Indien Boom in der Hexenkammer

Die Wirtschaft wächst, der Hass auch: Der Hindu-Nationalismus gedeiht gerade in der erfolgreichen indischen Mittelschicht. Eine Reise durch den Bundesstaat Gujarat.

Spricht so ein Fundamentalist? Narendra Modi redet nur von Technologie und Wirtschaft. Die Daten, die er präsentiert, sind glänzend: Der indische Bundesstaat Gujarat, den Modi seit 2001 regiert, weist das höchste Wirtschaftswachstum ganz Indiens aus, die größten Sonderwirtschaftszonen, die rasanteste Industrialisierung, die meisten Investoren, die niedrigsten Steuern, die höchsten Forschungsausgaben, die freieste Marktwirtschaft. Jede neue Zahl bekräftigt der Chief Minister, wie ein Ministerpräsident in Indien heißt, indem er die kräftigen Hände abwechselnd nach vorn wirft wie ein Dirigent seinen Stock mit dem letzten Takt. Zwischen den Sätzen legt er lange Pausen ein, als wolle er außer seiner tiefen, krächzenden Stimme auch die Argumente nachklingen lassen. Keine starken Emotionen, nicht einmal etwas Werbendes im Tonfall. Modi tritt auf als die personifizierte Rationalität. Nach einer halben Stunde achte ich nicht mehr auf den Übersetzer, sondern nur noch auf die englischen Wörter, von denen in jedem Satz mindestens eines vorkommt: development, management, computer, technology, software, screening, engeneering, industry, advanced, laser printer und sogar metro. Was, die wollen eine Metro bauen?, schrecke ich auf. Nein, nein, klärt der Übersetzer: Metro heißt in der Regionalsprache, auf Gujarati, »Freunde«. Modi stelle sich immer als einer von nebenan dar.

Für die meisten der 10000 Studenten, die sich an diesem Nachmittag auf dem Campus des Technischen Kollegs von Ahmedabad versammelt haben, ist Modi ein Idol, effizient, arbeitswütig, vor allem: nicht korrupt. Wird er Anfang Dezember wiedergewählt, das sagen die meisten Kommentatoren voraus, greift er nach dem nationalen Vorsitz seiner hindunationalistischen Partei, der BJP – mit dem Ziel, Indiens künftiger Regierungschef zu werden. Gujarat, so haben seine Anhänger immer wieder verkündet, sei das »Laboratorium« einer radikal neuen Politik. Für die vielen Verlierer von Gujarats entfesselter Marktwirtschaft, vor allem aber für säkulare Inder und Indiens 130 Millionen Muslime ist der Bundesstaat eher eine Art Hexenkammer. Für sie »vibriert« Gujarat nicht, wie es der Slogan der BJP verkündet, sondern stinkt zum Himmel.

Nein, an den Gestank haben sich Khatun Bibi und ihre Schwägerinnen nicht gewöhnt, an den kann man sich nicht gewöhnen. Strom haben sie, Gott sei Dank, zwei winzige Räume, in denen sie zu fünft wohnen, sogar einen Ventilator. Fünf Nägel, an denen die Kleider hängen, zwei Energiesparbirnen, zwei Liegen als Mobiliar, ein Tisch, zwei Plastikstühle, Blechtöpfe auf dem nackten Betonboden. Sicher ist es eng, aber die neben ihnen sind zu acht. Das Problem ist das Wasser. Zwar gibt es Brunnen im Shah Alam Relief Camp, in dem etwa 200 Familien leben, aber weil die Müllkippe den Boden verseucht, wird ständig jemand krank, vor allem die Kinder. Bis zum nächsten Arzt sind es fünf Kilometer, und wo eine Schule wäre, das weiß hier niemand. Auf dem Tisch türmen sich Bluejeans, in die sie weiße Muster nähen, zwei Rupien pro Jeans, umgerechnet 4 Cent. Zu dritt schaffen sie am Tag 40 Muster. Khatun Bibis Sohn tritt in das Zimmer. Er ist nicht älter als sechs.

Zum Glück, denke ich.

Vor knapp sechs Jahren, am 28. Februar 2002, brachen im indischen Bundesstaat Gujarat Ausschreitungen gegen Muslime aus. Einen Tag zuvor waren 57 hinduistische Pilger bei einem Zugbrand umgekommen. Obwohl eine staatliche Kommission inzwischen festgestellt hat, dass der Brand wahrscheinlich innerhalb des Zuges ausbrach, bezeichnen Hindunationalisten das Unglück weiterhin als einen Terroranschlag, der zu einem spontanen Ausbruch der Emotion, zu antimuslimischer Gegengewalt geführt habe. An der Spontaneität bestehen allerdings Zweifel. Nach Angaben von indischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen waren die Angreifer, die auf Lastwagen morgens in Ahmedabad eintrafen, gut organisiert. Außer Messern und traditionellen Dreizacken (der Waffe des Hindugottes Vishnu), Gasbehältern und Sprengkörpern führten sie auch Listen mit den Adressen muslimischer Häuser und Geschäfte bei sich, außerdem Mobiltelefone, mit denen sich die einzelnen Gruppen untereinander koordinierten. Ihre Brutalität ist bis in die entsetzlichsten Details dokumentiert. Etwa 2500 Muslime starben. Hunderttausende wurden aus ihren Häusern vertrieben. Einige Monate später kämpfte Narendra Modi um seine Wiederwahl. In seinen Reden beschränkte er sich nicht auf Technologie und Wirtschaft, sondern stachelte offen zum Hass gegen Muslime an und rechtfertigte indirekt immer wieder die Gewalttaten gegen Muslime, deren Ausmaß er zugleich konsequent leugnete. Wenn er vor Publikum trat, überschlug sich seine Stimme. Damals sprach er wie ein Fundamentalist. Für seine Gegner ist er es geblieben.

Faschismus und Rassenlehre dienten als Vorbild

Wie durch ein Wunder haben sie niemanden verloren, erzählt Bibi Khatun, die wie die meisten Frauen im Flüchtlingscamp ihre Haare offen trägt. Ihrer Nachbarin Kauser Banu, die im neunten Monat schwanger war, haben sie den Fötus aus dem Bauch geschnitten. Ja, sie haben es alle gesehen, sie standen davor. Die Schwägerinnen nicken. Die haben es ja getan, damit es alle sehen. Sie trugen eine Art Uniform, braune Shorts, orange Stirnbänder, stürmten etwa um halb elf in die Gassen ihres Stadtteils, zerrten die Menschen heraus, legten Feuer. Weil die Regierung am Abend zuvor eine Ausgangssperre verhängt hatte, war die ganze Familie zu Hause. 25 abgeschnittene Körperteile hat allein Bibi Khatun im Laufe des Tages gezählt. Sie hatte Zeit zu zählen. Die Polizei versperrte den Ausgang zur Straße. Erst abends schafften sie es aus dem Viertel heraus, zu den Krankenhäusern oder zum Friedhof. Die Angreifer hatten auch Zeit, vergewaltigten eine Frau nach der anderen. Sie auch?, das wagt man nicht zu fragen.

Inspiriert vom europäischen Faschismus, besonders von der Rassenlehre, hat sich der Hindunationalismus in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgebildet und im RSS formiert, der Nationalen Freiwilligen Vereinigung. Der zentrale Begriff der Bewegung, »hindutva«, fordert die harmonische Einheit aller Hindus innerhalb des hierarchischen Gefüges des Kastensystems. Gegen den Pazifismus Gandhis propagierte der RSS den wehrhaften Hinduismus, der angesichts der islamischen und christlichen Eroberer seine natürliche Friedfertigkeit überwinden müsse. Und gegen die säkularen Ideale der Unabhängigkeitsbewegung definierten die Nationalisten Indien als das Land der Hindus. Christen und Muslime konnten darin per Definition nur Gäste sein, »illegitime« Staatsbürger.

Lange war »hindutva« ein Postulat vor allem der oberen Kasten, die am Erhalt der sozialen Hierarchie ein natürliches Interesse haben. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten gelang es den Nationalisten, durch die Beschwörung eines existenziellen Konfliktes mit Andersgläubigen die Konflikte innerhalb des Kastenwesens zu überlagern, die für die meisten Inder bis heute weit gegenwärtiger sind. Begünstigt durch die Korruption in der Kongress-Partei, die Indien seit der Unabhängigkeit regiert hatte, stieg die BJP binnen weniger Jahre von einer Splitterpartei zur stärksten Fraktion im indischen Parlament auf. Zwischen 1998 und 2002 stellte sie den indischen Ministerpräsidenten. Allerdings war sie in Delhi in die Zwänge einer Koalition eingebunden und hatte mit Atal Behari Vajpayee einen Regierungschef, den selbst seine Gegner nicht als religiösen Eiferer bezeichnen. In Gujarat hingegen regierte die BJP allein und errang unter Narendra Modi 2003 sogar eine Zweidrittelmehrheit im Regionalparlament. Am höchsten war ihr Stimmenanteil da, wo es zu Ausschreitungen gegen Muslime gekommen war.

Man kann in Gujarat hinduistische Hassprediger treffen, die Muslimen das Stimmrecht entziehen und sie zwangsweise sterilisieren lassen wollen, die für das Verbot interreligiöser Heiraten eintreten oder Gefängnisstrafen für abtrünnige Hindus fordern. Erst jüngst hat die Zeitschrift Tehelka Videos vorgelegt, auf denen radikale Hinduaktivisten sich mit der Anzahl der Musliminnen brüsten, die sie vergewaltigt haben. Man könnte es bequem so konstruieren, als würde Gujarat von hinduistischen Taliban beherrscht.

Aber das trifft nicht den Kern. Das Ressentiment gegen Muslime hat sich 2002 in einer ganz spezifischen Lage explosionsartig entladen, nach einer Serie von islamistischen Anschlägen in Indien, Gefechten mit pakistanischen Freischärlern und dem 11. September 2001, den die Hindunationalisten weidlich ausschlachteten. Das Entsetzen, das sich nach den Massakern in ganz Indien einstellte, führte in Gujurat zu einem kollektiven Trotzgefühl, das Narendra Modi für sich ausnutzte. Die Kritik an den Massakern deutete er um in eine Verleumdung der friedliebenden Gujaratis. »Ihr sollt also die Vergewaltiger sein, von denen ganz Indien spricht«, redete er auf Wahlkampfveranstaltungen sein Publikum an und schmunzelte. Aber auf Dauer ist der giftspritzende Extremismus nicht mehrheitsfähig, nicht in Indien und heute nicht einmal mehr in Gujarat. Den meisten Gujaratis, wenn sie die Massaker von 2002 schon nicht verurteilen, ist die Erinnerung eher peinlich. Entsprechend vermeidet auch Modi jede Anspielung. Statt von der Gefahr des Islams spricht er lieber von Technologie und Wirtschaft. Das bringt ihm Kritik ein von Extremisten. Aber es könnte ihn in die Mitte der indischen Gesellschaft führen.

Die vier freundlichen Studenten, mit denen ich am Rande der Wahlkampfveranstaltung ins Gespräch komme, müssen lange überlegen, was 2002 geschehen ist, also was ich meine. Ich helfe mit dem Wort disturbances nach, da denken sie zunächst an das Erdbeben vor sechs Jahren. Ach so, die Ausschreitungen gegen Muslime. Natürlich sind sie dagegen, überhaupt gegen Gewalt. »Aber es war eine Reaktion, das muss man auch sehen.« Ich weise auf den Bericht zur Ursache des Unglücks hin, von dem die Studenten noch nicht gehört hatten. »Die Muslime«, fahren sie fort, »haben so viele andere Attentate begangen.« Nochmals, sie seien gegen Gewalt, beteuern sie, und hätten nichts gegen Muslime. Überhaupt diskutierten sie praktisch nie über Politik. Modi fördere die Universitäten, das sei ihnen wichtig. Nein, sie selbst kennen keine Muslime. Auch nicht aus der Universität? Doch, doch, es gebe ein oder zwei Studenten, aber die würden sie nicht kennen. Nur ein oder zwei Studenten in der ganzen Universität? Ja. Und aus der Schule? Da war auch kein Muslim in der Klasse.

Dass Modi gerade auf dem Campus des technischen Kollegs populär ist, wundert nicht. Unter seiner Führung hat Gujarat enorme Summen in Ausbildung und Technologie investiert. Merkwürdiger schon erscheint, wie gut sich die autoritäre Ideologie des Hindunationalismus zu seiner liberalen Wirtschaftspolitik fügt. Es ist auffällig, dass vor allem neuere Viertel von den Unruhen am meisten betroffen waren, die sich aus ehemaligen Slums zu kleinbürgerlichen Wohngegenden entwickelt haben. Dort haben die Familien die größte Not gerade überwunden, dort lebten Muslime und Hindus schon zuvor nach Straßenzügen getrennt. In der Altstadt von Ahmedabad hingegen, wo Hindus und Muslime ärmer sind und seit je Tür an Tür wohnen, hat es nur wenige Übergriffe gegeben.

Wie in so vielen, insbesondere den islamischen Ländern besinnen sich auch in Indien paradoxerweise vor allem die Mittelschichten auf ihre eigene Kultur, also jene Menschen, deren Leben am stärksten in die Globalisierung einbezogen ist. Plötzlich achten Fernsehsender auf die religiöse Unbedenklichkeit ihrer Programme, und abgeschlossene Wohnsiedlungen werben damit, dass in ihnen »das harmonische Leben, wie es vorgeschrieben ist in den Veden und Vedantas«, den heiligen Texten des Hinduismus, wiederbelebt werde. Das Lebensgefühl, das sich in solchen Anzeigen ausdrückt, ist nicht durch Hass bestimmt, der sich auch kaum mit den Wunschbildern vertrüge, die die moderne Werbeindustrie produziert, sondern eher durch Selbstvergewisserung, Wertverbundenheit und Frömmigkeit.

Die Angst des muslimischen Professors

Gegen die emphatische Säkularität der indischen Staatsgründer und die urwüchsige Multikulturalität des Subkontinents, von der Europa auch heute noch lernen könnte, sehnen sich immer mehr Inder nach einer hinduistischen Leitkultur, innerhalb deren Muslime und Christen durchaus Filmstars werden können, Wirtschaftsführer oder sogar Spitzenpolitiker. Aber ihren Glauben sollten die Filmstars und Spitzenpolitiker nun nicht gerade öffentlich praktizieren, wogegen die hinduistische Prominenz auf jeden Pilgerzug springt, der gerade von einer Fernsehkamera gefilmt wird. Es ist diese viel weniger auffällige Entwicklung, für die Gujarat ein Laboratorium geworden ist, nicht der dumpfe religiöse Hass. Nirgendwo anders überträgt sich die Entdeckung und Konstruktion dessen, was als das Eigene gilt, so deutlich auf die soziale Praxis.

Am Rande des Zeltes, in dem Narendra Modi die Erfolge seiner Regierung anpreist, sitzt ein älterer Herr, der durch seine Mütze und den Kinnbart als Muslim zu erkennen ist. Als er aufsteht, um den Campus zu verlassen, laufe ich ihm nach. Er ist ein Professor, stellt sich heraus, einer der wenigen Muslime, die noch am Kolleg lehren, aber jetzt müsse er wirklich weg, auf Wiedersehen, nein, nein, alles sei gut, er habe lediglich noch einen dringenden Termin, nein, es sei alles gut, Gott sei gepriesen. Die Angst in seinen Augen ruft Erinnerungen an Erlebnisse in Diktaturen wach, Begegnungen mit Menschen, die sich ducken. Friede sei auf Ihnen, verabschiede ich ihn mit dem islamischen Gruß. Und auf Ihnen Frieden, gibt der Professor zurück. Noch in der Bewegung, mit der er sich abwendet, murmelte er dem Besucher zu, dass die Muslime in Gujarat keine Zukunft hätten. Der da, und er blickt hinüber zur Bühne, wo Narendra Modi gerade über capacity spricht, der da sei sehr geschickt.

Noch immer leben 60000 Muslime in behelfsmäßigen Lagern, angewiesen auf die Hilfe islamischer Organisationen, die nicht durchweg den friedlichen, mystischen Islam vertreten, wie er unter den Muslimen von Gujarat noch immer prägend ist. Die Verfahren gegen die Rädelsführer der Massaker verlaufen im Sande. In den staatlichen Institutionen oder den politischen Ämtern sind Muslime kaum noch tätig; auch bei Neubesetzungen in den Universitäten oder öffentlichen Einrichtungen haben sie so gut wie nie eine Chance. Wo sie nicht ohnehin nach Religionszugehörigkeit aufgeteilt sind, haben die Schulen H-Klassen für Hindus und M-Klassen für Muslime eingerichtet.

Filme und Dokumentationen, die sich kritisch mit dem Hindunationalismus auseinandersetzen, werden überall in Indien gezeigt – außer in Gujarat. Auf Flugblättern werden Hindus aufgefordert, nicht in muslimischen Restaurants zu essen, keine Muslime anzustellen und Filme mit muslimischen Schauspielern zu boykottieren. Auch Kirchen gelten als Hort feindlicher Missionierung und werden immer wieder in Brand gesetzt. Einige muslimische Geschäftsleute haben ihren Frieden mit Modi gemacht und zeigen sich mit ihm vor Kameras. Andere, vor allem die jungen Männer in den Flüchtlingscamps, zeigen sich empfänglich für die Tiraden islamistischer Prediger, die nach den Massakern im Bundesstaat ausgeschwärmt sind. Die Mehrheit der Muslime, vor allem die ärmeren und kleinbürgerlichen Schichten, lebt zurückgezogen in eigenen Wohnquartieren, oft durch Zäune getrennt von den früheren hinduistischen Nachbarn.

Einmal bleibt der Fahrer am Rande der Ausfallstraße plötzlich stehen. »Dort stand der berühmte Schrein von Wali Gujarati«, sagen die Begleiter und zeigen zur Straßenmitte. »Wo?« – »Dort.« – »Aber da ist nichts.« – »Eben.«

Ich gehe mit auf den breiten Mittelstreifen. In der Dunkelheit erkenne ich die Umrisse des Teers, der später als die übrige Straßendecke gelegt wurde. Wali Gujarati war der erste Dichter Gujarats, der seine Verse nicht auf Persisch, sondern im einheimischen Urdu verfasste. Sein Grab war ein Wallfahrtsort für Literaten und Mystiker, Muslime und Hindus. Innerhalb eines Abends wurde der Schrein in Schutt und Asche gelegt. Keine Woche, da waren die Trümmer geräumt und die Stelle war geteert, als sollte jede Erinnerung an die gemeinsame Geschichte von Hindus und Muslimen auf dem indischen Subkontinent ausgelöscht werden. Die Geschichte, die von Hindunationalisten gelehrt wird, kennt Hindus nur als Opfer, Muslime und Christen ausschließlich als Gewalttäter. Konsequent leugnen sie, dass die verschiedenen religiösen Traditionen sich in Indien vielfach ineinander verschränkt haben, in der Mystik sogar bis hin zur Ununterscheidbarkeit. Noch im Zensus von 1911 bezeichneten sich 200000 Menschen als Hindu-Mohammedaner. Und selbst heute sind für viele Inder die Trennungslinien zwischen den Religionen weit durchlässiger, als es sich religiöse Führer in Kairo oder Rom je werden ausmalen können. Das Nebeneinander und Durcheinander von vielen verschiedenen Lehren und Praktiken, das erst die britischen Kolonialisten als Hinduismus bezeichneten, wird in der modernen Hinduideologie zu einer Doktrin, die auf alles eine eindeutige Antwort hat und Glauben und Unglauben klar definiert.

Khatun Bibi kann sich nicht vorstellen, je wieder neben Hindus zu wohnen. Auch wenn sie weiß Gott nicht alle Nachbarn und schon gar nicht alle Hindus beschuldige, löse der bloße Gedanke Panik aus, nachts immer noch Albträume. Andere Familien sind in ihr Wohnviertel zurückgekehrt. Viel besser sehen die Häuser auch nicht aus als im Camp, denkt man zunächst. Dann begreift man, dass dies die Baracken der islamischen Wohlfahrt sind. Hundert Meter weiter fangen die Häuser der Hindus an, zweigeschossig, mit Veranda und Bäumchen, alles andere als prunkvoll, aber doch so, dass an manchen Mauern ein Moped lehnt, auf den Dächern Satellitenschüsseln. Am Ausgang zur Straße, den damals die Polizei versperrte, steht seit Kurzem wieder eine Moschee, nicht besonders hübsch, nicht besonders groß. Die alte Moschee war beim Pogrom dem Erdboden gleichgemacht worden. Für den Neubau haben auch Hindus Geld gesammelt.

Navid Kermani, Schriftsteller und Islamwissenschaftler, hat für die ZEIT Indien bereist. In der Ausgabe 45/07 erschien sein Artikel über die Zurückgelassenen des indischen Wirtschaftswunders. Es folgt noch ein Beitrag über Kaschmir

 
Leser-Kommentare
    • ttob
    • 25.11.2007 um 21:40 Uhr

    ...man hört gelegentlich von indischen Unruhen, aber Details erfährt man selten. Wieder ein Beweis dafür, dass die Religion vor allem als Vorwand herhalten muss, um Konflikte gegen andere Gruppen anzuzetteln. Denn der Hinduismus dürfte relativ unverdächtig sein, was heilige Kriege uä. angeht. Auch wenn sein Kastensystem als mittelalterlich und menschenverachtend einzustufen ist.Auch witzig: ein neoliberaler Nationalist, warum nicht. Das vom Freihandel angestachelte starke Wirtschaftswachstum bringt zusätzliche gefährliche Klüfte in ein Viel-Ethnien-Land. Ich schätze von Indien werden wir in Zukunft noch öfters hören.Probleme des Freihandels in Indien:http://www.bpb.de/themen/...http://www.aktion-selbstb...Ich verbleibe mit,Heil Wachstum

  1. Anders als viele neutral-beobachtende Berichte (in) der letzten Zeit, spielt Herr Kermani hier die Gefühlsleier auf "arme-Moslems-in-b-moll".Für eine ausgewogene Darstellung fehlen leider- wieviele Morde und terroristische Attentate haben Moslems in den vergangenen Jahrzehnten in Gujarat gegen die zivile Hindugesellschaft verübt- wie ist die Bevölkerungsstruktur im zahlenmäßigen Vergleich Moslems - Hindus; und zwar nicht in Indien, sondern genau in Gujarat.- wie ist der politische und geschichtliche Hintergrund dafür, daß sich überhaupt Moslem-Enklaven in dieser Region befinden.Mit diesen Daten würde dieser Artikel nämlich einen ganz anderen Tenor bekommen.Natürlich sind menschenrechtsverachtende Übergriffe, v.a. Mord und Totschlag, immer und egal aus welchem Grund zu verurteilen.Allerdings, Herr Kermani, verschweigen sie die Ursachen für Ressentiments gegen Moslems in Gujarat.Die Attacken von 2002 ausgeklammert, ist es nämlich sehr erfrischend - weil einzigartig in unserer Zeit - festzustellen, daß es eine muslimische Minderheit mal nicht schafft, durch aus einem Mutterland gesteuerten und finanzierten Terror eine überwältigende Mehrheit kulturell und politisch unter Druck zu setzen.Was Moslems in Gujarat derzeit erleben, ist seit Jahrzehnten das täglich Brot für religiöse, v.a. christliche, Minderheiten von der Türkei bis Algerien, vom Libanon bis Iran, von den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Saudi Arabien.Es ist daher zwar unmoralisch aber nicht unintellektuell, zu hinterfragen, warum in Gujarat etwas anachronistisches geschieht. Etwas, daß weder in der BRD noch in irgendeinem anderen Land, in dem muslimische Minderheiten für tägliche Konflikte sorgen, möglich scheint.

  2. Ich kann mich den kritischen Ausfuehrungen ueber den Mangel an Hintergrundinformation von Globalworx nur anschliessen - mit einem Schuss Bewunderung fuer die kuehle Zurueckhaltung und Klarheit, in denen sie gehalten sind.  Ich moechte hier ein paar, nicht so kuehle, Anmerkungen hinzufuegen.In der Tat werden die geschichtlichen Hintergruende auch in anderen Artikeln zu wenig oder gar nicht beruecksichtigt und hier ist die Parteilichkeit (des die englischen Termini in Modi's Rede zaehlenden! wie ignorant ist er eigentlich was die indischen Sprachen angeht) Schreibers so offensichtlich, dass ich mich  ueber die redaktionelle Freigabe hier nur wundern kann.  Er soll doch offensichtlich vor allem dazu dienen Ressentiments gegen Hindus zu erzeugen, und Sympathien fuer die armen unterdrueckten Muslime. Ach ja, und der Anschlag auf die Hindu-Pilger im Zug soll nun auch gar keiner gewesen sein.  Mir faellt dazu  noch ein, dass Muslime bis vor einiger Zeit ihre Haj-Fluege nach Mekka bezahlt bekommen haben, erst seit kurzem ist das nur noch einmal im Leben moeglich! Indische Muslime haben ihr eigenes Rechtssystem in Indien von Indira Ghandi zugesprochen bekommen, die Scharia, und es kommt vor in Gujurat, dass Hindus konvertieren, weil es ja so einfach ist entweder seine Frau zu verstossen  (Talla, Talla,  Talla braucht der Muslim Mann nur zu sagen) oder eben eine neue zu heiraten.  (Scheidungen sind sehr langwierig im Rechtssystem Indiens). Ich bin auch nicht  amuesiert Hindus als Fanatiker dargestellt zu sehen, und einen 'Hindu Fundamentalismus' kann es schon per definitionem nicht geben, weil die Akzeptanz anderer Religionen geradezu ein Baustein im System des Polytheistischen Hinduismus ist, auch nicht-theistische Systeme gehoeren dazu.  Ich habe religioese Hindus als ueberaus freundliche, gedankenvolle Menschen erlebt, die vor allem auch die Berechtigung von anderen Standpunkten immer mitanklingen liessen, wenn sie mir etwas erklaerten.  Fanatismus, idiosynkratische Einstellungen habe ich hingegen oft bei den Christen feststellen duerfen, die sich im Uebrigen auch arrogant und ueberheblich  zu den 'primitiven polytheistischen' Hindus aeusserten. Und dann der Vorschlaghammer "Kastensystem".  Es gibt im demokratischen Indien eine Quote von 25% fuer die ehemals unterprivilegierten Kasten, die aber schon seit der Unabhaengigkeit gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem haben!  Es besteht in allen Bereichen des oeffentlichen Dienstes eine horrende Benachteiligung der Brahmanen aufgrund dieser Quote. Es wird gesagt, dass Jobs im Notfall auch an unqualifizierte 'unterkastige' gehen, um der Quote gerecht zu werden, waehrend besser qualifizierte eben leer ausgehen.  Man muss sich nicht wundern dass es Indien langsamer aufwaerts geht als in China mit seinem nun wirklich faschistischem System!  Es gibt aber auch immer wieder in den indischen Medien Berichte ueber horrende Einzelfaelle von sozialer Diskriminierung gegen Individuen diese Gruppen.  Das liegt aber auch daran, dass in der Indischen Gesellschaft immer noch ein heterogenes soziales Gefuege herrscht, vor allem auf dem Land, mit anderen Worten: Hier im Westen sind die Klassen auch geographisch voneinenader getrennt. Hoeherkastige bleiben bei uns sowieso unter sich in ihren Quartieren. In England ist diese Segregation besonders augenfaellig wenn z.B. andersfarbige in eine Gegend ziehen. Die Weissen ziehen dann eben weg. Bingo.Zum Schluss noch dies in meinem etwas sarkastisch geratenen Kommentar: Wieso wird eigentlich muslimischen Augenzeugen so leicht Glauben geschenkt? Meines Wissens ist es nach dem Koran  erlaubt 'Unglaeubige' zu beluegen. Ich denke, dass Ausschmueckungen mit Brutalitaeten durchaus moeglich sind bei den muslimischen Frauen, die ja zu Hause nicht viel zu melden haben.Ich will damit aber nicht in Frage stellen, dass es nach dem Anschlag auf den Zug der Pilger zu einem Massaker in Gujurat gekommen ist, nur dafuer sind nicht nur die Taeter bestraft worden sondern die ausgezeichnete Regierung von Herrn Vajpayee (BJP) wurde daraufhin, leider, abgewaehlt.  Die Geschichte hier noch einmal aufzuwaermen ist total ueberfluessig.  

    • MS
    • 26.11.2007 um 9:21 Uhr

    Wer sich tatsächlich mit Indien beschäftigt wird immer wieder sehen, dass die Gesellschaft dort noch lange nicht in der Moderne angekommen ist. Da ist das Kastensystem nicht einmal das größte Übel. Letztendlich ist es jedoch Sache der Inder, wie sie ihren Staat gestalten wollen. Sicher ist es notwendig auf die Einhaltung von Menschenrechten zu pochen und den Schutz von Minderheiten einzufordern. Real gesehen sind die Möglichkeiten von Außerhalb einzuwirkn jedoch begrenzt und erfordern VIEL Geduld und auch die Kraft Rückschläge wegzustecken und trotzdem weiter zu machen (siehe Russland).Es ist aber eine Schande, wenn man die Greueltaten damit rechtfertigt, dass die anderen es auch machen würden. Wenn man dann auch noch Verbrechen in anderen Staaten als Indien zur Rechtfertigung von Ausschreitungen in Indien heranzieht, ist das nichts anderes als die intellektuelle Vorbereitung zur Unterdrückung von, in diesem Fall, Moslems im eigenen Land.Es ist mir durchaus bewusst, dass der Islam eine Religion ist, die auf Eroberung ausgelegt ist und Gewalt und Lüge als adequate Mittel dafür sieht. Allerdings ist es nicht notwendig, sich auf dieses Niveau hinab zu begeben, damit schadet man nur der eigenen Kultur und verwandelt sich in genau die primitiven Schläger, die man bekämpfen will.

  3. Man muss sich fragen, warum derart einseitige Artikel über ein für Europäer weitgehend fremdes Land -nämlich Indien- in dieser Form in der "ZEIT" erscheint. Er trägt weder zum Verständnis der Region Gujurat, noch den Beweggründen der einen oder der anderen Seite bei. Auch sonst glänzt er nur damit, aufpolierte Vorurteile aus allen Weltreligionen in neue Formen zu gießen, damit sie schön glänzen und den weit entfernten Zeit-Leser verblenden.Leider umsonst, würde ich sagen, sowohl der Artikel als auch die Message!Sorry, Mr. Kermani

  4. Wieder zeigt sich mal das die sogenanten hoffnungen der Weltwirschaft die auf Ländern wie Indien und china ruhen vor allen deswegen auf ihnen ruhen weil die Wirtschaft auf leicht zu manipulirende billige Arbeitskräfte hofft in Staaten wo zwar einiege der Westlichen Werte in Kernzentren schon angekommen sind, so das die Bosse dort auch gut leben können, aber ein grosser Rest der Landes wohl nicht die kraft haben wird sich selbst so weit zu entwikeln. Eine hoffnung auf Armutsbekämpfung, Frieden, Verträndnis uind besserung für alle Mentschen, hatte die Wirtschaft ja auch nie geäusert. Fast wie eine Produktwerbung die ja auch nicht grad die Negativen Effecte herforhebt. Danke deshalb auch mal für einen Artiker der alles von eine etwas anderen Seite Beleuchted, nur wünschen wir uns jetzt auch noch 2-3 Arkiten die die restlichen Seiten des Landes beleuchten und diesen ergäntzen

    • Beoman
    • 28.11.2007 um 18:55 Uhr

    Dieser Artikel ist sehr einseitig, proislamisch tendenziös und wiedergibt nicht die Situation der Muslime in Gujarat und erst recht in Indien.Vielleicht wäre es ganz gut gewesen, wenn Herr Kermani eine Pilgerreise der Hindus zu den heiligen Stätten in Jammu und Kaschmir in August mitgemacht hätte. Dann hätte er erleben können wie seine Glaubensbrüder mit den Hindus umgehen und wie sie deren Religion und Tradition beachten. Vielleicht konnte er herausfinden, dass die Muslimische-Mehrheit in Kaschmir Tal die Hindus zu tausenden vertrieben hat und ihnen den Zugang zu ihren Pilgerstätten verwehrt. Wenn man sich vorstellt, dass seit Jahren die Hindus zu ihren Heiligenstätten nur unter Militärschutz erreichen können. Selbst dann kommt es vor, dass einige von ihnen umgebracht werden. Vielleicht wurde es feststellen, wie die muslimische Mehrheit mit den Menschenrechten der Hindu-Minderheit umgeht. Ich bewundere die Toleranz der Hindus, wie sie trotz all diesem Terror mit der muslimischen Minderheit so friedlich umgehen. Ich möchte ein muslimisches Land kennen lernen in dem eine Minderheit z. B. die Hindus oder die Christen, die gleichen Privilegien bzw. Rechte genießen, wie die muslimische Bevölkerung in Indien. In Indien gab es und gibt es mehrfach muslimische Präsidenten, Minister, hohen Beamten auf allen Hierarchiestufe. Die Muslime können überall in Indien ihre Prachtvollen Moschee, Universitäten, Colleges und Madarsas, die auch vom Petro-Geld finanziert werden, bauen und die Hindus unbestraft konvertieren. In welch einem muslimischen Land wäre es umkehrt möglich?
     Ich wundere mich, dass kein Wort über die zunehmende Fanatisierung der indischen Muslime unter den Einfluss der Wahhabiten geschrieben wurde. Indischen Muslimen waren mehrheitlich Sufis und toleranter. Aber nun, wie vor nicht allzu langer Zeit geschehen, bombardieren die fanatisierten Muslime, die von Hindus und Muslimen gleich beachtete, Sufis Schreine, attackieren Sufis-Moschee, wie kürzlich in Ajmer und Hydrabad geschehen.
    Wie sieht es mit dem Menschenrechtsverständnis und der Freiheit der Andersdenkenden der indischen Muslime aus? Haben sie nicht kürzlich tagelang in Kolkutta gegen den Aufenthalt und der Verlängerung der Visa der Bangladeschi Autorin Taslima terrorisiert, sodass Militär einschreiten musste, um Frieden wieder herzustellen. Musste nicht Taslima in einer Nacht und Nebelaktion Kolkatta verlassen und in Delhi Schutz suchen?
    Aber wir sind ja gewöhnt, dass wir keine Selbstkritik erwarten dürfen.   

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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  • Schlagworte Indien | Nationalismus | Religion
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