Die Frage war offengeblieben: Wie konnte es geschehen, dass eine wohlerzogene, gebildete, begabte junge Frau, der die Herzen zuflogen und der es an nichts mangelte, dem Land, in dem sie lebte und Erfolg hatte, den Krieg erklärte? Wie konnte es geschehen, dass Ulrike Marie Meinhof die RAF gründete und mit ihr unterging? Es gab Vermutungen, Thesen, Legenden. Aber kein Gesamtbild. Vielleicht wird es das nie geben. Doch die Biografie Jutta Ditfurths, Ulrike Meinhof, entwirft die Kontur für so ein Bild, oder besser: Sie liefert die nötige Fülle von Mosaiksteinen, sodass eine deutliche (und nicht mehr nur deutende) Kontur sichtbar wird.

Zunächst mal wirkt das 480-Seiten-Werk wie eine ungeheure Fleißarbeit. Als wäre Ditfurth dabei gewesen und hätte, treuliche Chronistin, Tag für Tag mitgeschrieben, was alles passiert ist im Leben der Meinhof, legt sie nun ihre Ernte aus und vor. Sie war ja nicht dabei, sie hat also geforscht, rekonstruiert, die halbe Welt befragt, alles studiert, was nachzulesen ist, analysiert, gefiltert und beurteilt und sodann die Biografie zusammengesetzt. Dieser Dokumentations-Furor gibt dem Buch einen Anschein von Objektivität; wo so viele Details zusammengetragen und angeordnet worden sind, denkt man, wird schon die schiere Masse des Materials dafür sorgen, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte hindurchschimmert. Man hat lesend das Gefühl, dass nichts ausgelassen, mithin dass nichts verschwiegen wird. Und glaubt sich so im Besitz einer historisch korrekten Mitschrift dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte.

Die Autorin ist ähnlich einäugig wie ihre Protagonistin

Aber natürlich kann keine Rede sein von Objektivität beziehungsweise der Annäherung an sie (denn mehr ist nicht möglich). Das dicke Buch hätte auch wohl ohne die temperamentvolle Parteinahme der Autorin für ihren Gegenstand, Ulrike Meinhof und ihr Denken und Handeln, kaum geschrieben werden können. Es gibt ja im neueren Biografismus, besonders wenn Frauen über Frauen schreiben, die Neigung, stark zu werten und umzuwerten, die bösen Männer an den Pranger zu stellen und die guten Frauen zu heroisieren. So macht Ditfurth es nicht. Sie sympathisiert gar nicht mal unbedingt mit Personen, sondern mit Ideen und Haltungen, die man als (gesellschafts)kritische Konsequenz bezeichnen könnte und die in den fünfziger und sechziger Jahren, lange vor Entstehung der RAF, in der Anti-Atom-, Anti-Wiederbewaffnungs- und Anti-Notstandsgesetze-Bewegung zur Welt kamen und als deren kompromisslose Verfechterin Meinhof von ihrer Biografin porträtiert wird. Nie lässt Ditfurth davon ab, Meinhofs Verhalten in diesen Kontext der kritischen Konsequenz zu stellen, und sie wird ihr so auf erstaunliche Weise gerecht, lässt plausibel erscheinen, was zuvor immer nur als Bruch, als Wahn, als »Abdriften« oder »Reinschlittern« begriffen werden konnte.

Ditfurths Meinhof bleibt sich selbst auf ungeheuerliche Weise treu. Das macht die Biografie lesenswert, verleiht ihr den erwünschten roten Faden. Aber für diese unleugbare Kohärenz der biografischen Darstellung bezahlt Ditfurth einen Preis: Sie vollzieht die Dämonisierung der »deutschen Verhältnisse«, ohne die Meinhof ihren Kampf dagegen nicht auf die Spitze hätte treiben können, nach oder mit und ignoriert infolgedessen die Lernfähigkeit und liberale Flexibilität der Bundesrepublik ähnlich wie ihre Protagonistin. Und so wird sie einäugig. Wenn sie die ungleichen Kampfhähne, RAF-Militante versus Staat, Polizei und Justiz in Stellung bringt, lässt sie David immer so handeln, dass man ihn versteht, Goliath hingegen nie. Klar, der Staatsapparat war technisch hochgerüstet und bis an die Zähne bewaffnet, die RAF ein Häuflein Desperados mit geklauten Knarren, die klemmten. In jeder Abenteuergeschichte schlägt das Herz des Autors und seines Publikums bei einer derart schiefen Machtverteilung für David. Gleichwohl: Ditfurth belegt minutiös, wie die Justiz während des Verfahrens in Stammheim und davor Rechtsbruch auf Rechtsbruch häufte, verschweigt aber die Verschwörung der Anwälte mit ihren Mandanten, die bis zum Waffentransfer in die Haftanstalt gegangen sein soll.

Damals wurde die Achtung vor dem Gesetz ausgehebelt – auf beiden Seiten

Sie schildert das Gegeifere der Springer-Presse gegen die RAF als Verletzung der Menschenwürde, die Kaltschnäuzigkeit aber, mit der die Gruppe ihre Banküberfälle als schlichte Notwendigkeit für den bewaffneten Kampf rechtfertigte, mit wenig Distanz. Damals wurden die Regularien der guten Sitten und der Achtung vor dem Gesetz ausgehebelt – auf beiden Seiten. Auch und zuerst aufseiten der Stadtguerilla. Dass diese dazu ein Recht hatte, wie Meinhof glaubte, wäre nur aus der Perspektive einer ganz bestimmten Lesart begründbar: dass sich die RAF mit der Bundesrepublik in einem erklärten (und moralisch gerechtfertigten) Bürgerkrieg befand. Ditfurth geht nicht so weit, diese Lesart zugrunde zu legen. Aber sie ist nah dran.

Und schafft es so immerhin, die Absurdität herauszuarbeiten, die darin lag, dass Regierung, Justiz, Vollzug und die meisten Medien der Stadtguerilla die politischen Motive absprachen und sie als »gewöhnliche Kriminelle« oder »anarchistische Gewalttäter« hinstellten – dann aber doch mit der »Lex RAF« eine Fülle von Sondergesetzen schufen beziehungsweise legitimierten, die eigens dafür gedacht waren, eine Tätergruppe kaltzustellen, die eben gerade wegen ihrer politischen Motive so gefährlich schien. Zudem: Hätten sich so viele Prominente – von Böll bis Sartre – für sie eingesetzt, wenn es sich um »gewöhnliche Kriminelle« gehandelt hätte?

Jutta Ditfurth erzählt die Geschichte Meinhofs als die einer unerbittlichen Kämpferin gegen die Refaschisierung der Bundesrepublik. Dass es derartige Tendenzen gab, belegt ihr Buch. Dass es Gegentendenzen gab, konnte Meinhof nicht sehen, das war ihre Tragödie. Ditfurth konnte oder könnte es sehen – und sagen. Das hat sie vielleicht deshalb nicht getan, weil dann eine Distanz zu Ulrike Meinhof gewachsen wäre, aus der heraus sie nicht mehr hätte schreiben können.