Die Verwandlung beginnt auf dem Heimweg. Den ganzen Tag ist Holger ein Teamspieler gewesen. Er hat den Geschäftsplan fürs nächste Quartal durchgebracht. Beim Mittagessen Kunden gebauchpinselt. Für die Betriebsratswahl Stimmen ausgezählt. Auf der Weihnachtsfeier das Rentier gespielt. Eine Mitarbeiterin getröstet, die sich einredet, sie habe Krebs. Nun sitzt er in der U-Bahn zwischen Fremden, die in Gedanken schon bei ihrer nächsten Rolle sind: als Ehemann oder Mitbewohner, als Freundin oder Mutter. Auf Holger wartet keine Rolle. Er freut sich. Bald ist er allein.

Jeden Abend verwandeln sich solcherart an die 15 Millionen Deutsche. Sie verlassen die Welt, in der man spricht, scherzt, streitet, liebt, und betreten ihre eigene. Sie werden zu Singles. Was sie dann tun, darüber wissen wir wenig. Beim Alleinsein ist nun mal schlecht zusehen. Versuchen wir es trotzdem.

Holger gibt’s nicht. Er ist erfunden. Ein Ottonormalsingle nach der Statistik. Genauer: nach der bislang gründlichsten Studie, die der Mainzer Soziologieprofessor Stefan Hradil für das Bundeskanzleramt erstellte. Darin liest man über Singles, dass sie vor allem im mittleren Alter auffallend zahlreich geworden sind. Es sind mehr Männer darunter als Frauen. Sie haben eine bessere Ausbildung genossen als der Durchschnitt und arbeiten oft als höhere Angestellte. Sie leben in der Großstadt, wählen ein wenig links von der Mitte und gehen nicht in die Kirche. Sie nutzen öffentliche Verkehrsmittel, treiben Sport, rauchen. Sie gehen gern aus und sind nicht geizig, wenn es um ihr Vergnügen geht. Sie pflegen sechs, sieben Freundschaften, fühlen sich gut – und sind schon seit Jahren allein.

Hier verlässt uns die Statistik, die mittlerweile zwölf Jahre alt ist. Die Zahl der Singles ist seither weiter gestiegen. Forscher haben sie durchleuchtet auf schlimme Kindheitserlebnisse, Geistesstörungen, sexuelle Absonderlichkeiten. Vergebens. Bis heute erklärt keine Tabelle, warum so viele normal wirkende Menschen ein Leben führen, um das die anderen sie bedauern.

Holger sagt im Büro nicht, er sei Single. Er weiß ja, an wen die Kollegen dann denken. An die Sekretärin aus der Buchhaltung, die, kaum drei Wochen getrennt, in jeder Kaffeepause über Schweine im Allgemeinen und das Schwein im Besonderen herzieht. An den Archivar, der tagelang dasselbe Hemd trägt und mit sich selbst spricht.

So ist das wohl bei jeder Minderheit: die Schrillen und Schrulligen prägen das Bild. Nur dass die Singles streng genommen gar keine Minderheit sind. Die allermeisten von ihnen haben sich nicht gegen die Partnerschaft entschieden, höchstens gegen einen bestimmten Partner. Sobald der Richtige kommt, werden sie aufhören, Singles zu sein, und das am liebsten für immer. Bis dahin sagen sie gern: »Ich suche noch«, im Tonfall von »keine Kompromisse!«. Holger fühlt sich wohl als der Bummelstudent seines Herzens. Es ist ja nicht auf Dauer. Schon ziemlich lange nicht.

Es ist kurz nach acht, als Holger, beladen wie ein Packesel, die Treppen zu seinem Appartement hochsteigt. Es wird meistens kurz nach acht. So schafft er es gerade noch, auf dem Heimweg die Hemden von der Reinigung abzuholen und Lebensmittel einzukaufen. Wer immer das Wort Torschlusspanik erfand, er hatte sicher einen Supermarktangestellten vor Augen, der Punkt 20 Uhr schulterzuckend den Eingang absperrt.