EU: Erste Hilfe für Europa
Die europäischen Regierungen müssen über ihren Schatten springen und den eigenen Bürgern endlich die Chance geben, über die Zukunft der Union zu entscheiden.
Es war gewiss ein diplomatischer Erfolg, den europäischen Reformvertrag auf den Weg gebracht zu haben. Die vertragschließenden Regierungen haben damit jenes Ziel einer Organisationsreform erreicht, das die EU der 15 auf dem »Gipfel« von Nizza sträflicherweise verfehlt hatte. Nun macht sich die EU der 27 Hoffnung, das im alten Rahmen schon einmal erworbene Minimum an Handlungsfähigkeit wenigstens im Inneren zurückzugewinnen. Gleichwohl ist Selbstzufriedenheit völlig unangebracht. Denn der Vertrag löst keines der beiden Probleme, die auf dem Boden einer Verfassung vor allem gelöst werden sollten.
Die politische Union ist über die Köpfe der Bevölkerungen hinweg als ein Eliteprojekt zustande gekommen und funktioniert bis heute mit jenen demokratischen Defiziten, die sich aus dem wesentlich intergouvernementalen und bürokratischen Charakter der Gesetzgebung erklären. Die Osterweiterung hat mit dem krasseren Wohlstandsgefälle und der gesteigerten Interessenvielfalt einen entsprechend wachsenden Integrationsbedarf erzeugt, der Grenzen der Umverteilungsbereitschaft deutlich gemacht hat. Eine politische Verfassung sollte daher aus Besitzern weinroter Pässe europäische Bürger machen. Stattdessen besiegelt nun der abgespeckte Reformvertrag erst recht den elitären Charakter eines von den Bevölkerungen abgehobenen politischen Geschehens.
Die Europapolitik ist an Wendepunkten des Einigungsprozesses noch niemals so unverhohlen elitär und bürokratisch betrieben worden wie dieses Mal. Gewiss, die Kompetenzen des EU-Parlamentes sollen erweitert werden; aber die Bürger haben ähnliche Kompetenzzuwächse auch in der Vergangenheit nicht wahrgenommen. Solange sich nicht im Rahmen der nationalen Öffentlichkeiten das übliche Spektrum der Meinungsbildung um einschlägige Themen erweitert und solange sich die nationalen Öffentlichkeiten bei europäischen Themen nicht füreinander öffnen, können die Bürger von einer formal gestärkten Stellung des Parlaments selber keinen Gebrauch machen. Auch das zweite politische Ziel, das mit der europäischen Verfassung intendiert war, ist gescheitert. Das pikierte Schweigen der Regierungen über die Zukunft Europas verdeckt den tiefen Zielkonflikt, der den gelähmten Zustand der Union erst erklärt. Den »Herren der Verträge« ist klar, dass sie weder in der Frage der definitiven Grenzen der Union noch in der Frage, welche Kompetenzen der EU im Hinblick auf gemeinsame Politiken übertragen werden sollen, weiterkommen.
Eine Weltwirtschaftsordnung, die Lebenschancen gerecht verteilt
Mit jedem Zuwachs an Divergenz und Vielfalt der sozialen und wirtschaftlichen Interessen, der Nationalsprachen und -kulturen, der geschichtlich geprägten Identitäten wächst auch das Risiko verschärfter Konflikte. Deshalb ist die fortschreitende Erweiterung der EU in der Vergangenheit von Schritten zu einer vertieften Integration immer wieder begleitet worden. Aber je tiefer die Integration reicht und je mehr der Kern seinerseits von der Peripherie abhängig wird, umso weniger harmonisch ergänzen sich die Tendenzen von Erweiterung und Vertiefung, die ihren Gleichschritt verlieren.
Kurzum, das bestehende Gefälle zwischen politischen Eliten und Bürgern wird eher zementiert, und der Weg zu einer politischen Entscheidung über die künftige Gestalt Europas ist verbaut. Daher werden sich die Probleme entweder in die Richtung einer schleichenden Devolution des bisher erreichten Standes der Integration auswirken, oder sie werden eine schmerzliche Alternative zu Bewusstsein bringen. Die europäischen Regierungen werden entweder ihre Politik des Nichtentscheidens fortsetzen und dabei unverhohlener ins bekannte Muster nationaler Machtspiele zurückfallen – oder angesichts ihrer eigenen Blockade die Bürger selbst zu einem Votum aufrufen. Die Regierungen müssten über ihren Schatten springen und den eigenen Bürgern die Chance geben, in einem Referendum über die Zukunft Europas zu entscheiden. Denn nicht nur Probleme, die sich aufgrund der inneren Dynamik des Einigungsprozesses verschärfen, drängen uns zu einem offensiven Umgang mit dem Dilemma des ungelösten Zielkonflikts. Auch die Herausforderungen, denen Europa als Ganzes in der Welt ausgesetzt ist, verlangen eine Entscheidung zwischen der Alternative der Hinnahme einer Devolution oder dem Entschluss zur fortschreitenden Integration. Soll Europa eine bisher nur in Ansätzen erkennbare Rolle auf der weltpolitischen Bühne übernehmen?
Der erklärte Unilateralismus der USA hat seit der Verkündung der Bush-Doktrin im Herbst 2002 die Glaubwürdigkeit der normativen Grundlagen westlicher Politik zerstört. Als Katalysator einer neuen Weltunordnung hat er auf allen Seiten eine sozialdarwinistische Enthemmung von Gewaltpotenzialen und die rücksichtslose Verfolgung nationaler Interessen ausgelöst. So richten sich immer häufiger die Erwartungen anderer Kontinente auf das neue Gesicht des alten, unfriedfertigen Europas – beispielsweise beim Ausbruch des jüngsten Konflikts zwischen Israel und dem Libanon. Aber seinerzeit haben sich die Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Spaniens gegenseitig mit jeweils eigenen Profilierungsversuchen überboten.
Der Entschluss der rot-grünen Bundesregierung, sich im Zuge der von Kofi Anan betriebenen (und gescheiterten) UN-Reform – neben Indien, Brasilien und Japan – als dritter europäischer Staat um einen permanenten Sitz im Sicherheitsrat zu bewerben, signalisierte noch während der Amtszeit Joschka Fischers einen Kurswechsel in der Europapolitik. Zwei Argumente, warum sich die bedeutendste Wirtschaftsregion der Welt auch politisch Gehör verschaffen sollte, liegen auf der Hand. Zum einen haben kleinere und mittlere Nationalstaaten alleine kaum noch eine Chance, je für sich auf das weltpolitische Geschehen Einfluss zu nehmen. Zum anderen besteht in der multikulturell gespaltenen, aber systemisch ausdifferenzierten Weltgesellschaft keine Aussicht auf die transnationale Institutionalisierung einer Weltinnenpolitik, wenn sich die Nationalstaaten nicht – neben »geborenen« Weltmächten wie den USA, Russland, China und Indien – zu global handlungs- und verhandlungsfähigen regionalen Regimes in der Art der EU zusammenschließen.
Höchste Priorität genießen vor allem fünf Probleme: das Umkippen lebenswichtiger ökologischer Gleichgewichte; die Verteilung knapper Energieressourcen; die internationale Sicherheit; die globale Durchsetzung elementarer Menschenrechte und eine faire Weltwirtschaftsordnung, die das Wohlstandsgefälle und die globale Ungleichverteilung von Lebenschancen dauerhaft überwindet.
Nach meiner Einschätzung dürfte allein das Problem des Klimawandels Aussicht haben, auf der Grundlage einer Einigung zwischen Nationalstaaten gelöst zu werden. Die Erklärung liegt zum einen in der physikalischen Natur des Problems, die den Spielraum für gegensätzliche Interpretationen mindestens einschränkt, und zum anderen in der Unausweichlichkeit der Folgen des Klimawandels, denen sich keine Partei entziehen kann. Demgegenüber kann ich mir nicht vorstellen, wie die anderen Probleme ohne eine gründliche Reform der Vereinten Nationen und die Begründung einer institutionalisierten Weltinnenpolitik bewältigt werden könnten.
Wird sich China im Jahr 2030 so verhalten wie Bushs Amerika heute?
Die wichtigsten multilateralen Organisationen wie WTO, WB und WMF auf der einen Seite, der Sicherheitsrat auf der anderen Seite sind selektiv zusammengesetzt und spiegeln die Asymmetrie der bestehenden Machtverhältnisse. Es besteht eine unübersichtliche Vielfalt von Spezialorganisationen, die sich in ihren Funktionsbereichen überschneiden. Sie sind bereits zu weitgehend spezialisiert, als dass irgendeine von ihnen, indem sie auf einem Feld globale Politik betreibt, die Interferenz mit Entscheidungen auf anderen Politikfeldern im Blick behalten könnte. Erst wenn diese Lücke durch ein transnationales Verhandlungsgremium von einigermaßen repräsentativen und durchsetzungsfähigen Global Players ausgefüllt würde, dürfte von »Regieren« jenseits des Nationalstaates überhaupt die Rede sein. Aber solche Überlegungen ziehen sogleich Hegels Einwand der »Ohnmacht des Sollens« auf sich. Sie konkurrieren mit anderen, anscheinend realistischeren Vorstellungen.
Ausgehend von den Risiken der heutigen Weltlage, möchte ich die politischen Antworten des Neokonservativismus und den »Realismus« mit der Vorstellung einer »Konstitutionalisierung des Völkerrechts« vergleichen. Die instabile Lage ist heute vor allem gekennzeichnet durch eine asymmetrische Machtverteilung zwischen dem Pol der Supermacht und den aufsteigenden Mächten wie Russland, Indien oder China; durch die »externen Kosten« einer alternativlos gewordenen kapitalistischen Weltwirtschaft, die nach Maßgabe neoliberaler Vorstellungen überwiegend im Interesse der entwickelten Gesellschaften organisiert wird; durch eine globale Verknappung der Energiereserven bei beschleunigter ökonomischer Entwicklung und global steigendem Energieverbrauch; durch eine dezentrale Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und eine zunehmende Zahl von Atommächten.
Diesen Risiken wollte der Neokonservativismus mit einer Politik des »guten Hegemons« begegnen. Das hat die Bush-Regierung zu einer Bevorzugung unilateraler vor multilateralen Entscheidungsstrategien sowie militärischer vor diplomatischen Mitteln motiviert. Bei einer Interessenkalkulation in kürzeren statt in längeren Zeithorizonten sind die zur Rechtfertigung vorgeschobenen normativen Gesichtspunkte zur schieren Ideologie verkommen. Freilich bewegt sich die gescheiterte Politik der Bush-Regierung bereits auf eine »realistische« Machtpolitik zu. Die »realistische« Schule der internationalen Beziehungen, die nach Bush ihren Einfluss zurückgewinnen wird, unterscheidet sich vom Neokonservativismus nicht so sehr durch den Verzicht auf hegemoniale Machtsicherung als vielmehr durch einen rationaleren Politikmodus. Sie verfolgt die Ziele der Konfliktentschärfung und der Stabilisierung (auch wenn sie dafür erhebliche normative Schäden in Kauf zu nehmen bereit ist). Aber wie wäre der stabile Zustand, den eine solche Politik heute in einer multikulturellen Weltgesellschaft anstreben müsste, aus realistischer Sicht zu bestimmen? Im Irak ist der Traum des hegemonialen Liberalismus von einer Welt, die unter amerikanischer Schirmherrschaft befriedet wird, geplatzt. Jede Vorstellung von einer unipolaren Welt muss an der Komplexität der Weltgesellschaft scheitern. Unter den Prämissen, dass Gerechtigkeit zwischen Nationen nicht möglich und Stabilität allein durch einen machtpolitischen Ausgleich von Interessen erreichbar ist, scheint gegenwärtig Carl Schmitts Vorstellung einer Balance zwischen Großräumen, die sich gegenseitig von Interventionen abhalten, noch die beste Annäherung an das Szenario einer wünschenswerten Weltordnung zu bieten. Aber auch dieses Modell geht an der gegenwärtigen Realität vorbei, weil es noch von der überholten Vorstellung einer relativen Unabhängigkeit der Großräume ausgeht.
Auf die Nötigung zur kooperativen Bewältigung der globalen Herausforderungen hat der Realismus keine überzeugendere Antwort als der Neokonservativismus. Eine Antwort verspricht allein die Wiederaufnahme jenes Programms, das seinerzeit auf Initiative eines amerikanischen Präsidenten zur Gründung der Vereinten Nationen geführt hat. Die Weltorganisation selbst muss instand gesetzt werden, die Aufgaben der internationalen Friedenssicherung und der globalen Sicherung elementarer Menschenrechte zugleich effektiver und weniger selektiv als bisher wahrzunehmen.
In diesen Hinsichten besteht ein Gestaltungs- und Regulierungsbedarf, für den einstweilen sowohl der institutionelle Rahmen wie die Akteure fehlen. Es fehlt ein repräsentativ zusammengesetztes transnationales Verhandlungssystem, das über hinreichend generalisierte Zuständigkeiten verfügt, also den Blick auf das Ganze richten kann.
Natürlich hat dieses einstweilen unwahrscheinliche Szenario nur dann eine Chance, wenn sich die Supermacht an die Spitze dieser Reformbewegung setzt. Und dies nicht nur, weil sie eine Supermacht ist, die andere mitziehen kann, sondern weil die USA diese Supermacht sind – die älteste Demokratie auf Erden, die von idealistischen Traditionen lebt und sich im Geist des 18. Jahrhunderts dem Universalismus mehr als irgendeine andere Nation geöffnet hat. Noch in Bushs Reden an die Nation kann man den normativen Kern eines genuin amerikanischen Selbstverständnisses wiedererkennen, das pervertiert und im Augenblick des Schocks einer verletzten Nation für unverantwortliche Ziele instrumentalisiert worden ist. Außerdem sprechen Klugheitsgründe für eine solche Agenda. Eine amerikanische Regierung, die an die veränderte Welt des Jahres 2030 denkt, kann nicht wollen, dass sich China morgen so verhält wie Bushs Amerika heute.
Eine unvoreingenommene Einschätzung der Lage legt freilich auch die Frage nahe, ob die USA eine solche Weichenstellung ohne den freundschaftlichen Eigenwillen eines loyalen, aber ernst zu nehmenden Bündnispartners (wie es nur eine außenpolitisch handlungsfähige und eigenständig handelnde EU sein könnte) vornehmen würde. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, die bestehende mentale Spaltung des Westens zugunsten der bipolaren Gemeinsamkeit eines Westens zu überwinden, der fortan bemüht ist, seine angeschlagene normative Glaubwürdigkeit nicht noch weiter zu verspielen. Eine bipolare Gemeinsamkeit des Westens verlangt von Europa einen unbefangenen Blick auf die USA, der zugleich selbstkritisch genug ist, um auch den leisesten Regungen von Antiamerikanismus zu widerstehen.
Die SPD beschränkt sich ihre eigene Zukunftsperspektive
Die SPD hat sich in eine schwierige Situation und in ein Umfragetief hineinmanövriert, weil sie zu sehr den gewohnten nationalstaatlichen Denkmustern verhaftet geblieben ist, obwohl sie sich gerade in dieser Hinsicht vorteilhaft gegen Die Linke profilieren könnte. Trotz der europapolitischen Bekenntnisse im neuen Parteiprogramm versucht sie, die Risiken der wirtschaftlichen Globalisierung für den Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme allein im Rahmen des Nationalstaats aufzufangen. Wäre dieses Ziel nicht besser dadurch zu erreichen, dass die entsprechenden Politiken innerhalb des großen europäischen Wirtschaftsraumes, mindestens aber innerhalb der Eurozone aufeinander abgestimmt würden?
Die SPD war immer eine Programmpartei und verliert ihre Wähler, weil sie diesen keine zukunftsgestaltende Perspektive mehr eröffnet, die über die Details von Rentenalter, Kinderkrippe und Gesundheitsreform hinausgreift. Nicht, dass ich mich aus der Position eines Besserverdienenden über die sozialpolitischen Mühen der Ebene hinwegsetzte. Aber der soziale Skandal inmitten eines der glänzendsten Wohlstandsmilieus sollte als Teil der Probleme begriffen werden, die wir nur lösen können, wenn wir den weltweiten Trend, dass die Märkte den politischen Gestaltungsmöglichkeiten davonlaufen, umkehren.





Was hat ein Bürger in einem 27-Staatenverbund, geschweige denn in einer Weltgemeinschaft zu entscheiden, was kann er beeinflussen?Antwort: NICHTS!Und genau darum geht es. Pseudointellektuelles Geschwätz von Herrn Habermas wird daran nichts ändern. Sollte er halb so intelligent sein, wie ihn anscheinend viele halten, dürfte ihm das wohl klar sein. Diese Absonderung hier soll wohl zur Beruhigung der "Intelligentsia" dienen.Viel Freude weiterhin, beim intellektuell begleiteten Weg in den Weltstaat und der kommenden Ohnmacht des Einzelnen! Es lebe der oberste Soviet...
Was kann der einzelne in Staaten wie Deutschland schon entscheiden und beeinflussen? Nichts.
Unser Leben, unser Blut für die Freiheit von Buxtehude Stadtmitte(Süd)!
Wer den USA Paroli bieten will, muss selbst den Willen zur Weltmacht besitzen –wird aber darüber den Willen der Gesellschaft links liegenlassen.
Natürlich ist es nicht wirklich überraschend, dass die Intention des Textes, den Jürgen Habermas kürzlich bei der SPD mündlich vorgetragen hat, auch nach der zweiten und dritten Lektüre nicht eindeutig erkennbar wird: Geht es ihm in erster Linie um eine grundständige Kritik der EU und ihrer undemokratischen Institutionen – oder darum, einen irgendwie handlungsfähigen (und im schlimmsten Falle nur dazu auch irgendwie legitimierten) weltpolitischen Gegenpol zur USA zu schaffen?
Nach der vierten Lektüre lässt sich allmählich der Verdacht erhärten, dass der alternde Klassiker der Parlamentarismuskritik hier all seine politphilosophische Integrativkraft aufbietet, um diese beiden Grundanliegen irgendwie sinnvoll miteinander zu verknüpfen – nicht zuletzt wohl auch, um nahe zu legen, dass sowohl seine normativ-intellektuellen Ansprüche an die demokratische Verfasstheit des Lebensraums Europa/EU als auch der weltpolitische Gestaltungsanspruch der aufs Regieren orientierten SPD ein- und derselben Quelle entsprungen sein könnten: politisch-ethischer Vernunft. Hinter verschlossenen Türen des SPD-Kulturforums ist das maximal noch gut gemeint, draußen in der Realität ein hochgradig gefährliches Unterfangen.
Die undemokratischen EU-Büros
Ähnlich wenig revolutionär wie die Forderung nach einer international gestärkten, politisch einheitlich agierenden EU, die die US-Administrationen [besser] von zukünftigen Alleingängen abhalten kann, ist inzwischen auch die Kritik bürokratischer und undemokratischer EU-Institutionen: Der ‚linke’, ökologisch orientierte SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer geht in seinem eigens veröffentlichten Buch „Die Politiker“ (Antje Kunstmann Verlag, München 2003)ausführlich auf etliche entsprechende Vorgänge in den Brüsseler Verwaltungsgebäuden ein. Bundespräsident a.D. Roman Herzog (CDU) geht in einem gemeinsamen Beitrag mit Lüder Gerken für die Welt am Sonntag, 13.1.2007, sogar so weit, dass die EU nicht nur selbst undemokratisch sei: Durch den Verbindlichkeitsgrad, mit dem ihre Institutionen den nationalen Gremien Richtlinien „aufs Auge drücken“ könne, gefährde sie sogar deren demokratische Legitimiertheit. Habermas hatte seinerzeit überlegt, dass parlamentarische Demokratie unter der Prämisse einer wegbrechenden kritischen Öffentlichkeit nicht mehr wirklich demokratisch funktionieren könne: Wenn die Bürger_innen das politische Geschehen nicht mehr überwachen, hindert Parlamente und Regierungen nichts mehr daran, deren Interessen maximal noch oberflächlich zu verfolgen und ansonsten ihren eigenen nachzugehen (zu denen dann wohl auch Machterhalt und –ausbau gehören). Parlamentarische Demokratie ist also insbesondere vor dem Hintergrund einer um sich greifenden sog. „Politikverdrossenheit“ nicht hinreichend demokratisch – und nun teilen uns ausgerechnet Herzog und Gerken mit, dass wir noch nicht einmal von einer solchen reden können…?
Habermas formuliert in schönster Entsprechung zu seinen Theorien von dereinst den Anspruch, dass sich supranational eine Art europäische Öffentlichkeit bilde; bleibt dies aus (wonach es recht unzweideutig aussieht, ist es doch schon um nationale Öffentlichkeiten extrem schlecht bestellt), so bedeutet der Kompetenzzuwachs des EU-Parlaments keinen Zuwachs an Demokratie. Auch Habermas dürfte klar sein, dass eine solche abstrakte EU-Öffentlichkeit, ließe sie sich überhaupt irgendwie konstituieren, zunächst noch in einen hinreichend verbindlichen Zusammenhang mit ‚EU-Entscheidungen’ zu bringen wäre – und dass dies, wo es schon in der mittelkleinen BRD der vergangenen Jahrzehnte immer weniger geklappt hat, in der großen EU 2007 praktisch unmöglich ist.
Ziele, Mittel, Wege – Erweiterung, Demokratisierung, Vertiefung?
Verwunderlich ist nun, dass Habermas diesem so erwartbaren wie berechtigten ersten Kritikpunkt sofort einen zweiten zur Seite stellt, und zwar unter dem vagen Stichwort „Zielkonflikt“. Gemeint ist: Wozu wollen wir die EU eigentlich einsetzen, wenn sie fertig gebastelt ist? Wohin geht’s weiter?
Ähnlich merkwürdig ist der Zusammenhang, der zur EU-Erweiterung hergestellt wird. Es entsteht leicht der Eindruck, die Erweiterung müsste zunächst anhalten, damit die (demokratisierende?) Vertiefung einsetzen kann. Richtig ist, dass in dem EU-Erweiterungsprozess, wie er zurzeit organisiert wird, europäische Machteliten nationale Machteliten in sich aufsaugen und so nur Verlagerungen innerhalb der bereits bestehenden Machträume (und zwar: Zentralisierung in Richtung des europäischen!), nicht aber tatsächliche europäische Integration und Fortschritt erwirkt werden. Statt weiter so zu erweitern, wäre eine Vertiefung in Richtung partizipativer Demokratie sinnvoll – die bei der fortgesetzten Erweiterung dann produktiv wirken und neuen wie alten Mitgliedsländern mit gutem Beispiel vorangehen könnte.
Schön wär’s. Dieser Vertiefungsgedanke ist zwar recht hübsch, birgt aber – wenn er denn so gemeint ist - bei genauerem Hinsehen den Denkfehler, einen Wissensvorsprung zu den zu demokratisierenden Ländern etablieren zu wollen. Die zentralistische EU und die Menschen hinter ihren Schreibtischen werden schwerlich umhin kommen, diesen Wissensvorsprung auch als Machtressource für sich auszunutzen. Demokratie funktioniert nicht ohne Subsidiarität. Habermas sollte das wissen.
Die EU braucht in ihrer aktuellen Verfassung (oder in irgendeiner, die sie realistisch absehbar erreichen könnte) der restlichen Welt keine guten Ratschläge zu erteilen. Dies zu ändern, darf sicher nicht das vordergründige Motiv für das Verlangen nach ihrer Demokratisierung sein: Zum Einen, weil wir sehen, was dann an Zentralismus auf uns zukommt – zum anderen, weil Großmannssucht wohl auch (oder gerade) einem geeinten Europa schlecht anstünde.
Eine Macht wird eine Machtelite – viele Mächte werden: eine Machtelite
Das Bestreben, dass das Weltgeschehen nicht von einer Machtelite bestimmt werde, die es entsprechend ihres Interesses (zu dem dann zwangsläufig auch immer Sicherung und Ausbau ebendieser Macht gehören) zu bestimmen versucht, ist als solches durchaus berechtigt. Aber selbst wenn es nicht, wie im Moment, die eine Super-Macht-Nation mit globalem Hegemonieanspruch gibt, die sich routinemäßig über die Ansprüche anderer Mächte hinwegsetzt, sondern auch, wenn sich die wesentlichen weltpolitischen Handlungen aus Verhandlungen mehrerer (nationaler oder „noch größerer“) Mächte ergeben, sind es letztlich deren Interessen, die diese Handlungen motivieren. Und ähnliche Akteure haben ähnliche Interessen – und werden sich daher, statt sich den von ihm sicher korrekt benannten fünf dringenden globalen Problemen zuzuwenden, in vielen Feldern der von Habermas erstrebten „Weltinnenpolitik“ nur zu einig sein. Denn die Akteure, die hier aufgerufen sind, eine solche zu etablieren und dann vermutlich auch zu exekutieren, sind die nationalstaatlichen Regierungen insbesondere der mächtigeren Länder bzw. etwa der EU-Apparat. Die Institutionalisierung einer multilateralen Weltinnenpolitik, wie Habermas sie vorschlägt, hieße also nicht zwangsläufig, dass die praktizierte Politik legitimer wird – im Gegenteil: Es handelte sich nach wie vor um Machtpolitik, dann aber in eine gefährliche neue Normativität gewandet. Denn warum sollten fünf oder siebzehn Supermächte, die zusammen am Verhandlungstisch sitzen und Entscheidungen über weltpolitisch relevantes Geschehen treffen, nicht ähnliche Hegemonieinteressen entwickeln, wie sie die USA in ihrer selbst auserwählten Vorreiterinnenrolle zurzeit geltend zu machen versucht? Ist es nicht vielmehr so, dass sie – durch ihre ihnen gemeinsame Macht auf der einen, ihre ihnen gemeinsamen Macht-Interessen auf der anderen Seite der Medaille – wieder zu einer Machtelite, zu einer Supermacht verschmelzen? Natürlich: Je weiter der Kreis der Entscheidungsträger_innen „nach unten“ ausgeweitet wird, desto kleiner wird die Überschneidung gemeinsamer Machtinteressen und desto größer wird der Druck, unter gegenseitigem Argwohn und öffentlicher Beobachtung das [auch normativ] Richtige zu entscheiden. Natürlich: Ein repräsentativ für eine sog. „Weltinnenpolitik“ zuständiges Gremium würde anders beobachtet werden als eine US-Administration oder ein Weltsicherheitsrat. So würde ihm aber auch eine Legitimität beigemessen werden, die ihm eigentlich nicht zusteht. Und eine Weltöffentlichkeit etablieren zu wollen, die es fertig bringt, dass die Weltpolitik dem Willen der Weltgesellschaft (sofern vorhanden) folgt, erscheint vor dem Hintergrund der nunmehr jahrzehntelang tradierten Machtlosigkeit der nationalen Öffentlichkeiten wirklich vollends illusorisch.
Würde die Welt zum jetzigen Zeitpunkt einer repräsentativ legitimierten und auf Effektivität koordinierten „Innenpolitik“ aus Vertreter_innen der Regierungen (!) der USA, Russlands, der EU (selbst einmal angenommen, in einem fernen idealtypisch harmonisierten und demokratisierten Zustand), Chinas, Indiens und weiterer Mächte ausgesetzt, so würden sich Freiheit und Wohlstand wohl bald in jedweder Form vollends eine andere suchen. Es ist sicher keine Lösung, wenn der – den Lebensrealitäten seiner Bürger_innen allemal in weite Ferne entrückte – EU-Apparat sich selbst und ihren Mitgliedsmächten mal eben Demokratie verordnet, um dann als gestärkte und geeinte Kraft die zweite erste Geige auf der Weltbühne zu spielen. Ein Referendum über die Zukunft der EU ist sicher richtig, geht aber ebenso sicher nicht weit genug. Zunächst müssen sich die konkreten Lebensräume, sprich v.a.: Städte und Gemeinden der EU und anderswo nachhaltig demokratisieren – erst dann können die darüber liegenden Machträume demokratisiert und so als abstrakte Lebensräume erschlossen werden.
"Solange sich nicht im Rahmen der nationalen Öffentlichkeiten das übliche Spektrum der Meinungsbildung um einschlägige Themen erweitert und solange sich die nationalen Öffentlichkeiten bei europäischen Themen nicht füreinander öffnen, können die Bürger von einer formal gestärkten Stellung des Parlaments selber keinen Gebrauch machen."
Das ist des Pudels Kern. Die Medien machen ihr Geld mit nationaler Perspektive und werden diesen transeuropäischen Diskurs nicht nur nicht befördern, sondern bekämpfen.
Und man kann es ihnen gar nicht vorwerfen, weil die Bevölkerung eben nicht europäisch denkt. Das tut nur die viel gescholtene europäische Elite, ohne die dieses grosse Projekt schon längst gescheitert wäre. Man könnte also sagen, dass die Europäer leider immer noch zu beschränkt sind und zu ihrem Glück gezwungen werden müssen. Demokratisch ist das natürlich nicht, aber was will man machen, wenn nicht einmal 40% zur Europawahl gehen (und nur 25% der Deutschen beim Urlaub im Ausland laut jüngster Umfrage Kontakte mit den Einheimischen suchen). Wer unser wichtigtes demokratischen Gremium auf EU Ebene nicht respektiert, hat selbst auch keinen demokratischen Respekt verdient. Wer nur national denkt, hat im europäischen Diskurs nichts beizutragen. Das ist die traurige Wahrheit Europas.
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