Frieden und Klimaschutz haben eins gemein: Alle sind dafür. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Trotzdem werden Kriege geführt, trotzdem wird die Erde aufgeheizt. Immer schneller geht das. Deshalb wird es nun heiß, unvermeidlich – es sei denn, es ginge ein Ruck durch die Völker und durch die Regierungen aller Länder. Sofort.

Die Gelegenheit dafür naht. Nächste Woche treffen sich Abgesandte aus nahezu sämtlichen Staaten auf der indonesischen Insel Bali zur Weltklimakonferenz. Beamte und Minister, also Leute, die normalerweise Vermerke und Verordnungen schreiben oder geübt darin sind, einfache Wahrheiten wolkig auszudrücken. Es sind Leute, die eins nie tun: Revolutionen anzetteln. Das müssten sie aber. Denn nur nächste Woche auf Bali bietet sich ihnen die Chance, womöglich tatsächlich die letzte, den drohenden Hitzekollaps der Erde mit einiger Aussicht auf Erfolg zu bremsen. Es werde »richtig ernst«, heißt es im Umfeld von Angela Merkel.

Ob sie wollen oder nicht, tatsächlich sind es allemal Weltveränderer, die sich dieser Tage nach Bali aufmachen. Was sie tun oder lassen, trifft nämlich jeden. Entweder lassen die Weltveränderer zu, dass der Meeresspiegel steigt, dass Missernten sich häufen, dass Haus und Hof mehr als bisher den Naturgewalten ausgeliefert werden; jeder wird sich damit arrangieren müssen. Oder sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass der Trend gebrochen wird; jedem Einzelnen verlangte das ab, in Zukunft anders zu leben und zu wirtschaften.

Machbar ist es. Es spricht auch eigentlich nichts dagegen, weil die Alternative grausam ist. Die Frage ist nur, ob sich die Menschen freiwillig von ihren Gewohnheiten verabschieden – und wie die klimaverträgliche Technik in die Welt kommt. So gesehen, ist die Weltklima- eine Weltwirtschaftskonferenz. Und so gesehen, überrascht es auch nicht, dass es auf Bali viel Stoff zum Streiten gibt. Beim Geld hört schließlich die Freundschaft auf.

Die Tourismusmanager von Bali fürchten sich schon. Nusa Dua, ein Retortendorf, geschaffen für solvente Tauch- und Surffreunde und ausgestattet mit einer ansehnlichen Zahl von Vier- und Fünfsternehotels, wird für ein paar Tage Mittelpunkt der Weltpolitik sein – und einen Härtetest erleben. Mehr als 10.000 Konferenzteilnehmer und Beobachter werden erwartet, Hotelbetten sind knapp, und nicht einmal das Internationale Tagungszentrum bietet allen Delegierten Platz. Zelte werden sie vor dem Regen schützen, der im Dezember auf die tropische Insel prasselt. Vermutlich wird es drunter und drüber gehen, während sie um die Rettung des Klimas ringen – und die Uhr tickt: Zehn Jahre brauchten die amtlichen Klimaschützer, um das Kyoto-Protokoll zu verhandeln und völkerrechtlich in Kraft treten zu lassen. Ende 2012 verliert das fast wirkungslose Abkommen schon wieder seine Gültigkeit. Danach droht ein völkerrechtliches Vakuum in Sachen Klimaschutz. Damit es dazu nicht kommt, braucht man ein neues »Mandat«, wie es im UN-Jargon heißt, und das müssten die Abgesandten auf Bali beschließen. Sie müssten sich auf die Marschrichtung und auf einen Zeitplan für den Kampf gegen den Klimawandel einigen – im Konsens. Kein einziges der 192 Länder dürfte dagegen stimmen.

Seit Wochen schon übertreffen sich deshalb ranghöchste Politiker in Beteuerungen zum Klimaschutz. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verglich die von der Erderwärmung heraufbeschworene Gefahr mit der von Kriegen. Einen ganzen Tag lang redeten Ende September Top-Politiker aus mehr als 150 Ländern, unter ihnen 80 Staats- und Regierungschefs, im New Yorker UN-Hauptquartier über den großen Kampf – während bei ihnen daheim der CO₂-Ausstoß wuchs.

Angela Merkel tat sich besonders hervor. Die deutsche Bundeskanzlerin schwor erst die EU und anschließend die G8-Nationen auf den Klimaschutz ein. Sie flog nach Grönland, um den Treibhauseffekt in Gestalt schmelzender Gletscher zu besichtigen. Und von Peking bis Tokyo, von Neu Delhi bis zu George W. Bushs Ranch in Crawford suchte sie Verbündete – nur damit auf Bali nichts schiefläuft. Wenn Bali scheitert, wäre »Miss World« Merkel entzaubert – und könnte auch daheim nicht mehr viel für den Klimaschutz tun.