LUCHS 250 Schule der Zärtlichkeit oder der Versuch, die Zeit festzuhalten

Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Paula Fox’ Kinderroman »Ein Bild von Ivan«

Ivan ist elf Jahre alt und einsam. Seine Mutter lebt nicht mehr. Den viel beschäftigten Vater sieht er selten. Die leibliche wie emotionale Versorgung ist an Giselle, die Haushälterin aus Haiti, und an Gilbert, einen sporadisch auftretenden Onkel, delegiert. Für Ivan ist das normal, fühlt er Leere, schreibt er dies eher dem eigenen Unvermögen zu.

Doch sein Leben in einer amerikanischen Kleinstadt ändert sich, als der Vater ein Porträt in Auftrag gibt und Ivan während der Sitzungen mit Matt, dem Maler, und Miss Manderby, einer alten Vorleserin, Bekanntschaft macht. Beide leben sie für Kunst und Literatur. Sie lassen Ivan an ihren Vorlieben und Gedanken teilhaben, erzählen ihm von Troja, legen ihm Die Schatzinsel, Der Idiot oder Große Erwartungen in den Schoß. »Ich bekomme normalerweise nichts vorgelesen« – so beginnt Ivans Verwandlung. Denn was folgt, ist ein Gegenprogramm: eine Schule der Zärtlichkeit, die aus Nähe und Interesse am Gegenüber entsteht. Schließlich darf er für zehn Tage mit beiden in einem alten Rolls-Royce nach Florida fahren und lernt dort in einer abgelegenen Flusslandschaft das Mädchen Geneva kennen. Dann muss sich Ivan verabschieden, von ihr, dem Maler und der Vorleserin. Reich beschenkt, kehrt er zum Vater zurück, denn er hat – ganz nebenbei – Zuneigung, Zärtlichkeit, Kreativität, ein freies, sehr bescheidenes Leben kennengelernt.

Die in ruhigem, langsamem Erzählfluss verfasste Geschichte spielt in den fünfziger Jahren, zu einer Zeit, als kleine Jungen noch Mütter haben konnten, die als kleine Kinder mit ihren Müttern aus Russland kamen, von denen man nichts erfahren hat, als dass sie irgendwann in einem Schlitten im Winter nach Warschau flohen. Ivan weiß nicht, wie seine verstorbene Mutter aussah – sein Vater hatte aus Schmerz alle Fotografien vernichtet –, doch langsam lässt der Maler eine Erinnerung entstehen, indem er die Schlittenfahrt zeichnet, wahrer als die Wirklichkeit, mit Gesichtern ganz nahe an der Gegenwart. Als Ivans eigenes Porträt, das Bild eines Jungen an der Grenze seiner Kindheit, fertig ist, wird Ivan anders sein.

Der Text von Paula Fox entstand Ende der sechziger Jahre und erschien 2004 erstmals in den USA. Das passt zu der Art, wie das Werk der großen amerikanischen Autorin aufgenommen wurde: schrittweise, mit vermeintlicher Verspätung, mit immer größerem Staunen darüber, was sie in ihren zeitlosen Texten zu bieten hat, was sie etwa hier in diese kurze Begegnung von wenigen Menschen hineinpackt, ohne angestrengt zu wirken: das Klassenverhalten von Besitzenden und Künstlern, unterschiedliche Welten, Epochenwechsel, die Schönheit von Natur, Kunst und Büchern.

Die Autorin hat sehr bewusst eine Jungen-, eine Männergeschichte geschrieben, in der Mädchen und Frauen zögernd begriffen werden müssen, analog zur Suche nach dem Bild der Mutter. Nichts steht zufällig in diesem Buch. Das gemalte Porträt, die vielen Fotoapparate, die Ferienfotos, die vom Vater gewünscht, aber von Ivan nicht gemacht werden – all das erweist sich im Verlauf der Handlung als Geschichte hinter der Geschichte: ein Porträt als liebevoller Versuch, das flüchtige Glück, die verrinnende Zeit festzuhalten. »Kannst du mich nicht einfach so in Erinnerung behalten?«, fragt Ivan seinen Vater, als der ihn wieder einmal fotografieren will, um ihn festzuhalten.

Aus ihren autobiografischen Büchern wissen wir, dass Paula Fox – wie auch ihre Tochter und wiederum deren Tochter Courtney Love – eine ruhelose, unbehauste Kindheit durchlebte. Emotionen zuzulassen ist daher für sie ein großes literarisches Thema. Kinder lesen hier, wie sich die Unsicherheit der Pubertät zu neuer Klarheit wandeln kann, von tausend Fragen einige ganz unwichtig werden, andere überraschende Antworten finden. Dafür gibt Paula Fox ein wundervolles Beispiel: Als Ivan sieht, wie Geneva zum Abschied eine Träne über die Wange läuft, heißt es: »Er hätte nie gedacht, dass jemand traurig sein könnte, wenn er ging. Nie im Leben wäre ihm dieser Gedanke gekommen.« Es ist eine Erkenntnis und eine schöne Verpflichtung fürs Leben.

LUCHS 250 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Franz Lettner, Hilde Elisabeth Menzel und Konrad Heidkamp. Am 22. November, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor. (Redaktion: Libuse Cerna). Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de oder www.radiobremen.de/podcast/luchs/

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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    • Schlagworte Literatur | Kinderliteratur
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