Der Himmel hängt tief über dem Ostseebad Binz. Es ist trüb und grau, leichter Nieselregen fällt. Kein Wind geht, der die Wolkendecke wegwehen könnte, Wetter also für die ganz harten Seeliebhaber. Um 10 Uhr vormittags sitzt Angela Merkel im Frühstücksraum eines Hotelkomplexes vor einer Tasse Kaffee, mit am Tisch sitzen Parteifreunde. Nebenan, in einem Mehrzwecksaal, wird in ein paar Minuten der Parteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern fortgesetzt. Merkel hat sich Zeit genommen. Es ist ihr erster Auftritt vor der Partei nach dem großen Streit mit den Sozialdemokraten über den Mindestlohn. Dem Streit, nach dessen (vorläufigem) Ende ihr SPD-Vizekanzler zurückgetreten ist und erstmals ernsthaft über ein vorzeitiges Ende der Großen Koalition spekuliert wurde.

In dieser Woche ist Angela Merkel zwei Jahre lang Bundeskanzlerin. Ein Jahr davon, 2006, verbrachte sie mit Weltpolitik, war kaum in Deutschland, weil, wie sie sagt, »die Innenpolitik von der Außenpolitik nicht mehr zu trennen ist«. Tatsächlich gab es natürlich auch formale Gründe: ihre Funktion als EU-Ratspräsidentin und als Vorsitzende der G8-Staaten. Merkel reiste nach China, sie war in Afrika, in Afghanistan, in Indien, in den USA. Sie hat das schmelzende Eis auf Grönland besichtigt und den Dalai Lama empfangen. Doch wer, wie beispielsweise die Sozialdemokraten, dachte, sie sei »weich« geworden, beschäftige sich nicht mehr mit den Machtfragen in Deutschland, habe ihre Partei nicht mehr im Griff, wurde eines anderen belehrt. Und zwar brutal. Binnen einer Woche zeigte Merkel, nein, nicht Kälte, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb, sondern Härte. Härte gegen sich selbst, weil sie sich der Blamage aussetzte, eine schon getroffene Zusage zum Mindestlohn wieder rückgängig zu machen, und Härte gegen die SPD, die dies »Wortbruch« nannte, Härte gegen ihren Vizekanzler, der allein deswegen Grund gehabt hätte zurückzutreten.

Aus Merkels Sicht entsprang die Entscheidung schierer Geistesgegenwart. Kurz vor dem Parteitag der CDU Anfang Dezember hat sie erkannt – man könnte auch sagen, ihre Partei hat ihr klargemacht –, wo die CDU nicht hinwill, nicht hindarf: weiter nach links. So begann die zweite Hälfte der Legislaturperiode für die Kanzlerin mit einer politischen Kursbestimmung. Und für die Sozialdemokraten begann sie mit der Erkenntnis, dass an Merkels machtpolitischer Präsenz im Kanzleramt nicht zu zweifeln ist.

Vom fast nördlichsten Punkt Deutschlands nähert sich Angela Merkel nun wieder dem Land, den Bürgern. Hier in Binz, in Mecklenburg-Vorpommern, ist sie Parteichefin, hier beginnt die Sanduhr abzulaufen bis zur nächsten Wahl im Herbst 2009. Hier beginnt der Wahlkampf.

Binz ist dafür ein lockeres Übungsfeld. Hier kann Merkel unkompliziert Hände schütteln. Binz ist Nordostdeutschland, also Heimat. In Binz wird sie mit freundlichem Understatement »eines der wichtigsten Mitglieder des Landesverbandes« genannt, hier ist sie nicht Frau Bundeskanzlerin, sondern die »liebe Angela«. Und ein junger polnischer Politiker lobt sie ehrlich als »Glücksfall für die deutsch-polnischen Beziehungen«, um dann unter Gelächter der Delegierten auf Kosten der »Physikerin Merkel« zu scherzen: »Wir polen sie richtig!«

Angela Merkel hat sich verändert in zwei Jahren Kanzlerschaft. Selbstverständlich. Doch um auszuloten, wie, muss man sich die Angela Merkel des Sommers 2005 noch einmal vor Augen führen. Damals war sie Herausforderin. Sie hatte mit Gerhard Schröder einen Gegner, von dem sie noch nicht wusste, ob sie ihm gewachsen sein würde. Die alles überspannende Frage damals lautete: Kann die das?

Kann die Außenpolitik? Kann die Fernsehen? Kann die Wahlkampf auf Marktplätzen? Und schließlich: Kann eine Frau, eine Ostdeutsche, Bundeskanzlerin? Merkel müssen diese Zweifel, die Ressentiments, die Vorurteile zugesetzt haben. Sie konnte ja nicht wissen, ob sie es konnte. Sie konnte wissen, dass sie es sich zutraute. Die Kandidatin hatte zu beweisen: den Wirtschaftsbossen Kompetenz; den Lobbyisten Kenntnisse; ihrer Partei Führungsstärke. Und so versteckte sie, was ihr dabei hinderlich schien: Menschliches und Persönliches. Zweifel und Unsicherheit. Und ihre ostdeutsche Herkunft.

2005 gaben in der Partei die Wirtschaftsliberalen den Ton an

Jetzt, zwei Jahre später, an der Macht, ist alles da: die Lockerheit, die Sicherheit, dass ein verpatzter Scherz kein Drama ist und das Wir . Wir Ostdeutschen. In Binz, vor den Parteifreunden aus Mecklenburg-Vorpommern, spricht sie über »unser Wirtschaftswachstum«, das bei vier Prozent liegt, und fügt flapsig hinzu, Günther Beckstein sei »die Kinnlade runtergefallen«, als er davon gehört habe. Und weiter: Im Tourismus sind wir an Schleswig-Holstein vorbeigezogen, jetzt greifen wir Bayern an. Den Mecklenburger Delegierten gefällt das alles.

Fragt man Sozialdemokraten, wie sie sich die verbleibende Zeit bis zur Wahl 2009 vorstellen und was sie von der Kanzlerin erwarten, hört man Folgendes: »Angela Merkel hat einen langen Rückweg vor sich.« Das ist keine Analyse, das ist ein Wunsch: Merkel möge sich in die wirtschaftsliberale Wahlkämpferin zurückverwandeln, als die sie 2005 angefangen hatte. Eine nach links gerückte SPD könnte dann mit Kurt Beck an der Spitze einen harten Wahlkampf gegen sie führen.