Ladenschluss Bitte keine Rettung!
Was geht den Staat der Sonntag an? Nichts. Eine Erwiderung
»Rettet den Sonntag!«, rief die ZEIT in der vergangenen Woche . Gemeint war der arbeitsfreie Sonntag. Letzter Raum des Rückzugs vor dem Kommerz. Der Tag des Familienlebens und der Kontemplation und des Kirchgangs und der kritischen Reflexion und der politischen Beteiligung und überhaupt des gesellschaftlich Erwünschten. Gerettet werden soll diese Utopie, indem der Staat seine Bürger daran hindern möge, sonntags Waren und Geld auszutauschen.
Als wenn eBay, Amazon und Verkaufsfernsehen nicht gerade an diesem Tag frequentiert würden, und mehr noch: Als wenn Kauf und Verkauf die einzigen ökonomischen Tätigkeiten des Wochenendes wären. Als wenn der Verwertungszwang nicht längst in viel umfassenderer Weise die freie Zeit kolonisiert, aus Bildung nicht Weiterbildung, aus dem Wiederaufbau von Körper und Seele nicht »Workout« oder »Körperarbeit«, aus Geselligkeit nicht »Networking« gemacht hätte. Vor wem soll der Sonntag gerettet werden – vor dem Kapitalismus? Mitten in einer kapitalistischen Gesellschaft? Ach du fromme Harmlosigkeit!
Die klassischen Ökonomen und mit ihnen die Marxisten hatten schon früh erkannt, dass der Feiertag der Reproduktion der Arbeitskraft dient. Dementsprechend sieht er meist auch aus; die liebste deutsche Freizeitbeschäftigung, das Abschlaffen vor dem Fernseher, lässt unerfreuliche Rückschlüsse auf das Arbeitsleben zu. Weshalb die Kritik daran, wie hierzulande gelebt wird, tiefer gehen sollte: Sie müsste eine Kritik der Arbeit selbst werden. Ihres »Lastcharakters«, wie Herbert Marcuse sagte, auch ihrer Zwanghaftigkeit. Da lese ich in der ZEIT, dass von schlechtem Gewissen gepeinigt werde, wer nicht sonntags, sondern werktags frei hat. Ist das nicht ein Symptom unserer Arbeitsbesessenheit?
Doch was für eine Idee, den Zwängen mit Staatspädagogik zu Leibe rücken zu wollen, also mit noch mehr Zwang! Genügt es nicht, dass die Arbeitsverhältnisse überwiegend straffe Zeitregimes mit sich bringen? Welcher kulturelle Vorteil soll darin liegen, die Bürger zwischen Dienst- und Ladenschluss durch die Supermärkte und Einkaufszonen zu hetzen? Familienfreundlich jedenfalls ist das nicht. Man beobachte die gestressten Mütter mit und ohne Kind am Wagen, wie sie in Windeseile auf Nahrungssuche gehen; noch die Waren, die sie ohne längere Prüfung erstehen, zeugen von Zeitnot, all die Fertigpizzen und Mixgetränke und Tütengerichte.
Zu teuer, übrigens, das Zeug. Die Ökonomen sind untereinander uneins darüber, ob liberalisierte Öffnungszeiten die Preise steigen lassen (wegen der höheren Lohnkosten) oder sie nicht vielmehr senken (weil der Kunde mehr Zeit zur Auswahl hat).
Auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind schwierig zu schätzen. Es gibt Menschen, Studenten beispielsweise, die gern zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten, erst recht, wenn sie dafür gut bezahlt werden – ihnen kommen freie Öffnungszeiten zugute. Für andere Beschäftigte kann ein verändertes Zeitregime neuerliche Zwänge mit sich bringen; wie so oft ist es die Übergangszeit, in der Reibungen auftreten und deren Härten abgemildert werden sollten – eine Aufgabe für Tarifpartner und, in Grenzen, des Sozialstaats. Verkäuferinnen gehören, anders als Lokomotivführer, nicht zu den Beschäftigten mit starker Verhandlungsposition. Wer die Ladenöffnungszeiten liberalisieren will, muss auf ihr Wohlergehen achten.
Aber dass die Gesellschaft als Ganze ihren Zusammenhalt verlöre, wenn der Bürger des Sonntags mehr als die zulässigen Brötchen einkaufen könnte, zu dieser Vorstellung gehört schon viel Fantasie. Oder Glaube an einen Staat, der nur den Taktstock zu schwingen braucht, damit seine Untertanen sich zu den vorgesehenen Zusammenkünften einfinden.
In Ländern wie Polen, den Niederlanden, Großbritannien oder Schweden existieren teils gut, teils weniger gut funktionierende Strukturen bürgerlichen Lebens, diese aber recht unbeeinflusst davon, dass es dort kaum ein staatliches Reglement der Ladenöffnungszeiten gibt.
Und das ganz große Experimentierfeld sind die Vereinigten Staaten und Kanada. Dort haben sich überwiegend lokale Regeln herausgebildet, mal als lose Verabredungen und dann wieder als Vorschriften, jeweils an die örtlichen Vorlieben und Sitten angepasst.
Warum sollte das hierzulande nicht auch möglich sein? Man überlasse es Städten und Gemeinden, ob ihre Bürger so oder anders leben wollen, und besser wäre es vielleicht sogar, auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation zu vertrauen. Welche Öffnungszeiten wirtschaftlich sind, welche Arbeitszeiten jemand bevorzugt oder wann er einkaufen will, wann das Leben im Stadtteil oder im Dorf pulsiert und wann es ruht, das können die Beteiligten am besten selbst ausprobieren und lernen – vorausgesetzt, wie gesagt, dass die Arbeits- und Sozialverfassung die Schwächsten schützt.
Es ist übrigens auch nicht so, dass die Zivilgesellschaft überwiegend von jenen getragen wird, die über viel Freizeit verfügen oder die im Rhythmus der klassischen Fünftagewoche arbeiten. Das gesellschaftliche Engagement ist von anderen Faktoren abhängig; Bildung und Autonomie gehören dazu, und wer über sie verfügt, dürfte sich erst recht über die Zumutung wundern, dass ihn der Staat mit Kassenzeiten zum Bürger erziehen will.
Also weg mit der polizeilichen Sonntagspädagogik! Gewiss, dem steht noch, wie in der ZEIT vergangene Woche beschrieben, eine Verfassungsvorschrift entgegen, die den arbeitsfreien Sonntag betrifft. Ihre Geltung entsteht auf verwickeltem Verweisungsweg, im Grundgesetz selbst findet sie sich nicht. Das allein zeigt schon, welchen Rang sie hat. Diese obskure Regel aus der Zeit der Goslarer Krämerordnung von 1821 endlich abzuschaffen sollte der Gesetzgeber vernünftig genug sein.
- Datum 25.11.2007 - 01:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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Das liest sich alles , als müsse man an freien Tagen nichts mehr fürchten als sich mit sich selbst befassen; dagegen aber hilft auch der Konsumrausch nicht, im Gegenteil: er verkehrt sich wie jede Drogensucht ins Gegenteil.Langsam wird mir klar, wie eine Hochkultur wie die der Phönizier so spurlos von der Bildfläche verschwinden konnte...
erinnert mich ein wenig an jene bei der Vorratsdatenspeicherung - die Leute konsumieren doch sowieso schon (geben ihre Date doch sowieso schon preis bei Payback & Co), wieso also etwas schützen?Der Hinweis auf Schweden etwa hinkt meiner Meinung nach auch ein wenig - denn in Schweden werden die Menschen auch nicht in prekäre 1-Euro Zwangsarbeiten gesteckt. Und so ist mir leicht vorstellbar, wohin ein Aufweichen der Konsumsperre am Sonntag in Deutschland führen würde ...
...den 'Sonntag' abzuschaffen. Und auch nicht zum Mond zu fliegen, Atomwaffen zu bauen, und Weltpolitik zu betreiben.Wir haben noch weit ueber 1000 Doerfer, die nicht einmal an anstaendige Bildung rannkommen (nicht mal Berlin hat Universitaeten unter den besten 200 der Welt).Es schadet also keinem Briten, Amerikaner oder Chinesen, wenn Deutschland am Sonntag ruht. Nicht mal die Konkurrenz ruht. Aber Deutschland. Warum also nicht auch komplett am Samstag?Hauptsache, der Kriegsverlierer Deutschland findet nie raus, wohin die lange Reise geht...
Dass ausgerechnet die "junge Mutter" bemüht wird, die zwischen Dienst- und Ladenschluss noch schnell einkaufen muss, finde ich perfide. Was ist denn mit den jungen Müttern, die Abends bis 22 Uhr an der Kasse sitzen (in Zukunft dann auch noch sonntags). Ja, ich weiß, es gibt auch Krankenschwestern, Busfahrer, Musiker, Bühnentechniker...niemand von denen, die ich kenne (ich auch nicht), ist mit Wochenendarbeit glücklich, abgesehen vom Pfarrer.Dieses ganze "Ich-will-komsumieren-wann-immer-ich-will"-Geschrei kommt vermutlich von den beziehungslosen Hedonisten, die sich vor einsamen Wochenenden fürchten, an denen sie zur Ruhe verurteilt sind. Wir gehen jetzt raus spazieren.
Bitte keinen Marktstaat!Wer glaubt es werde alle gut, wenn wir den Markt nur lassen machen und sogenannte bürgerliche Freiheiten predigt, übersieht, dass sich dann nur noch diejenigen leisten können frei zu haben, die das nötige Geld dazu haben. Es ist entlarvent, dass man Studenten als ein ein adäquates Beispiel nimmt: Studenten sind Lernende, die arbeiten weil sie müssen, nicht weil sie unbedingt wollen. Ich empfinde es eine ungeheure Zumutung, wenn Verkäuferinnen Samstags oder auch Wochentags bis spät abends im Geschäft bereit stehen müssen. Kein Mensch muss Samstagsabend seine Brötchen kaufen oder sonstige Einkäufe tätigen. Der Hinweis, dass dies in anderen Staaten möglich ist, taugt genauso viel an Beweis, wie der Satz: "Lernt chinesisch über 1 Milliarde Menschen tuen es bereits." Eine soziale, solidarische Gesellschaft muss Grenzen setzen, insbesondere gegenüber dem ausufernden Kapitalismus. Die Grenze in diesem Fall muss lauten: Es muss mindestens einen Tag der Ruhe geben. Ein Tag wo möglichst viele Menschen eben nicht arbeiten, sondern sich um ihre privaten, sozialen Belange, ausserhalb des Konsums, kümmern können. Oder es eben nicht tun. Wenn sie diese Zeit mit Fernsehen verbringen wollen, nun es ist ihre Zeit aber vielleicht gibt es jemanden der aus dieser Routine aussteigt, weil er weiss der Andere hetzt gerade nicht durch die Einkaufsstraßen und hat Zeit.
Es geht ja nicht um Kommerz oder die Vertreibung der Krämer vom Tempelberg, resp. vom Sonntag. Es geht um die Arbeit, bzw das, was aus ihr geworden ist. Schützt man "Kommerz" vor, bekommt man allseitiges Kopfnicken. Quängelt man an den Arbeitsbedingungen der Massen, gerät man schnell in die Ecke links von Herrn Bisky.Der Sonntag oder allgemein der Wochenrythmus hat seit Erfindung der industriellen Arbeit eine Schutzfunktion. Davor diente er wahrscheinlich in ersten Linie der religiösen Disziplinierung der Massen. Den Ursprung von vermisstem Lebensglück und vielen Krankheiten findet man doch in der Qualität der heute zugemuteten bzw. abverlangten Arbeit. Und so blitzen ganz überraschend abseits der großen publizistischen Ströme weise Worte wie diese auf:Sie müsste eine Kritik der Arbeit selbst werden. Ihres »Lastcharakters«, wie Herbert Marcuse sagte, auch ihrer Zwanghaftigkeit.Die durchschnittliche Herdenexistenz sieht grob gerafft so aus, dass man zuerst einmal ohne sein Zutun in das Dasein geworfen wird. In der Hoffnung, dass es irgendwann mal besser wird, schafft man sich eine "Existenzgrundlage". Wühlt sich durch Schulen, steckt tausendemal die Stempelkarte, versucht nach getaner "Arbeit" sein gereiztes Hirn durch Alkohol, Günter Jauch oder beides auf ein schlafverträgliches Erregungsniveau zu bringen. Verbringt Jahr für Jahr die wertvollsten Tage des Lebens. Und hofft im übrigen bis beinahe ans Ende seines Daseins inständig auf die Rente. Wie gesagt: Ohne eigenes Zutun findet man sich plötzlich in seinem Dasein. Die Bilanz dieses Daseins, das sein Lebtag unter Blut, Schweiß und Tränen für die Erhaltung seiner bloßen materiellen Existenz, zu kämpfen hat, ist heute unter allen möglichen anzulegenden philosophischen Sinndefinitionen defizitär.Vor zweihundert Jahren hat Schiller die einfach klingende psychologische Wahrheit verkündet, dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spielt. "Spielen" impliziert, dass es dem Menschen gut geht. Aber wer "spielt" denn bei der Arbeit? Der "Künstler". Wahrscheinlich. Jedenfalls Tag für Tag unter Zeitdruck tausend Mal den selben sinnentleerten Handgriff zu vollführen ist kein Spiel. Die Verkehrspiloten an ihren fliegenden Riesenspielzeugen klagten jüngst höchstgerichtlich , als man sie mit 60 aus dem Flugverkehr ziehen wollte. So mancher Künstler "arbeitet" als Berufener, bis ihn die physischen oder psychischen Kräfte verlassen. Wer den Montag fürchtet und den Freitag herbeisehnt und am Sonntag gegen seine Migräne kämpft, hat die falsche Arbeit. Macht seine Arbeit falsch. Oder leidet darunter, dass es zu wenig richtige Arbeit gibt; Arbeit, die Spiel im Schiller'schen Sinne ist. Jede andere Arbeit macht krank! Punkt!!Die Diskussion um die "entfremdete" Arbeit ist zum Stillstand gekommen. Stattdessen reduzieren die Gewerkschaftsfunktionäre ihre Arbeit auf ein stereotypes Pokerspiel um ein paar Prozente Lohnerhöhung.Besser wäre es, sich auch mal konkurriende Daseinsentwürfe für den "einfachen Menschen" zu überlegen. Weg von dem unreflektierten Trend, der die das Arbeiter/in allmählich unter dem alleinigen Gesichtspunkt maximalen Profits solange herauszumendeln, bis ein Hirnloser Arbeitskörper mit genormten Erholungsgewohnheiten entstanden sein wird. Welche Richtung heute eingeschlagen ist, kann der Arbeiter unschwer in deutschen Milchproduktionsbetrieben ("Kuh-KZ") besichtigen. Die Arbeitsbedingungen der Kühe dort unterscheiden sich nur noch graduell von den seinen. Statt einem großen Euter hat er ein konfektioniertes Hirn, in dem das tägliche Trommelfeuer an nachrichtlichem Unsinn die eigentlichen Daseinsfragen umnebelt. Und Sonntag haben die Kühe auch nicht mehr.Treffer, Herr von Randow. Danke!
Vor etwa 100 Jahren,versuchten die Fachobolschewiken unter dem Syphilitiker W.I.Lenin, auch die Woche zur normativen Einheit umzuwandeln. Sie haben die 7-Tagewoche abgeschafft und 10-Tagewoche eingeführt, mit 2 freien Tagen am Ende der Dekade. Nach einem Jahr wurde dies abgeschafft, weil die Arbeitsklaven im Arbeiter und Bauern Paradies total die Orientierung verloren hatten, was in den Wahnsinn führte, auch durch den massiven und exzessiven Samohonka Konsum. Ich glaube, dass der Sonntag weniger arbeitsintensiv sein sollte.
Flügelmutter - mit einem "normalen" 8-stündigen Arbeitstag von 9-18 Uhr und einer Fahrzeit zur Arbeit von einer Dreiviertelstunde ist es schon ziemlich stressig, sich mit Lebensmitteln und alltäglichem Bedarf zu versorgen - es bleibt dazu wirklich nur die Mittagspause und die Stunde vor Ladenschluss - und gerade dann sind die Läden heillos überfüllt, weil so viele in derselben Situation sind. Sie können ja auch nicht einfach davon ausgehen, dass jeder Haushalt über jemanden verfügt, der nicht oder nur halbtags erwerbstätig ist.
Mit "Hedonismus" hat das wenig zu tun, dass man erleichtert wäre, sich nach einem langen Arbeitstag und einer komplett überfüllten U-Bahn sich nicht noch eine halbe Stunde an der Supermarktkasse anstellen zu müssen (wo man dann nur noch die letzten angematschten Bananen bekommt und das Personal genervt auf die Uhr schaut).
Man muss natürlich Regelungen für Familien mit kleinen Kindern finden...wenn sie das wünschen (in vielen Familien kann es ja auch gerade gelegen kommen - z.B. weil der andere Elternteil dann Zeit hätte, sich um die Kinder zu kümmern). Was aber spräche dagegen, wenn Sonntags ein paar 400-Euro-Jobs extra entsünden.
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