Lokführerstreik »Das hat mit Solidarität wenig zu tun«
DGB-Chef Michael Sommer über den Lokführerstreik, das Prinzip der Tarifeinheit und seine Angst vor britischen Verhältnissen
DIE ZEIT: Freut es Sie, wenn die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer für ihre Klientel jetzt möglicherweise bis zu 15 Prozent mehr Lohn rausholt?
Michael Sommer: Es freut mich immer, wenn Gewerkschaften Erfolg haben – aber nicht, wenn dies zulasten von anderen Beschäftigtengruppen geht. Die Lokführer sollten in den Tarifverbund der übrigen Gewerkschaften bei der Bahn zurückkehren.
ZEIT: Verstößt die GDL mit ihrem Kampf gegen die gewerkschaftliche Solidarität?
Sommer: Wenn man nur auf seine eigene Klientel schaut, hat das mit Solidarität wenig zu tun. Einheitsgewerkschaften versuchen, verschiedene Interessen auszugleichen. Die Lokführer tun das Gegenteil. Wenn sich die GDL durchsetzt, wird das soziale Klima bei der Bahn belastet.
ZEIT: Verändern sich in diesem Fall auch die industriellen Beziehungen in Deutschland?
Sommer: Erst mal nicht. Die Ärzte vom Marburger Bund, die Piloten bei Cockpit oder die GDL sind Ausnahmen. Fast überall sonst funktioniert die Tarifautonomie. Andererseits fühlen sich jene durch die Aktivitäten der GDL gestärkt, die meinen, mit Sonderinteressen könne man besser leben. Die Diskussion darüber, ob das Prinzip »Ein Betrieb, eine Gewerkschaft« auch weiterhin gelten soll, werden wir auf jeden Fall bekommen.
ZEIT: Soll es?
Sommer: Ja, auf jeden Fall. Wir sind in Deutschland damit sehr gut gefahren. Während der Weimarer Republik galt dieses Prinzip nicht. Von gewerkschaftlicher Solidarität war deshalb am Ende nicht mehr viel zu spüren – was die Gewerkschaften insgesamt so schwächte, dass auch sie die Nazis nicht verhindern konnten. In Großbritannien galt das Prinzip nach dem Krieg ebenfalls nicht. Dort hat der Staat massiv in die industriellen Beziehungen eingegriffen. Britische Verhältnisse könnten die Folge sein, wenn das Verhalten der Lokführer Schule macht. Sie sehen ja jetzt schon, was es für Reaktionen von Politik und Arbeitgebern gibt.
ZEIT: Sie meinen die Forderungen nach einer Einschränkung des Streikrechts?
Sommer: Richtig.
ZEIT: Andererseits wird doch von den Gewerkschaften selbst oft genug gegen das Prinzip der Tarifeinheit verstoßen, wie etwa bei Daimler, wo die IG Metall verschiedene Tarifwerke für Bandarbeiter und Serviceleute abgeschlossen hat.
Sommer: Einheitsgewerkschaften müssen in ihrer Politik die Unterschiede in ihren Branchen und auch in den Betrieben widerspiegeln – und dennoch zugleich Solidarität organisieren. Eine Gewerkschaft muss als einigendes Band funktionieren. Wenn sie das nicht schafft, kann sie ihre friedensstiftende Rolle nicht erfüllen. Das ist ein schwieriger Spagat, aber so muss es sein.
ZEIT: Hat Sie die große Unterstützung in der Bevölkerung für die Lokführer überrascht?
Sommer: Nicht wirklich. Viele Menschen sind die ständige Aufforderung zum Maßhalten, die Appelle zur Lohnzurückhaltung leid. Spart, die Globalisierung zwingt euch – all das wollen die Leute nicht mehr hören. Außerdem finden viele es ungerecht, dass Lokführer so wenig verdienen.
ZEIT: Die Lokführer als Avantgarde der Arbeiter?
Sommer: Nein, weil die GDL diese Rolle ja nur für ihre Klientel übernimmt.
ZEIT: Glauben Sie, dass die Gangart in künftigen Tarifauseinandersetzungen bei einem Erfolg der GDL härter werden wird?
Sommer: Die Gangart der Gewerkschaften hängt vom Arbeitgeber ab. Man sollte die Signalwirkung des Lokführerstreiks sicher nicht unter-, aber bitte auch nicht überbewerten.
Die Fragen stellte Christian Tenbrock
- Datum 05.02.2008 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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Lieber Herr Sommer,
Das ist ja eine schöne Solidarität, Arbeitern mitten in einem der härtesten Arbeitkämpfe in den Rücken zu fallen. Wenn überhaupt, wäre dazu nicht wenigstens später noch Zeit gewesen?
Außerdem sollten Sie, was Arbeitsk a m p f heißt bei der GDL in die Lehre gehen:
1. Die GDL macht Ihnen doch nur vor, was ich schon längst von den DGB-Gewerkschaften erwartet hätte: Konsequenten und härtesten K a m p f für höhere Löhne und Gehälter!!! Was soll ich mit handzahmen Gewerkschaften die immer wieder vor lauter Verantwortung für das Gesamtwohl nur Lohnkürzungen zu erstreiten in der Lage sind. Sie haben zuvörderst und kämpferisch unser Interesse an Lohnerhöhungen zu vertreten. Vergessen Sie nicht, auf das Gesamtwohl pfeiffen Ihre Verhandlungspartner allemal, für die gilt nur das Wohl der Börse!.
2. Eine DGB-Gewerkschaft wie die Transnet darf sich doch über die von ihr jetzt bejammerte Entwicklung nicht wundern, wenn sie sich so sehr zum Dackel von Mehdorn hat machen lassen, dass sie immerhin Lohnkürzungen von fast 10 % in den letzten 10 Jahren hingenommen hat und dann meint einen Abschluß über schlappe 4,xx Prozent als Erfolg verkaufen zu können. Wobei dieser schnelle Abschluss auch nur liebedienerisch dem Herrn Mehdorn die Chance geben sollte die GDL aus zu bremsen. Ganz wunderbar finde ich dabei, dass diese Gewerkschaft sich jetzt in der Hängematte auch noch von der GDL u.U. einen noch höheren Abschluss erstreiten lassen will. So viel zur Solidarität einer DGB-Gewerkschaft!!!
3. Solidarität für Mindestlohn o.k. Aber wo bleibt die Solidarität der Gewerkschaften für die höher Qualifizierten. Einheitsgewerkschaft gut und schön, aber auf Einheitsbrei kann ich verzichten.
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