Köln Falscher Bekenner

Ein Interneteintrag und ein Selbstmord: Warum kokettierte der Schüler Rolf B. mit dem Killer-Image?

Ein Schuss. Dann knallt es. Zwei Jungs in der Schulkantine zucken zusammen, ein Mädchen kreischt, das Spiel des Schülerorchesters im Musikraum verstummt. Ein weißer Lederfußball prallt von der holzvertäfelten Wand des Foyers ab und kullert zum Schützen zurück. Der muss lachen. »War doch nur ein Ball, ihr Spacken«, ruft er den Mitschülern zu. Sie schauen verängstigt zu ihm hin – es hätte auch ein Pistolenschuss sein können. Es ist Dienstag, der 20. November im Kölner Georg-Büchner-Gymnasium. Für den heutigen Tag, den Jahrestag des Attentats auf eine Schule in Emsdetten, hatten zwei Kölner Schüler der 12. Jahrgangsstufe einen eigenen Amoklauf geplant.

Es ist ein verworrener Fall. Erst hieß es, die Tat sei dank wachsamer Mitschüler vereitelt worden. Der 17-jährige Rolf B. hatte Bilder vom Amoklauf an der US-Highschool Columbine auf seine Seite im Jugendportal SchülerVZ gestellt. Auch viele Mitschüler sind dort angemeldet. Einige entdeckten auf der Profilseite von Rolf B. die Bilder und informierten daraufhin die Schulleitung. Der stellvertretende Schulleiter befragte den Jungen, später verhörte ihn die Polizei. Offenbar war niemandem klar, wie verzweifelt Rolf war. Nachdem ihn die Polizisten nach Hause geschickt hatten, warf Rolf sich am Freitag vor eine Straßenbahn. »Ich bin der Meinung, wir haben uns am Freitag richtig verhalten«, sagt Schulleiterin Beatrix Görtner. »Eine Suizidgefahr haben wir nicht erkannt.«

Als der Junge bereits tot war, am Montag, gab die Polizei bekannt, der ältere der beiden Schüler sei offenbar schon vor vier Wochen aus dem gemeinsamen Plan ausgestiegen. Allein habe der Jüngere die Tat nicht mehr begehen wollen. Und auch die Waffen der beiden, Softair-Pistolen und eine Armbrust, seien eher ungefährlich gewesen. Das ist das Tragische an diesem Fall: Wäre tatsächlich ein Unglück verhindert worden, man hätte die Wachsamkeit der Mitschüler, die steigende Kontrolle im Netz gelobt. Nun ist ein Junge tot, und alle bleiben ratlos zurück.

In der großen Pause an diesem Dienstagmorgen sitzen einige Zwölftklässler zusammen auf den Stufen hinter der Schule. Sie alle kannten Rolf und Robin zumindest vom Sehen. Dass überhaupt ein Amokplan entstehen konnte in deren Köpfen, empört die Mitschüler. Auf Schulpsychologen und Seelsorger, die vorher im Unterricht mit ihnen sprachen, haben sie jetzt keine Lust, das hier ist ihre Therapiestunde. Heute Nachmittag nach Schulschluss geht es im Internet weiter. Längst haben Mitschüler ein Forum »Vereitelter Amoklauf am GBG« gegründet.

Ein Mädchen sagt, was die meisten denken: »Wer sich einmal für einen Amoklauf entscheidet und dann wieder dagegen, der kann sich auch wieder dafür entscheiden.« Tragisch scheinen sie den Freitod des Jungen nicht zu finden. »Wenn er uns umbringen wollte, hat er den Tod verdient«, sagt ein Mitschüler. Ein anderer, der Rolf schon seit der fünften Klasse kennt, erzählt, der Junge sei integriert gewesen, habe Freunde und Hobbys gehabt. Bei Robin sei das anders gewesen. Der sei schon immer verschlossen gewesen. »Er hat den Tag am liebsten nur mit Bier und der Musik der Band Böhse Onkelz verbracht«, erzählt ein Schüler. Dann tönt der Gong zur dritten Stunde. Lässig schlurfen die Jungs und Mädchen an den zahlreichen Kamerateams und der Polizei vorbei zum Vordereingang ihrer Schule. Aber ganz so abgebrüht, wie sie sich geben, sind sie nicht. »Ich drehe mich schon den ganzen Tag um, wenn ich jemanden hinter mir rennen höre«, sagt ein Mädchen.

Ob der 17 Jahre alte Rolf tatsächlich töten wollte, wird sich vielleicht nie klären lassen. Waren die Amoklauf-Bilder auf seiner Seite nichts als Angeberei unter Gleichaltrigen, ein virtuelles Kräftemessen? Rolfs Profil auf SchülerVZ ist mittlerweile gelöscht, das Profil von Robin B. im StudiVZ, einem ähnlichen Netzwerk, besteht weiterhin. Auch er kokettiert mit dem Killerimage. Auf einem Bild zielt er, die Hand zu einer Pistole geformt, auf den Betrachter. Bei SchülerVZ sind zwei Millionen junge Menschen angemeldet, der Mutterkonzern StudiVZ zählt bereits vier Millionen Mitglieder. Diese Zahlen machen klar, dass es eine vollständige Kontrolle solcher Foren niemals geben kann. Die wichtigste Kontrollinstanz in Internet-Communitys sind die eigenen Mitglieder. Die Warnung der Mitschüler in Köln war also durchaus berechtigt. Schon zuvor hatten Amokläufer ihre Taten im Internet angekündigt, so wie der finnische Schüler, der Anfang November in Tuusala acht Menschen ermordete. Die Überwachung eines Internet-Chatrooms durch finnische Ermittler führte am Dienstag zur vorübergehenden Schließung eines Gymnasiums im nordrhein-westfälischen Kaarst. Letztlich fand die Polizei dann doch keine Hinweise auf eine Gewalttat.

Im Grunde ist es absurd, dass ein potenzieller Straftäter seine Tat öffentlich ankündigt. Doch in der Welt der Internet-Communitys geht es vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erregen. Amokläufer könnten ihr Geltungsbedürfnis nicht im positiven Sinne befriedigen, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Bert te Wildt, der sich mit den Auswirkungen des Internetkonsums junger Leute beschäftigt. »Sie wählen das grandiose Scheitern, denn auch damit kann man berühmt werden.«

Die Botschaft des Amokläufers von Emsdetten auf dem Internet-Videoportal YouTube wird noch rege abgerufen. Sie ist nichts anderes als eine moderne Form des Abschiedsbriefs. »Du bist allein, und du willst Freunde haben«, sagt er darin. Seit seinem Selbstmord vor einem Jahr haben mehr als 57.000 Menschen die Seite besucht. Im Tod war er nicht mehr allein.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 22.11.2007 Nr. 48
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