In die Mulden der grün gewellten Landschaft schmiegen sich Fachwerkhäuser; der erste Schnee hat die Vorgärten gepudert. Die Menschen hier sind bodenständig, fest verwurzelt in der Heimat. Sie sind darüber alt geworden. Ihre Kinder zog es längst in die Großstädte, zu den Jobs. Trotzdem lebt Martha S., deren Mann vor 17 Jahren starb, nicht mehr allein. Sonst hätte die 92-Jährige ihr Dorf und das Haus, das sie nach dem Krieg aus Trümmern erbaute, längst verlassen müssen. Die Rumänin Elisabeta begleitet sie jetzt durch den Alltag, der für die alte Dame undurchschaubar geworden ist.

Elisabeta, 39, ist eine zupackende Frau, die Herausforderungen gelassen begegnet. Seit August lebt sie bei Martha S. in dem schlicht verputzten Haus. Zimmer gibt es dort genug, doch sie schläft in einem Raum mit der alten Dame, damit sie sofort merkt, wenn es Probleme gibt. »Ich lasse die Frau nie allein«, sagt sie. Manchmal geht sie mit Martha S. in den Garten, manchmal sogar ein paar Schritte die Straße auf und ab. Aber sie ist nie auch nur zum Einkaufen gewesen; die Lebensmittel bringt die Tochter von Frau S. am Wochenende mit. Elisabeta fehlt das deutsche Dorfleben nicht – sie vermisst ihre Heimat. »Ohne die Familie zu sein ist schwer für die Seele«, sagt die alleinerziehende Mutter und zeigt das Foto ihres 16-jährigen Sohnes. Der ist jetzt im Internat und am Wochenende bei den Großeltern. »Er versteht, dass ich wegmusste, um Geld zu verdienen.«

Hinter Deutschlands Tüllgardinen blüht die Schwarzarbeit. Mindestens 100.000 illegale Pflegekräfte aus Osteuropa kümmern sich um bettlägerige oder demente Menschen. Nur hinter vorgehaltener Hand werden sie überall weiterempfohlen. Sie haben keine Arbeitserlaubnis und werden von Fahndern verfolgt. Eigentlich müsste der Staat ihre Arbeit fördern, denn er spart durch sie gewaltig.

Zwar wollte die SPD die illegalen Kräfte aus der Grauzone holen, wie Elke Ferner, Vizechefin der Bundestagsfraktion, im Vorfeld der Pflegereform erklärte. Doch im Gesetzentwurf des Kabinetts, über den der Bundestag im Dezember abstimmt, ist davon nichts zu sehen. Denn die Lösung des Problems ist schwierig. Einerseits ist Deutschland stolz auf sein Arbeits- und Sozialrecht, das Rund-um-die-Uhr-Jobs verhindert und Sozialversicherungen vorschreibt. Andererseits brauchen viele alte Menschen 24 Stunden täglich Beistand, und Sozialbeiträge würden die teure Betreuung gänzlich unbezahlbar machen.

Die Stimme von Monika S. klingt zärtlich, wenn sie den Arm um ihre Mutter legt und mit ihr spricht. Doch sobald das strahlende Lächeln kurz versiegt, legt sich ein Hauch von Erschöpfung über ihr Gesicht. »Anfangs weiß man gar nicht, was man tun soll«, sagt die 51-Jährige, die mit einem Büroservice selbstständig ist. Vor fast acht Jahren erlitt ihre Mutter einen Schlaganfall. Und als sie aus dem Krankenhaus kam, war nichts mehr so wie früher.

Die Tochter bestellte Essen auf Rädern. Aber die Mutter aß nicht, wenn sie allein war – und begann, seltsame Fragen zu stellen. Zwar sahen entfernte Verwandte, Nachbarn und eine Frau aus der Kirchengemeinde nach ihr. Und die Tochter kam jedes Wochenende aus der vier Stunden entfernten Metropole angereist. Doch die alte Dame geisterte nachts durchs Haus – sie konnte gar nicht mehr allein bleiben. »Ich würde mir wünschen, dass die Regierung begreift«, sagt Monika S., »was Demenz und 24-Stunden-Betreuung bedeuten.«

Auf der Suche nach einer legalen Hilfe schaltete sie eine Anzeige. Doch die Bewerberinnen wollten keinesfalls bei der Mutter wohnen. Schließlich fand sich eine 70-jährige Witwe. Aber die packte schon nach zwei Tagen ihre Sachen. Monika S. geriet in Panik. »Da habe ich dann telefoniert wie wild und alle möglichen Bekannten angefleht, ob sie nicht wenigstens für ein paar Tage kommen können«, sagt sie. Sie hat mehrere Minijobber für die Nächte engagiert und für die Tage im Zwei-Stunden-Takt Nachbarn verpflichtet. »Diese Übergangsphase mit den ständig wechselnden Menschen war für meine Mutter eine ganz große Kraftanstrengung«, sagt sie. Für sie selbst auch: Immer wieder fiel jemand in der sorgsam geschmiedeten Kette aus, immer wieder musste die Tochter aus der Ferne für Ersatz sorgen.