Philosophie Elf Thesen zu Habermas

Die Weltreligionen sind mächtig genug. Deshalb ist es ein Fehler, wenn Philosophen sie als Sinn-Ressource der Demokratie feiern.

1. Seit einigen Jahren versucht sich der Philosoph Jürgen Habermas an der Quadratur des Kreises: Einerseits möchte er an den demokratisch-liberalen Prinzipien festhalten, zu denen die staatliche Neutralität gegenüber den Religionen gehört und damit das Beharren darauf, politische Entscheidungen nur aufgrund von Argumenten zu fällen, die rationaler Natur und allgemein zugänglich sind. Anderseits aber will Habermas auch religiöse »Argumente« als solche anerkannt sehen. Diese sollen nicht nur als legitime, sondern auch als nützliche und im Rahmen des demokratisch-liberalen Zusammenlebens unabdingbare Faktoren betrachtet werden. Folgt man Habermas, dann haben nichtgläubige Bürger sogar die Pflicht, »Intuitionen« und »Gründe«, die der religiöse Bürger nur in Begriffen seines Glaubens auszudrücken weiß, in die weltlichen Begriffe der demokratischen Auseinandersetzung zu übertragen. Denn ohne eine solche kooperative Haltung würde der nichtgläubige Bürger die Last der Toleranz allein dem gläubigen Bürger aufladen. Dies aber bedeutet in seinen Augen eine nicht hinzunehmende Asymmetrie im Verhältnis konkurrierender Weltbilder. Sie diskriminiert den Gläubigen.

Habermas geht über diese Forderung noch hinaus. Der glaubenslose Bürger ist seiner Meinung nach sogar gehalten, auch den »religiösen Weltbildern« ein »Wahrheitspotenzial« zuzugestehen. Demnach haben die Religionsgemeinschaften nicht nur Anspruch auf »öffentliche Anerkennung für den funktionalen Beitrag, den sie für die Reproduktion erwünschter Motive und Einstellungen leisten«. Vielmehr gelte es darüber hinaus »für den religiös unmusikalischen« Bürger, »das Verhältnis von Glauben und Wissen aus der Perspektive des Weltwissens selbstkritisch zu bestimmen«. Mit anderen Worten: Er soll seine atheistische Sicht aufgeben. Ziel sei die »Einübung in einen selbstreflexiven Umgang mit den Grenzen der Aufklärung«, die in eine »Überwindung eines säkularistisch verhärteten und exklusiven Selbstverständnisses der Moderne« münden soll.

Bislang bestand der Kern des von Habermas verfochtenen Verfassungspatriotismus in der Forderung, das Zusammenleben der Bürger müsse »mit Mitteln des positiven Rechts autonom und vernünftig«, also ohne Gottesbezug, geregelt werden. Diese Forderung verkehrt Habermas nun zu einer Haltung selbstkritischer Askese. Die Aufklärung soll gezwungen werden, auf ihre Kultur und ihre Politik, mehr noch: auf ihre gelebte Laizität zu verzichten. Sie soll Sühne tun für die angebliche asymmetrische Toleranzlast, mit der sie die Gläubigen seit Jahrhunderten quält. Verständlich, dass Joseph Ratzinger sich über diese »postsäkulare Vernunft« freut wie ein Schneekönig.

2. Doch worin genau besteht das Leiden der Gläubigen unter der Schikane des asym- metrischen Staates? Eines Staates, dessen Glaubensneutralität angeblich nicht wirklich unparteiisch ist? Habermas sagt, man dürfe nicht ungerechterweise »den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen«. Dass die Klausel etsi Deus non daretur dem Gläubigen den Verzicht auf das Gottesargument auferlegt, bedeutet für Habermas offensichtlich einen äußerst schwerwiegenden Verzicht. Für den säkularisierten Bürger hingegen sei die Klausel unerheblich und koste ihn nichts.

Dieses Argument ist nicht stichhaltig. Anders als Habermas glaubt, verlangt der deliberative, also zwischen allen Positionen abwägende und vermittelnde Charakter der liberalen Demokratie in Wirklichkeit von allen Bürgern, ob sie gläubig sind oder nicht, die gleiche Selbstbegrenzung. Niemand, ob gläubig oder nichtgläubig, darf sich auf ein Autoritätsprinzip berufen. Niemand darf auf die Frage »Warum?« mit dem Absolutismus des »Weil es so ist!« antworten. Es stimmt also nicht, dass nur der Gläubige auf sein ihm eigenes »Weil es so ist!« verzichten muss. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft schließt das »Gott will es« genauso aus wie jede andere ideologische – agnostische, heidnische, atheistische – Prämisse, angefangen von der Blut-und-Boden-Ideologie bis zum Pazifismus, vom Hedonismus bis zur Ethik der Solidarität. Alle, Gläubige wie Nichtgläubige, müssen auf ihre ureigenen Wertsetzungen verzichten.

3. Habermas trägt seinen »Kantischen Republikanimus« mit einem Widerspruch vor. Er gibt zwar zu, dass jede Religion »die Autorität beansprucht, eine Lebensform im Ganzen zu strukturieren«. Doch meint er, dass gerade deshalb die Gläubigen »ihre Überzeugungen auch dann in religiöser Sprache ausdrücken und begründen dürfen, wenn sie dafür keine säkularen ›Übersetzungen‹ finden«.

Nun ist es aber ein wesentliches Merkmal aller religiösen Sprachen, wenn sie nicht ins Säkulare übersetzt werden, dass sie auf das trennende »Gott will es« rekurrieren; dass sie also beständig den Anspruch erheben, »eine Lebensform im Ganzen zu strukturieren«, um dann die Gesetze des Staates an das eigene Dogma anzupassen. Für Habermas ist es eine Sache der Nichtgläubigen, für die Übersetzung der religiösen Inhalte zu sorgen: Man muss »von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen«. Damit verbindet sich für Habermas die Hoffnung, dass aus dieser Übung »religiöse Gründe möglicherweise in der verwandelten Gestalt allgemein zugänglicher Argumente hervorgehen«.

Und wenn, trotz allen »guten Willens« von laizistischer Seite, eine solche Übersetzung sich als unmöglich erweisen sollte? Im Namen Gottes können Normen auferlegt werden, die keine noch so rationale Argumentation mit den Werten kompatibel machen kann, an denen Habermas – mit gutem Grund – als konstitutiv (also unverzichtbar) für einen demokratischen Verfassungsstaat festhält. Tatsächlich gibt es von diesen antidemokratischen Normen so viele, dass ihr Name »Legion« ist. Die Berufung auf sie gehört keineswegs der Vergangenheit, im Gegenteil. Die religiös motivierten Zumutungen nehmen heute sogar dramatisch zu.

4. Habermas ahnt offensichtlich diese Widersprüche und sucht nach einem Ausweg, indem er eine Unterscheidung trifft zwischen dem streng politischen staatlichen Bereich und dem Bereich der öffentlichen Meinung. Nur im staatlichen Bereich müsse in rigoroser Weise und ohne Ausnahme die Forderung nach unbedingter Laizität gelten. Die Bürger und ihre politischen Organisationen hingegen dispensiert Habermas von der Verpflichtung auf Laizität. Denn »diesen Grundsatz von der institutionellen Ebene auf die Stellungnahmen von Organisationen und Bürgern in der politischen Öffentlichkeit auszudehnen« wäre »eine säkularistische Überverallgemeinerung«.

Habermas behauptet nichts anderes, als dass es zwei getrennte Welten der Kommunikation gibt, in denen entgegengesetzte und unvereinbare Regeln gelten. Danach dürfte die Amtsinhaberin Hillary Clinton, wenn sie um Stimmen wirbt, nicht Gott ins Spiel bringen, ihr Gatte Bill, der in der Öffentlichkeit um dieselben Stimmen für sie wirbt, durchaus. Kurzum: Die pragmatische »Lösung«, mit der Habermas seinen Widersprüchen zu entkommen versucht, ist nicht praktikabel. Im Übrigen ist es Realität (und darin besteht auch die Dramatik des Problems), dass im öffentlichen Bereich alle (oder zumindest zu viele und immer mehr) den Namen Gottes anrufen.

5. Dennoch beharrt Habermas darauf, dass Gläubige diskriminiert würden. So seien »die Folgelasten der Toleranz, wie die mehr oder weniger liberalen Abtreibungsregelungen zeigen, nicht symmetrisch auf Gläubige und Ungläubige verteilt«. Das Gegenteil ist wahr. Kein abendländisches Gesetz zur Abtreibung legt irgendeiner Frau einen Zwang auf. Es lässt ihr die Freiheit der Wahl. Es ist vielmehr Ratzinger, der einer nichtgläubigen oder einer anderen Religion angehörenden Frau ein strafrechtlich sanktioniertes Verbot auferlegen will.

Diese Asymmetrie, die in Wahrheit zulasten der Laizisten geht, wird im Fall von Euthanasie noch offensichtlicher. Bei der Euthanasie gibt es nicht einmal das Alibi-Argument einer zweiten »Person« (des Fötus), deren Rechte geschützt werden müssten. Tatsächlich lässt die von Habermas beklagte laizistische »Asymmetrie« den gläubigen Bürgern alle Freiheit, von einem Recht Gebrauch zu machen oder nicht. Nimmt aber die Sichtweise der Gläubigen Gesetzeskraft an, dann wird der Nichtgläubige, will er nicht eine Gefängnisstrafe riskieren, gezwungen, das zu vermeiden, was für den Papst »Sünde« ist.

Habermas aber beharrt auf seiner Position: »Der liberale Staat darf die gebotene institutionelle Trennung von Religion und Politik nicht in eine unzumutbare mentale und psychologische Bürde für seine religiösen Bürger verwandeln.«

6. Den Gläubigen keine »mentalen und psychologischen Bürden« aufzuerlegen oder mit Pflichten zu konfrontieren, »die mit einer gläubigen Existenzform unvereinbar sind«, scheint recht und billig zu sein. Und doch kann diese Forderung eine Büchse der Pandora grausamer Intoleranzen öffnen. Es hängt nämlich davon ab, was die »gläubige Existenzform« fordert. Wenn sie den Scheiterhaufen für Ketzer fordert (oder auch nur für eine »satanische Karikatur«), dann kann der Staat nicht nur, sondern er muss dem Gläubigen die »mentale und psychologische Bürde« des Verzichts auf diesen religiösen Impuls auferlegen. Wenn zum Beispiel die gläubige Existenzform die sexuelle Verstümmelung von Kindern fordert, kann der Staat das nicht nur, er muss es bestrafen (und zwar mit unfrommer Strenge).

7. Um es zu wiederholen: Anders als Habermas glaubt, wird der öffentliche Bereich ein für alle Bürger offener Raum nur dann sein, wenn er von jedem Gottesargument frei gehalten wird. Habermas’ Aussage »Faire Regelungen können nur zustande kommen, wenn die Beteiligten lernen, auch die Perspektiven der jeweils anderen zu übernehmen« ist irrig. Warum sollten wir lernen, ausgesprochen antidemokratische Sichtweisen zu übernehmen, also uns zu eigen zu machen? Warum sollten wir uns auf den Standpunkt des Nazis, des Rassisten, des Fundamentalisten stellen? Im Gegenteil: Es geht darum, alle Zumutungen jedes irgendwie gearteten »Weil es so ist!«, die Ausdruck von bloßem »Machtwillen« sind und mit der Demokratie unvereinbar, zu verbannen. Und das Gottesargument ist ein besonders bedrohliches »Weil es so ist!«. Mit dem Satz »Gott mit uns« sind in der Vergangenheit alle möglichen Kriege und Verbrechen geheiligt worden.

Im Grunde geht es nur um das Zweite Gebot: den Namen Gottes nicht eitel aussprechen. Ihn auf der öffentlichen Bühne aussprechen heißt, den Streit der Meinungen und die demokratische Dialektik dem Risiko eines Gottesurteils auszuliefern.

8. Um diesem Risiko zu entgehen, müssen alle – ob sie ein religiöses Empfinden haben oder nicht – den Anspruch auf ethische Wahrheit aufgeben. Die »bestimmten kognitiven Voraussetzungen«, die Habermas zu Recht als Conditio sine qua non fordert, damit »die Pflicht zum ›öffentlichen Vernunftgebrauch‹ … erfüllt werden kann«, laufen auf die rigorose Anwendung des Prinzips von Hume hinaus: Aus einer Tatsache kann nie ein Wert abgeleitet werden, aus einer Beschreibung keine Vorschrift, aus dem Sein kein Sollen, aus einem wissenschaftlichen Gesetz kein moralisches Gesetz. Mit anderen Worten: Im Streit um Werte müssen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen demokratischen Nenner des Verfassungspatriotismus beschränken. Für alle anderen ethisch-politischen Wahrheiten gilt: Sie haben das volle Recht auf Artikulation, und sie dürfen selbstverständlich Leben und Verhalten motivieren. Aber als ein Argument im öffentlichen Diskurs gelten sie nicht.

9. Das wahre Schreckgespenst für Habermas indes sind die Wahrheiten der Naturwis- senschaften. Er sieht eine heimliche Komplizenschaft zwischen »den wissenschaftsgläubigen Prämissen der Aufklärung« und der gegenläufigen Tendenz, den »religiösen Orthodoxien«. Diese beiden entgegengesetzten Extremismen »fundamentalistischer und säkularistischer Gesinnungen«, so Habermas, »bringen den Zusammenhalt des politischen Gemeinwesens durch weltanschauliche Polarisierung gewissermaßen arbeitsteilig in Gefahr«.

Der philosophische Mangel des »radikalen Naturalismus« sei die »Reduktion unseres Wissens auf die Menge der Aussagen, die jeweils den ›Stand der Wissenschaften‹ repräsentieren«. Habermas fürchtet eine »Naturalisierung des Geistes, die unser praktisches Selbstverständnis als verantwortlich handelnde Personen infrage stellt und zu Forderungen nach einer Revision des Strafrechts anregt«. Dies allerdings ist eine Karikatur des Naturalismus. In Wirklichkeit sagt uns die von Habermas gescholtene Wissenschaft »nur«, dass der Neokortex den Affen »Mensch« vom Zwang der Instinkte befreit und ihn zwingt, diese durch eine Norm zu ersetzen. Sie sagt uns nicht, welche Norm. Irgendeine Norm, wenn sie nur funktioniert. Sie erklärt uns also zu Herren der Norm, die ihr gegenüber absolut verantwortlich sind.

Die »Vernunft« Hegels, für die Habermas Weihrauch verbrennt, ist nicht Vernunft, sie ist Theologie. Mehr noch: Sie ist alles durchdringende Restauration der Theologie gegen die Errungenschaften der modernen kritisch-empirischen Skepsis.

10. Kritisch-empirische Ernüchterung ist für Habermas offensichtlich von Übel. »Die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung« haben in seinen Augen dazu beigetragen, »abgründige Zerstörungen« anzurichten, sie haben zu »einer ›entgleisenden‹ Säkularisierung der Gesellschaft im Ganzen« beigetragen, die die Quellen der Solidarität unter den Bürgern austrocknet. Solidarität, auf die »der demokratische Staat, ohne sie rechtlich erzwingen zu können, angewiesen ist«.

Ratzinger hat die Laizität von Habermas schon in katholische Sprache übersetzt: Damit die Demokratie nicht in den Nihilismus stürzt, müssen alle – Gläubige und Atheisten – sich verhalten, »als ob es Gott gäbe«. Das ist die völlige Umkehrung der Moderne. Tatsächlich ist der Beitrag der Religion zur Demokratie unentwirrbar ambivalent. In den Händen von Dietrich Bonhoeffer ist die Religion zweifellos ein Schrein, der für die Freiheiten zur Verfügung steht. In der Regel aber ist die Religion eine sichere und permanente Versuchung zum konfessionellen Machtmissbrauch gegen die Demokratie. Für diese bedrohliche Hilfe gibt es aber keinen Bedarf. Denn damit »die Gerechtigkeitsprinzipien« wirksam Eingang finden können »in das dichtere Geflecht kultureller Wertorientierungen« – ohne die für Habermas, richtigerweise, die Demokratie auf dem Spiel steht –, genügt es, dass der demokratische Verfassungsstaat dem gemeinsamen Nenner von Werten treu bleibt. Der wichtigste kleinste gemeinsame Nenner ist »ein Kopf, eine Stimme«.

11. Das Wesen der liberalen Demokratie besteht in der Souveränität der Bürger, sich selbst das Gesetz zu geben. Eine freie und gleiche Wahl setzt aber materielle und kulturelle Bedingungen der Autonomie für alle und für jeden voraus. Die Wahl ist nicht frei (ein Kopf, eine Stimme) in einem Klima der mafiösen Einschüchterung (eine Kugel, eine Stimme) oder der Korruption (eine Schmiergeldsumme, eine Stimme). Sie ist nicht frei, wenn Not das Leben eines Bürgers beherrscht oder wenn die Ungleichheit materieller Mittel die Wahlen beeinträchtigt (ein Dollar, eine Stimme). Oder wenn die Werbung (ein Spot, eine Stimme) an die Stelle der argumentativen Auseinandersetzung tritt. Politische Grundforderungen wie radikale Wohlfahrt (Unabhängigkeit von Not), Unparteilichkeit und Pluralismus des Fernsehens, staatliche Schule und ständige Fortbildung sind Voraussetzungen der freien und gleichen Wahl. Sie müssen von der Verfassung garantiert und Mehrheitsentscheidungen entzogen werden.

Anstatt das entscheidende Problem der gegenwärtigen Demokratien anzugehen, nämlich ihr Gerechtigkeitsdefizit, ruft Habermas die Religionen zu Hilfe, gleichsam als Zuschlag für die Seele, das Gefühl und die Solidarität. Dadurch weicht er dem entscheidenden Problem aus: dem Kampf für die Demokratie in der Demokratie. Dem Kampf gegen die Macht des Privilegs und des Konformismus.

Aus dem Italienischen von Karl Pichler

Die Habermas-Zitate stammen aus seiner Aufsatzsammlung »Zwischen Naturalismus und Religion« (Suhrkamp Verlag). – Von Paolo Flores dArcais ist unter dem Titel »Gibt es Gott?« im Wagenbach Verlag ein Streitgespräch mit Joseph Ratzinger erschienen

 
Leser-Kommentare
  1. Habermas ist ein Phantast, der seit Jahrzehnten versucht, Dinge in Einklang zu bringen, die nicht kompatibel sind. Die Thesen sind schon ganz schön habermäßig. Vielleicht helfen die Atheisten demnächst noch den Muslimen beim Beten...Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!

  2. Ich hätte freilich nichts dagegen dem sechzehnten Benedikt die Ohrenbeichte abzunehmen. Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!

  3. Vieleb Dank fuer diesen sehr guten Artikel. Ueber Habermas wusste ich nicht viel, und Philosophie ist auch nicht mein Fach.  Aber ich bin doch ernuechtert und enttaeuscht, wie jemand wie Herr Habermas als "groesster lebender Deutscher Philosoph" bezeichnet werden kann (wie ich kuerzlich las). Das erscheint mir doch eher als duenne Gedankenspielerei und Schwafelei als das, was ich mir unter Philosophie vorstelle. Wenn das alles ist, Herr Habermas, dann ist Deutschland wirklich "voll " von Philosophen!"

  4. Da findet der Autor ja richtig harte Worte wider der Religion. Und Dawkins hat ja bewiesen, dass man durchaus Geld damit verdienen kann, möglichst laut zu schreien.Allerdings, wie ich Habermaas verstehe aus diesem Text heraus, hat er doch einen recht wichtigen Punkt gefunden: Religion existiert! Auch in einer Demokratie. Und Religionen ist nunmal zu eigen, dass sie sich einer speziellen Symbolik bedient und mit einem anderen Bezugspunkt argumentiert. Dass dies für Anders- oder Nichtgläubige nicht immer zur Gänze nachvollziehbar ist, liegt in der Natur der Sache. In einem sozialem Gefüge, dass unter dem Prinzip des Laizismus gebaut ist, ist jedoch kein Platz für eine solche "Stimme" und sie geht unter. Und dies kann eben auch nicht der Anspruch einer Demokratie sein. Empirische Wissenschaft hat numal einige fundamentale Probleme, zum einen dass sie wenig bis nicht in der Lage sind, auf die Fragen der eigenen Existenz zu antworten, zum anderen, dass auch sie (zB im Bereich der Wirtschaftswissenschaften) merkwürdige "Wahrheiten" zu Tage bringen, die weniger wahr sind, weil sie wahr sind als deswegen, dass an sie geglaubt wird. Und leider kürzen sie auch die Welt auf einen kleinen (berechenbaren) Ausschnitt zusammen (Nehmen wir mal die eh völlig unterrepräsentierte Qualitative Empirie raus). Genug der Wissenschaftskritik...Nun hat der Mensch irgendwie ein Bedürfnis nach Glauben - zumindest recht viele. Leider schafft es weder die Demokratie noch die Empirie dieses Loch zu füllen (warum auch?), ein Resultat davon ist, wie mir aus unzähligen Gesprächen scheint, eine starke Sprachlosigkeit in Bezug auf den eigenen Glauben, oder stärker: seine Gotteserfahrung! Und um diese Sprachlosigkeit zu füllen, benötigt es eben auch eine Sprache der Religion. Wenn dies so ist, wie ich behaupte, könnte Religion wirklich einen relevanten, wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten und wichtiger: den Menschen vervollständigen und ihm die Möglichkeit eines Standpunktes einräumen. Und dieser ist wichtig für eine richtige Demokratie.Ein weiteres Problem liegt weiterhin zwischen Staat/Religion. Wenn wir bei dem Beispiel des Autors bleiben, dass Kriege in Gottes Namen geführt werden ist dies auch deutlich: Es ist ein Problem, wenn sich Politik der Religion bedient, sprich: missbraucht. Und ich empfinde es nicht nur als Problem, wenn Politiker als solche ihre Aussagen mit dem Prädikat "Gott" schmücken, sondern auch als überaus peinlich für die religiöse Gruppe (wie das berühmte "C"). Aber dies ist ein Problem, dass sich hier ein System völlig anderer Funktion einer Sprache bedient, die ihr nicht zukommt. Dies heißt aber nicht, dass in einem gedachten gesamtgesellschaftlichem Diskurs, religiöse Symbolik nicht gebraucht werden darf.Komischerweise nimmt der Autor für eine in religiöser Symbolik ausgedrückter Argumentation lediglich Setzungen an: starre, festgesetzte Normen und Dogmen ohne Begründung (außer den Gottesbezug). Das irritiert nicht nur deshalb, weil (zumindest in der christlichen Religion) eher von Freiheit diesbezüglich gesprochen wird, sondern auch, dass diese Punkte meist recht lang innerkirchlich diskutiert wurde und wird. Und selbst das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes der Römlinge verhindert innerhalb dieser Gruppierung nicht einen kritischen Diskurs wie zB über Abtreibung. Und die von den Medien gern mal portaitierten Wahnsinnigen, die kontextlos merkwürdige Passagen aus den Numeri krakehlen sind nicht gerade repräsentativ. Von daher kann ich einem der Hauptpunkte des Autors Thesen nicht folgen.So schließe ich damit, durchaus religiöse Symbolik in öffentlicher Diskussion zuzulassen, da diese durchaus in der Lage ist, Positionen zu verdeutlichen und dem Menschen in bestimmter Beziehung auch eine Sprache geben kann, die Ausgrenzung einer solchen Sprache bringt ein (unzulässiges) Verbot von menschlicher Sprachfähigkeit, das nicht demokratiefördernd ist. (Abgesehen davon, dass ein Grundwissen christlicher Symbolik, Bibelkunde und Theologiegeschichte eh notwendig ist, um zB die westliche Kulturgeschichte zu verstehen).Und ich entschuldige mich für diesen Zeit-untypisch langen Kommentar...

  5. Als Nicht-Philosoph und "Glaubensbekenntnisloser"  meine ich, dass Spiritualitaet eine geistige grundlegende Qualitaet und damit auch ein Beduerfnis des Menschen ist (und auch der "Atheisten"). Hieraus erklaert sich die Entstehung zahlreicher organisierter Religionen. Diesen ist gemeinsam, dass sie auf  definierten Glaubensbekenntnissen und Dogmen beruhen und zur Bildung von "Glaubensgemeinschaften" ("Kirchen") und zum Bekehren neigen. Spiritualitaet und Religiositaet kann aber auch ganz ohne diese Institutionalisierung existieren und tut es auch. "Woran ich glaube?" :  das liegt in mir selbst und meinem Tun (und geht Sie prinzipiell garnichts an!), ist meine ureigenste Privatsache und nicht etwas, das ich als "Lehre" von einer Kirche, einem Papst oder sonst einem Guru als "wahr" uebernehme. Diese Freiheit von der organisierten Religion sehe ich fuer mich als Errungenschaft und "moderne" Emanzipation an. Zugleich halte ich es fuer ganz unangemessen und ueberheblich, aus meiner Spiritualitaet heraus ein Dogma/Glaubensbekenntnis verkuenden zu wollen. Ich stimme mit dem Autor darin ueberein, dass Normen demokratischen Zusammenlebens nicht von religioesen Gruppierungen bestimmt sein duerfen, zumal  dies ueberhaupt nicht noetig ist. (Was fuer ein Unding: "Christlich-demokratische oder Christlich-soziale Union"! )  Dass das Verstaendnis europaeischer/westlicher Kulturgeschichte  Kenntnisse "christlicher Theologie" erfordert, wissen wir ja schon.  Natuerlich kann man ueber alles reden in einer Demokratie (wenn's denn sein muss),  auch ueber seine Gottes/Glaubens-Vorstellungen oder Kirchen-Dogmen, aber dies soll  nicht den gemeinsamen demokratischen Konsens beruehren - dieser muss verbindlich fuer alle und neutral und frei von solchen "Lehren" bleiben.

    • lef
    • 26.11.2007 um 19:10 Uhr

    Unfair von der "Zeit" ist es, Antithesen zu veröffentlichen, deren Ausgangsthesen nicht ebenso veröffentlicht, sondern nur als Kaufbuch genannt werden. Immerhin ist aber ein großer Teil von Habermas´ Rede im Internet öffentlich zugänglich, z.B. hier:
    <!--[if !supportEmptyParas]--> 
    http://www.kath-akademie-...
    Diese Thesen hat Habermas also an die katholische Kirche gerichtet (speziall 2004 "ad Ratzinger", der damals noch  Präfekt war), eine Rede mit Ansprechpartner also - es sollte selbstverständlich sein, dass davon ausgegangen werden muss, dass Habermas die katholische Kirche ansprach und nicht allgemein gültige ethische Grundsätze aufstellen wollte. Aber abgesehen davon:Die radikalen Unterstellungen, die d’Arcais hier konstruiert, sind ganz sicher nicht nachvollziehbar.
    Aber man muss die These nicht gelesen haben, um zu merken, dass Paolos Antithese  mal wieder über Gebühr polarisiert - zu offen ist seine Polemik in (fast) jeder seiner Thesen.
    Seine "Enttäuschung", die er gegenüber Habermas empfindet mag echt sein, aber von viel Verständnis der Position Habermas` zeugt sie nicht - so sehr, wie Paolo Flores d’Arcais ihm unterstellt, hat sich Habermas` Haltung nicht verändert.
    Vielmehr spricht aus Paolo Flores d’Arcais` Worten eine fast krankhafte Angst vor dem wieder entstehenden Kreationismus - eine Sorge, die er mit Dawkins teilt, aber auch Dawkins sollte Sorge tragen, dass seine atheistische Grundhaltung nicht ins Lächerliche fällt, und d’Arcais ist nicht sehr weit davon entfernt.
    Die Synthese liegt also ganz sicher nicht in den  Thesen Habermas` noch in denen des d’Arcais.
    Ganz sicher ist die Stärkung des Kreationismus nicht Ziel von Habermas,aber ebenso sicher treiben bekennende Atheisten wie d’Arcais oder Dawkins (der zudem noch als Leitfigur des modernen Darwinismus auftritt)  viele Menschen in die Arme der Kreationisten, wenn sie geradezu fanatisch die Existenz immaterieller Werte ablehnen (wie z.B. die Entstehung und Existenz von natürlichem Altruismus),und umso begeisterter polen eben die Kreationisten eben diesen natürlich wachsenden Altruismus (entstanden in unserer emergewnten Ordnung) wieder zurück in reziproken Altruismus um.
    Wie oben gesagt:Als "These ./. Antithese - Spiel " wäre d’Arcais`Widerrede recht interessant,aber als einseitige Stellungnahme in der "Zeit" eben nicht.genau das führt zur Polarisation, die letztendlich nur den Kreationisten Menschen in die Arme treibt.
    Habermas` Forderung (als Schlusssatz im o.g. Text) "Eine liberale politische Kultur kann sogar von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen." sollte nicht wortwörtlich befolgt werden,aber die Existenz immaterieller Werte schlichtweg abzulehnen oder gar abzustreiten - dazu sind diese denn doch zu offensichtlich und ganz nachweisbar - wie es der ganz natürliche nachweisbare Altruismus (als Beispiel) .beweist.

    Eine Leser-Empfehlung
  6.  
    „Bislang bestand der Kern des von Habermas verfochtenen Verfassungspatriotismus in der Forderung, das Zusammenleben der Bürger müsse »mit Mitteln des positiven Rechts autonom und vernünftig«, also ohne Gottesbezug, geregelt werden.“
    „Autonom“ und „vernünftig“ impliziert in der hier gewählten Setzung, dass beide Attribute sofort unhaltbar werden, sobald der „Gottesbezug“ hinzutritt. Der autonome Mensch begründet sich demnach umfassend und vollends in seiner eigenen Vernunft. Im Vollzug dieser Vernunft, regelt er dann alle seine äußeren Verhältnisse, bis zu den Rechts-und Staatsverhältnissen etc. Ein „Gottesbezug“ ist zur Regelung seiner Lebensverhältnisse weder vonnöten, noch gefragt.
    Ich gebe zu, dass das angesichts der sich heute darbietenden religiösen Verhältnisse mit ihren teilweise massenpsychotischen Manifestationen etwas sehr verlockendes hat. Denn wer wollte sich dem entziehen, dass die religös motivierten Taten ( oder treffender gesagt Untaten ) die uns fast täglich ins medial vernetzte Haus geliefert werden, buchstäblich bar jeden Verstandes sind.Wer möchte da nicht gerne das „Zusammenleben der Bürger mit Mitteln des positiven Rechts autonom und vernünftig«, also ohne Gottesbezug, regeln“??
    Das ist naheliegend und verlockend. Endlich wird, so die Aussicht, die Erde „autonom und vernünftig“ handhabbar, ohne dass es eines darüber wachenden und waltenden »Himmels« mit einem „Gottesbezug“ bedarf. Ich fürchte nur, dass diese Lebenbegründung letztendlich nicht tragfähig sein wird. Nicht weil sie auf der menschlichen Ebene nicht klug und durchaus „weise“ ist, sondern dadurch, dass sie an den Mächtigkeiten einer uns übergelagerten Ebene der Welt scheitern wird!Jedenfalls wenn „Autonomie und Vernunft“ nicht in einem Werkzeugcharakter eingesetzt werden um eine Welt zu ergründen, deren wesentlichste Manifestationsebenen nicht in der Physis zentriert sind, aber in diese hereinwirken. ( Kurzum: Die Ebenen, die man vernünftigerweise in einen „Gottesbezug“ einbeziehen müsste.)Dann könnte, und das wäre m.E. die eigentliche Kulturaufgabe unserer Gegenwart, gerade mit den Mitteln der „Autonomie und Vernunft“ in neuer Form in die Menschheit hereingeholt werden, das man nennen könnte, den »Menschenbezug Gottes«.
    „Das wahre Schreckgespenst für Habermas indes sind die Wahrheiten der Naturwissenschaften. Er sieht eine heimliche Komplizenschaft zwischen »den wissenschaftsgläubigen Prämissen der Aufklärung« und der gegenläufigen Tendenz, den »religiösen Orthodoxien«. Diese beiden entgegengesetzten Extremismen »fundamentalistischer und säkularistischer Gesinnungen«, so Habermas, »bringen den Zusammenhalt des politischen Gemeinwesens durch weltanschauliche Polarisierung gewissermaßen arbeitsteilig in Gefahr«.“
    Die hier genannte „Arbeitsteilung“ ist, jedenfalls bei genauerem Hinsehen, nicht von der Hand zu weisen. Bekämpfen sich doch gerade mit allen Schikanen, und durchaus exemplarisch für den »Zeitgeist« gleich im Weltmaßstab, zwei grandiose Unzulänglichkeiten: Einmal in einer »Evolutionstheorie« die durchaus einer „den wissenschaftsgläubigen Prämissen der Aufklärung“ verdankten Form der Naturwissenschaften zuzuschreiben ist und die das in der eigenen Bezeichnung verankerte, nämlich nur eine „Theorie“ zu sein, nicht realisiert hat und mit einem schier grotesken Absolutheitsanspruch auftritt und zum anderen eine Heerschar von „Kreationisten“ die keine Welten-Tage von Wochentagen unterscheiden können!Wer dem etwas entgegensetzen will, ist mit einem fulminanten Abtauchen in den gerade heißgekochten „Gotteswahn“ und ähnlicher Ausblendungen sicherlich nicht optimal beraten.

    Eine Leser-Empfehlung
    • lef
    • 27.11.2007 um 12:41 Uhr

    Ich möchte eine Stellungnahme zum Artikel nennen, über die ich beim Suchen gestolpert bin,sie drückt mein Unbehagen am deutlichsten aus,ich hoffe, dass die "Zeit"-Redaktion es erlaubt:http://begleitschreiben.t...

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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