Gesellschaft : Das geheime Leben der Singles

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Aus solchen Zukunftsängsten formt sich das Feindbild des egoistischen Singles. Oft in Gestalt der Karrierefrau, die der berufstätigen Mutter den Job streitig macht und später deren Kindern ihre Rente verdankt. Der Soziologe Bernd Kittlaus, Betreiber der Website www.single-luege.de , führt seit Jahren einen einsamen Kampf gegen falsche Zahlen und haltlose Spekulationen in der Berichterstattung über Singles. Für ihn kann es kein Zufall sein, dass so viele Autoren sich nach oben verrechnen: Sie zählen Haushalte als Personen und Alleinlebende als Partnerlose. Sie machen aus einem leichten Anstieg ein hysterisches »Immer mehr«. Und fertig ist das Schreckensszenario, worin Abermillionen Sozialautisten die Solidargemeinschaft aushöhlen.

Hinter all dem vermutet Kittlaus »das nationalkonservative Paradigma«, wie er es nennt; einen rechten Klüngel, der Eltern und Singles gegeneinander aufhetzt, um einen Familienbegriff von anno dazumal durchzusetzen. Aber vielleicht ist die Erklärung viel schlichter: Die Singles haben in unserer Gesellschaft die Opferrolle abgelegt. Nun sind sie vorn mit dabei, auch dann, wenn Schuld verteilt wird. Untätigkeit ist auch eine Tat.

Es klingelt an der Tür. Holger überschlägt den Aufwand. Jetzt aufmachen, das hieße erst einmal: die Pizzakrümel wegsaugen. Das nasse Handtuch von der Türklinke nehmen. Die Sportsachen in den Schrank pfeffern. Und natürlich sich umziehen. Daheim schlüpft Holger immer als Erstes in seine Jogginghose und ein ausgeleiertes T-Shirt. Sehr bequem, aber leider nicht sehr kleidsam. Darum hält Holger wenig von unangekündigtem Besuch. Aufmachen bringt nur Ärger. Morgens der Paketbote, der etwas abgeben will für die Nachbarin. Abends dann die Nachbarin, die das Paket abholen will. So kommt eins zum anderen.

Das könnte sie übrigens sein. Holger hört Schritte. Was bedeutet: Sie hört ihn auch. Sie weiß, dass er da ist. Wie unangenehm. Holger stellt den Fernseher leiser. Die Nachbarin wohnt auch allein, wie die meisten im Haus. Sie wirkt nett. Eigentlich sollte er sie mal kennenlernen, wie im Werbespot mit den gespülten Gläsern. Doch aufmachen? Schade. Jetzt ist sie schon weg.

Die Versinglung ist ein Großstadtphänomen, am ausgeprägtesten in Berlin. In mehr als der Hälfte aller Haushalte lebt nur eine Person. Im Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg beträgt der Anteil zwei Drittel. Der Makler Jürgen Michael Schick und der Hausverwalter Ulrich Löhlein erklären, was das bedeutet.

Zunächst der Run auf eine bestimmte Art Wohnung: »Klassischer Berliner Altbau, gern in einem der belebtesten Viertel. Geräuschemission von Restaurationsbetrieben wird als wohnwertsteigernd empfunden. Abgezogene Dielen, Doppelkastenfenster, hell gefliestes Bad mit Wanne, Spülmaschinenanschluss in der Küche. Mindestens zwei Zimmer, manchmal drei, von denen eins nur zum Bügeln benutzt wird. Balkon ist auch wichtig – zum Kühlen der Getränke.«

Mit anderen Worten: so komfortabel, wie das Einkommen es hergibt. Darum werden Singles bisweilen als Wohnraumfresser verdammt. Der Branche sind sie nicht unlieb. Hohe Fluktuation, dafür hohe Mieten. Kleine Wohnungen kosten mittlerweile kaum weniger als große. Doch der Makler wie der Verwalter sehen auch Gefahren in der Vereinzelung.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 6
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Nur kein Neid !

Die Singles führen ein ideales Leben, sie gelten als ideale Arbeitnehmer, als ideale Kunden und ideale Nachbarn.  Sie sind gute Gesellschafter und überall gern gesehen.  Sie schätzen ihre Unabhängigkeit und lieben es, allein zu sein.  Der schönste Moment ihres Tagesablaufs ist, wenn sie nach der Arbeit ihre Wohnung betreten und die Welt hinausschließen -- oder schließen sie sich ein?  

belanglos

da hat es aber echt schon viiiiiel bessere Dossiers gegeben. Gelangweilt wühlt sich Allmaier durch alle Klischees und Voruteile, und ist sogar noch zu faul gewesen, ein richtiges Fallbeispiel zu finden. Ich frage mich wirklich, warum die Zeit für so einen gewöhnlichen, wenig sagenden Artikel so viel Platz hat. Gute Nacht.

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