Ein größerer Gegensatz war schwer vorstellbar als der zwischen dem schwarzen, aufgeschwemmten Mann und der bleichen Baronesse mit den grellroten Lippen. Am Abend des 9. März 1955 stand der Genius des modernen Jazz, der Saxofonist Charlie »Bird« Parker, todkrank vor ihrer Suite im Hotel Stanhope, dem Sitz der Baronesse Pannonica de Koenigswarter, Flucht- und Treffpunkt der New Yorker Jazzszene. Sie pflegte den heroin- und alkoholsüchtigen Musiker, Begründer des Bebop, versprach, ihn nicht ins Krankenhaus zu bringen, holte einen Arzt, der dem 34-Jährigen jedoch keine Chance gab. Drei Tage später starb Charlie Parker auf dem Sofa der Londoner Adligen, die Presse hatte ihren Skandal – »Bop-König stirbt im Appartement reicher Erbin«.

»Trinken Sie?«, hatte der Arzt routinemäßig Charlie Parker gefragt, der täglich seinen Liter Whisky konsumierte, und Parker antwortete mit einem amüsierten Seitenblick auf die Baronesse: »Manchmal nehme ich einen kleinen Sherry vor dem Dinner.« Die Diskrepanz zwischen den Leben des schwarzen Jazzmusikers und der Rothschild-Erbin war damit erfasst und der Standort einer Mäzenin bestimmt, die als Frau, Jüdin und Adlige in völligem Widerspruch zum Objekt ihrer Liebe stand, der Männerwelt des schwarzen Jazz, der in den USA weder als Kunst noch als respektabler Beruf galt und gilt.

Dreißig Jahre lang war Pannonica de Koenigswarter die gute Fee der Jazzmusiker New Yorks, und irgendwann, Anfang der sechziger Jahre, fragte sie neugierig nach deren drei größten Wünschen. Erfüllung ausgeschlossen. Das Buch, das jetzt daraus entstand, darf man als kleinen Schock beschreiben, der wirkt, als krame man in den Briefen und Fotoschachteln der Eltern und sehe plötzlich ein Bild, das man nicht kannte. Die Polaroids und Antworten, die Nica, wie sie freundschaftlich abgekürzt wurde, von den Musikern aufnahm, sind Antipoden zur Stilisierung des Jazz mit seinen Ikonen, die selbst im Zustand größter Verzweiflung stets schwarz-weiß verklärt wirkten.

»Geld, Geld, GELD!«, verkürzt der Schlagzeuger Philly Joe Jones die drei Wünsche auf einen Punkt, getippt auf einer Schreibmaschine, die das Layout des Buches bestimmt. »GELD!« nennt der Gigant des Tenorsaxofons Sonny Rollins als Nummer eins. »Nicht für Geld spielen zu müssen«, wünscht sich der Trompeter und intellektuelle Vater des modernen Jazz Dizzy Gillespie und verbindet die beiden Pole, Kunst und Broterwerb, die sorgfältig zu trennen sind und doch ständig einen Kurzschluss ergeben. Wie kann man mit einer Musik, die weder populär ist noch als Kunst anerkannt wird, eine Familie ernähren und zugleich – kompromisslos und konzentriert – Kunst schaffen?

Pannonica de Koenigswarter wirkt wie eine Märchenfee, die in ihrem weißen Bentley Cabrio nachts von Jazzclub zu Jazzclub fährt, vom Village Vanguard zum Birdland, zum Five Spot und zu Minton’s Payhouse, die in den frühen Morgenstunden mit den Musikern in ihre Hotelsuite zurückkehrt, wo sie bis neun Uhr morgens weiterspielen. Von Sex ist nirgends die Rede. Das Stanhope Hotel verdreifacht ihre Miete, um sie loszuwerden – vergeblich –, kündigt ihr nach dem Tode Charlie Parkers, sie zieht ins Algonquin, dann ins Bolivar Hotel, bis sie das Haus des Filmregisseurs Josef von Sternberg mietet, in Weehawken, New Jersey, jenseits des Hudson mit Blick auf Manhattan. Catsville nennt es der Pianist Thelonious Monk in Anspielung auf die cats, die dort ein- und ausgehenden Musiker, Cat House trifft es ebenso, angesichts von Dutzenden Katzen, die von der Tierschützerin gehütet werden.

Das Haus wird zum privaten Kulturzentrum, voll mit Büchern, Gemälden, Fotografien, einer Tischtennisplatte und einem Steinway-Stutzflügel, den sie dem Mann kauft, den sie seit 1954 fördert, den sie chauffiert, für den sie eine Haftstrafe von drei Jahren wegen unerlaubten Besitzes von Marihuana in Kauf genommen hatte (das Verfahren wurde schließlich eingestellt). Er wohnt die letzten neun Jahre seines Lebens bei ihr, spielt nicht mehr Klavier, spricht kaum, während Nellie, seine geliebte Frau, zum Kochen kommt – der mysteriöse Pianist Thelonious Monk. Wer da wen nährt, ist nicht zu entscheiden, sie gibt ihm bedingungslose Sicherheit, er gibt ihr Aura und Musik – das Stück Pannonica, das er für sie schreibt, zählt zu seinen innigsten Kompositionen.

Die Geschichte der beiden beginnt 1950 bei einem New-York-Aufenthalt Nicas, der Gattin von Jules de Koenigswarter, zu dieser Zeit französischer Botschafter in Mexiko. Sie langweilt sich mit den Protokollarien des diplomatischen Dienstes, hört lieber Jazz, den sie in den dreißiger Jahren durch ihren Bruder Victor kennengelernt hat, kommt zu spät zu Empfängen, Jules zerbricht wütend ihre Schellackplatten, kein gutes Omen. Als sie bei einer ihrer Stippvisiten in New York die Monk-Komposition Round Midnight hört, beginnt ihr zweites Leben. »Ich habe die Platte gekauft, habe sie aufgelegt, das Flugzeug verpasst und bin drei Monate länger in New York geblieben.« 1951 zieht sie mit Janka, der ältesten Tochter ihrer fünf Kinder, endgültig dorthin. Hier geht's zur Bildergalerie aus dem Buch!© RECLAM BILD