Afrika Wie helfen?

Noch nie stand so viel Geld für den Kampf gegen Krankheiten in Entwicklungsländern zur Verfügung. Damit kann man ganze Gesundheitssysteme kurieren – oder ruinieren

An diesem sonnigen Tag will Jim Kim die Welt retten. Der Arzt, Anthropologe und Menschenrechtler steht im dritten Stock eines Backsteingebäudes nahe der Harvard University und dreht nervös einen Pappkaffeebecher in der Hand. Immer mehr Gäste drängen in den Konferenzraum der Harvard Initiative on Global Health (HIGH). Nahezu die gesamte Entwicklungshilfe-Elite Harvards findet sich ein. Und die will Kim auf seine Seite ziehen. Er weiß, dass der Kampf für die Weltgesundheit nur gemeinsam gewonnen werden kann.

Der Vortrag findet aus gutem Grund zu diesem Zeitpunkt statt. Jahrzehntelang verstanden die reichen Geberländer unter Entwicklungshilfe vor allem geostrategisches Investment. Seit der Jahrtausendwende aber haben die UN, die Weltbank, Regierungen und reiche Privatspender ihr Herz auch für Aids- und Malariatherapien, für Massenimpfungen und Krankheitsvorsorge entdeckt. Noch nie stand für Gesundheitsprojekte so viel Geld zur Verfügung: Die Bill & Melinda Gates Foundation investiert jedes Jahr über eine Milliarde Dollar; ebenso viel geben die Weltbank und der Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria; und George W. Bushs President’s Emergency Plan for Aids Relief verteilt sogar 15 Milliarden Dollar über fünf Jahre auf 16 Länder.

Das neue Engagement wurde in den vergangenen Monaten kräftig bejubelt, Bill Gates als Held gefeiert. Doch der Geldsegen schafft auch Probleme. Mit wenig Mitteln ließ sich zwar nicht viel ausrichten, dafür erwartete aber auch niemand große Erfolge. Die jetzigen Summen jedoch können ganze Gesundheitssysteme kurieren, im schlimmsten Fall aber auch ruinieren. In Ruanda zum Beispiel übertreffen die Mittel aus den Hilfsfonds bereits das gesamte einheimische Gesundheitsbudget. Dabei komme es zu einer »starken Fehlverteilung der Ressourcen«, klagt ein ruandischer Regierungsbericht. Denn die ausländischen Geldgeber haben vor allem die Bekämpfung von Aids im Blick. Dafür spendeten sie Ruanda, das eine HIV-Infektionsrate von nur 3 Prozent hat, 47 Millionen Dollar im Jahr. Für das viel größere Problem der Kindersterblichkeit aber – 20 Prozent der Kinder erreichen nicht das fünfte Lebensjahr – steht dem Land nur eine Million Dollar pro Jahr zur Verfügung. Drängend stellt sich daher die Frage: Wie sieht eine wirksame und gerechte Gesundheitshilfe aus?

Bisher zählte häufig allein der gute Wille oder der angenommene Nutzen. Doch nun wollen viele Experten genauer wissen: Welche Folgen haben massive Interventionen in fragilen Gesundheitssystemen? Wie nachhaltig sind die groß angekündigten Hilfsversprechen? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung, wenn ausländische Großprojekte scheitern?

Wie man aus einer guten Idee eine globale Erfolgsgeschichte macht

Der beste Platz auf Erden, um solche Fragen zu beanworten, scheint die Harvard University im amerikanischen Cambridge zu sein. Nirgendwo gibt es mehr Entwicklungsforscher, die so gute Verbindungen zu Weltorganisationen und Regierungen haben. Hier am Charles River residiert John Ruggie, der mit dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan die »Millennium Development Goals« entwickelte; hier grübelt der Philosoph, Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen über die Ursachen der Armut; hier verfasst der Ökonom Jeffrey Sachs seine einflussreichen Analysen, und hier schrieb Christopher Murray das Standardwerk Global Burden of Disease (siehe Interview S. 44). Gemeinsam könnten diese Experten ein neues Zeitalter der Weltgesundheitshilfe einläuten, das über die bisher übliche Katastrophenhilfe und großzügige karitative Gesten hinausgeht. Und genau dafür will Jim Kim heute kämpfen.

Mehr als 70 Zuhörer drängeln sich inzwischen in dem schmalen Raum des HIGH. Nicht alle haben einen Platz gefunden, einige stehen verborgen hinter dem Türrahmen. Jim Kim, der wie stets eine dezente Krawatte zum dunkelblauen Sakko trägt, beginnt ohne Umschweife. »Nehmen wir an, wir haben eine gute Idee für ein Gesundheitsprojekt. Wir probieren sie an ein paar Orten aus, dann verändern wir die Gesundheitspolitik in dem Land – und schließlich verbreiten wir die Methode im großen Stil«, sagt der Arzt, täuscht einen Schwinger von unten an und ergänzt: »Leider ist der letzte Teil des Satzes reines Wunschdenken.«

Denn dass gute Ideen sich übertragen lassen, ist längst nicht selbstverständlich. So weiß man zum Beispiel schon lange, dass Kinder durch spezielle Moskitonetze vor Malaria geschützt werden. Es gibt inwischen sogar vielerorts genug Geld, um diese Netze zu verteilen. Dennoch schlafen in vielen Malariagebieten die Kinder nicht darunter. In ihren Hütten sei es zu eng, sagen einige Mütter, andere verkaufen die Netze lieber auf dem Markt für Seife, ein paar Tomaten oder Zwiebeln. Offensichtlich ist es mit lebensrettender Technik allein nicht getan.

Auch Jim Kim hat diese Erfahrung hinter sich. Er, der als »Albert Schweitzer von Harvard« gilt, hat mit seinem Studienfreund Paul Farmer höchst erfolgreiche Projekte initiiert, verfügt über beste Kontakte – und ist doch daran gescheitert, seinen Erfolg im ganz großen Maßstab zu wiederholen.

Dabei ist der Ansatz noch immer beispielhaft. Vor über 25 Jahren gingen Kim und Farmer in eines der ärmsten Gebiete Haitis, um dort Patienten mit extrem resistenter Tuberkulose zu behandeln. Eine solche Therapie war nicht vorgesehen in den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zu teuer, sagten die Experten. Aber die beiden machten auf eigene Faust weiter. »In wenigen Jahren schafften wir es, den Preis der Medikamente um 98 Prozent zu senken«, sagt Kim rückblickend, »und das Besondere war, wie albern einfach das war.«

Zuerst demonstrierten sie, dass sich mit teuren Spezialmedikamenten 85 Prozent der haitianischen Patienten heilen ließen; dann schlossen sie sich mit anderen Projekten zusammen und handelten mit den Pharmafirmen günstigere Preise aus; das versetzte sie in die Lage, die Arzneien nur an solche Projekte abzugeben, die sich ihren strengen Behandlungsrichtlinien unterwarfen. Bezahltes Hilfspersonal musste die Einnahme überwachen und bei Komplikationen sofort Alarm schlagen. Damit verhinderten sie, dass begonnene Therapien abgebrochen und neue Resistenzen geschaffen wurden. »Hätten wir nicht jeden einzelnen Schritt genau so gemacht, wären wir nicht so weit gekommen«, sagt Kim. Auf diese Weise aber konnten er und Farmer beweisen, dass eine aufwendige Tuberkulosetherapie – in enger Kooperation mit lokalen Ärzten, bezahlten Helfern und der Regierung – auch unter ärmlichsten Verhältnissen möglich ist.

Beflügelt von diesem Erfolg, gründeten die beiden die Hilfsorganisation Partners in Health, begannen Ende der neunziger Jahre, nach ähnlichem Schema auch Aids-Patienten zu behandeln, und exportierten die Tuberkulosebehandlung nach Peru – zunächst gegen den Widerstand der Regierung. Inzwischen hat die peruanische Regierung das erfolgreiche Projekt selbst übernommen, und Kims und Farmers Strategie hat den offiziellen Segen der WHO erhalten.

Und doch ist Kim nicht zufrieden. »Wir haben 20.000 Tuberkulosekranke in 35 Projekten behandelt, wir haben gezeigt, dass es funktioniert, und wir dachten: Wow, wir haben viel erreicht«, sagt der Arzt und klatscht in die Hände, »aber es gibt 500.000 Menschen auf der Welt, die diese Behandlung brauchen, und bis zum Jahr 2015 werden es fünf Millionen Menschen sein.« Und dann erzählt Kim von dem Anruf, den er vor ein paar Monaten erhielt: Jemand von der milliardenschweren Bill & Melinda Gates Foundation sei in der Leitung gewesen und habe gesagt: »Wir wollen, dass ihr das noch mal für ganz China und Indien wiederholt.« Der Redner macht eine Kunstpause und fragt dann in die Stille hinein: »Wie macht man das?«

Einige Zuhörer kichern. Sie wissen, wie unendlich komplex eine Aufgabe dieser Dimension ist. Denn es ist eine Sache, als Arzt für seine Patienten alles zu geben und notfalls auch einmal, wie Kim in Peru, Medikamente über die Grenze zu schmuggeln; es ist eine andere Sache, einen Therapieplan für ganze Kontinente auszuhecken. Auch Kim muss an dieser Stelle eingestehen, dass er kein Patentrezept hat und keine Weltgesundheitsformel aus dem Hut zaubern kann. Das Einzige, an dem er sich festhalten kann, scheint der mittlerweile leere Kaffeebecher zu sein, den er noch immer in den Fingern knetet.

Nach dem Vortrag streiten sich Ärzte und Public-Health-Spezialisten

Beschwörend spricht er von der Notwendigkeit, »zusammenzuarbeiten, anstatt uns über alberne Dinge zu streiten«, und plädiert dann für eine interdisziplinäre Anstrengung: »Wir schlagen eine Wissenschaft zur Erforschung des Wissenstransfers in Gesundheitsfragen vor.« Was ihm vorschwebt, ist eine Art Business-School für globale Gesundheitsfragen. »Ich habe zum Beispiel noch keine umfassende Geschichte darüber gelesen, was wirklich das Geheimnis hinter der Ausrottung der Pocken war«, sagt Kim und fordert »Ausbildungsgänge, die Techniken der Auswertung von Gesundheitsinterventionen vermitteln, Stipendien für solche Projekte und Unterstützung von Forschern, die Erfolgsgeschichten analysieren«.

Keine fünf Sekunden nach dem Applaus meldet sich der erste Kritiker zu Wort. Und der sich entspinnende Disput macht all die Gräben sichtbar, die sich in der Gesundheits- und Entwicklungsforschung auftun. Da gibt es einerseits Mediziner wie Kim, die auf vorhandene Therapien und soziale Reformen setzen. Ihnen stehen Zukunftsoptimisten gegenüber, die auf einen quick fix hoffen. »Warum sollte man neun Monate lang jeden Tag ein Tuberkulosemedikament einnehmen, wenn sich vielleicht ein Mittel findet, das man versprühen kann und das deshalb leichter akzeptiert wird?«, fragt Majid Ezzati, ein Spezialist für internationale Gesundheit. Wie der Großspender Bill Gates glaubt Ezzati, zur Lösung globaler Gesundheitsprobleme seien nicht Sozialreformen, sondern technisch-wissenschaftliche Fortschritte nötig. Und dann tritt mit faltigem Gesicht, bärtig und leicht gebeugt der alte Kämpe Richard Cash hinter einem der Türrahmen hervor. Cash gehört zur Fraktion derjenigen, denen es um die Gesundheit großer Bevölkerungsgruppen geht und für die Einzelschicksale weniger zählen. Auch er kann auf beeindruckende Erfolge verweisen. Seine Methode, mit Zucker-Salz-Lösungen Durchfall zu bekämpfen, hat Millionen Kindern das Leben gerettet. Und doch sind Public-Health-Leute wie Cash die natürlichen Gegner von Ärzten wie Kim. Aus Cashs Sicht binden teure Therapien für Minderheiten notwendige Ressourcen für die Versorgung der großen Mehrheit. Also wettert Cash gegen die massive Ausdehnung teurer Aids-Therapien und die Vernachlässigung von Präventionsprogrammen.

Jim Kims lächelnde Miene verdüstert sich. Verzweifelt versucht er den Angriff abzuwehren, doch man merkt, dass er genau diese Auseinandersetzung nicht führen will. Er will keine Fallzahlen gegeneinander aufrechnen, sondern ein Bewusstsein für das Problem der globalen Gesundheit schaffen. Doch an diesem Tag findet die wissenschaftliche Gemeinde Harvards nicht zusammen. Kim kann nur für mehr Zusammenarbeit werben; erzwingen kann er sie nicht. Und während sich das Auditorium leert, stellt der Arzt erschöpft seinen Becher ab – er hat die Pappe fein säuberlich zu einem Quader gekniffen.

Warum hat sich seine Hoffnung nicht erfüllt? »Harvard ist wahrscheinlich die Universität, in der am wenigsten ein Klima besteht für Kooperation«, versucht einige Tage später Christopher Murray, der scheidende Direktor des HIGH, den fehlgeschlagenen Aufruf zur Zusammenarbeit zu erklären. »Die Kultur hier ermutigt zum individuellen Unternehmertum, nicht zur Zusammenarbeit.« Auch Jim Kim verweist auf die »persönlichen Eitelkeiten« der einzelnen Forscher. Und gerade in der momentanen Situation hätten viele von Harvards Gesundheits- und Entwicklungsforschern an einer stärkeren Kooperation kein Interesse; denn die potenziellen Kollegen vom Flur nebenan sind häufig eben auch die härtesten Konkurrenten im Kampf um die enormen Summen, die derzeit im Gesundheitssektor verteilt werden.

Die verschiedenen Hilfsprogramme agieren oft fröhlich aneinander vorbei

So spiegelt die Szene in Harvard exakt jenes Problem wider, das auch auf globaler Ebene eine bessere Gesundheitsversorgung erschwert: Statt Kooperation regiert der Wettbewerb, und statt sich mit anderen abzustimmen, versucht jeder Protagonist, sich selbst zu profilieren. So scheinen etwa die USA mit ihrem President’s Emergency Plan for Aids Relief die Aids-Kranken in Afrika im Alleingang retten zu wollen. Dass es auch einen Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria gibt und außerdem noch ein ähnliches Programm von der Weltbank, wird zwar in Washington höflich registriert, aber in der Praxis weitgehend ignoriert. In Ländern wie Uganda agieren die Hilfsprogramme jedenfalls fröhlich aneinander vorbei. Und dass ein Bill Gates wiederum ganz eigene Vorstellungen von Gesundheitshilfe entwickelt, versteht sich von selbst.

Das Hilfschaos wird gern mit dem Argument entschuldigt, Hilfe könne es nie genug geben, letztlich sei jeder Ansatz irgendwie hilfreich. Doch diese Ausrede will Abhijit Banerjee nicht gelten lassen. Das sei »institutionelle Denkfaulheit« und potenziell schädlich, wettert der Ökonom vom nahe gelegenen Massachusetts Institute of Technology (MIT). In seinem Poverty Action Lab will Banerjee versuchen, den besten Ansatz zu isolieren, indem er die Ergebnisse verschiedener Hilfsinterventionen vergleicht. So untersucht das Action Lab zum Beispiel, ob Entwurmung wirklich die Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Kindern in Kenia erhöht (ja) oder ob ausländische Gelder existierenden Frauengruppen in Kenia nutzen (nein). Noch hat auch Banerjee die beste Strategie nicht gefunden, nur Teilerfolge erzielt.

In einem Punkt aber stimmen die meisten Forscher überein: Damit eine Intervention überhaupt funktionieren kann, muss sie sich an die lokalen, gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten anpassen. Eine großflächige Verteilung von Moskitonetzen ist nutzlos, wenn die Menschen so arm sind, dass sie sie lieber für einen Sack Zwiebeln eintauschen; und die schönste Ausgabestelle für kostenlose Medikamente nützt nichts, wenn die Busverbindungen im Land so teuer sind, dass kaum jemand dorthin kommt.

Dass man das ganze System im Blick behalten muss, ist natürlich keine neue Erkenntnis. Ähnliches propagierte schon der deutsche Gesundheitspionier Rudolf Virchow, auf den sich Kims Partner Paul Farmer beruft, wenn er heute das Gesundheitssystem in Ruanda saniert (siehe folgende Seite). Doch bei den großen Finanziers scheint diese Erkenntnis erst allmählich anzukommen. Sie haben immer noch die erfolgreiche Ausrottung der Pocken als Modell vor Augen. Sie müssen erst wieder erkennen, dass dieser Ansatz nicht immer greift, dass den Menschen mancherorts mehr mit Leitungen für sauberes Wasser gedient ist, mit Bildungsangeboten oder einem Essenspaket, das der Medikamentenration beiliegt. Häufig verbietet allerdings die Fixierung der großen Finanziers auf schnelle Erfolge noch genau diese flexible Verwendung ihrer Hilfsgelder.

Anzeichen für ein Umdenken gibt es. Die strikten Regeln des President’s Emergency Plan for Aids Relief weichen auf. Es werden nicht mehr nur Medikamente gegen Aids verteilt, sondern auch Antibiotika, wenn der HIV-Patient eine Lungenentzündung hat. Der Global Fund will neuerdings mehr Mittel bereitstellen, um den Ausbau der Gesundheitsstrukturen zu fördern. Doch die Flexibilisierung muss viel weiter gehen, wenn Jim Kims Vision einer gerechteren Gesundheitspolitik Wirklichkeit werden soll.

Vielleicht kommen die wichtigsten Anstöße dazu am Ende ja gar nicht aus Harvard. Vielleicht reicht es auch schon, häufiger die Betroffenen selbst zu fragen. Das Geheimnis der Aids-Bekämpfung lernte Paul Farmer zum Beispiel von einer Bäuerin auf Haiti: »Du willst die HIV-Verbreitung unter Frauen stoppen? Gib ihnen Jobs.«

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Leser-Kommentare
  1. All die vielen Entwicklungshilfeprojekte der Vergangenheit haben Afrika nichten, muß in das Schmieren aller möglichen korrupten Eliten investiert werden, sonstweitergebracht. Man bekämpft eine Krankheit und bekommt eine andere -
    oder die nächste Hungersnot. Ein Großteil der Gelder, auch solcher
    Gesundheitskampagnen, kommt man gar nicht erst an die arme Bevölkerung heran..Insgesamt habe ich den Eindruck, daß all diese großen Geldsummen mehr schaden als nützen. Weil sie helfen, Zustände zu perpetuieren, die dem Land mehr schaden als jedes Virus. Weil sie korrupte Strukturen stabilisieren. Weil das Geld morgen in den nächsten Bürgerkrieg fließt. .Weil die Menschen durch all diese Maßnahmen nicht lernen, sich selbst zu helfen. .Mein Vorschlag: jede Form der direkten Entwicklungshilfe kappen. Nach günstigen Behandlungen forschen: gern. Aber die Betroffenen müssen sie bezahlen, gern sehr billig, aber bezahlen - damit sie ihren Wert erkennen, sich Gedanken machen, WARUM sie ein Moskitonetz brauchen. Mikrokredite geben etc - alles gut. .Projekte fairer Landwirtschaft: gern. Mikrokredite vergeben. Alles, bei dem die Betroffenen selbst aktiv sein, selbst etwas auf die Beine stellen müssen. Aber nichts verschenken, keine Medikamente, keine Lebensmittel (außer in kurzfristigen Katastrophenfällen). Und keine Hilfe zur Selbsthilfe, wenn sie mit Schmiergeldern erkauft werden muß. Konsequent!

  2. "Statt Kooperation regiert der Wettbewerb, und statt sich mit anderen abzustimmen, versucht jeder Protagonist, sich selbst zu profilieren"
    Diese Erkenntnis von Herrn Albrecht wundert diejenigen, die sich seit Jahren in den Entwicklungsländern für die Weiterentwicklung der lokalen Gesundheitssysteme engagieren nicht , ist sie doch ein normales Erscheinungsbild der allgemeinen "Entwicklungshilfe".
    Die "enormen" Finanzmittel, die jetzt angeblich zur Verfügung stehen sollen, werden von den üblichen akademischen Zirkeln so lange diskutiert, bis nach Abzug der diversen Forschungsaufträge, Evaluationstourismusfahrten, Regierungskonferenzen, Administrationskosten etc nur noch 10 % am Ende dort ankommen, wo die Menschen leiden und sterben.
    Es fehlt meines Erachtens nicht am Geld , sondern am Willen, das Elend der "miserables" wirklich zu beenden.
    Im gleichen Flugzeug mit den Medikamenten kommt aus den gleichen Ländern die Munition und der Waffennachschub.
    Ich kann nicht mehr glauben, dass hier wirklich Hilfe geleistet werden soll. Für mich gehen diese Gelder als indirekte Bestechungsgelder an die verschiedenen willigen Helfer hier und dort um Einfluss zu gewinnen, zu erhalten und auszubauen.
    H.Schrader
     

    • JensBe
    • 24.11.2007 um 0:21 Uhr

    Wenn es die Helferindustrie schon im Mittelalter gegeben hätte, würde Europa immer noch unter Pestepedemien leiden. Die Pest wurde ausschließlich durch Veränderungen im Sozialverhalten der betroffenen Gesellschaften ausgerottet. Aber das ist für die aus den westlichen Individualgesellschaften stammenden Helfer nicht mehr nachzuvollziehen. Confrontiert mit einer Epedemie muß zwangsläufig das Recht des Einzelnen hinter die Interessen der Gemeinschaft zurücktreten. Wem diese Idee befremdlich ist hat sich offensichtlich noch nicht mit den letztendlichen Konsequenzen einer Epedemie auseinandergesetzt.

  3. nach dem Buch von John le Carré "The Constant Gardener". John le Carré hat u.a. an der britischen Botschaft in Bonn für den Geheimdienst MI6 gearbeitet. Damals entstand auch sein Buch "Der Spion der aus der Kälte kam". Sein Insiderwissen zum Thema Pharmakonzerne und Afrika findet seine Aufarbeitung im "Constant Gardener"...„Die Täuschung der Öffentlichkeit durch Politik und Medien hat einen
    Grad erreicht, den ich für höchst gefährlich halte. (...) Wir leben in
    einer Welt virtueller Nachrichten. Und so gesehen fällt Autoren und
    Filmemachern die Verantwortung zu, diese Informationslücke zu füllen.“
    Aus einem Interview mit der Zeitung Die Welt am 3. Januar 2006.Die Filmcrew war übrigens von den Lebensumständen der Menschen am Drehort dermaßen "beeindruckt",  daß sie sogleich eine gemeinnützige Organisation gründeten, den so genannten Constant Gardener Trust.Interessant an dem Autor ist auch, daß er eine ganze Reihe Auszeichnungen abgelehnt hat, darunter auch die Ritterwürde (Sir) des britischen Königreiches.„Wenn wir sterben, dann sterben wir an Selbstbetrug, Desinteresse
    und Apathie. Die Medien mit ihrem ‚eingebetteten Journalismus‘ haben
    versagt, haben sich alles erzählen lassen und verbreiten weiter die
    Lügen der Regierungen. Für Mussolini ist der Faschismus die Identität
    von Staats- und Wirtschaftsmacht. Der Unterschied zu damals besteht
    darin, dass auch noch die Medien dabei mitmachen.“
    Kommentar von John Le Carré zum Krieg gegen den Terror, aus einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 16. September 2006.http://de.wikipedia.org/w...______________________________________
    Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
    John Pilger's "War on Democracy"
    http://youtube.com/result...

    • bediko
    • 24.11.2007 um 10:11 Uhr

    Sehr gerne wäre ich bereit mitzuhelfen. Es erscheint mir aber nahezu hoffnungslos und sogar gefährlich: Aus der einen Milliarde können schnell 2 Milliarden werden und Hinweise auf dieses Problem werden empört zurückgewiesen. Außerdem habe ich noch genau eine Radiomeldung von vor einigen Jahren in Erinnerung, dass die höchste "Champagnerdichte" auf der Welt in Libreville zu finden ist. Der Kontinent muss sich erst einmal selber helfen! Wir sollte uns zurückhalten!

  4. und gesehen dass da nichts ist als das seit Jahrzehnten übliche Geseire. Die richtige Antwort hat hier schon JensBe gegeben. Steht nur die Frage, warum wir uns von dem Helferpack und dem Bedürftigenpack noch auf der Nase herumtanzen lassen. Und wie lange das noch durchzuhalten ist.Wir investieren in die Bevölkerungsexplosion. Und dann investieren wir in die Abwehr der schwarzen Flut. Und dann verballern wir Milliarden für Migrantenkosten. Und wir verballern Milliarden für ...Haben diese Milliardenausgaben schon (von den Schmarotzern abgesehen) mal irgendwelchen Nutzen gebracht?Wenn es nach mir ginge, die gesamte Entwicklungshilfe einstellen. Mit dem eingesparten Geld Patrouillenboote und Maschinengewehre kaufen. Und Solidarität würde ich zum Straftatbestand erklären, für den die gleiche Strafe zu Anwendung kommt wie für Verbrechen der gleichen Wirkung: Lebenslänglich

  5. Auf dem Foto sehen wir "eine AIDS-Patientin in Kampala".Wäre ja nett gewesen, wenn der Autor uns gesagt hätte woher er weiß dass diese Frau an AIDS leidet. Das Ergebnis eines AIDS-Tests ist die Diagnose auf jeden Fall nicht. Auf den Meldeformularen in Uganda ist der Test nicht vorgesehen.Aber egal, Hauptsache wir helfen - der Helferindustrie.

    • TLO
    • 24.11.2007 um 12:49 Uhr

    rijukan: "Insgesamt habe ich den Eindruck, daß all diese großen Geldsummen mehr schaden als nützen. Weil sie helfen, Zustände zu perpetuieren, die dem Land mehr schaden als jedes Virus. Weil sie korrupte Strukturen stabilisieren. Weil das Geld morgen in den nächsten Bürgerkrieg fließt.Weil die Menschen durch all diese Maßnahmen nicht lernen, sich selbst zu helfen."Diese Ansicht (die lange auch meine war) halte ich mittlerweile für Selbstbetrug! Korruption und Diktatur wird so wie ich es jetzt sehe als Entwicklungshindernis überschätzt. Es ist schon richtig, dass die Regierungsarbeit in vielen afrikanischen Staaten gelinde gesagt grottig ist und das an vielen Orten Krieg und Chaos herscht. Man kann die herschende Armut aber nicht Monokausal solche Zustände zurückführen. Reichtum und gute Regierungen bedingen sich gegenseitig: In Afrika herscht so ein Chaos gerade WEIL Afrika so arm ist! Mikrokredite sind eine tolle Sache, nur was nützen sie einem Menschen, der in einem Dorf ohne richtige Straßen (Marktanbindung), Strom- u. Wasserversorgung wohnt, der an Malaria erkrankt ist und dessen Kinder nicht zur Schule gehen können, weil sie auf dem Feld arbeiten müssen. Selbsthilfe ist schön und gut, die Leute müssen nur eine Chance bekommen überhaupt damit anzufangen. Viele afrikanische Staaten haben mit klimatischen und geografischen Schwierigkeiten zu kämpfen, die mit den technischen Mitteln des 21. Jahrhunderst relativ kostengünstig zu meistern wären, wenn die Regierungen denn das Geld dazu hätten. Besonders viel Entwicklungshilfe wird nämlich im Gegensatz zur allgemeinen Warnehmung nicht gezahlt (effektiv abzüglich Schuldenerlass, Nothilfe, Beratungsleistungen ca. 12 Dollar pro Kopf u. Jahr). Das Argument die Hilfeleistungen würden korrupte Systeme stabilisieren ist so auch nicht richtig, denn absolutes Elend der Bevölkerung eignet sich offensichtlich noch viel besser dazu eine Diktatur zu stützen und Beamte die schlecht oder garnicht bezahlt werden neigen eher zur Korruption als solche die ein angemessenes Gehalt bekommen. Der im Artikel erwähnte Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs hat ein gutes Buch über dieses Thema geschrieben, in dem er ähnliche Kritikpunkte aufgreift wie Harro Albrecht in diesem Artikel, aber auch Entwicklungshilfe gegen pauschale Vorwürfe verteidigt (wie sie ja hier in jedem zweiten Kommentar zum Ausdruck gebracht werden) und Lösungsansätze vorstellt wie Entwicklungshilfe seiner Meinung nach global organisiert sein sollte. Man kann sich das Buch übrigens sehr günstig und versandkostenfrei bei der "Bundeszentrale für politsche Bildung" bestellen.P.S.: Jeder Geschichte die einem begründet warum es so sein soll, das es "UNS" gut geht und "DENEN" nicht, sollte man zumindest kritisch gegenüberstehen. Egal in welchem Zusammenhang.

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