1. Seit einigen Jahren versucht sich der Philosoph Jürgen Habermas an der Quadratur des Kreises: Einerseits möchte er an den demokratisch-liberalen Prinzipien festhalten, zu denen die staatliche Neutralität gegenüber den Religionen gehört und damit das Beharren darauf, politische Entscheidungen nur aufgrund von Argumenten zu fällen, die rationaler Natur und allgemein zugänglich sind. Anderseits aber will Habermas auch religiöse »Argumente« als solche anerkannt sehen. Diese sollen nicht nur als legitime, sondern auch als nützliche und im Rahmen des demokratisch-liberalen Zusammenlebens unabdingbare Faktoren betrachtet werden. Folgt man Habermas, dann haben nichtgläubige Bürger sogar die Pflicht, »Intuitionen« und »Gründe«, die der religiöse Bürger nur in Begriffen seines Glaubens auszudrücken weiß, in die weltlichen Begriffe der demokratischen Auseinandersetzung zu übertragen. Denn ohne eine solche kooperative Haltung würde der nichtgläubige Bürger die Last der Toleranz allein dem gläubigen Bürger aufladen. Dies aber bedeutet in seinen Augen eine nicht hinzunehmende Asymmetrie im Verhältnis konkurrierender Weltbilder. Sie diskriminiert den Gläubigen.

Habermas geht über diese Forderung noch hinaus. Der glaubenslose Bürger ist seiner Meinung nach sogar gehalten, auch den »religiösen Weltbildern« ein »Wahrheitspotenzial« zuzugestehen. Demnach haben die Religionsgemeinschaften nicht nur Anspruch auf »öffentliche Anerkennung für den funktionalen Beitrag, den sie für die Reproduktion erwünschter Motive und Einstellungen leisten«. Vielmehr gelte es darüber hinaus »für den religiös unmusikalischen« Bürger, »das Verhältnis von Glauben und Wissen aus der Perspektive des Weltwissens selbstkritisch zu bestimmen«. Mit anderen Worten: Er soll seine atheistische Sicht aufgeben. Ziel sei die »Einübung in einen selbstreflexiven Umgang mit den Grenzen der Aufklärung«, die in eine »Überwindung eines säkularistisch verhärteten und exklusiven Selbstverständnisses der Moderne« münden soll.

Bislang bestand der Kern des von Habermas verfochtenen Verfassungspatriotismus in der Forderung, das Zusammenleben der Bürger müsse »mit Mitteln des positiven Rechts autonom und vernünftig«, also ohne Gottesbezug, geregelt werden. Diese Forderung verkehrt Habermas nun zu einer Haltung selbstkritischer Askese. Die Aufklärung soll gezwungen werden, auf ihre Kultur und ihre Politik, mehr noch: auf ihre gelebte Laizität zu verzichten. Sie soll Sühne tun für die angebliche asymmetrische Toleranzlast, mit der sie die Gläubigen seit Jahrhunderten quält. Verständlich, dass Joseph Ratzinger sich über diese »postsäkulare Vernunft« freut wie ein Schneekönig.

2. Doch worin genau besteht das Leiden der Gläubigen unter der Schikane des asym- metrischen Staates? Eines Staates, dessen Glaubensneutralität angeblich nicht wirklich unparteiisch ist? Habermas sagt, man dürfe nicht ungerechterweise »den gläubigen Mitbürgern das Recht bestreiten, in religiöser Sprache Beiträge zu öffentlichen Diskussionen zu machen«. Dass die Klausel etsi Deus non daretur dem Gläubigen den Verzicht auf das Gottesargument auferlegt, bedeutet für Habermas offensichtlich einen äußerst schwerwiegenden Verzicht. Für den säkularisierten Bürger hingegen sei die Klausel unerheblich und koste ihn nichts.

Dieses Argument ist nicht stichhaltig. Anders als Habermas glaubt, verlangt der deliberative, also zwischen allen Positionen abwägende und vermittelnde Charakter der liberalen Demokratie in Wirklichkeit von allen Bürgern, ob sie gläubig sind oder nicht, die gleiche Selbstbegrenzung. Niemand, ob gläubig oder nichtgläubig, darf sich auf ein Autoritätsprinzip berufen. Niemand darf auf die Frage »Warum?« mit dem Absolutismus des »Weil es so ist!« antworten. Es stimmt also nicht, dass nur der Gläubige auf sein ihm eigenes »Weil es so ist!« verzichten muss. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft schließt das »Gott will es« genauso aus wie jede andere ideologische – agnostische, heidnische, atheistische – Prämisse, angefangen von der Blut-und-Boden-Ideologie bis zum Pazifismus, vom Hedonismus bis zur Ethik der Solidarität. Alle, Gläubige wie Nichtgläubige, müssen auf ihre ureigenen Wertsetzungen verzichten.

3. Habermas trägt seinen »Kantischen Republikanimus« mit einem Widerspruch vor. Er gibt zwar zu, dass jede Religion »die Autorität beansprucht, eine Lebensform im Ganzen zu strukturieren«. Doch meint er, dass gerade deshalb die Gläubigen »ihre Überzeugungen auch dann in religiöser Sprache ausdrücken und begründen dürfen, wenn sie dafür keine säkularen ›Übersetzungen‹ finden«.

Nun ist es aber ein wesentliches Merkmal aller religiösen Sprachen, wenn sie nicht ins Säkulare übersetzt werden, dass sie auf das trennende »Gott will es« rekurrieren; dass sie also beständig den Anspruch erheben, »eine Lebensform im Ganzen zu strukturieren«, um dann die Gesetze des Staates an das eigene Dogma anzupassen. Für Habermas ist es eine Sache der Nichtgläubigen, für die Übersetzung der religiösen Inhalte zu sorgen: Man muss »von den säkularisierten Bürgern erwarten, dass sie sich an Anstrengungen beteiligen, relevante Beiträge aus der religiösen in eine öffentlich zugängliche Sprache zu übersetzen«. Damit verbindet sich für Habermas die Hoffnung, dass aus dieser Übung »religiöse Gründe möglicherweise in der verwandelten Gestalt allgemein zugänglicher Argumente hervorgehen«.