An einer legalen Lösung war Irene T. sehr gelegen, als ihre alten Eltern Hilfe brauchten. Sie sollten zu Hause in der gewohnten Umgebung bleiben, ein Altenheim kam für sie nicht infrage. Der Hausarzt empfahl eine der Agenturen, die jetzt im Internet die Vermittlung osteuropäischer Hilfen anbieten. Weil die Eltern vorsorgend gespart hatten, konnte die Sekretärin die geforderten 1.650 Euro im Monat zahlen. Die Agentur erkundigte sich genau nach der Situation und wählte die passende Kraft. Die Helferinnen, die sich im Dreimonatsrhythmus abwechselten, hätten dort jederzeit anrufen und sich beschweren können. Und Irene T. hätte auf Wunsch schnell eine andere Frau bekommen. Im August starb ihr Vater, ein paar Monate zuvor die Mutter. Bis zum Schluss blieben der 90-Jährige und die 85-Jährige daheim, obwohl die Mutter schwer dement und dabei aggressiv war.

Von der Seriosität der polnischen Vermittlung ist Irene T. überzeugt. Sie meldete beim Bürgeramt den Aufenthalt der Frauen an, die ihrerseits einen Gewerbeschein beantragten. Die Frauen haben in Deutschland Steuern gezahlt. Nach Abzug der Agenturgebühr blieben ihnen 1.303 Euro netto. Doch auch wenn es Irene T. kaum glauben mag: Die Beschäftigung war illegal. Zwar dürfen sich die Bürger der neuen EU-Staaten generell in Deutschland aufhalten. Und als Selbstständige dürfen sie hier auch arbeiten. Allerdings müssen sie dabei mehrere Kunden haben. »Eine Osteuropäerin, die sich um einen pflegebedürftigen Menschen kümmert, ist eindeutig scheinselbstständig«, sagt Klaus Schuldes, der bei der Auslandsvermittlung der Arbeitsagentur für das Thema zuständig ist. Nach geltendem Recht arbeitet die Hilfe schwarz, weil ihr Auftraggeber die Sozialabgaben hinterzieht. Wenn die Sache auffliegt, muss der die Abgaben für den gesamten Zeitraum nachzahlen.

Auch die zweite Konstruktion, mit der Angehörige auf eine legale Beschäftigung hoffen, ist ungesetzlich. Dabei wechseln sich zwei Osteuropäerinnen im Monatsrhythmus ab. Sie arbeiten jeweils vom 15. an, also zwei halbe Monate in Folge, für die sie offiziell je 400 Euro erhalten. Die Angehörigen melden sie als Minijobber an und zahlen pauschalierte Sozialbeiträge. Doch auch hier gibt es einen Haken: Bei der Anmeldung wird nicht geprüft, ob die Frauen eine Arbeitserlaubnis haben. Die aber würden sie derzeit nicht bekommen; es wird sie für die neuen EU-Bürger aus dem Osten wohl erst von 2011 an geben. Sie arbeiten also schwarz – obwohl sie als 400-Euro-Kräfte registriert sind.

Der einzige Weg, legal eine Osteuropäerin zu beschäftigen, läuft über die Auslandsvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur. Die Frauen werden offiziell als Haushaltshilfen an pflegebedürftige Menschen vermittelt. Sie erhalten einen sozialversicherungspflichtigen 40-Stunden-Vertrag. »In einigen Fällen ist es sicher sehr schwierig, die Arbeitszeiten einzuhalten«, gibt ZAV-Bereichsleiter Schuldes zu. »Aber in der Regel gibt es da Arrangements.«

In der Beispielrechnung der Arbeitsagentur wird die Osteuropäerin nach dem baden-württembergischen Tarif bezahlt und erhält 1241 Euro brutto. Die Angehörigen zahlen einschließlich Arbeitgeberanteil 1.500 Euro im Monat. Zwar dürfen sie der Pflegerin 373 Euro für Unterkunft und Verpflegung von ihrem Gehalt abziehen, doch dann bleiben der nur 550 Euro netto im Monat. Und das ist das Problem: Dafür verlässt kaum noch eine osteuropäische Pflegekraft ihre Heimat. Muss sie auch nicht, weil sie in anderen Länder mehr verdienen kann. »Viele deutsche Familien reagieren darauf und zahlen freiwillig 1.600 bis 1.700 Euro brutto«, sagt Schuldes. Einschließlich des Arbeitgeberanteils bringen sie also rund 2.000 Euro auf und ziehen auch nichts mehr für Wohnen und Essen ab.

Lange wird auch das nicht mehr reichen. Denn schon heute dauert es zusehends länger, bis die ZAV eine passende Hilfe findet – obwohl sie inzwischen nicht einmal mehr darauf besteht, dass die Frauen Deutsch sprechen können. »Angebot und Nachfrage ändern sich in diesem Bereich rasant, aber die Politik kann das steuern«, sagt Schuldes. »Sie wäre gut beraten, demnächst auch Vermittlungsabsprachen mit Ländern außerhalb der EU zu treffen, etwa mit der Ukraine.« Die dortigen Frauen würden wohl erst mal für weniger Geld arbeiten als ihre EU-Nachbarinnen – bis auch sie merken, wie gefragt sie in ganz Europa sind. Ulrike Meyer-Timpe