Internet gestellt wird, kann auf Dauer kein Verlag gegen dieses Werk von über sieben Milliarden Euro Beihilfe jährlich konkurrieren. Genau, »Beihilfe«: Mit Recht geht die EU-Kommission davon aus, dass es sich bei den Gebühren um Beihilfen handelt.

Die Verlage für Fach- und Publikumszeitschriften, die diese Inhalte erstellen, sind nicht gebührenfinanziert. Und es ist absolut fragwürdig, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung vergangene Woche schrieb, ob denn die Rezepte für Kohl- und Wirsingrouladen in den GEZ-Gebühren inbegriffen seien. Rechtfertigen diese Themen die Verwendung von Gebühren? Denn wem nützen sie? Wo ist der public value?

Ganz im Gegenteil wird damit eine freie Pressekultur bedroht. Diese Presse deckt eine Meinungsvielfalt ab, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Sie muss ihre Umsätze im harten Wettbewerb verdienen und kann nur das Erwirtschaftete in das Internet investieren. Wir privaten Medien müssen uns zudem viel intensiver mit den neuen digitalen Mitspielern aus dem Silicon Valley auseinandersetzen und hängen von der konjunkturellen Entwicklung ab. Die gebührenfinanzierten Medien kennen diese Probleme nicht. Darüber hinaus müssen sie null Prozent Mehrwertsteuer in Rechnung stellen.

Da muss ich dann doch einmal fragen, wenn ich das aktuelle Nachmittagsprogramm von ARD und ZDF schaue, was ein Boulevardmagazin wie Brisant, was Telenovelas wie Verbotene Liebe oder Sendungen wie Leute heute mit neuestem Promi-Klatsch mit höherer Kultur zu tun hat? Weiß denn ein Ministerpräsident, der sich für diesen Kulturbegriff so mächtig ins Zeug wirft, nicht, was am Nachmittag gesendet wird? Benutzt er denn nie die Websites von ARD und ZDF, um zu sehen, was da angeblich an Kultur unter die Rundfunkhoheiten fällt?

Immer wieder wird auf das großzügige Karlsruher Urteil und auf den öffentlichen Auftrag hingewiesen. Aber sind denn Spiegel, Stern, die ZEIT und Focus, sind die FAZ, die Welt, die Süddeutsche Zeitung, die WAZ und Rheinpfalz, die Stuttgarter Zeitung nicht genauso eine Grundversorgung für die politische Kultur in diesem Lande?

Im Einzelgespräch mit den Intendanten spürt man auch ihr persönliches Unwohlsein, den Spagat, den sie da täglich vollführen. Aber warum dann nicht mit der nächsten Gebührenerhöhung endlich einmal Schluss machen mit dem Quotenschwindel, der sie angeblich zu diesem Seifenopern-Programm zwingt? RTL und ProSiebenSat.1 brauchen diese Formate für ihre Werbeblöcke. Aber ARD und ZDF? Es ist Zeit, über neue mediale Spielregeln nachzudenken. Es ist der richtige Moment, damit sich die Öffentlich-Rechtlichen durchgehend auf Themen konzentrieren, zu denen sie für die Meinungsvielfalt und zur Information benötigt werden. Nicht alles kann der Markt allein refinanzieren wie etwa Bildung, Wissenschaft, Integration, Kultur. Wäre das nicht die vornehmste Aufgabe, für die viele vielleicht sogar eher bereit wären, die GEZ-Gebühren zu entrichten?

Walter Benjamin sagte, wenn Medien sich verändern, verändert sich die Gesellschaft. Unsere Gesellschaft verändert sich grundlegend. Wir erleben, wie sich traditionelle Institutionen, die wertestabilisierend wirken, auflösen. Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Sportvereine verlieren Mitglieder, Familien weichen Single-Leben.

Das hat viele Gründe und ist auch Folge der Schwellenzeit, die wir erleben. Medien sind daher Teil der und Akteure im Leben der Menschen und in der Politik. Wir wissen das aus Leserbriefen, Umfragen und Blog-Kommentaren im Internet. Die Fernsehdemokratie hat die Politik verändert, das Internet fängt gerade erst damit an. Die Medien tragen in dieser Phase eine immense Verantwortung.

In einer aktuellen Allensbach-Studie analysierte die Institutschefin Renate Köcher diese Entwicklung. Wir erleben, wie die Jugend, unsere Zukunft, heute in zwei Gruppen zerfällt. Diejenigen, die intensiv Zeitungen und Zeitschriften, aber auch das Netz nutzen. Und diejenigen, die nur noch Fernsehen konsumieren. Die eine Gruppe, die sämtliche Medien nutzt, so das Allensbacher Institut, hat alle Bildungs- und Zukunftschancen. Die zweite Gruppe tut sich sehr schwer, und es mangelt ihr an Perspektiven. Auch deshalb braucht unser Land starke private Verlage.

Hubert Burda ist Verleger und Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Der Text beruht auf seiner Rede anlässlich der Zeitschriftentage in Berlin vergangene Woche

 
Leser-Kommentare
  1. Die Ausführungen von Herrn Burda sind wohl eher durchsichtig auf einen neuen eigenen Anlauf Richtung neue Medien gedacht. Richtig wird hierbei angedacht, geistloseste Telenovelas und Ähnliches haben mit einer medialen Versorgung der Bevölkerung auf Gebührenbasis nur wenig zu tun. Ein Großteil des Programmes der Privaten aber genügt noch nicht einmal einem grundlegenden medialen Verständnis irgendwelcher Art. Und hier liegt auch der Widerspruch im Text. "Die zweite Gruppe tut sich sehr schwer, und es mangelt ihr an
    Perspektiven. Auch deshalb braucht unser Land starke private Verlage." - Welche der von Ihnen mitgestalteten großen Formate (Bunte, RTL2, Super-Illu...) kommen auch nur in die Nähe eines solchen Anspruches, Herr Burda? Welche Entwicklung ist bei dem Format Focus im Laufe der Jahre zu beobachten? Und wen bitte schön möchten PRO7/ SAT1 oder Bild im Internet großartig ansprechen? "Aber sind denn Spiegel, Stern, die ZEIT und Focus, sind die FAZ, die Welt, die Süddeutsche Zeitung, die WAZ und Rheinpfalz, die Stuttgarter Zeitung nicht genauso eine Grundversorgung für die politische Kultur in diesem Lande?" - Zum Großteil mit Sicherheit sehr wichtig und unverzichtbar. Im Bezug zu angesprochenen Formaten wie Brisant oder Telenovelas dagegen, die hier angesprochenen Zeitungsformate sind wohl kaum von "Brisant" berührt. Zusammengefaßt muß ich feststellen, die Privaten fühlen sich teils zu Recht zurückgesetzt. Die Öffentlichen werden ihrem Auftrag auch nicht immer gerecht. Betroffen von den angeführten Benachteiligungen sind aber mit Masse Formate die weder inhaltlichen noch kulturellen Wert haben. Die Nutzung der digitalen Medien durch die öffentlichen aus diesem Grunde beschränken zu wollen deshalb nur ein durchsichtiges Manöver zur Sicherung von Marktanteilen. In keinem Fall ist es für die mediale Kultur aber aktzeptabel, Einzelne aus welchen Gründen auch immer von bestimmten Verbreitungsformen auszuschließen oder diese Möglichkeiten auch nur zu beschränken. Möchten die Privaten im Internet mehr Anteile gewinnnen, sollten sie erst einmal ihre eigenen in Masse herausgewürgten Geistlosigkeiten überprüfen. Vielleicht erreichen sie dann neben den medial Aktiven auch eine Verbesserung der Versorgung der anderen angesprochenen Gruppen. Mit Herummeckern von der eigenen Unfähigkeit ablenken ist jedenfalls kein Stil. 

  2. Die nachlassende Qualität der Öffentlichen ist ja gerade das Ergebnis des schlechten Einflusses, den die Privaten auf die Sehgewohnheiten des Publikums haben. Wenn Herr Burda das nun als Argument ins Feld führt, ist das heuchlerisch. Mögen die Öffentlichen seinen Schundformaten den Garaus machen!

    • outis
    • 29.11.2007 um 12:36 Uhr

    Also, man sehe sich mal das Podcastangebot beim Westdeutschen, Bayrischen Rundfunk, Deutschlanfunk etc. Was einem dort an erstklassiger Information und allgemeinbildenden Angeboten auf Abruf zur Verfügung steht versöhnt einen mit  der GEZ.Welche private Konkurrenz sollte durch solche Angebote in Bedrängnis kommen. Es wäre doch vielmehr erfreulich, wenn diese daran gehindert würde ,ihren Schrott auch noch im Internet zu verbreiten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Medienpolitik
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service