Fernsehen Uran sucht Geigerzähler

Harald Schmidt und sein "Nazometer": Die Medien betreiben den Tabubruch und leben von der Empörung darüber.

Das berüchtigte Nazometer, das die Kabarettisten Schmidt und Pocher erst zur Verblüffung des Publikums, dann zum Entsetzen einiger ARD-Intendanten in ihre Sendung einführten, war eigentlich keine schlechte Erfindung. Irgendjemand rühmt die Autobahnen – und das Nazometer schrillt Alarm. Oder jemand sagt: »Die Nazis waren politisch die Hölle, aber ihre Uniformen irgendwie geil« – und das Nazometer schweigt. Denn auch das beste Faschismus-Suchgerät kann nicht besser sein als die Gesellschaft, in der es konstruiert wurde.

Warum also die Aufregung über die Erfindung des Kabarettistenpaars? Weil es unsere vorbildliche antifaschistische Aufmerksamkeit verhöhnt? Weil Oliver Pocher sich mit geschmacklos-anzüglicher Rede von Gasherden und Duschen an die Empfindlichkeitsschwelle des fiktiven Gerätes heranzutasten versuchte? Nein – es ist die Heuchelei, die sich getroffen fühlt und die darin besteht, dass die Empörung über nazihafte Entgleisungen im Allgemeinen nicht nur spontan aufflammt, sondern auch gesucht, eigens inszeniert und schaudernd genossen wird.

Es gibt eine Medienindustrie, die ihr Geschäft mit Hitler-Bildern und Eva-Braun-Geschichten macht, und es gibt eine Medienindustrie, die sich von der Aufregung darüber ernährt – und neuerdings gibt es auch Medien, die beides zugleich und in einem Aufwasch erledigen. So hat Vanity Fair dem ehemaligen RAF-Anwalt und heutigen Neonazi Horst Mahler die Plattform eines Interviews spendiert – und sich im gleichen Heft pflichtgemäß darüber empört. Aber worüber eigentlich? Darüber, dass Mahler genau das gesagt hat, wofür man ihn eingeladen hat?

Man stelle sich einen Laden vor, der zum Geigerzähler immer auch ein Stück Uran verkauft: damit sich der um Radioaktivität besorgte Käufer sofort überzeugen kann, dass der Geigerzähler funktioniert. Ungefähr nach dieser Logik hat der Talkmaster Johannes B. Kerner neulich die Familienaktivistin Eva Herman eingeladen, von der man schon weiß, dass sie den gebotenen Abstand zum Nationalsozialismus nicht kontrollieren kann – als ein Stück Uran sozusagen. Und der Geigerzähler Kerner hat auch sogleich funktioniert, klack-klack hat es gemacht, und Eva Herman war aus der Sendung geflogen.

Erst am Nazi beweist sich die antifaschistische Wertarbeit

Das ist die Logik des Nazometers. Man bestellt sich ein Stück Nazi – und dann zeigt man, was vorbildliche antifaschistische Wertarbeit ist. Überflüssig, darauf hinzuweisen, dass man sich das Nazometer schenken könnte, wenn man im Gegenzug auch dazu bereit wäre, auf die Nazis und nazinahen Reden zu verzichten. Es verlangt aber offenbar ein hohes Maß an medienferner Bescheidenheit, der Rolle des Agent Provocateur zu entsagen.

Im zaristischen Russland gab es etwas, das man polizeilichen Sozialismus nannte: revolutionäre Organisationen, die von der Geheimpolizei eigens ins Leben gerufen wurden, damit sie etwas zum Bekämpfen hatte. Natürlich hoffte man, dass sich unter die polizeilichen Sozialisten auch die echten Sozialisten mischen würden und auf diese Weise enttarnt werden könnten. Manchmal vergaß die Geheimpolizei allerdings, welche der revolutionären Organisationen ihr eigenes Werk waren, und manchmal versuchte sie sogar, die selbst geschaffenen Zellen zu unterwandern.

Ungefähr nach diesem Muster muss man sich wohl, gut hundert Jahre später in der DDR, die berüchtigte Dichterszene vom Prenzlauer Berg vorstellen. Die Schriftsteller, allesamt Stasispitzel, ließen sich von ihren Führungsoffizieren zu immer kühneren subversiven Poemen anstiften, die dann die Notwendigkeit verschärfter Observation rechtfertigten: die Bekämpfung ideologischer Diversion als In-sich-Geschäft.

Die Alarmanlage und der Nachtwächter

Es ist aber gar nicht nötig, so weit zurückzugehen, um die Freude an der sich selbst erfüllenden Tatvermutung am Werk zu sehen. Die Familienministerin Ursula von der Leyen hat erst kürzlich mit dem Gedanken gespielt, Kinder auszuschicken, auf dass sie sich Zigaretten und Branntwein kaufen – um Kioskbesitzer zu enttarnen, die notorisch gegen das Gaststättengesetz verstoßen. Es gibt auch die begründete Vermutung, dass manche der privaten Sicherheitsdienste, die im Auftrag der US-Armee im Irak operieren, zugleich Waffen an Aufständische verkaufen. Es ist leicht einzusehen, warum – damit ihnen nicht die Aufträge ausgehen.

Kurzum, das Nazometer ist nur ein Gerät aus einer ganzen Baureihe. Es grenzt fast an Humorlosigkeit, darauf hinzuweisen, dass natürlich irakische Attentäter auch ohne amerikanische Unterstützung, besoffene Kinder ohne Frau von der Leyen und DDR-Dichter ohne Stasihintergrund existieren. Selbst unter den Oktoberrevolutionären war mancher, der nicht zuvor mit zaristischem Segen aufgepäppelt worden war.

Und dummerweise existieren auch in der Bundesrepublik Neonazis und Nazinostalgiker, ohne den Alarmanlagen der Medien zuzuarbeiten. Möglich, dass gerade an ihnen die hochgezüchteten Nazometer versagen, die zu unserer Unterhaltung installiert wurden. In ihrer tapsigen Art haben Schmidt und Pocher nichts anderes getan, als darauf hinzuweisen. Aber das war augenscheinlich schon zu viel. Den von empörten Intendanten erzwungenen Verzicht aufs Nazometer hat Harald Schmidt auf seine Weise in der letzten Woche gefeiert: indem er das Gerät als Lampion vor sich hertrug, dabei singend: Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne…

Der Antifaschist als vertrottelter Nachtwächter – das ist eine dadaistische Pointe, an die wir uns dereinst, in schlimmeren Zeiten, hoffentlich nicht werden erinnern müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. ... erzeugt bei mir, die im Sande verlaufende Kritik über Herrn Kerner (hat der wirklich Journalismus studiert???) Erstaunen erzeugt bei mir, dass eine Nation noch immer den pawlowischen Empörungsreflex fehlerfrei beherrscht. Erstaunen erzeugt bei mir, dass Messen mit zweierlei Maß.
    Es ist aus meiner Sicht langsam an der Zeit, ein historisch geprägtes Selbstbewußtsein zu entwickeln und sich den aktuellen Fragestellungen zu widmen. Aus der Vergangenheit zu lernen - anstatt mit angstgeweiteten Augen übersensibel zwischen den Zeilen zu lesen.
    Schmidt und Pocher halten der Nation den Spiegel vor. Aber vor lauter Hysterie (oder ist es gar Dummheit?) erkennt sie ihr eigenes Gesicht nicht!

  2. habe S&P gleich nach 10 minuten der ersten sendung für immer
    ins nirwana verbannt. ich bin narzist (nicht nazi ;-): wenn man mich nicht
    in den ersten 5 min ueberzeugt, löse ich, wie onkel dagobert, die
    klappe im fußboden aus, die den absturz des delinquenten ins
    nichts befördert :))

  3. Hitler ist der größte Wirtschaftsfaktor in Deutschland. Bücher, Filme, Kunstwerke, Gedenkstätten, Archive, Forschungsinstitute, Aktionen gegen rechts, Fördermittel... nix würde gehen ohne die Präsenz von Adolfs Geist. Wenn der "in echt" gar nicht da ist, muß man ihn eben erfinden, so wie in Sebnitz, in Potsdam, in Mügeln oder in Mittweida. Der SPIEGEL-Redakteur Florian Gathmann hat sich die Mühe gemacht, die drei Geschichten über angeblich von Neonazis in fremde Haut eingeritzte Hakenkreuze zusammenzutragen, die sich dann allesamt als Schwindel herausgestellt hatten. Doch das nur nebenbei.Die Aufregung um Eva Herman, Kardinal Meisner oder das Naz-O-Meter sidn nur die Spitze des Eisbergs. Darunter bläht sich eine erdrückende Alltagsrealität von Gesinnungskontrolle, Sprachpolizei und politisch korrekter Hysterie. 1984 konnte man in der Schule noch analytisch Orwell mit der Gegenwartsrealität vergleichen. Heute will niemand mehr etwas von Totalitarismus hören. Ist doch egal - Hauptsache, du bist nicht "rechts", was auch immer das heißt.

  4. Das "Nazometer" ist eine unendlich dumme Geschichte.Es kann nur jemandem einfallen und es kann nur jemand darueber lachen,  der vollkommen distanziert zur der NS-Zeit steht oder total unwissend ist.Jemand, der seine Eltern oder Grosseltern im Krieg oder in den Gaskammern verloren hat, wird wohl kaum darueber lachen koennen.Diese Sache war so schrecklich, das man darueber einfach keine Witze machen kann ohne dass die Betroffenen berechtigterweise protestieren.Oder man macht die Witze um das Schreckliche zu vergessen. Aber es geht es Schmidt und Pocher aber allein um die Quote. Ein neuer billiger Witz auf Kosten von irgentjemand, nicht neues. Und heute waren es einfach mal die Opfer der Nazis, auf deren Kosten es ging. Ich finde Witze ueber dieses Thema generell geschmacklos, und gerade Schmidt ist durch diese unselige Geschichte sehr tief gesunken.

    • Anonym
    • 25.11.2007 um 11:06 Uhr

    brachte man es in den medien nur zu etwas, wenn man irgendwie mit dem nazivater oder ähnlichem rumfuchtelte und auf betroffenheit machte.
    kam gut.
    die karriere war gesichert.
    das waren die fröhlichen 70iger. in den nullerjahren heute genügt eine art wecker. der keiner ist. natürlich nicht.
    wer seine sendung damit bestreitet, dass er am kleinkram des mediums selbst rumfuchtelt, betreibt keine medienkritik, sondern sagt,
    oh dass ich mich damit beschäftige, heisst doch, dass es sich um etwas wirklich wertvolles handelt. ich vermute mit dem wirklich wertvollen ist das medium selbst gemeint. na prima.
    der naziwecker sollte dann allerdings alle 2 sekunden schrillen. wenn er das nicht tut, bitte bringen sie ihn zu ihrem electronikhändler, der is zwar blöd und geizig, aber sie werden feststellen, mit dem schrott lässt er sie allein. das ding könnte ja im laden schweigen.
    wie deprimierend.

  5. und vor allem die Wortschöpfung:"vorbildliche antifaschistische Wertarbeit "  :-)

  6. Im Ausland heißt es immer wieder, wir Deutschen hätten keinen Sinn für Humor.  Man sollte sich nicht darüber ärgern, sondern man sollte versuchen, die Leute eines besseren zu belehren.  Gewiss kann man verstehen, warum die Leute so etwas behaupten, wenn man Pocher und den Nazometer sieht:  Das sind lediglich professionelle Possenreißer und Witzemacher, aber es fehlt der wirkliche Humor.  Hingegen sehe man sich Didi Hallervorden als Goethe im Dialog mit Mephisto an (jetzt noch bei Youtube zu finden), und es zeigt sich ein hervorragendes Niveau von Humor, das tatsächlich auch bei Ausländern vorzüglich ankommt.

  7. (oder Herrn[?] Pocher) wegen der Erfindung des Nazometers den Status des "Antifaschisten" zu verleihen, geht - bei allem guten Willen - etwas zu weit; etwas weiter oben im Artikel wurden sie zutreffender als "unbescheidene Agents provocateurs" bezeichnet. Brauchen wir wirklich solche Typen zu unserem Glück - oder auch nur in unserem Fernsehprogramm?

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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