Leistung contra Herkunft
Das Wort »Leistung« klingt für viele Sozialdemokraten verdächtig nach Recht des Stärkeren, also nach dem Gegenteil von Chancengleichheit und gesellschaftlicher Partizipation durch Bildung. Ohne ein geklärtes Verhältnis zum gesellschaftlich dominierenden Leistungsprinzip lässt sich aber keine Bildungsreform durchsetzen. Ein uneingeschränktes Bekenntnis zu ebendiesem Prinzip würde derzeit jedoch zu innerparteilichen Verwerfungen führen. Gibt es für die SPD einen Weg aus diesem Dilemma? Ich meine ja.
Leistung als Leitbild einer demokratischen Gesellschaft ist »ursozialdemokratisch«. Als Wilhelm Liebknecht 1872 mit der Parole »Wissen ist Macht« die SPD als Bildungspartei etablierte, ging es ihm genau darum, Leistung anstelle der ererbten Privilegien zum bestimmenden gesellschaftlichen Ordnungskriterium zu machen. Dass nicht Herkunft, sondern Begabung und Leistungswillen den Platz des Einzelnen in der Gesellschaft bestimmen sollen, ist seitdem eine sozialdemokratische Überzeugung. Dass das Leistungsprinzip inzwischen auch von Konservativen verfochten wird, darf für die SPD kein Grund sein, davon abzurücken.
Der Streit muss nicht mehr um das Prinzip, sondern um dessen Verwirklichung geführt werden. Ein Leistungsprinzip, das nur proklamiert, aber nicht durch Abbau sozial bedingter Leistungshemmnisse zur Geltung gebracht wird, ist für sozial Benachteiligte wertlos. Die Pisa-Studien zeigen einen eklatanten Zusammenhang zwischen sozialem Status der Eltern und den Bildungskarrieren der Kinder in Deutschland. Kinder des oberen Viertels der Gesellschaft besuchen viermal so häufig ein Gymnasium wie die Sprösslinge der anderen drei Viertel.
An solche empirischen Befunde knüpft eine gelegentlich bizarre Debatte um die Frage an, inwieweit individuelles Leistungsvermögen biologisch oder sozial determiniert sei. Dazu stellt die Kognitionspsychologin Elsbeth Stern in der ZEIT vom 15. 12. 2005 fest: »Inzwischen ist unbestritten, dass die Intelligenzunterschiede (...) teilweise auf die Gene und teilweise auf die Umwelt zurückzuführen sind«, wobei sich der Mensch bei differierenden Lernreizen unterschiedlich entwickeln kann.
Für eine auf vorgeblich »begabungsgerechte« Dreigliedrigkeit ausgerichtete Bildungspolitik gibt es keine wissenschaftliche Grundlage.
Entscheidend bleibt die soziale Frage - dabei geht es darum, nicht nur die Spitze zu ertüchtigen, sondern das Niveau im Ganzen zu heben. Dazu müssen alle Talente einbezogen und soziale Leistungshemmnisse beseitigt werden. Die von konservativen Politikern propagierte »Leistungskultur« wird dafür ebenso wenig ausreichen wie Zugangstests oder bundesweite Standards, mit denen Kinder nicht gefördert, sondern nur klassifiziert werden. In der Formel 1 werden Autos teuren Testläufen unterzogen, um auch das letzte leistungshemmende Detail abzustellen, nicht um sie in eine niedrigere Klasse abzustufen. Bei unseren Kindern leisten wir uns das nicht, sie werden in die Realschule oder Hauptschule abgeschoben. Damit erreichen wir das Gegenteil: Nicht die Freisetzung, sondern die Drosselung von Leistung durch mangelnde Förderung, durch Abstufung und Demotivation.
Wenn wir über Leistungsbereitschaft sprechen, müssen wir auch über das Ermöglichen von Leistung nachdenken. Kinder an ihre Lern- und Leistungsgrenzen zu führen heißt deshalb auch, keine Schranken beim Überspringen dieser Grenzen zu setzen. Nur dann gilt schließlich der Satz: Leistung muss sich lohnen.
Der Autor ist Vorsitzender der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag
- Datum 17.03.2008 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.48 vom 22.11.2007, S.90
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