Jean-Luc Godard: Gibt es ein Problem mit den Aufnahmegeräten?

DIE ZEIT: Nein, aber irgendwo in der Handtasche muss noch ein kleiner Stecker sein.

Godard: Es gibt übrigens nicht den geringsten Grund, nervös zu sein.

ZEIT: Vor der ersten Begegnung mit Ihnen haben sich Bernardo Bertolucci und der französische Filmkritiker Serge Daney vor Angst übergeben. Da darf man wohl ein bisschen aufgeregt sein.

Godard: Ich wüsste wirklich nicht, warum.

ZEIT: Das Irritierendste ist vielleicht, dass Sie auch jenseits Ihrer Filme existieren. Als Mensch aus Fleisch und Blut.

Godard: Jetzt, da ich weniger Filme drehe, existiere ich vielleicht noch mehr. (er zündet die Zigarre an) Wissen Sie, es scheint mir seltsam, in Berlin einen Filmpreis für mein Lebenswerk zu bekommen. Für Filme, die sich gerade die Leute, die die Preise in Berlin vergeben, nicht anschauen.

ZEIT: Das ist vielleicht das Schicksal der großen Regielegenden.

Godard: Sie meinen, dass man sie begräbt, bevor sie tot sind?

ZEIT: Nein, dass das Werk hinter dem Namen verschwindet.

Godard: Vielleicht ist es so.

ZEIT: Als Sie in den fünfziger Jahren Filmkritiker bei den Cahiers du Cinéma waren, gab es Regisseure, die Sie sehr bewunderten: Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Nicholas Ray. Seit Langem sind Sie selbst eine Figur der Filmgeschichte. Und sogar ein Held für andere Regisseure.

Godard: Ich weiß nicht, ob andere Regisseure mich bewundern. Oder ob sie in mir eine Heldenfigur sehen. Wahrscheinlich bewundern sie eher ihre eigene Bewunderung. Ich wäre jedenfalls nicht wie François Truffaut und Claude Chabrol auf die Idee gekommen, zu Hitchcock zu fahren. Für mich wäre es so gewesen, als ob man Achilles oder Hektor oder einen anderen Helden der griechischen Mythologie besucht, um ihm lauter Fragen zu stellen. Der Einzige, den ich ein bisschen gekannt habe, ist Nicholas Ray. Und natürlich Rossellini, den kannte ich wirklich gut. Aber er war eher ein Familienersatz. Ich hatte meine Eltern, meine Familie in der Schweiz verlassen, ging nach Paris, und er war wie ein Onkel für mich. (schüttelt den Kopf) Nein, ein solcher Preis bleibt für mich unverständlich.

ZEIT: Kann er nicht einfach bedeuten, dass man Leute wie Sie braucht?

Godard:(lacht) Ich weiß nicht. Ich brauche Leute wie mich. Natürlich habe ich mich gefragt, warum ich noch bekannt bin. Vielleicht, weil es eine Vorstellung von Kino gibt, die nicht jedermanns Vorstellung ist und trotzdem weiter existiert.

ZEIT: Ist es eigentlich ermüdend, immer Avantgarde zu sein?

Godard: Ja. Vielleicht ist es weniger ermüdend Arrièregarde zu sein. Dann kann man die Hauptstraße noch leichter verlassen.

ZEIT: Ihre Vorstellung des Kinos entwickelten Sie mit Jacques Rivette, Eric Rohmer und François Truffaut bei den Filmvorführungen in der Pariser Kinemathek von Henri Langlois. Haben Sie diese gemeinsame Entdeckung der Filmgeschichte als Moment des Aufbruchs und der Hoffnung erlebt?

Godard: Ja. Leider gibt es keine Kinemathek mehr, in der ich mich mit anderen treffen könnte. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab ein Gefühl des Neubeginns. Und dieser Neubeginn entstand aus der Vergangenheit des Kinos. Wir entdeckten Stummfilme, obwohl der Tonfilm schon lange existierte. Ich habe lange gebraucht, um mir klarzumachen, dass meine Mutter zum Zeitpunkt meiner Geburt nie einen Tonfilm gesehen hatte. Mein Vater auch nicht. Ich fing an, mich für diese Geschichte zu interessieren, weil ich nicht einfach nur Filme machen wollte. Und ich interessierte mich umso mehr dafür, als einfach nur Filme zu machen immer schwieriger wurde.

ZEIT: In den Kinemathek-Jahren haben Sie immer wieder Geld geklaut, um ins Kino zu gehen.

Godard: Ja, das stimmt.

ZEIT: Sie haben die Bücher Ihres Onkels gestohlen. Und sogar in die Kasse der Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma gegriffen. War das Provokation oder Notwendigkeit?