Schätze müssen vergraben sein oder zumindest versunken auf dem Grund eines Meeres. Erst dann bekommen sie offenbar ihren Wert. Wenn sie einfach offen daliegen und still vor sich hinfunkeln, werden sie übersehen. Hamburgs ältester, 1611 gegründeter jüdischer Friedhof ist so ein unbemerkter Schatz.

Dabei zählt er zu den weltweit bedeutendsten Zeugnissen jüdischen Lebens: Nur 500 Meter von der Reeperbahn entfernt finden sich Grabkunstwerke aus drei Jahrhunderten auf Deutschlands größtem frei stehenden Marmorfeld. Angehörige berühmter Familien wie Heine, Guggenheim, Mendelssohn und Warburg wurden hier bestattet. Große Gelehrte, deren Werke bis heute in den Talmudschulen der Welt studiert werden, fanden hier ihre letzte Ruhe.

Jetzt ist der Schatz endlich geborgen: In jahrelanger Kleinarbeit haben Wissenschaftler die gut 6600 erhalten gebliebenen Steine fotografiert, katalogisiert, entziffert und übersetzt. Chemiker, Restauratoren, Denkmalschützer und Natursteinexperten haben versunkene oder von Moosen und Flechten überwucherte Steine vorsichtig freigelegt, gereinigt und konserviert; Bruchstellen verglichen, Grabmäler zurück in die Senkrechte gewuchtet und Tausende Fragmente zusammengesetzt. Finanziert wurde das Projekt unter anderem von der Stiftung Denkmalpflege, der ZEIT- und der Reemtsma-Stiftung.

Als der Friedhof 1869 geschlossen wurde, standen und lagen dort etwa 8000 Steine. Nazizeit und Krieg überstanden die meisten erstaunlich gut. Die schlimmsten, zum Teil irreparablen Schäden entstanden erst später – durch Luftverschmutzung, Vandalismus und vor allem jahrzehntelange Vernachlässigung.

Dabei sind die Restaurierung und die Erforschung eines jüdischen Friedhofs ohnehin mühselig genug: Die Totenruhe, fordert das jüdische Recht, müsse unter allen Umständen gewahrt, der Friedhof »auf Ewigkeit« erhalten bleiben. Nur wenn die Gräber nicht angetastet werden, können die Toten eines Tages wiederauferstehen. Mit Georadar- und Ultraschallgeräten suchten die Forscher darum nach verschütteten Gräbern – der Spaten war tabu.

Unter diesen Umständen wird jedes Steinchen zur sorgsam gehüteten Kostbarkeit. Denn irgendwann, so die Hoffnung der geduldigen Sucher, wird sich ihr ursprünglicher Zusammenhang wiederherstellen lassen. Wie beim Stein für Fromet Guggenheim (1737 bis 1812), Witwe des Philosophen Moses Mendelssohn. Ihr Grabmal galt als verschollen, bis man seine Bruchstücke wiederfand.

Durch vorsichtiges Kratzen konnten die Forscher direkt an der Friedhofsmauer 16 komplette Grabplatten freilegen. Darunter die des portugiesischen Rabbiners David Cohen de Lara, dem bedeutendsten Philologen des 17. Jahrhunderts. Von anderen Gräbern, wie zum Beispiel dem von Heinrich Heines Vater Samson, fehlt bis heute jede Spur.