MartensteinPost für den Sonderkunden

Unser Kolumnist entdeckt den manchmal gar nicht diskreten Charme seines italienischen Weinhändlers von 

Wein trinke ich. Gewiss. Jetzt heißt die nächste Frage, wo kommt der Wein her, wie beschafft man ihn sich. Da habe ich irgendwann im Briefkasten eine Werbung gefunden von einer Weinlieferfirma namens Giordano. Unter diesem Namen war mir bisher nur Ralph Giordano geläufig, der bekannte Mahner und Moscheenverhinderer. Nun, vom Mahnen und Moscheenverhindern alleine kann man schlecht leben.

Wenn man bei Giordano Wein bestellte, hat man kostenlos sechs hübsche Auflaufförmchen aus gelbem Porzellan dazubekommen. Ich trinke nicht nur gern Wein. Ich esse auch gern Aufläufe aus hübschen gelben Förmchen. Ich habe also Wein bestellt und die Förmchen bekommen. Nach einer Weile habe ich wieder Wein bestellt und blau gemusterte Espressotässchen dazubekommen, bei der dritten Bestellung gab es ein Päckchen Mandelplätzchen. Der Wein war gut. Erwähnte ich, dass ich ein Luftikus bin, ein Bruder Leichtfuß? Eines Tages habe ich, ohne jeden fassbaren Grund, eine unbändige Lust bekommen, den Wein eines anderen Händlers auszuprobieren. Ich habe nichts mehr bestellt. Dann klingelte der Postbote.

Der Postbote überreichte ein großes Kuvert mit dem Absender „Giordano“ und der Aufschrift „Vertrauliche Mitteilung“, außerdem waren auf dem Kuvert ein prachtvolles Siegel und drei verschnörkelte Unterschriften und ein roter Kasten mit roter Schrift: „Eilige Antwort bis spätestens 08/10/2007“. Ich fühlte mich geehrt, aber auch in unangemessener Weise bedrängt und habe die Mahnung deshalb ungelesen beiseitegelegt.

Einige Tage später brachte die Post ein kleines, streng designtes Kuvert von amtlichem Aussehen mit dem Firmenlogo sowie dem Aufdruck: „Scheck-Zuweisung. Nicht biegen. Beinhaltet einen persönlichen Scheck über mehr als 79,00 Euro“. Auf der Rückseite stand: „Vertrauliches Schreiben. Achtung! Die Gültigkeit des Schecks beträgt 15 Tage! Anlage: Mitteilung des Oberkellermeisters Gianfranco Repellino.“ Auch diese Mahnung habe ich ungeöffnet beiseitegelegt. Aber ich hatte ein komisches Gefühl dabei. Warum bieten sie plötzlich Geld an? Gianfranco Repellino. Der Name klingt irgendwie bedrohlich. Und warum „nicht biegen“? Der nächste Brief von Giordano war wie eine Todesanzeige gestaltet.

Auf dem Kuvert stand: „Dieser Umschlag beinhaltet Ihre Verzichtserklärung. Dieser Umschlag ist nur vom Empfänger zu öffnen.“ Außerdem: „3. und letzter Aufruf vor Ablauf der Sonderkonditionen.“ Brief Nummer vier dagegen kam in einem schwanenweißen, schlichten, edlen Kuvert. Es stand nur eine einzige Sache darauf: „Fernando Giordano. Persönliche Mitteilung“. Es ist also doch nicht Ralph Giordano, obwohl auch dieser Zweig der Giordanos so hartnäckig mahnt, dass es einem an die Nerven geht. Der Pate selbst wollte also Kontakt mit mir aufnehmen, er hatte Repellino die Sache aus der Hand genommen. Ich habe aber wieder nicht reagiert, weil man mit Druck bei mir gar nichts erreicht, nur mit Liebe, Verständnis und Zärtlichkeit.

Nun kam erneut ein großes Kuvert. Aufschrift: „Streng vertraulich. Achtung. Dieser Umschlag beinhaltet Ihr Dossier. Kommission für Sonderkunden.“ Außerdem trug das Kuvert einen Stempel mit der Aufschrift „Commission de Derogations“. Für mich klingt das nach Verhörkommission. „Sonderkunden“, „Dossiers“, Verhöre, Keller, allmählich geht es in eine Richtung, bei der ich sage, da brauche ich erst einmal einen Grappa. Vielleicht liege ich, falls ich nicht endlich Giordanos Wein bestelle, morgen schon mit einbetonierten Füßen im Flusse Isonzo.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Das ist doch noch gar nichts! Meine Mutter bekommt bevorzugt gegen 22 Uhr Anrufe von der besagten Firma, die sie so lange bequatschen, daß sie tatsächlich wieder etwas bestellt. Die erwähnten gelben Töpfchen sind in allen Haushalten unserer Familie zu finden. Ich wiederum bekam tagsüber im Geschäft solche penetranten Verkaufsgespräche aufs Ohr gedrückt, daß ich in meiner Hilflosigkeit einfach behauptete nur noch Bier zu trinken. Daraufhin war der Mann am anderen Ende der Leitung mit dem italienischen Akzent derart beleidigt, daß er sich nie mehr gemeldet hat.
    Viele Grüße aus Schleswig-Holstein

  2. Ich habe es auch schon mit Anschreien oder einer Drohung mit "dem" Anwalt oder "der" Polizei versucht, als trotz Heirat, Namensänderung und Umzug zwar keine Briefe mehr, dafür aber Anrufe eintrafen. Aber sie kamen immer wieder, und ich hatte mich schon damit abgefunden, dass Auflegen das einzige Mittel der Wahl ist. Ich verstehe diese Werbetaktik ohnehin nicht, denn wie H. Martenstein schon schreibt, ist die Qualität der Weine doch in Ordnung - warum haben die das so nötig???Beim letzten Mal traf es mich unerwartet, nach einem "Hallo" zögerte ich und wurde gefragt, ob denn die Frau S. (mein Mädchenname) hier wohnte. Ich habe mit "Nein" geantwortet, ignorante Irritation simuliert und hoffe ein weiteres Mal, jetzt endlich von der Liste gestrichen worden zu sein;-)Viele Grüße aus dem Süden der Republik, aber noch diesseits der Alpen

  3. Ja, wenn man eine Frau gewinnen will, sagt man auch nicht welche Vorteile mann gegen der anderen potentiellen habe, sondern das man absolut der beste ist und Basta. Und wenn die Frau mal Ja gesagt hat, dann hat Sie auch keine Wahl mehr, denn in Cirkus sind wir hier doch nicht.Übrigens, ist der Wein auch eine sehr persönliche Gelegenheit auch für den Verkäufer oder....

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