Ehrung Russlands schlechtes Gewissen

Am 26. November wird die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja in München posthum mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt. In ihrer Heimat gilt die Putin-Kritikerin heute als edelmütig, aber unzeitgemäß

Ein Buch von Anna Politkowskaja ist in ihrer Heimat nicht leicht zu finden. Der Mitarbeiter am Informationsschalter im großen Buchladen Moskau, ein paar Hundert Meter vom Kreml entfernt, schickt den Kunden zu Regal 49 in der politischen Abteilung. Dort stehen protzige Bildbände über Panzer und Jagdflugzeuge. Der Tschetschenienkrieg war zwar Politkowskajas Thema, aber aus der Sicht der Opfer. Eine Verkäuferin hilft weiter. »Schauen Sie drüben in der Ecke nach«, sagt sie. Dort gleitet der Blick lange über die Buchrücken im Regal, bis »Wofür« gefunden ist. Der Sammelband der Artikel Politkowskajas, die sich als Chronistin der Staatsverbrechen unter Wladimir Putin verstand, steht in prominenter Nachbarschaft: Mit aufgeschlagenem Einband prangt daneben »Russland unter Putin«, eines der vielen zeitgenössischen Jubelwerke über den Präsidenten. Erschienen ist es im Verlag »Imperium 21. Jahrhundert«. Russlands Größe, nicht sein schlechtes Gewissen gilt als politischer Bestseller der Gegenwart.

Seit ihrer Ermordung am 7. Oktober vergangenen Jahres, sie wurde von einem Unbekannten erschossen, ist ein gutes Jahr vergangen, ohne dass der Täter gefasst wurde. Im Westen gilt sie als Symbol des mutigen Journalismus, in Russland wird sie kaum gelesen. Die Verlage des Landes haben ihre Bücher Putins Russland oder Russisches Tagebuch, für das sie am kommenden Montag posthum den Münchner Geschwister-Scholl-Preis erhält, aus politischer Vorsicht gemieden. »Wofür« hat ihre Familie gemeinsam mit der Redaktion der Zeitung Nowaja Gaseta, für die sie gearbeitet hatte, drucken lassen. Die Auflage beträgt 11.000. Im kleinen Deutschland verkauft sich jedes ihrer Bücher mit weit mehr als 15.000 Exemplaren.

Politkowskajas Tragik ist, dass erst der Tod sie in Russland weit bekannt und kaum beliebter machte. Sie hat den Putinschen Weg in ein halbautoritäres Regime, das Kritik erstickt und die Menschen manipuliert, vorhergesehen. Ihr Tod wurde zur letzten Bekräftigung, wie recht sie hatte. Aber die Kassandra-Botschaft fand nur bei wenigen Gehör. In einer Meinungsumfrage des Lewada-Zentrums zu den wichtigsten Ereignissen des Jahres 2006 kam der Mord an ihr auf Platz 13 – auf gleiche Höhe mit dem Start der Fernsehshow »Stars auf Eis«. Sie bleibt bedeutsam für einen kleinen Kreis von Menschenrechtlern, Intellektuellen und Journalisten, die jenseits der staatlich betriebenen Propaganda eine Nische fanden. Viele andere nahmen die Nachricht über ihren Tod mit Fatalismus hin oder bedauerten sie kurz am Küchentisch. Gut 1000 Trauernde sahen sich beim Gedenken zu ihrem ersten Todestag am Moskauer Puschkin-Platz von doppelt so viel Polizisten und Hunderten freiwilliger Hilfspolizisten umzingelt, die, wie einer von ihnen sagte, »Rowdytum« verhindern wollten. Derweil schrieben am Moskau-Fluss 10.000 der Kreml-Jugendschar »unsere« Putin-Geburtstagsglückwünsche auf eine Riesenpostkarte – mit Garantie auf einen Ehrenplatz in den Fernsehnachrichten.

Politkowskaja erschien nur auf dem Bildschirm, wenn es nicht zu vermeiden war: als Vermittlerin während der Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater Nord-Ost und als Mordopfer. Sie passte nicht in die Putinsche Zeit, in der Pragmatismus mit Zynismus verfließt und Erfolg mit Selbstvergessenheit erkauft wird. Junge Russen neigen dazu, nicht zu viel über gesellschaftliche Themen zu »schwitzen«, um im Jargon zu bleiben. Coolness ist angesagt. Lieber besetzen sie einen Managerposten und planen ihren Aufstieg mit dem persönlichen Warenkorb als Orientierungspunkt.

Auch Studenten des Freien Deutsch-Russischen Instituts der Publizistik an der Moskauer Staatsuniversität beurteilen Politkowskaja mit Distanz. An ihrer Fakultät hatte die Journalistin 1980 ihren Abschluss gemacht. »Bei Schülern und Studenten war sie nicht bekannt«, erzählt die angehende Journalistin Lena inmitten von 14 Kommilitonen nach einem Seminar im Universitätsbau gegenüber dem Kreml. Keiner von ihnen sieht Politkowskaja als berufliches Vorbild. Einige schätzen ihren Mut und ihr Gefühl für Gerechtigkeit. »Insgesamt ist Politkowskaja in Deutschland wichtiger als in Russland«, resümiert Lena. Wenn die 19- und 20-Jährigen die Gründe dafür aufzählen, klingt es fast schicksalsergeben: der schwere Überlebenskampf vieler Russen, die Angst vor dem Ärger mit Staatsbehörden und die 70-jährige Erfahrung, sich besser nicht mit Kritik in der Öffentlichkeit zu zeigen. Hinzu komme der psychische Selbstschutz gegen schlechte Nachrichten, die den Glauben an ein besseres Russland zerstören könnten. Viele der Studenten lesen die Nowaja Gaseta mit Missfallen: Zu deprimierend und aggressiv komme die Zeitung daher, die sich als Kritikblatt im Kontrast zu den dominierenden Staatsmedien mit Enthüllungsgeschichten über Verbrechen im Nordkaukasus, Korruption und die Vergehen der Geheimdienste profiliert. »Es ist schwierig, diese Lektüre allwöchentlich zu ertragen«, sagt eine Studentin.

Viele Russen haben Politkowskaja vor allem als Menschenrechtlerin, weniger als Journalistin wahrgenommen. Das ist im heutigen Russland ein negativer Begriff. Er steht für Schwatzköpfe ohne gesellschaftlichen Nutzen. Viele der bekannten Menschenrechtler waren schon in der sowjetischen Zeit aktiv, einige haben im Gefängnis gesessen. »Sie sind zweifelsfrei moralisch und edelmütig, aber zugleich in der alten Epoche stehen geblieben«, urteilt der Philosoph Michail Ryklin. »Sie kämpfen mit alten Methoden gegen eine Macht, die gerissener ist als zu sowjetischer Zeit. Denn sie greift oft nicht zu Mitteln der direkten politischen Unterdrückung, sondern sucht einen scheinbar apolitischen Vorwand wie im Fall des Ex-Yukos-Chefs und Ölmilliardärs Michail Chodorkowskij.«

In ihren Menschenrechtsthemen und ihrem appellierenden Stil spiegelt sich etwas Unzeitgemäßes. »Ihr gesellschaftliches Pathos hat leider viele abgestoßen«, erklärt Irina Schtscherbakowa von der Menschenrechtsorganisation Memorial. »Der ewige moralische Anklageton ermüdet und lässt zuweilen die Frage aufkommen, warum gerade sie alles als richtig oder falsch erkennen konnte.« Politkowskaja verstieß gegen das gängige Frauenbild und klagte an, ohne zu lächeln. »Sie steht in der Tradition der russischen Literaten, die auf sich nahmen, was kein anderer und schon gar nicht der Staat leistete: die Suche nach der Wahrheit, das Sammeln von Fakten, die Anklage bis vor Gericht«, sagt Schtscherbakowa. Zwar gibt es Journalisten, die ihre Themen aufgreifen. Aber sie besitzen nicht das emotionale Autorenbild Politkowskajas, ihr schreiberisches Charisma und die Wirkung über Russland hinaus. Julia Latynina ist detailverliebt, und dem großen Kenner des Nordkaukasus Wjatscheslaw Ismajlow fehlt die Leidenschaft.

Dennoch warnt der Philosoph Ryklin davor, in einen »Kult« um Politkowskaja zu verfallen. »Es ist in ihrem Sinne, wenn man versteht, dass noch viele andere für ihre Ziele kämpften«, sagt er. »Sie darf nicht zur einzigen Heiligen in der Menschenleere werden.« Dann zählt er eine Reihe von Toten auf, die, ermordet unter mysteriösen Umständen, starben: ihr Kollege Jurij Schtschekotschichin, der Faschismus-Experte Nikolaj Girenko, der liberale Duma-Abgeordnete Sergej Juschenkow. »Sie waren alle im Westen nicht bekannt«, sagt Ryklin.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Russland lebt im Märchen,in Euphorie.Die Propaganda,der Öl-Preis sind gross.Die Intelligenz ist im Ausland und hat keine interesse zur Heimat.Im TV läuft Show.Ganzen Tag.
    Das Volk braucht eine Weltmacht.Das fühlt sich schlecht ohne UdSSR-Macht.Die Wahrheit ist für die russen eine Propganda.Es zerstört die Illision der Macht.Man braucht es nicht. Trotzdem die Lösung Russland für Russen bring Selbsbewusst.
     
    Das russland ist krank.Heute gibt es leider kein Arzneimittel.
     

  2. wie gut, daß die deutsche Journaille ENDLICH einmal beginnt, zu beschreiben, wie die Stimmung in Rußland so ist. Unpolitisch, konsumorientiert, neopatriotisch, aber eben keineswegs kritisch-demokratisch.
    ENDLICH einmal ein Rußlandartikel, in dem nicht nur von Putin die Rede ist und in dem nicht (wie so oft) der Eindruck verbreitet wird, daß Putin nur mit Hilfe von Angst und Einschüchterung regiert. Wahr ist, daß die meisten Russen mit ihrer jetzigen Situation durchaus zufrieden sind und nichts mehr fürchten, als einen Rückfall in das Chaos der 90er Jahre. Damals, als Arbeiter und Angestellte monatelang keinen Lohn erhielten, wöchentlich Flugzeuge abstürzten und sich ihr besoffener Präsident im Ausland zum Affen machte.
    Ach ja, und den Tschetschenienkrieg hat Putin -- ganz nebenbei -- auch noch gewonnen.
    Putins Methoden mögen bisweilen fragwürdig sein, aber wer hat das Recht, ihm Vorhaltungen zu machen?
    Etwa die USA, deren Präsident der Meinung ist, qua Amt über jedem Recht zu stehen? Oder die smarten Einser-Juristen aus Harvard, die der Meinung sind, Schlafentzug und Scheinermordungen seien keine Folter?
     Oder die Deutschen GRÜNEN acht Jahre nach ihrem grandiosen Sieg über Serbien? Oder die deutsche CDU mit ihrem famosen Innenminister, der es geil findet, die rechtlos gemachten Bewohner seines Polizeistäätles mit Militär zu bedrohen?
     
     
     

  3. ... zeigt man nicht auf angezogene Leute. Dieser Kinderspruch kommt mir oft in den Sinn, wenn ich selbst in der seriös erscheinenden Presse selten genug mal tiefergehende Artikel über Rußland finde. Natürlich lebt das heutige Rußland vom Ölpreisboom, natürlich sind die meisten Menschen mit der jetzigen Politik zufriedener als mit allem Bisherigen in dieser Richtung - was Wunder!Aber wie gehen wir denn mit diesem großen Partner von Einheits-Europa um?Versuchen wir denn ernsthaft, ihn in einen gemeinsamen Prozeß zur Gesundung des wirtschaftlichen, politischen und natürlichen Klimas in der Welt einzubinden?Oder glauben wir immernoch, auch ohne oder gar gegen Rußland könne Europa glücklich werden?Wir vergeben die Riesenchance, jetzt, wo es dort "gut geht", Brückenpfeiler zu errichten und Bindungen herzustellen, die haltbar sind. Man mag über HK sagen was man will: seine Rußlandpolitik war diesem angemessen (wenn auch, nach der allgemeinen Masche, großteils die Probleme nur mit Geld zugekleistert wurden - was AM jetzt recht erfolglos versucht zu wiederholen - die Zeiten haben sich geändert).Wenn also über Rußland reden oder schreiben, dann bitte auch gleich die deutsche Rußlandpolitik mit einbeziehen!

  4. Im Schatten des Diktators,im Licht der Freiheitdie Grausamkeit der Schlechtenund der Guten;Anna Politkovskaja.-Den großen Notwendigkeitendie Schreie der Gefolterten,die Totenschädel,das Blutund die Tränen.-Die schwesterliche, brüderliche Solidaritätder frei und gleich geborenen.Der Maschine Unbarmherzigkeitund die Umarmung Gottes und der Menschen;Anna Politkovskaja.-Die Wahrheit und das Wort.Sie mordeten Dich,Die Welt grüßt Dich.-21.02.08 Klaus Wachowski

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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