Jean-Luc Godard: Gibt es ein Problem mit den Aufnahmegeräten?

DIE ZEIT: Nein, aber irgendwo in der Handtasche muss noch ein kleiner Stecker sein.

Godard: Es gibt übrigens nicht den geringsten Grund, nervös zu sein.

ZEIT: Vor der ersten Begegnung mit Ihnen haben sich Bernardo Bertolucci und der französische Filmkritiker Serge Daney vor Angst übergeben. Da darf man wohl ein bisschen aufgeregt sein.

Godard: Ich wüsste wirklich nicht, warum.

ZEIT: Das Irritierendste ist vielleicht, dass Sie auch jenseits Ihrer Filme existieren. Als Mensch aus Fleisch und Blut.

Godard: Jetzt, da ich weniger Filme drehe, existiere ich vielleicht noch mehr. (er zündet die Zigarre an) Wissen Sie, es scheint mir seltsam, in Berlin einen Filmpreis für mein Lebenswerk zu bekommen. Für Filme, die sich gerade die Leute, die die Preise in Berlin vergeben, nicht anschauen.

ZEIT: Das ist vielleicht das Schicksal der großen Regielegenden.

Godard: Sie meinen, dass man sie begräbt, bevor sie tot sind?

ZEIT: Nein, dass das Werk hinter dem Namen verschwindet.

Godard: Vielleicht ist es so.

ZEIT: Als Sie in den fünfziger Jahren Filmkritiker bei den Cahiers du Cinéma waren, gab es Regisseure, die Sie sehr bewunderten: Alfred Hitchcock, Howard Hawks, Nicholas Ray. Seit Langem sind Sie selbst eine Figur der Filmgeschichte. Und sogar ein Held für andere Regisseure.

Godard: Ich weiß nicht, ob andere Regisseure mich bewundern. Oder ob sie in mir eine Heldenfigur sehen. Wahrscheinlich bewundern sie eher ihre eigene Bewunderung. Ich wäre jedenfalls nicht wie François Truffaut und Claude Chabrol auf die Idee gekommen, zu Hitchcock zu fahren. Für mich wäre es so gewesen, als ob man Achilles oder Hektor oder einen anderen Helden der griechischen Mythologie besucht, um ihm lauter Fragen zu stellen. Der Einzige, den ich ein bisschen gekannt habe, ist Nicholas Ray. Und natürlich Rossellini, den kannte ich wirklich gut. Aber er war eher ein Familienersatz. Ich hatte meine Eltern, meine Familie in der Schweiz verlassen, ging nach Paris, und er war wie ein Onkel für mich. (schüttelt den Kopf) Nein, ein solcher Preis bleibt für mich unverständlich.

ZEIT: Kann er nicht einfach bedeuten, dass man Leute wie Sie braucht?

Godard:(lacht) Ich weiß nicht. Ich brauche Leute wie mich. Natürlich habe ich mich gefragt, warum ich noch bekannt bin. Vielleicht, weil es eine Vorstellung von Kino gibt, die nicht jedermanns Vorstellung ist und trotzdem weiter existiert.

ZEIT: Ist es eigentlich ermüdend, immer Avantgarde zu sein?

Godard: Ja. Vielleicht ist es weniger ermüdend Arrièregarde zu sein. Dann kann man die Hauptstraße noch leichter verlassen.

ZEIT: Ihre Vorstellung des Kinos entwickelten Sie mit Jacques Rivette, Eric Rohmer und François Truffaut bei den Filmvorführungen in der Pariser Kinemathek von Henri Langlois. Haben Sie diese gemeinsame Entdeckung der Filmgeschichte als Moment des Aufbruchs und der Hoffnung erlebt?

Godard: Ja. Leider gibt es keine Kinemathek mehr, in der ich mich mit anderen treffen könnte. Es war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab ein Gefühl des Neubeginns. Und dieser Neubeginn entstand aus der Vergangenheit des Kinos. Wir entdeckten Stummfilme, obwohl der Tonfilm schon lange existierte. Ich habe lange gebraucht, um mir klarzumachen, dass meine Mutter zum Zeitpunkt meiner Geburt nie einen Tonfilm gesehen hatte. Mein Vater auch nicht. Ich fing an, mich für diese Geschichte zu interessieren, weil ich nicht einfach nur Filme machen wollte. Und ich interessierte mich umso mehr dafür, als einfach nur Filme zu machen immer schwieriger wurde.

ZEIT: In den Kinemathek-Jahren haben Sie immer wieder Geld geklaut, um ins Kino zu gehen.

Godard: Ja, das stimmt.

ZEIT: Sie haben die Bücher Ihres Onkels gestohlen. Und sogar in die Kasse der Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma gegriffen. War das Provokation oder Notwendigkeit?

Godard: Es war notwendig. Oder zumindest erschien es mir notwendig. Ich habe sogar meiner Familie Geld gestohlen, um es Rivette für seinen ersten Film zu geben. Ich habe geklaut, um Filme zu sehen und Filme zu machen.

ZEIT: Inzwischen ist die Filmgeschichte um einiges unübersichtlicher geworden. Es gibt viel mehr Filme.

Godard: Mehr Filme, aber wenig Kino. In den Kritiken für die Cahiers du Cinéma schrieben wir manchmal: »Das ist ein Film, aber kein Kino.« Oder auch: »Das ist Kino, aber kein Film.«

ZEIT: Würden Sie sagen, dass es damals einen anderen Konsens über das Kino gab? Und dass die Filmkritiken, die Sie mit Rivette, Rohmer, Chabrol, Truffaut schrieben, deshalb eine andere Bedeutung hatten als heutige Kritiken?

Godard: Dass die Kritik einflussreicher war, glaube ich nicht. Gut, wenn wir sagten, dass Hitchcock Kino ist und dass die anderen Scheiße machen, dann waren wir der gleichen Meinung wie der Cafébesitzer von nebenan. Filme einer bestimmten Qualität konnten ein größeres Publikum erreichen. Wir dachten damals, die Filmkritik sei ein Anfang. Im Grunde war sie aber das Ende. Deshalb mussten wir dann selbst Filme machen.

ZEIT: Was ist die Nouvelle Vague für Sie heute?

Godard: Ein Gefühl der Jugend. Aber die Jugend war auch nicht wirklich die Jugend. 1959 habe ich Außer Atem gedreht. Mit 30 Jahren. Das ist für einen Regiedebütanten nicht jung. Normale Menschen stehen mit 30 mitten im Berufsleben. Was mir wirklich an der Nouvelle Vague gefiel, war der Austausch unter den Regisseuren. Es war eine ziemlich glückliche Zeit. Heute rede ich beim Drehen nur mit den Technikern, und ich weiß nicht, was sie über meinen Film denken.

ZEIT: Was hindert Sie daran, Jacques Rivette oder Eric Rohmer anzurufen?

Godard: Wir haben keinen Kontakt mehr. Und ich mag die Filme nicht, die Rivette heute dreht. Rohmer respektiere ich. Wir hatten noch eine Weile Kontakt, weil ich in Paris in dem Haus wohnte, in dem er arbeitete. Ich bin allein, will mich aber nicht darüber beklagen. Deshalb mag ich Sport so gern. Sportler sind nicht allein. Ich spiele so oft Tennis, weil ich ein Gegenüber habe. Zwar bezahle ich meinen Partner, aber wenigstens spielt er mir den Ball zurück. Den Techniker, der mit mir an einem Film arbeitet, bezahle ich auch, aber er spielt mir nicht den Ball zurück.

ZEIT: Findet sich niemand, der umsonst mit Ihnen spielt?

Godard: Doch, aber ich spiele meistens mit Trainern. Zwei oder drei Mal die Woche. Mit normalen Partnern geht es ums Gewinnen. Ich will aber lieber lernen. Also habe ich zwei unterschiedliche Trainer. Einen für die Kür und einen für die Pflicht. Das hält mich ein bisschen in Form.

ZEIT: Als Alfred Hitchcock 1980 starb, schrieben Sie in Ihrem Nachruf, es sei das Ende einer Epoche. Als vor Kurzem Bergman und Antonioni starben, wurde wieder das Ende einer Epoche ausgerufen. Wie viele Tode hat das Kino?

Godard: Das Kino, die Malerei oder die Literatur sterben nicht mit ihren Autoren. Aber es geht um etwas anderes. Es gab eine Epoche, in der das Kino für etwas anderes da war. Zum Beispiel, indem es sich gegen Verbote durchsetzte, weil es ihm nur auf diese Weise möglich war, eine Projektion der Welt in einem gegebenen Augenblick zu sein. Allein aus diesem Grund hat die Nouvelle Vague das Recht gefordert, auf den Pariser Straßen zu drehen. Denn diese Straßen waren unsere Welt. Wir wollten gegen die Regeln arbeiten, aber ohne neue Regeln zu erfinden. Die Politik der Autoren der Nouvelle Vague bestand ja nur darin, den Beitrag des Regisseurs als eines Bilderschöpfers gegenüber dem Drehbuchautor anzuerkennen. Es ging darum, die Grammatik des Kinos als eigenständige visuelle Grammatik zu behandeln und zu retten, so wie sie von manchen Stummfilmregisseuren, etwa Griffith, erfunden worden war. Es ist eine Grammatik des Bildererzählens, die sich fortwährend erneuern muss, gegen die Stereotypen und die Routine. Und die das Bild ins Verhältnis zu vorherigen Bildern setzt. Es gibt Filme, die immer noch für diese Haltung stehen. Aber es ist schwerer, sie zu machen. Nicht, weil es schwerer geworden ist, das Geld zu finden. Aber die Ideen, die wir hatten, sind verschwunden, sie erneuern sich nicht. Für mich ist es schwerer geworden, eine Idee zu haben, wie man so sagt.

ZEIT: Vor drei Jahren gingen Sie nach Sarajevo und drehten Notre Musique , einen Film über die mit Gewalt geschriebene Geschichte. Könnten Sie sich vorstellen, auch in den Irak zu fahren?

Godard: Nein, ich fühle mich vom Irak zu weit entfernt. Mich interessiert eher der Zusammenhang zwischen dem Unbewussten des amerikanischen Kinos, das die visuelle Welt besetzt, und dem Unbewussten einer Politik, die in andere Länder einmarschiert. Und wie die Besetzung der visuellen Welt und eines Landes mit Amerikas Geschichtslosigkeit zusammenhängt. Mich würde auch interessieren, wie das amerikanische Kino diesen Krieg erzählt. Der Vietnamkrieg wurde auch nicht vom chinesischen oder vietnamesischen Kino erzählt.

ZEIT: Letztlich ging es für Sie immer um den Kampf gegen eine Besetzung, sei sie technischer, kommerzieller oder politischer Natur.

Godard: Als die Nouvelle Vague ihre ersten Filme drehte, war das Kino eine technische und kulturelle Industrie, die nach gewissen Regeln funktionierte. Es gab das, was man auf Französisch un format nennt. Früher war das Format ein fast quadratisches 1:1,33. Mit dem Tonfilm kam 1:1,37. Heute gibt es 150 oder 200 Formate. Das heißt, man weiß nicht, was man betrachtet. Bestimmte Aspekte meines Metiers sind mit der Technologie verschwunden. Regeln und Formate, mit denen man sich auseinandersetzen konnte. Heute komme ich mir vor wie ein Arzt, der keine Kranken operieren kann, weil es nicht mehr die entsprechenden Krankenhäuser gibt. Vielleicht gibt es auch nicht mehr die Kranken, die man noch nach der alten Methode operieren kann. Vielleicht fehlt mir das Werkzeug. Oder auch das Wissen, um es noch zu tun.

ZEIT: Es gab eine Zeit, in der Sie große Hoffnungen auf das Fernsehen setzten.

Godard: Ja, wir glaubten an interessante Sendungen bis zwei Uhr morgens. (lacht) Es hat sich aber herausgestellt, dass gerade um zwei Uhr morgens die Möglichkeiten am kleinsten sind.

ZEIT: 1968, als der erste Heim-Videorekorder herauskam, waren Sie geradezu visionär. Sie sagten, dass bald jeder seine eigenen Filme und Nachrichten drehen könne und dass sich die mediale Welt durch die neuen Techniken völlig verändern werde.

Godard: Ja, ich habe den Wandel vorausgesehen. Aber er vollzog sich anders, als ich glaubte. In den meisten Fernsehsendungen dient das Bild zu gar nichts. Versuchen Sie mal, die Nachrichten ohne Ton anzusehen. Es ist, als ob man das Radio abstellt, es bleibt kein Bild.

ZEIT: Na ja, ein paar Panzer, Frau Merkel und die Wetterkarte.

Godard: Um zu beweisen, dass es kein Radio ist, zeigt das Fernsehen eine Karte des Iraks, wenn vom Irak die Rede ist. Nirgends wird das Bild so schlecht behandelt wie im Fernsehen. Gerade streiken in Hollywood die Drehbuchautoren. Die Produktion der Fernsehserien und vieler Sendungen wird eingestellt. Warum? Weil es keine Autoren gibt? Gleichzeitig wird man nicht müde, von der Allmacht der Bilder zu reden. Aber wenn das Bild nicht vorher geschrieben ist, existiert es offenbar nicht.

ZEIT: Setzen Sie sich mit den neuen Medien und Techniken auseinander?

Godard: Ich versuche mitzukommen. Aber die Menschen machen Filme im Internet, weil sie das Bedürfnis haben zu existieren, nicht weil sie etwas sehen wollen.

ZEIT: "Kino", haben Sie einmal gesagt, "heißt geben, aber davor muss man empfangen."

Godard: Das ist, glaube ich, der Unterschied zum Digitalen. Als die Fotografie erfunden wurde, ging es um einen technischen Vorgang, bei dem das Material Licht empfing. Im Kino kann der Projektor dieses Licht zurückgeben. Heute wird nichts mehr empfangen, sondern nur noch eingefangen. Bei der digitalen Technik spricht man im Französischen ja auch von capteur , Aufnehmer. Die Oberfläche des Bildschirms ist an jedem Punkt gleich, man könnte auch von der Demokratie der Pixel sprechen. Dieses Bild ist sehr glatt und kompakt. Das ist verführerisch, denn von Anfang an hat man im Kino nach diesem gleichmäßigen Licht gesucht. So wie im Fernsehen, wo die Moderatoren keinen Schatten haben. Alles soll gleichermaßen hell sein. Aber das Leben rächt sich, denn man sieht, dass es im Fernsehen falsch repräsentiert wird, weil nicht immer und überall das gleiche Licht herrschen kann.

ZEIT: Ihr berühmtes Diktum aus dem Film Der kleine Soldat: "Das Kino ist die Wahrheit 24 Mal pro Sekunde"…

Godard: Ach, das war nur ein Scherz, weil es nun mal 24 Bilder pro Sekunde sind.

ZEIT: Trotz allem entsteht diese Wahrheit des Kinos für Sie immer aus der Realität der Kamera und der Realität des Abgebildeten.

Godard: Das ist wahr. Und ich finde, dass die computeranimierten Filme alle gleich aussehen. Vielleicht ist es nur ein Übergangszustand. Was das Digitale wirklich ist, kann man vielleicht erst in 100 Jahren sagen.

ZEIT: Immerhin hat die digitale Technik die Dogma-Bewegung hervorgebracht.

Godard: Ja, doch, da gab es etwas, ein kleines Gefühl der Gemeinsamkeit. Obwohl Dogma vor allem eine Vermarktungsidee war. Der interessanteste Film von Lars von Trier war Idioten. Leider hatte er weniger Erfolg als seine anderen. Und Dogma war schnell wieder vorüber. Ich will mich gar nicht über das Gegenwartskino beklagen. Ich sage nur, dass die meisten Regisseure und Dreiviertel der Leute, die jetzt in Berlin Preise bekommen, die Kamera nur benutzen, um selbst zu existieren. Sie benutzen sie nicht, um etwas zu sehen, was man ohne Kamera nicht sieht. So wie ein Wissenschaftler manche Dinge nicht ohne Mikroskop erkennen kann. Oder der Astronom manche Sterne nicht ohne Teleskop. Andererseits: Die Kamera existiert ja noch. Es gibt sogar 100 Millionen Modelle. Oder 36000. So wie Sie dieses Interview mit 36000 Aufnahmegeräten führen.

ZEIT: Drei.

Godard: Gut, dann drei.

ZEIT: Jetzt nur noch zwei. Eins hat gerade den Geist aufgegeben.

Godard: Es ist nicht mehr so leicht, die Kamera zu benutzen, um etwas zu sehen, was man sonst nicht sieht. Entweder die Regisseure bestätigen, was sie schon wissen. Oder sie bestätigen sich selbst mit der Kamera. So wie sich früher ein Ritter mit der Lanze bestätigt hat. Meinen nächsten Film werde ich allein drehen, aber wirklich allein. Ich passe mich an. Ich filme die Schauspieler nicht zusammen, sondern einen nach dem anderen. Ich reserviere auch das Hotel, wenn sie hierher in die Schweiz kommen. Es sind andere Filme, aber sie sind möglich. Zum Glück habe ich nicht alle Filme machen können, die ich gern gemacht hätte.

ZEIT: Warum zum Glück?

Godard:(lacht) Weil sie nicht gut gewesen wären.

ZEIT: Denken Sie an John Lennon, den Sie für die Rolle des Trotzkij gewinnen wollten?

Godard: Ich denke an Filme, deren Intentionen zu gewollt, zu verkrampft gewesen wären.

ZEIT: In Ihrem Film Passion sagt die Figur des Regisseurs: »Man rettet sich nicht selbst, indem man die Welt rettet.«

Godard: Ich erinnere mich. Und ich erinnere mich an einen anderen guten Satz aus Passion: "Kein Volk denkt an ein anderes Volk." (er pafft eine Weile) Es gibt etwas, das mir aus den Zeiten der Nouvelle Vague geblieben ist, auch wenn es nicht mehr in dieser Form existiert: den Disput über das Kino. Denn das Schöne am Kino ist, dass es uns immer noch erlaubt, uns zu streiten. Und zwar grundsätzlich. Man ärgert sich über die andere Meinung zu einem Film viel mehr, als wenn es um ein Gemälde oder um ein Musikstück geht. Zum Beispiel, wenn ich zu jemandem sage: »Es wundert mich überhaupt nicht, dass dir der neue Film von Robert Redford gefällt, ich wusste schon immer, dass du bescheuert bist.« Dann geht es sofort los: »Für wen hältst du dich! Unverschämtheit!« Und wenn ich jemanden kennenlernen will, sagen wir zum Beispiel Sie, dann würde ich Sie nicht nach Ihrer Meinung zum Irak oder zu Jugoslawien oder zum Bahnstreik fragen, sondern nach einem Film, den Sie mögen.

ZEIT:Idioten von Lars von Trier, so ein Zufall!

Godard:(lacht) Das würde mir ein kleines Urteil erlauben, keine Verurteilung. Und das ist mir geblieben. Die Beziehung zum Bild. Ich meine zum wirklichen Bild, nicht zum fotografierten Text.

ZEIT: Sie sagen heute: Man muss kleine Filme machen, um die Kontrolle darüber zu behalten.

Godard: Wenn man es kann. Und wenn man Lust dazu hat. Wie eine Hausfrau: Wenn sie nicht viel Geld hat, kann sie nicht irgendetwas kaufen.

ZEIT: Unter den Filmen, die Sie bewundern, sind aber auch ziemlich viele teure.

Godard: Ich würde ja auch gern einen Film mit 200 Assistenten drehen. Nur um zu sagen: "Nein, das geht nicht, das müssen wir noch mal machen!" Dieser Film wäre teurer als jeder Hollywoodfilm.

ZEIT: Wäre es ein Film mit Stars?

Godard: Warum nicht? Wir von der Nouvelle Vague haben die amerikanischen Starfilme oft verteidigt. Manchmal fanden wir banale Filme gut, nur weil wir die Schauspielerinnen mochten. Ich habe auch selbst versucht, mit Hollywoodstars zu drehen. Und obwohl ich gut mit Brigitte Bardot zurechtkam, hätte ich Die Verachtung am liebsten mit Richard Burton und Kim Novak gedreht. Oder mit Frank Sinatra und Kim Novak. Es ging leider nicht, weil sie auf ihren ganz eigenen Gleisen waren.

ZEIT:Die Verachtung ist Bardots bester Film.

Godard : Aber leider lief er nicht gut. Nur drei oder vier Filme von mir waren erfolgreich. Außer Atem mit Belmondo und Seberg lief gut, brachte mir aber kein Geld ein. Rette sich, wer kann (das Leben) mit Isabelle Huppert, Jacques Dutronc und Nathalie Baye lief gut und brachte mir Geld ein. Das war es schon. Meine bekanntesten Filme waren keine Erfolge. Auch Pierrot le fou nicht. Und von den letzten Filmen gar nicht zu reden.

ZEIT: Sie haben in den neunziger Jahren mit der Videotechnik Ihre Histoire(s) du cinéma gemacht, die andere nicht einmal mit modernen digitalen Schnittprogrammen hinkriegen würden.

Godard: Ich bin fast 80 Jahre alt. Ich muss nicht alles noch einmal mit einer neuen Technik ausprobieren. Der Anspruch müsste sein, etwas zu machen, was noch niemand gemacht hat. Oder etwas, was einen selbst überrascht. Im Sport ist so etwas noch möglich.

ZEIT: Ihr Landsmann Roger Federer kriegt es zum Beispiel immer wieder hin.

Godard: Nicht genug, finde ich. Er bleibt unter seinen Möglichkeiten.

ZEIT: Sprechen Sie von seinen Siegen oder von seinem Stil?

Godard: Seine Siege interessieren mich nicht. Vielleicht stört mich, dass Federer letztlich doch ein menschliches Wesen ist. Der Mensch ist zu nicht allzu viel imstande. Etwa im Vergleich zu einer Katze. Ich mag die Hochspringer, gerade die Frauen. Aber wie hoch springen sie? Zwei Meter! Eine Katze springt im Verhältnis viel höher. Ich würde mir für Federer wünschen, dass er wie eine Katze springt.

ZEIT: Der Arme. Er kann Sie nur enttäuschen.

Godard: Das ist wohl so. Perfektion ist immer enttäuschend. Ich hoffe meistens, dass Federer verliert, um zu sehen, wie er reagieren wird.

ZEIT: Sie sollten einen Film über ihn drehen.

Godard: Ich hätte gern Sportfilme gedreht. Aber es hat sich nie ergeben. Bei der letzten Fußballweltmeisterschaft schlug man mir vor, die Regie eines Spiels zu übernehmen. Ich hatte vorgeschlagen, mein eigenes Regie-Equipment zu stellen und das Match selbst zu filmen. Meine Version und die des Fernsehens wären gleichzeitig übertragen worden. Aber das Projekt scheiterte, weil der Typ, der das alles organisiert hat, ein Gauner war. Ich glaube, er hieß Heller.

ZEIT: Schauen Sie sich Sportübertragungen im Fernsehen an?

Godard: Tennis ja, weil ich selbst spiele. Aber meistens kommt der Punkt, an dem ich mich schrecklich langweile. Es ist so gefilmt, dass man immer das gleiche Match sieht, egal, wer die Spieler sind. Stellen Sie sich vor, ein Arzt würde in einem Hospital immer auf die gleiche Weise operieren, egal, bei welcher Krankheit. Aber Federer ist nicht wie Nadal und Scharapova nicht wie Davenport.

ZEIT: Warum verwenden Sie eigentlich so gerne Metaphern aus der Medizin?

Godard: Vielleicht weil mein Vater Arzt war. Ein Arzt benennt Krankheiten. Und ein Symptom Sinusitis zu nennen ist fast schon ein Akt der Montage. Das Kino war letztlich nichts anderes als eine neue populäre Form, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen. Warum schalten Sie das Gerät ab?

ZEIT: Ich speichere nur, was wir bisher gesprochen haben.

Godard: Ist das ein iPod?

ZEIT: Ein Video-iPod.

Godard: Ach ja?

ZEIT: Man kann darauf Fotos und Filme anschauen. Teenies benutzen ihn, um sich morgens in der U-Bahn Fernsehserien anzuschauen, die sie am Vorabend verpasst haben.

Godard: Sollen sie ruhig. Aber dann sollen sie sich auch nicht beschweren.

ZEIT: Worüber denn?

Godard: Dass ihr Liebster sie verlässt. Oder dass die Universitäten privatisiert werden. Oder dass ihr Leben schiefläuft. (lacht) Sie sollen sich nicht beschweren, worüber auch immer.

ZEIT: Welche Übertragungen schauen Sie sich sonst noch an?

Godard: Die Sportarten, die mich seit der Kindheit interessieren. Leichtathletik, die Läufe, vor allem der Frauen. Dann die Tour de France. Oder auch Lüttich–Bastogne–Lüttich. Ich mag Fahrradrennen, weil man eine Landschaft durchquert.

ZEIT: Das Doping stört Sie nicht?

Godard: Überhaupt nicht. Ich verstehe gar nicht, warum es da eine solche Aufregung gibt. Ich ziehe ja auch eine Brille auf, um das Rennen zu sehen.

ZEIT: Offenbar schauen Sie gar nicht so wenig fern.

Godard:(schweigt)

ZEIT: Gehen Sie auch noch manchmal ins Kino?

Godard: Ja, hin und wieder.

ZEIT: In Lausanne?

Godard: Nein, das ist zu weit. Manches schaue ich auf DVD an. Und bei amerikanischen DVDs breche ich immer in dem Moment ab, in dem ich sehe, wie sie es hinkriegen, dass die Geschichte doch noch ein gutes Ende nimmt. Diese Beharrlichkeit zum guten Ausgang bewundere ich sehr. Und ich bin wie jedermann, ich schaue mir immer noch lieber einen schlechten amerikanischen als einen schlechten norwegischen Film an.

ZEIT: Sie haben sich mal als amerikanischen Filmemacher im Exil bezeichnet.

Godard: Ja, aber das kam noch aus den Zeiten, als wir von der Nouvelle Vague ein bestimmtes amerikanisches Kino verteidigten. Die Filme von John Ford oder Howard Hawks. Filme, in denen wir mehr Kino sahen als in der Routine der französischen Regisseure. Heute fühle ich mich eher im Exil in meinem eigenen Land. Im Land des Kinos.

ZEIT: Kann man dieses Land überhaupt verlassen?

Godard: Nein. Man kann nur aufhören, Filme zu machen. Denn mit dem Alter wird es immer anstrengender. Man ermüdet schneller. Manoel de Oliveira ist fast 100 Jahre alt und macht immer noch Filme.

ZEIT: Man munkelt, er mache sich ein wenig älter, als er ist.

Godard: Das ist normal. Ab einem gewissen Alter macht man sich nicht jünger, sondern älter. Ich bin jetzt 77 Jahre alt, sage aber gerne, dass ich 80 bin.

ZEIT: Warum? Wollen Sie noch Ehrfurcht gebietender erscheinen?

Godard: Ja. Und ein hohes Alter zeigt, dass man lange durchhält. Oder dass man gern noch länger durchhalten würde.

ZEIT: Wofür?

Godard: Um weiter Filme zu drehen.

ZEIT: Zusammen mit Ihrer Lebensgefährtin Anne-Marie Miéville?

Godard: In jedem Fall wird sie beim nächsten Film dabei sein. Wir stellen uns den Film gemeinsam vor. Wir rufen ihn uns ins Gedächtnis. Es ist so, als ob Wolken nach und nach Gestalt annehmen. Deshalb arbeite ich am besten, wenn ich in meinem Sessel döse.

ZEIT: Wie das?

Godard: Ich versuche die Dinge zu sehen. Mit geschlossenen Augen. Denn mit offenen Augen sieht man nicht dasselbe. Mit der Kamera ist es ja nicht anders. Man nutzt die offenen Augen, um mit geschlossenen Augen zu sehen.

Das Gespräch führte Katja Nicodemus

Ein ausführliches Dossier über Jean-Luc Godard finden Sie auch online bei ARTE . Dort sind auch Videos eines Interviews mit dem Regisseur zu sehen