Mindestlohn 4,50 Euro sind zu wenig

Bert Rürups Vorschläge zum Mindestlohn verfehlen ihr Ziel. Sie würden den Druck auf die Löhne verschärfen und Unternehmen dazu einladen, die Sozialkassen zu plündern.

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Bert Rürup, hat in der ZEIT den Vorschlag seines Rats-Kollegen Peter Bofinger wiederholt, einen gesetzlichen Mindestlohn von 4,50 Euro einzuführen. Dieser soll an die Stelle branchenspezifischer Lohnuntergrenzen treten und mittels staatlicher Transfers zu einem existenzsichernden Einkommen aufgestockt werden. Auch die Gewerkschaften streiten für Mindestlöhne. Unterschiedliche Auffassungen gibt es jedoch bei dem Verfahren der Lohnfindung und der Höhe des Mindestlohns.

Zum Verfahren. Tarifautonomie ist keine beliebige Institution. Unser liberales Tarifvertragsrecht fußt auf den Erfahrungen mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte. Die Antwort auf staatlichen Zwang war die freie Gestaltung der Arbeitsbeziehungen durch die Tarifpartner. Sofern sich Arbeitgeber nicht durch Verbandsflucht den Tarifverhandlungen entziehen, sollte die Lohnfindung den Tarifpartnern überlassen bleiben. Vorrang vor dem gesetzlichen Mindestlohn hat der Tarifvertrag, so wie er etwa mit dem Post-Mindestlohntarifvertrag vorliegt, der aber jüngst an der Union scheiterte.

Die Gewerkschaften wollen eine gesetzliche Regelung, die ein branchenbezogenes Mindestentgelt auf der Basis von Tarifverträgen ermöglicht. Das jeweilige unterste Tarifentgelt ist die Grenze, die ein gesetzlicher Mindestlohn nicht unterschreiten darf. Sollten Tarifentgelte unter diesem Niveau liegen oder in der Branche keine Tarifverträge greifen, gilt der gesetzliche Mindestlohn.

Aber auch die Höhe eines gesetzlichen Mindestlohns ist nicht beliebig. Die Gewerkschaften fordern zunächst 7,50 Euro die Stunde. Auf Monatsbasis entspricht dies der Pfändungsgrenze. Ein Mindestlohn-Light von 4,50 Euro verfehlt die mit dem Mindestlohn verbundenen sozialpolitischen Ziele. Er befreit die Menschen nicht aus der Abhängigkeit von ergänzenden Fürsorgeleistungen und begünstigt Lohndruck sowie die Plünderung der Sozialkassen. Die Gewerkschaften wollen den Vollzeit arbeitenden Hartz-IV-Aufstockern – rund eine halbe Million – den Gang zur Arbeitsagentur künftig ersparen.

Der Sachverständigenrat warnt vor dem Kahlschlag bei Einfacharbeitsplätzen, wenn ein Mindestlohn von 7,50 Euro kommt. Diese Warnung hält jedoch keiner seriösen Überprüfung stand. Die hohe Arbeitslosigkeit Geringqualifizierter war nie die Folge zu geringer Lohnunterschiede. Diese nehmen seit Mitte der 1990er Jahre zu – die Beschäftigungschancen Geringqualifizierter verbesserten sich aber nicht. Im Gegenteil: Während die Zahl der Niedriglohnempfänger stetig zunahm, stieg die Arbeitslosenquote für Personen ohne Berufsabschluss von 20 auf 25 Prozent. Grund waren Verdrängungseffekte auf dem Arbeitsmarkt. Die Nachfrageschwäche verschärfte den Wettbewerb um die wenigen offenen Stellen; Geringqualifizierte blieben ebenso wie gesundheitlich eingeschränkte und ältere Arbeitnehmer auf der Strecke. Deswegen haben auch vier von fünf Niedriglohnempfängern heute eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss.

Ökonomische Gesetze gelten überall. Folglich hätten sich hohe Mindestlöhne international längst als Jobkiller entpuppen müssen. Weit gefehlt: In 20 der 27 EU-Staaten gibt es Mindestlöhne, die Erfahrungen sind überwiegend positiv: In Großbritannien (8,11 Euro) behinderte die Einführung eines Mindestlohns den Jobaufbau nicht. Auch in Irland (8,30 Euro) und den Niederlanden (8,13 Euro) haben höhere Mindestlöhne dem Arbeitsmarkt nicht geschadet.

Wer die reale Wirkungsweise von Mindestlöhnen verstehen will, sollte sich von der kruden Vorstellung lösen, dass der Arbeitsmarkt wie ein »Kartoffelmarkt« funktioniert. Der Arbeitsmarkt ist geprägt durch ungleiche Verhandlungspositionen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Abhängig Beschäftigte müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zudem sind sie nicht grenzenlos mobil. Familie, soziale Netze oder Wohneigentum binden Beschäftigte an lokale Arbeitsmärkte. Wer aber der Lausitz, der Oberpfalz oder der Sächsischen Schweiz nicht den Rücken kehren kann, ist bei Löhnen und Arbeitsbedingungen erpressbar: Die wenigen Arbeitgeber in strukturschwachen Regionen können die Löhne fast beliebig festsetzen.

Darüber hinaus haben drei Jahrzehnte Massenarbeitslosigkeit die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften geschwächt. Die rückläufige Tarifbindung und die sogenannten Arbeitsmarktreformen verstärkten diesen Trend. Unter derart ungleichen Machtverhältnissen übertrifft die Produktivität der Niedriglohnempfänger häufig ihr Lohnniveau. Ein Mindestlohn beschneidet dann lediglich die Extragewinne, die aus der besonderen unternehmerischen Lohnsetzungsmacht resultieren. Oder sollen wir ernsthaft glauben, dass der Springer-Konzern und die WAZ-Gruppe nicht in der Lage sind, den Tariflohn der Post AG zu zahlen?

Erst mit Mindestlöhnen entstehen ansatzweise faire Wettbewerbsbedingungen. Die Große Koalition muss jetzt handeln, damit der Niedriglohnsektor eingegrenzt wird und die Betroffenen der »Billigbranchen« ihr Auskommen haben. Parallel dazu brauchen gerade die bildungsvernachlässigten Gruppen eine Chance, der Niedriglohnfalle durch Qualifizierung und echte Förderung zu entrinnen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Rürup-Vorgabe eines Mindest-Stundenlohnes von 4,50 EURO ist unrealistisch. Ich muss dem Vertreter des DGB hierin recht geben.Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit gehört personell entscheidend verstärkt, ihre Befugnisse erweitert und die Strafen für illegale Beschäftigung müssten viel härter sein. Wenn eine bundesweite Aktion beim Gebäudereiniger-Handwerk folgendes Ergebnis brachte: jede 4. Firma zahlte "unter Tarif"., dann müsste man diese Firmen mit extrem hohen Geldstrafen belegen.
    Diese Typen verstehen nur eine Sprache: Nehmt ihnen ihr Geld / ihr Vermögen weg!! Dies ist weit wirkungsvoller als ein paar Monate Knast (meist mit Bewährung).
    Zur anderen Kritik / Bemerkung des Artikelverfassers, dass die Unternehmer dazu eingeladen werden, die Sozialkassen zu plündern, muss festgestellt werden, dass dies nur möglich ist bei unheiligen Allianzen. Es muss einer plündern wollen und ein anderer, der sich plündern lässt.
    Ich wette:  Ein paar kleine und intelligente Änderungen im Sozialgesetzbuch würden pro Jahr Minderausgaben von mehreren Milliarden EURO bewirken. Man müsste doch schon längst gemerkt und analysiert haben, wer im großen Umfang die Sozialkassen leer macht. Und es sind in hohem Maße clevere und findige Personal-Manager großer Konzerne. 
     

  2. Das fast alle gleichwertigen Staaten in der EU hohe Mindestlöhne haben, muss man sich doch fragen, warum hier der Widerstand so groß ist?Wahrscheinlich sind die Deutschen Unternehmer in den letzten 100 Jahren aber daran gewöhnt, mit Zwangsarbeitern, Gastarbeitern und sozial Schwachen ihre Spielchen zu treiben. Warum sollten sie das ändern? Die Politik tanzt nach deren Pfeife und profitiert indirekt auch von dieser Situation.Ein angemessener Mindestlohn würde die Binnennachfrage stärken und inflationsbedingte Preissteigerungen abfedern. Wer heute drei unterbezahlte 4 Euro Jobs hat, kann morgen wieder mit nur einem Job seine Familie ernähren und schafft zwei freie Arbeitsplätze. Nicht Arbeitsplätze würden vernichtet, nur die Megagewinne der Firmen und die Managergehälter würden etwas sinken.Wer also verhindert angemessene Mindestlöhne?

    • Anonym
    • 04.12.2007 um 13:29 Uhr

    Warum muß über eine der banalstmöglichen Selbstverständlichkeiten ewig rumdiskutiert werden, nämlich darüber ein Vollzeitarbeitsplatz genug Gehalt einbringen muß, um sich ohne Sozialkassenzuschuß ein Dach überm Kopf + Essen + Kleidung leisten zu können?

  3. Verstehe diese Kritik an den 4,50 garnicht. Davon ausgehen, dass der Mindestlohn die Lebenshaltungskosten bei Vollzeitarbeit decken soll kommt man doch mit 4,50 EUR ganz gut hin.
    4,50 EUR * 60h * 4 Wochen/Monat = 1080 EUR
    1000 EUR sollten doch wohl reichen, Steuern kommen da ja kaum drauf.

    • Manu84
    • 04.12.2007 um 15:15 Uhr

    Herrn Mateckis Herumreiten auf der Tarifhoheit der Gwerkschaften ist insofern verständlich, als dass er ein Gewerkschaftsfunktionär ist. Dem geringverdienenden Arbeiter jedoch wird es egal sein, ob er mehr Gelb bekommt, weil es einen Mindestlohn gibt oder weil die Gewerkschaft für ihn (und evtl. mit ihm) eine Lohnerhöhung erstritten hat.  Das ändert jedoch nichts daran, dass Herrn Rürups 4,50 einfach nciht ausreichen sind, um anständig über die Runden zu kommen.Ich finde allein die Idee lächerlich, dass der Staat (mit dem Geld, das er von uns bekommen hat) Löhne aufstockt, damit gierigeUnternehmen weniger Gehälter zahlen müssen und ihre Rendite erhöhen könnnen. Vor allem bei Dienstleistungsjobs, die nicht ins Ausland abwandern können (siehe Post).
    @cgaffga
    Ihr Kommentar zu den 1080 Euro, die reichen, um ein Leben zu bestrieten, sind zynisch und dumm. Zynisch deshalb, weil sie offenbar noch nie über längere Zeit für einen derartig lächerlichen Betrag gearbeitet haben. Wer satt ist, wird kaum mit dem Hungernden Mitleid haben. Und dumm, weil bei rund 1000 Euro, die evtl. nach Steuern übrigbleiben, wohl kaum Sozialabgaben gezahlt werden können. Und die müssen dann SIE übernehmen.

  4. Kaum haben wir für das Postgewerbe einen Mindestlohn von 9 Euro, geht's schon los: Wie an anderer Stelle in der Zeit-online gemeldet, entlässt PIN jetzt 1000 Mitarbeiter. Wenn das keine Erpressung ist, um die Politik doch noch zum Einlenken zu bringen, beweist mir das nur eines: Das Geschäftsmodell der PIN ist nur dann tragfähig, wenn die Bediensteten ausgebeutet werden. Intelligenz oder Nachhaltigkeit sieht anders aus.

    • Manu84
    • 04.12.2007 um 15:23 Uhr

    Mit niedrigen Löhnen kann man so gut wie alles "effizienter" und "wirtschaftlicher" machen. Der Springer-Rückzug zeigt, dass in dieses Unternehmen offensichtlich nciht klüger geführt ist als die Post, sondern sich nur ihren Angestellten gegenüber erbarmungsloser zeigt.
    Was ich nie verstanden habe: Warum sollen zwei Postbetriebe, die sich Konkurenz machen, effizienter sein als einer? Doppelt so viele Brieflästen etc. sind nicht grade der Inbegriff für Effizienz.Und wenn viel mehr Menschen im Postsektor arbeiten sollen, klar dass die dann nicht mehr so viel verdienen können wie die wenigen die jetzt da arbeiten. Aber wo ist der Vorteil für uns als Kunden? Billiger werden die Briefe wohl kaum werden. Und ob wir sie jetzt in einen gelben oder grünen Kasten werfen...
    Ein weiteres Problem ist die Qualität. Schlecht bezahlte Briefträger werden bestimmt nciht zuverlässiger werden, das hat man leider schon gemerkt, als unsere Deutsche Post angefangen hat, ihre Beamten durch Angestellte zu ersetzen. Und wem jemals ein wichtiger Brief "verloren" gegangen ist, der weiß wovon ich rede...            

    • Anonym
    • 04.12.2007 um 16:48 Uhr

    Steht jetzt auch noch eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden zur Debatte?!?

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  • Quelle DIE ZEIT, 29.11.2007 Nr. 49
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  • Schlagworte Wirtschaftspolitik | Mindestlohn
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