Seit einem Vierteljahrhundert geht es nur noch aufwärts mit der nordrhein-westfälischen Stadt Hagen. Ein beschaulicher Ort ist es geblieben, trotz seiner inzwischen 200 000 Einwohner – und einer der größten Universitäten Deutschlands. Von den knapp 50 000 Studenten, die sich hier eingeschrieben haben, ist in der Stadt allerdings fast nichts zu spüren. Die meisten von ihnen leben anderswo, irgendwo zwischen Oberbayern und Schleswig-Holstein, und bekommen ihre Vorlesungen und Seminare nach Hause geliefert.

1974 wurde die Universität in Hagen gegründet, sie ist bis heute die einzige staatliche Fernuni in Deutschland. Allerdings gerät auf dem Markt für den Fernunterricht derzeit vieles in Bewegung: Private Hochschulen und ausländische Anbieter werben um Deutschlands Studenten.

Als Konkurrent der Hagener Fernuniversität gilt auch die Open University aus dem britischen Milton Keynes. Derzeit ist sie in Deutschland mit ihren 1300 Teilnehmern zwar nur schwach vertreten, insgesamt aber zählt sie 180 000 aktive Studenten und ist damit eine der größten Hochschulen der Welt. Die Pläne der Engländer für den deutschen Bildungsmarkt sind ehrgeizig. Als main study area, als akademisches Kerngebiet, bezeichnen sie die Bundesrepublik, von drei Büros in München, Köln und Hamburg aus werben sie Studieninteressenten.

Die Besonderheit gegenüber den deutschen Anbietern: Das Studium findet komplett in englischer Sprache statt – und für einen akademischen Titel ist nicht einmal das Abitur erforderlich. »Wir bringen unsere Studenten während der Seminare auf das nötige Niveau«, sagt Open-University-Sprecherin Beatrix Polgar-Stüwe. Die Bachelor- und Mastertitel werden anschließend auch in Deutschland vollständig anerkannt, die Open University ist eine offizielle britische Universität.

»Langfristig wird die Zahl der Hochschulen auf dem Markt für Fernstudien zunehmen«, prognostiziert Bildungsforscher Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Längst richten sich mehrere bekannte Anbieter aus dem Ausland wie etwa die University of South Africa (Unisa) und die University of Phoenix aus den Vereinigten Staaten gezielt an deutsche Bewerber – unter der Voraussetzung, dass deren Englischkenntnisse für ein Studium ausreichen.

Aber auch deutsche Anbieter entdecken nach und nach den Wachstumsmarkt: Eine traditionsreiche Präsenzuniversitäten bieten einige ihrer Studiengänge schon als Fernlehrgänge an, bei denen die Studenten nicht eigens für jedes Seminar anreisen müssen.

Sogar die ersten privaten Firmen gibt es, die Hochschulen betreiben und staatlich anerkannte Abschlüsse vergeben. Die Zulassungen für solche Wirtschaftsunternehmen vergibt die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln. »Wir prüfen im Vorfeld das Lehrmaterial dieser Anbieter und stellen die fachwissenschaftliche und didaktische Qualität sicher«, sagt Ludwig Pelzer von der ZFU. 13 solcher privater Hochschulen sind derzeit bei der Zentralstelle registriert.