Kritik degenerierte zur Marktexpertise«, schrieb der große Hans Mayer vor vier Jahrzehnten auf den Totenschein der Gruppe 47. Das waren noch wunderbare Zeiten für die Literatur und das sie umrauschende Kommentarwesen! Inzwischen kommt der Markt weithin ohne kritisches Expertentum aus. Damals konnte man die bürgerliche Literatur ohne Weiteres für tot erklären (H. M. Enzensberger) oder die Literaturkritik zum Anachronismus (Peter Hamm). Heute, da Medienkonzerne den Buchmarkt und die Publizistik transformieren, sieht es anders aus. Die Vertreibung aus den Paradiesen nimmt kein Ende. Nun haben sich vor dem literarischen Paradiesgärtlein auch noch Leute mit Heckenscheren und schwerem Baugerät versammelt.

Es gibt also gute Gründe, wieder einmal zu fragen, wie es steht und geht mit der Kritik. Zu diesem Zweck entwickelte Verena Nolte im Literaturhaus München das Projekt »Literaturkritik und literarische Öffentlichkeit im europäischen Vergleich« – finanziert durch die Kulturstiftung des Bundes. Über zwei Jahre hinweg will man sich mit Seminaren, Workshops und Debatten der Vermehrung der einschlägigen Einsichten, Fertigkeiten und internationalen Kontakte widmen. Eröffnet wurde jetzt mit einer internationalen Tagung. Kritikprofis aus zehn europäischen Ländern wurden eingeladen und mit Kollegen aus dem deutschsprachigen Raum abwechselnd zum Gespräch aufs Podium gesetzt.

Und tatsächlich , es waren Einblicke und Überraschungen möglich. Wer hätte gedacht, dass Spanien und die Ukraine, obwohl sie sich tausendfach unterscheiden, gerade in Sachen Literaturkritik nicht weit auseinanderliegen? Jurko Prochasko aus Lwiw/Lemberg berichtete mit dem Humor der Verzweiflung, die Kritik in seinem Land sei schon lange zerstört. Und bei der heutigen »Oligarchisierung der Medien« bleibe sie dekorativ und marginalisiert. Cecilia Dreymüller aus dem boomenden Barcelona beklagte ebenfalls beredt die soziale, materielle und qualitative Misere der spanischen Kritik. Dieser Tiefstand jedoch wurde bei glänzenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erreicht.

Ein Paradox? Leider nicht. Der Markt und seine stärksten Teilnehmer – das war ein Leitmotiv der Gespräche – brauchen die Kritik nicht, missbrauchen sie aber, wenn es sich machen lässt, ganz gern. Darum schlug Sigrid Löffler in ihrem Einleitungsreferat Krach und rechnete gleich mit dem ganzen Betrieb ab. Nicht nur dass die Bedeutung der Kritik schwinde, sie arbeite selbst an ihrer Entlegitimierung mit: durch Service- und Marketingjournalismus. Bücher würden skandalisiert statt besprochen (Walser, Grass); es seien »markthörige Rhapsoden des Mainstreams« am Werk und »Undercover-Einflussagenten«, Seilschaften, Medienkumpanei.

Tröstlich daran war eines: Wenigstens die Tradition der Kritiker-Selbstkritik (mit dem Umweg über die anderen) ist noch springlebendig. Auf die Frage des Moderators Tilman Spengler, wer denn gemeint sei, replizierte Frau Löffler mit giftiger Diplomatie, das wüssten die Anwesenden schon. Ein Name wurde aber genannt: der des seit 2005 verliehenen Deutschen Buchpreises. Auch der Berliner Kritiker Helmut Böttiger verurteilte in seinem Referat den Wirbel um diesen Preis und die sechs Bücher der dazugehörigen Shortlist. Er sieht die großen Gegner der Literaturkritik in der Tendenz zur Marktgängigkeit, im Magazinjournalismus und in der Verdrängung der Kultur durch die Medien.

Zweifellos: Die Medienlandschaft hat sich seit den neunziger Jahren entscheidend verändert und damit die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur mitsamt ihrer Kritik. Schon vorher wurde über viele bedeutende Kritiker ein Literaturpapst gestellt. Als der in Pension ging, kam eine Erweckungspredigerin. Doch von solch tief greifenden Wandlungsprozessen war kaum die Rede. Dabei waren es deren Symptome, an denen am heftigsten gekaut wurde. Nur der seit Langem in England lebende Michael Hofmann bot ein erhebendes Intermezzo. Mit seinem Selbstporträt des Dichters als Kritiker verband er Einblicke in die Welt der vornehmsten literaturkritischen Organe wie The Times , The New York Times , der London Review of Books . Wie weit die Schere aufgehen kann zwischen solchen imperialen Größen und der kleinen Literaturprovinz, machte der Bericht von István Margócsy aus Budapest deutlich. In Ungarn sei die Kritik so unabhängig wie nie zuvor. Dennoch finde das sehr muntere literarische Leben nur in kleinen Kreisen statt.

Und Europa, seine Vielfalt? Ach! Vor allem vermittelte die Tagung den Eindruck, dass die Literaturkritik überall in rauem Wind steht. Mal fehlt die institutionelle Basis, ist schwach und notleidend (Ukraine, Tschechien, Ungarn). Mal ist sie im Aufbau oder gar in Expansion begriffen und trotzdem weit entfernt, der Kritik eine verlässliche Plattform zu bieten (Polen, Spanien). Oder sie ist seit Langem vorhanden, beginnt aber zu bröckeln und vermittelt den Anhängern des literarischen Diskurswesens das Gefühl, unter Verdrängungs- und Verwandlungsdruck zu stehen (Frankreich, Italien, Schweden, Deutschland).

Der in den Neunzigern entstandene polnische Buchmarkt sei mehr Markt als Buch, scherzte Aleksander Kaczorowski. Für Jan Šicha aus Tschechien boten immerhin die »überlebenslustigen Intellektuellen« des Landes einen Lichtblick. Svante Weyler, Journalist und Verleger aus Stockholm, konstatierte, die Kritik habe die Initiative in der literarischen Welt verloren. Ijoma Mangold von der Süddeutschen Zeitung betonte zwar zu Recht, dass der Raum für Kritik in den großen deutschen Blättern eher zugenommen habe. Aber drum herum, in TV und Radio zum Beispiel, ist die Lage sehr gemischt. Außerdem sticht gerade auf gut entwickelten Buchmärkten wie in Frankreich und Italien ein besonderes Problem ins Auge: die manipulationsträchtigen Interessenverflechtungen zwischen Zeitungs- und Buchverlagen, ihren Journalisten und Autoren.

Doch natürlich bringt es wenig , immer nur das Schlimmste zu begrübeln. Schöner ist es, das Bessere zu erdichten. Michael Hofmann griff zu dem Bonmot von den zerschlagenen Eiern, aus denen ja ein Omelett werden könne. Helmut Böttiger gab die Parole vom »Literaturkritiker als dem Agenten der Literatur in den Medien« aus. Das erwies sich als mehrheitsfähige Konfliktpoesie. Cecilia Dreymüller rüstete den Rezensenten zum »Guerillakämpfer« auf. Jan Šicha sprach von »Partisanenarbeit«. Bis zur Internationale der Rezensentenfront wäre es demnach nicht mehr weit. Weniger militant formulierende Geister empfahlen den Vertretern der kommentierenden Klasse mehr Selbstbewusstsein gegenüber dem Diktat des Marktes.

So viel zu den Perspektiven. Und die Schlussrunde? Ijoma Mangold hätte zu Recht gerne mehr über die gesellschaftliche Rolle des Kritikers gehört. Ina Hartwig (Frankfurter Rundschau) plädierte kühn für die neuen Netzwerke und ein Arrangement mit dem Internet. Allen anderen war anzumerken, dass sie, anstatt zum Netzwerkknoten zu mutieren, lieber Mensch und Kritiker bleiben wollen. Svante Weyler schärfte der Zunft ein, dass eine alte Autorität, die verloren ist, eben neu begründet werden müsse. Nicht jedoch durch die neuen Medien, denn die funktionierten allein technologisch, nicht inhaltlich.

Außerdem ging es um Artikellängen, Blogs, Kurz- und Langweiligkeit, das hohe Ross und die Frage, was wir von dieser Welt wollen. Die Arbeit kann beginnen.