DIE ZEIT: Sie haben den Comic neu erfunden – als Autobiografie. Und jetzt kommt der erste autobiografische Comic-Film. Sehr mutig, oder?

Marjane Satrapi: Reiner Zufall. Ich bin vor Jahren nach Paris gekommen und landete in einer Wohngemeinschaft mit Cartoonisten. Ich guckte zu und dachte: Was für Besessene. Nichts für mich!

ZEIT: Und dann?

Satrapi: Ich fing an zu zeichnen, und es wurde eine Obsession. Sagen wir, ich war obsessiv und habe das zeichnend gemerkt. Man muss obsessiv sein, um einen kleinen Rahmen nach dem anderen zu zeichnen. Es ist ja nicht wie in der Literatur, wo Sie einen Satz einfach beenden – meinetwegen oben auf einer Seite. Im Comic müssen Sie immer eine ganze Seite herstellen. Sie machen ein Bild, müssen die Größe ausrechnen, die Seite füllen – es ist Mathematik.

ZEIT: Und deshalb das klassische Jungen-Genre?

Satrapi: Die Leute denken, Comics sind was für Jungen oder für geistig zurückgebliebene Erwachsene. Aber alle Kinder zeichnen, bis sie etwa zehn sind. Dann gibt es eine Auslese in die, die angeblich Talent haben und weiterzeichnen dürfen – und die anderen, die aufhören. Es ist eine Frage der Bildung. In der Schule lernen wir, mit Texten umzugehen, zu erörtern, was ein Autor erzählt und wie er es tut. Aber uns fehlen die Begriffe, um darüber zu reden, warum eine Zeichnung gut oder schlecht ist. Was dazu führt, dass wir auch Comics nicht verstehen oder nicht begreifen, wie Zeichnungen als erzählerisches Mittel genutzt werden können.

ZEIT: Kannten Sie Comics in Iran?

Satrapi: Es gibt in Iran keine Tradition des Comics wie in Belgien oder Amerika. Aber es gibt die illuminierten persischen Manuskripte mit ihren Miniaturen, es gibt die Vorstellung, dass ein ernsthafter Text von Zeichnungen begleitet sein kann.

ZEIT: Sie haben den Film wie Band eins der Autobiografie Persepolis genannt, nach der alten Hauptstadt des persischen Reiches, und sich in eine zweieinhalbtausend Jahre alte Tradition gestellt. ©

Satrapi: Das ist nur Hintergrund. Die Handlung könnte irgendwo spielen. Durch die Abstraktion der Schwarz-Weiß-Zeichnungen kann jeder einen Bezug für sich herstellen. Deutsche haben den Film gesehen und gemocht, ohne eine Vorstellung davon zu haben, was Iran ist oder Unterdrückung dort, es spricht sie auf einer menschlichen Ebene an.

ZEIT: Doch die Hauptfigur ist ein kleines Mädchen, das in Iran eine Revolution und eine Diktatur und einen Krieg erlebt. Es heißt wie Sie Marjane…

Satrapi: Ich erzähle weniger von mir, als dass ich mich als Figur einsetze. Der Film ist nicht autobiografisch und auch kein psychologisches oder politisches Statement. Es ist kein Dokumentarfilm. Realität an sich interessiert mich nicht. Es geht mir um den Eindruck, den die Realität hinterlässt, daraus entsteht meine Geschichte.

ZEIT: Marjane wäre eine Kunstfigur?

Satrapi: Marjane im Film ist eine Figur, mit der sich jeder identifizieren kann – auf der menschlichen Ebene. Ich gebe ihr meinen Namen, aber ich konstruiere – anders als im Dokumentarfilm – eine Geschichte. Damit es eine wird, schreibe ich über mich, aber nehme auch Einzelheiten aus dem Leben anderer. Ich ändere Daten. Im Film zum Beispiel zerstört eine Rakete das Nachbarhaus der Familie…

ZEIT: …die Filmszene zeigt, unter einem Betonbrocken, die blasse Hand eines Mädchens…

Satrapi: Es passierte, als ich mit 18 aus Wien zurückkehrte – aber im Film beginnt da eine neue Ära, weshalb ich diese Episode vorverlegte. Die Szene ist trotzdem wahr – das Gefühl des Zerstörtseins…

ZEIT: Wie können die Gefühle dieselben sein für ein Schulmädchen und für eine Erwachsene?

Satrapi: Aber doch. Die Ohnmacht. Die Absurdität der Ereignisse. Die Trauer. Sie sind sprachlos. Es zerbricht Ihnen das Herz. Was zählt, ist, wie verzweifelt Sie sind, ob mit 12 oder 13 oder 18.